Die Geschichte ist nicht biblisch. Es könnte aber so gewesen sein.

Petrus lernt schreiben

Petrus saß am Tisch und mühte sich mit der vor ihm liegenden Wachstafel ab. Er sollte seinen Namen schreiben. Der erste Buchstabe, das Pi, gelang ihm schon gut: zwei Striche, darüber ein dritter. Epsilon, Tau, Rho und Omikron waren auch gut erkennbar. Aber das Sigma wollte ihm einfach nicht glücken. Das Sigma, das Paulus ihm vorgemalt hatte, war eindeutig ein Halbkