Heute mal ein Gleichnis.

Der Hauptgewinn

Einmal ging ein Mädchen auf den Rummel. An einer Losbude blieb sie stehen. Der Losverkäufer pries gerade ein Fahrrad als Hauptgewinn an. Genau so ein Fahrrad wollte das Mädchen schon immer haben. Wenn sie das richtige Los zöge, so versicherte ihr der Losverkäufer, gehöre das Fahrrad ihr. Das Mädchen kratzte ihr Geld zusammen und kaufte einige Lose. Als sie gerade anfing die Lose zu öffnen, kam ein Junge hinzu. Er beobachtete, wie sie ein Los nach dem anderen öffnete. Mit jedem gewann sie einen kleinen Trostpreis: ein Spielzeugauto, eine kleine Puppe und ein Häuschen für die Eisenbahn. Als sie gerade das letzte Los öffnen wollte, schrie der Junge aufgeregt „Halt!“. Er fragte, was sie dafür haben wolle, er würde mit ihr tauschen. Als sie nicht wollte, erklärte er ihr, dass das letzte Los garantiert eine Niete sei, bisher habe sie immer etwas gewonnen, das müsse einfach eine Niete sein. Wenn sie ihm das letzte Los gäbe, bekäme sie wenigstens seine Fahrradhupe dafür. Dann könnte sie so tun, als ob sie ein Fahrrad hätte.

Nachdem das Mädchen eine Weile nachgedacht hatte, erkannte sie, dass der Junge Recht hätte, nach so vielen Trostpreisen kann es nur eine Niete sein. So hätte sie wenigstens eine Fahrradhupe. Sie willigte in den Tausch ein und gab ihm das Los. Grinsend drückte der Junge ihr die Hupe in die Hand. Der Junge öffnete das Los und lachte schallend. Er hatte den Hauptgewinn, das Fahrrad gewonnen. Vor Enttäuschung ließ das Mädchen ihre Trostpreise fallen. Der Junge fuhr einfach mit dem Fahrrad drüber und dann böse lachend davon. Das Mädchen drückte traurig auf die Hupe. Doch es kam kein Ton raus – sie war kaputt.

So geht es Menschen, die sich um das Beste bringen lassen.

 

Persönliche Frömmigkeit

Im Alten Ägypten wurden bekanntlich viele Götter angebetet. Riesige Tempel, Totentempel und die Grabdekorationen zeugen davon. Dabei wird oft eins außer Acht gelassen: all die Zeugnisse von einer reichhaltigen Religiosität war für eine kleine Schicht der ägyptischen Bevölkerung gedacht. Pharao, seine Familie und die hohen Beamten bekamen die großen Gräber gebaut, in denen auf den Wänden dargestellt war, was sie alles für das Jenseits mitbekamen. Der Pharao oder stellvertretend seine Priester durfte das Heiligste bzw. das Allerheiligste im Tempel betreten und die kultischen Handlungen ausüben, die dazu dienten, die Welt in Gang zu halten. Das einfache Volk durfte höchstens den Vorhof betreten und zuschauen. Es durfte bei den großen Prozessionen zusehen, wenn die schwere Götterfigur erst getragen und dann in die eigens dafür gebaute Barke gesetzt und auf dem Nil zu einem anderen Tempel gebracht wurde, weil er dort angeblich den dort anwesenden Gott besuchte.

In den Museen finden wir viele Zeugnisse von diesen Glaubensvorstellungen. Am Ende der Ausstellung gibt es manchmal noch eine kleine unscheinbarere Vitrine. In ihr sind vielleicht eine kleine Stele, auf der viele Ohren abgebildet sind, kleine Götterfiguren, Tiermumien und Amulette zu sehen. Diese Exponate zeugen von der persönlichen Frömmigkeit, von den Glaubenspraktiken des einfachen Volkes. Diesen Begriff haben die Ägyptologen geprägt, um den Glauben des Volkes von der Staatsreligion abgrenzen zu können.

Der christliche Glaube ist in dem Sinne keine Staatsreligion. Frau Merkel und ihre Vertreter müssen nicht jeden Morgen dafür sorgen, dass die Sonne wieder aufgeht. Der christliche Glaube ist ein persönlicher Glaube. Gott meint dich! Er möchte mit dir zu tun haben. Er liebt dich und er möchte dein persönlicher Gott sein. Keiner kann für dich mitglauben. Gott wartet auf deine eigene Antwort, auf die Frage „Möchtest du mein Kind sein? Möchtest du mir vertrauen?“ Was wird deine Antwort sein?

Meine Antwort habe ich bereits gegeben. Ich glaube meinem Gott. Ich vertraue Jesus Christus und folge ihm nach. Denn er ist für mich gestorben, damit der Weg frei ist zu ihm. Das ist mein persönlicher Glaube, meine persönliche Frömmigkeit.

 

Heute mal wieder ein Stück aus meinem Archiv. Meine Lieblingsgeschichte.

Die Sehnsucht im Herzen

Als Gott der Herr die Welt schuf, schuf er auch die Sehnsucht. Er sagte ihr, sie dürfe drei Tage lang durch die Welt streifen, und nach dieser Zeit, würde Er ihr, ihren festen Platz zeigen. So machte sich die Sehnsucht auf den Weg.

Sie durchquerte den Regenwald, fror ein wenig in der Arktis, machte es sich nachts in der Wüste gemütlich, und saß am Ozean und sah zu, wie die Wellen entstanden.

Nach drei Tagen stand sie vor dem Thron des Herrn. Der Herr fragte sie: „Liebe Sehnsucht, hast du die Welt gesehen?“ „Ja Herr, sie ist wunderschön. Ich erkenne drin deine Handschrift. Du hast sie sehr gut gemacht!“ antwortete die Sehnsucht.

In diesem Augenblick trat ein Engel, der mit vielen anderen vor dem Thron stand, ein wenig zur Seite. Einen kurzen Moment konnte die Sehnsucht einen winzigen Teil von der Herrlichkeit Gottes sehen. Die arme Sehnsucht – denn das Licht war so hell und schön, dass sie beinahe erblindet wäre. Schützend legte der Engel einen Flügel über ihre Augen, und schloss schnell die entstandene Lücke.

Der Herr nahm die Sehnsucht bei der Hand und führte sie. Sie kamen zu einem, für die Sehnsucht unbekannten Gebilde. Der Herr nahm die Sehnsucht und stellte sie hinein. Da begann die Sehnsucht zu fragen: „Herr, in was für ein Gebilde hast du mich hineingestellt?“ „Das, liebe Sehnsucht, ist das menschliche Herz.“ antwortete der Herr. „Herr, was hast du mit meinen Füßen gemacht? Du hast sie so tief hineingesteckt, dass ich nicht mehr gehen kann!“ klagte die Sehnsucht. „Liebe Sehnsucht,“ sagte der Herr „ich möchte, dass du ganz fest im Herzen verwurzelt bist!“

Wieder fing die Sehnsucht an: „Herr, hier ist es so dunkel! Warum sollte ich vorher die Welt sehen?“ Der Herr erklärte ihr:

„Liebe Sehnsucht, die Menschen werden sich von mir abwenden. Doch du bringst sie zu mir zurück. Der Mensch kann sich nur nach etwas sehnen, was er gesehen hat, oder zu kennen meint!“

 

                                                                                                                    

Die Predigt des kleinen Tisches

Ich stelle meinen Kaffeebecher auf den Tisch. Endlich Pause. In Gedanken schaue ich mir den Tisch an. Die einzelnen Fugen und die unterschiedlichen Fliesen: blau, braun, terrakotta, weiß mit grünen Strichen, aber auch schwarz. Der Tisch hat Geschichte. Mein Großvater hat ihn getischlert. Die Beine sind ein wenig zu dünn für die dicke Platte. Mein Großvater war Bootsbauer, nicht Tischler.
Auch beim Bootsbau musste er lernen. Mit dem ersten selbstgebauten Boot ist er, ausgerechnet während eines Ausflugs mit der Freundin, gekentert. Das hinderte meine Großmutter, sie war die Freundin, nicht daran, ihn später zu heiraten. Das zweite Boot hielt. Die „Godewind“ stach, zusammen mit „Windjammer“, dem Boot meines Onkels und „Rasmus“, dem Jollenkreuzer meiner Eltern viele Jahre in See und bescherte mir unvergessliche Sommerurlaube.

Nun sitze ich also an diesem Tisch, wie früher, wenn ich als Kind meine Großeltern besuchte. Damals waren noch kleine rosafarbene Fliesen eingelegt. Irgendwann sind sie, weil eben der Tisch nicht ganz stabil ist, rausgesprungen. Ein Tischler hat ihn aufgearbeitet und eine Keramikerin neue Fliesen reingelegt.
Die Fliesen passen zu mir: sie sind krumm und schief und bunt. Die Keramikerin hat einfach welche genommen, die von einem anderen Projekt übrig geblieben sind. Übrig gebliebene Reste, ein Scherbenhaufen! Als Ägyptologin bin ich es gewohnt, mit kaputten Dingen umzugehen.
Vor einigen Jahren musste ich auf einer Tagung über eine Kollegin schmunzeln. Sie erzählte uns mit wachsender Begeisterung von „ihrem“ Tempel, den sie gerade ausgräbt. Sie schwärmte von gefundenen Säulensockeln und Farbpigmenten auf dem Relief. Aus wenigen Reliefresten wie einem Zeh, einer Hand und einem Kuhhorn rekonstruierte sie eine komplette Wanddekoration.
Für einen ahnungslosen Laien wäre auf jeder Folie das Gleiche zu sehen gewesen: ein großer Sandhaufen mit ein paar kaputten Steinen obendrauf. Doch meine Kollegin weigerte sich, das so zu sehen. Sie hatte die Fantasie und die Liebe den Steinhaufen als wunderschönen Tempel zu sehen.

Oft sehen wir uns selbst als einen Scherbenhaufen. Wir sehen nur das Kaputte, nur das, was fehlt. Doch Gott hat den liebevollen Blick eines Archäologen. Er freut sich über jeden Stein, der erhalten geblieben ist. Er sieht nicht die wenigen Bruchstücke vom Relief, sondern das komplette Relief, so, wie er es gemeint hat. Wenn wir es zulassen und uns ihm hinhalten, dann baut er wieder auf. Er fügt wieder zusammen und stellt uns wieder her. Er hat die Fantasie und die Liebe uns als das zu sehen, was wir auch wirklich sind: ein wunderschöner Tempel, in dem er wohnen kann.
Doch ist es an uns, darauf zu vertrauen, dass er es tun wird. Der Tempel kann sich nicht selbst ausgraben. Er kann sich nur hinhalten.

Archäologen arbeiten nicht mit dem Bagger. Mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel tasten sie sich vorsichtig voran, um das Wenige, was noch ganz ist, nicht aus Versehen kaputt zu machen.
So arbeitet auch Gott langsam und vorsichtig mit uns, um das Wenige, was heil geblieben ist, zu erhalten. Es fällt mir schwer, das so zu schreiben. Es wäre mir lieber, wenn es anders wäre. Selbst, wenn ich dagegen ankämpfe, bleibt es dabei: Gott arbeitet nicht mit einem Bagger, sondern mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel. Er kommt langsam, aber stetig voran.
Der Kaffee ist kalt geworden. Ich sitze immer noch an diesem Tisch. Gebaut von einem Mann, der nach dem ersten Kentern nicht aufgab, mit Restscherben belegt, die sich zusammenfügen.
Als meine Nachbarin mich besuchte, meinte sie augenzwinkernd „Den Tisch brauchst du doch nicht mehr?“ Doch, ich brauche ihn. Den gebe ich nicht her. Er ist ein Unikat. Wie ich!

Tisch

Umwege

Als ich vor kurzem im Reisebüro meinen Urlaub buchen wollte, bot der Reiseveranstalter mir folgende Variante für den Rückflug an: Mallorca → München, München → Rhodos; Rhodos → Hamburg.
Der Mitarbeiter vom Reisebüro starrte auf seinen Monitor und murmelte „Das ist nicht euer Ernst!“ Auch ich feixte. So etwas kann einfach nicht ernst gemeint sein.
Gott meint es sehr wohl ernst! Umwege sind seine Spezialität. Josef kam erst ins Gefängnis, ehe er Wesir Ägyptens wurde. Israel wanderte 40 Jahre lang durch die Wüste. Jona wurde erst von einem Fisch verschluckt, bevor er nach Ninive ging.

Ich mag keine Umwege. Mein Navi soll gefälligst die kürzeste Route berechnen und nicht die schönste. Doch die Umwege, die Gott mit uns geht, lassen uns lernen. Gott ist daran interessiert, dass wir etwas lernen, nicht, dass wir schnell ans Ziel kommen. Umwege sind für ihn keine vertane Zeit. Bei allen drei oben erwähnten Umwegen ging es darum, dass diejenigen, die sie gehen mussten – Josef, Jona und das Volk Israel, es lernen, Gott zu vertrauen. Es ist eine schwierige Lektion! „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ sagt man leicht dahin. Ich würde gern alles „unter Kontrolle“ haben. Immer wieder komme ich an den Punkt, an dem ich merke, dass ich nichts in der Hand habe. Daran kann ich verzweifeln oder – Gott vertrauen. Manchmal sind dafür Umwege nötig. Gott lässt nicht nur diese Umwege zu, er geht sie auch mit uns. Schritt für Schritt. Bis wir am eigentlichen Ziel sind. Das Ziel, das Gott von Anfang an für uns vorgesehen hat, ihm zu vertrauen.

Ich habe den Urlaub übrigens gebucht, nachdem mir für die Rückreise ein anderer Flug angeboten wurde. Direktflug selbstverständlich!

Hier ein Input aus meinem Archiv. D. h. schon älter, aber immer noch aktuell.

Der weiße Faden

 In einem Nähkästchen lag einst ein weißer Faden. Dieser Faden dachte darüber nach, wofür wohl die Frau, die ihn gekauft hatte, verwenden würde. Vielleicht für ein Abendkleid? O, wie würden die Leute den Faden bewundern! „Einen schönen Faden hast du dir zum Nähen ausgesucht!“ würden sie sagen. So dachte der Faden.

Eines Tages wurde der Faden aus dem Nähkästchen herausgeholt. Der Faden wurde in eine Nadel eingefädelt. „Was machst du mit mir?“ fragte er die Frau. „Ich nähe einen Knopf an.“ sagte sie „Ich brauche die Jacke dringend, ich habe einen wichtigen Termin, da darf ich nicht unordentlich aussehen.“ Mit diesen Worten legte sie den Faden in das Nähkästchen zurück.

Lange musste der Faden darüber nachdenken. Zugegeben, er war ganz schön enttäuscht, hatte er sich das ganz anders vorgestellt. Doch langsam begriff er, dass es für die Frau wichtig war, dass sie mit ihm den Knopf annähen konnte. Das Abendkleid hätte ihr in diesem Moment gar nichts genutzt. Wie die Frau den Faden am besten gebrauchen kann, weiß sie am besten. Es geht nicht darum, wie er, der Faden, am besten zur Geltung käme, sondern, wie er der Frau am besten von Nutzen sein könnte.

Nach langer Zeit nahm die Frau wieder den Faden heraus. Erstaunt stellte er fest, dass er in eine Nähmaschine gespannt wurde. Unter ihm lag ein schöner weißer Stoff. „Was ist das?“ staunte der Faden. „Das wird mein Brautkleid.“ sagte die Frau „Und dich brauche ich zum Nähen.“ Der Faden wusste, dass keiner ihn, sondern jeder die Frau loben würde. Doch das reichte ihm vollkommen.

 

Orangensaft

Eines Morgens goss ich mir ein Glas Orangensaft ein. Nachdem ich einen Schluck davon gekostet habe, dachte ich im ersten Moment „Leckere Brause!“. Dann fiel mir auf, dass der Saft gegoren war. Ich war in Gedanken, deswegen schüttete ich nur das Glas aus.

Am nächsten Morgen machte ich mir wieder Frühstück und wieder stellte ich mir ein Glas Orangensaft hin. Ich bemerkte erneut, dass der Saft gegoren ist. Diesmal schmiss ich gleich die ganze Packung aus dem Kühlschrank weg. Dann holte ich eine neue Saftflasche aus der Kammer und stellte sie in den Kühlschrank.

Sünde ist wie gegorener Orangensaft. Sie tut mir nicht gut, doch ich halte sie für etwas Gutes. Ich tue sie immer wieder, weil ich mir davon etwas verspreche: Erfolg, Anerkennung und andere, vermeintlich erstrebenswerte Dinge. Ich merke es schon nicht mal mehr. Wenn ich es doch erkenne, dann rede ich es mir schön: „Eine kleine Notlüge ist doch nicht schlimm und neidisch sind wir doch alle mal.“ Aber ich sehe nicht, was Sünde mit mir tut. Was gegorener Orangensaft meinem Körper antut, muss ich nicht weiter ausführen. Keiner würde auf die Idee kommen, jeden Tag verdorbenen Saft zu trinken. Beim Thema Sünde jedoch bin ich nicht so konsequent. Doch aus einer Notlüge können leicht mehrere werden und nach einiger Zeit ist das Lügen eine Charaktereigenschaft. Sünde ist nicht „ein verzeihbarer Fehler“. Sie trennt mich von Gott.

Gott vergibt mir meine Schuld, wenn ich ihn darum bitte. Doch kann er so viel mehr für mich tun. Wenn ich aus eigener Kraft versuche nicht mehr zu sündigen, dann schütte ich nur das Glas aus. Wenn ich aber Gott bitte, mich so zu verändern, dass ich nicht mehr sündige, dann schüttet er die gesamte Packung aus und stellt eine neue Flasche in den Kühlschrank.

„Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (Philipper 2, 13, revidierte Luther-Übersetzung von 1984)

 

Mein erbetenes Kaninchen

Eines Tages bekam die Nachbarstochter ein Zwergkaninchen geschenkt. Oh, wie war das süß! So flauschig und so kuschelig. Ich wusste sofort, dass ich auch so ein flauschiges Kaninchen haben wollte. Ich fragte meine Eltern, ob sie mir eins schenken könnten. Doch mein Vater war dagegen. Er sprach von der Verantwortung, die man gegenüber einem Tier habe, es müsse regelmäßig gefüttert und der Stall gereinigt werden. Es schien, als sei das letzte Wort gesprochen.Doch die Freundin gab mir einen Tipp, den ich dann ausprobierte.

Ich kam jeden Abend, wenn ich ins Bett ging, zu meinem Vater und flüsterte ihm ins Ohr „Schenk mir bitte, bitte ein Kaninchen!“ Das tat ich Abend für Abend, Woche um Woche, mehrere Monate lang. Mein Vater musste schon schmunzeln, wenn ich abends zu ihm kam. „Na, was kommt jetzt?“ fragte er betont ahnungslos. Ich ließ einfach nicht locker. Mein „Schenk mir bitte, bitte ein Kaninchen!“ musste er sich immer wieder gefallen lassen.

An meinem Geburtstag schließlich stand auf meinem Geburtstagstisch ein Stall mit einem schwarzen wuscheligen Zwergkaninchen. Braune Augen sahen mich scheu an. Ich nannte ihn Moritz und habe ihn direkt in mein Herz geschlossen. Über zehn Jahre lebte Moritz mit uns zusammen und machte der ganzen Familie Freude. Nur manchmal musste mein Vater den Stall sauber machen. Doch meistens habe ich für meinen Moritz gesorgt.

Ich habe daraus etwas gelernt. Es ist gut, wenn man hartnäckig bleibt. Wenn ich Gott um etwas bitte und nicht aufhöre für etwas zu beten, dann wird er, der treue und gerechte Gott mir dieses Gebet erfüllen.

„Oder würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.“ ( Matthäus 7, 9-11, Neue Genfer Übersetzung) – Das letzte Wort ist nicht gesprochen. Es lohnt sich, durchzuhalten.

Bild

Heute ist mir nach einem Märchen zumute. Deswegen habe ich eins geschrieben:

Die letzte Tochter

Es war einmal ein Graf, der hatte drei Töchter, nein, er hatte vier Töchter. Doch die letzte Tochter wurde immer übersehen. Während die anderen drei ihre eigenen Gemächer hatten, ihre eigenen Kleider, schönen Schmuck und alles, was Töchter von Grafen so haben, hatte die letzte Tochter nichts davon. Sie bekam die abgelegten Kleider und Schuhe ihrer Schwestern und wohnte in der letzten Kammer in der Burg mit der Magd zusammen.

Die Leute waren es so gewohnt, sie die letzte Tochter oder gar nur die Letzte zu nennen, dass sie nach einiger Zeit ihren richtigen Namen vergaßen. Die Letzte war nicht besonders hübsch, ein wenig tollpatschig und sticken konnte sie auch nicht gut.

Eines Tages veranstaltete der Graf ein großes Turnier. Er lud die Ritter aus aller Herren Länder ein. Sie sollten beim Lanzenstechen gegeneinander antreten und der Beste sollte eine der Töchter bekommen.

Die Menschen kamen auf dem Burghof zusammen. Sie wollten den Rittern, die von überall herkamen, beim Tjosten zusehen. Ein Ritter kam von sehr weit her. Keiner kannte sein Land, noch seinen Namen. Er war geschickt beim Reiten und sehr kampferprobt. Die Menschen jubelten ihm zu. Bisher hatte er jedes Lanzenstechen gewonnen. Jetzt gab es nur noch einen Gegner, den er besiegen musste. Es war der rote Ritter, der Fürst aus dem Nachbarland.

Da bat der Graf beide Ritter vor seine Tribüne zu kommen. Er fragte sie, welche der Töchter sie wählen würden, wenn sie gewönnen. Der rote Ritter wählte die älteste Tochter. Eine gute Wahl, wie alle fanden. Der fremde Ritter jedoch bat um Katharinas Hand. Der Graf lachte „Trine die Magd wollt Ihr haben?“ „Nein, Katharina, Eure jüngste Tochter begehre ich.“ antwortete der Fremde. Alle wunderten sich. Erst eine Weile später begriffen sie, dass der fremde Ritter die Letzte zur Frau haben wollte. „Warum wollt Ihr sie haben? Sie ist es nicht wert, dass man um sie kämpft!“ sagte der Graf. Doch der fremde Ritter bestand darauf, um sie kämpfen zu dürfen. Er bat darum, dass man sie hole. Sie solle beim Kampf zusehen dürfen. Jetzt erst merkten die Leute, dass die Letzte gar nicht auf der Tribüne saß. Man hatte sie im Trubel der Vorbereitungen einfach in ihrer Kammer vergessen. Schließlich holte die Magd sie in den Burghof. Als sie den Hof betrat, fiel der fremde Ritter vor ihr auf die Knie und flüsterte ihr zu „Komtess Katharina, Ihr seid es wert, dass ich für Euch kämpfe. Für Euch reite ich diese Tjost.“ Katharina war erst erschrocken, sie war es nicht gewohnt, bei ihrem Namen gerufen zu werden. Doch dann lächelte sie. „Dame, Euer Lächeln macht mir den Abschied leicht.“ sagte der Fremde. Damit klappte er das Visier runter und stieg auf sein Pferd. Beide Ritter nahmen ihre Position ein und das Volk hielt den Atem an. Dann ritten sie los. Der fremde Ritter stach mit der Lanze gegen die Brust des Gegners, so dass er vom Pferd fiel. Die Menge jubelte, der fremde Ritter hatte gewonnen. Keiner merkte, dass der rote Ritter wieder aufstand. Er griff zu seinem Schwert und blitzschnell durchbohrte er den fremden Ritter von hinten. Erschrocken eilte sein Knappe zu ihm. Der fremde Ritter bat ihn sterbend „Bring Katharina nach Hause!“

Die Menschen auf dem Burghof waren über diese hinterlistige Tat so bestürzt, dass sie nicht bemerkten, wie die Letzte vom Knappen des Fremden zur Kutsche geführt wurde und sie des Grafen Hof für immer verließ.

Lange waren sie unterwegs. Als sie ausstieg, staunte sie. Ein roter Teppich war für sie ausgebreitet worden. Links und rechts davon stand das Volk. Es winkte und jubelte ihr zu „Lang lebe Prinzessin Katharina. Hoch lebe die Königstochter.“ Auf der Palasttreppe stand der König, der Vater vom fremden Ritter und kam ihr entgegen. „Willkommen Zuhause, Katharina meine geliebte Tochter.“ lachte er. „Warum seid Ihr so fröhlich? Euer Sohn ist doch tot.“ wunderte sie sich. „Ja, ich weiß. Der Preis war hoch.“ sagte er traurig. Doch dann strahlte er wieder „Aber du bist es wert. Ein kostbareres Geschenk hätte mir mein Sohn nicht geben können.“

Der König erzählte ihr, dass sein Sohn sie schon lange aus der Ferne geliebt hätte. Immer wieder habe er Boten zu ihr geschickt, die mit ihr sprachen. Sie berichteten ihm, wie schön sie sei, wie anmutig und wie herzlich ihr Lachen. Lange hatten der Vater und sein Sohn über sie gesprochen und überlegt, wie sie sie in ihr Land bringen könnten. Beide begannen sich, jeder nach seiner Weise, nach ihr zu sehnen: Der Sohn nach seiner zukünftigen Braut, der Vater nach seiner neuen Tochter. Sie konnten es kaum noch erwarten, sie hier im Palast zu haben. Der Sohn hatte mit eigenen Händen, einen ganzen Flügel des Palastes als ihre Wohnung eingerichtet. Ein neues Kleid wurde für sie geschneidert. Die Maße, ihre Lieblingsfarbe, alles, was ihr wichtig war, hatten die Boten für den Sohn rausgefunden. So passte das Kleid perfekt und das Haarband unterstrich das Blau ihrer Augen.

Als dann bekannt wurde, dass ein Turnier in Katharinas Land ausgerufen wurde, konnte der Sohn es kaum noch aushalten vor lauter Vorfreude. Am Tag, als er sich auf den Weg machte, sagte er zum Vater „Wenn ich für sie sterben muss, so tue ich es gern. Denn sie ist so kostbar, dass sie mir jeden Preis wert ist!“

Katharina konnte es nicht fassen. Es fiel ihr schwer, das alles zu glauben. Doch nach und nach merkte sie, dass es nur die nicht passenden Kleider ihrer Schwestern waren, die sie nicht besonders hübsch aussehen ließen. In Wahrheit war sie wunderschön. Auch war sie nicht tollpatschig. Nur durch die abgetragenen Schuhe ihrer Schwestern konnte sie nicht elegant laufen. Doch eigentlich war sie anmutig. Hier war es nicht wichtig, dass sie nicht gut sticken konnte. Vielmehr wurde ihre Weisheit geschätzt.

So lernte Katharina jeden Tag mehr über den Vater und den Sohn. Sie übte immer mehr, sich so zu benehmen, wie es sich gehörte für eine königliche Tochter.

Wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute. Denn es ist nur ein Märchen – oder etwa doch nicht?

Lebendes Abbild Gottes

Was Tutanchamun mir zu sagen hat

Kennen Sie Tutanchamun? Klar, werden jetzt Viele denken. Das ist doch der, mit dem großen Grabschatz. Was wissen wir noch über ihn? Nicht viel. Sein Vater war, nach neuestem Forschungsstand, der „Ketzerpharao“ Echnaton. Als seine Mutter wurde die weibliche Mumie, die aus dem Grab 35 im Tal der Könige stammt und als „younger lady“ bezeichnet wird, identifiziert. Es scheint in der Ironie der Geschichte zu liegen, dass ausgerechnet einer in der heutigen Zeit bekanntesten Pharaonen, zu seinen Lebzeiten weder innen- noch außenpolitisch bedeutend war.

Bereits Howard Carter, der Entdecker seines Grabes, bemerkte treffend: „Soweit unsere Kenntnisse heute reichen, können wir mit Gewissheit sagen, dass das einzig Bemerkenswerte in seinem Leben darin bestand, dass er starb und begraben wurde.“

Das finde ich traurig. Ich wünsche mir, dass von mir mehr Bemerkenswertes bleibt, als ein schönes Grab.

Doch ist es interessant, sich seinen Namen mal genauer anzusehen. Tutanchamun hieß ursprünglich Tutanchaton. Aton war der Sonnengott, den sein Vater zum einzigen Gott erhoben hat. Doch war es keine Offenbarung, die ihn dazu brachte, sondern die Einsicht, dass die Amun-Priester ihm zu mächtig geworden waren. Amun war bis dahin einer der Hauptgötter im riesigen Pantheon Ägyptens.

Bei der „Entmachtung“ Amuns ging Echnaton soweit, dass er dessen Namen in sämtlichen Inschriften auskratzen ließ. Nichts sollte an ihn erinnern. Der Name selbst spielte im alten Ägypten eine große Rolle. Wurde der Name aus den Unterlagen getilgt, war es, als hätte diese Person nie gelebt.

Der, vom König verordnete Monotheismus rief viele Gegner auf den Plan. Nach Echnatons Tod passierte ihm genau dies: Sein Name wurde aus allen zugänglichen Dokumenten und Wanddekorationen entfernt. Nichts sollte an ihn erinnern.

Deswegen war es „passend“, dass Tutanchaton seinen Namen in Tutanchamun änderte. Schnell bin ich mit dem Urteil „Der wechselte seinen Gott, wie Andere ihre Unterwäsche“ bei der Hand.

Und ich? Bin ich wirklich bereit, zu meinen Glaubensgrundsätzen zu stehen? Wie reagiere ich, wenn ich z. B. gefragt werde, ob ich etwa wirklich an die Schöpfungstheorie und nicht an die Evolution glaube? Was sage ich, wenn in meiner Gegenwart die Bibel als das Märchenbuch der Hebräer bezeichnet wird? Was, wenn jemand zu mir sagt, dass wir doch alle „irgendwie an den gleichen Gott“ glauben? Bin ich wirklich bereit klare Ansagen zu machen, anstatt mich leise aus der Situation zu winden? Dabei steht nicht meine Königsherrschaft, sondern lediglich mein Ansehen auf dem Spiel.

Erwischt! Aber anstatt mir und Gott mein Versagen einzugestehen, rede ich mir noch ein, dass es nicht „passend“ war. Ich wollte eben die Anderen nicht vor dem Kopf stoßen. Dann wäre ich „unten durch“ gewesen und hätte dann meine Freunde verloren. Wer sagt mir denn, dass die Freunde nicht auf genau die klaren Aussagen gewartet haben, die ich ihnen schuldig geblieben bin?

Doch weiter zu Tutanchamuns Namen. In seine Bestandteile zerlegt bedeutet  – tut „Bild, Abbild“,  – anch „Leben“ bzw. in diesem Zusammenhang „lebend“  und der Gott Amun. Zusammen übersetzt bedeutet also Tutanchamun „Lebendes Abbild Amuns“.

Wenn ich mir einen Pharaonennamen ausdenken dürfte, dann wäre ich gern „Tut – Anch – Jesus“ – ein lebendes Abbild Jesu.

Man mag jetzt einwenden, dass Jesus nicht feige war. Er hat sich nicht danach gerichtet, was gerade „passend“ war. Zu seinen Überzeugungen hat er gestanden, selbst, wenn es bedeutete, dass er zum Tode verurteilt wurde.

Ich kann mit meiner menschlichen Kraft es nicht bewirken. Aber wenn ich mich ihm hingebe, ihm vertraue, dann werde ich in sein Bild verwandelt. Dann bin ich ein lebendes Abbild Jesu. Konsequente Nachfolge kann unbequem sein. Es kann bedeuten, dass man Entscheidungen trifft, die Andere nicht nachvollziehen können. Aber wenn ich mir vor Augen halte, dass es um mehr geht, nämlich um die Ewigkeit, als darum, als einen Augenblick lang „passend“ zu sein, dann werde ich zu meinem Herrn und Gott stehen. Am Ende meines Lebens wird es mehr „Bemerkenswertes“ geben, als ein schönes Grab. Mein Name steht unaustilgbar im Buch des Lebens. Gott selbst wird sich an mich erinnern.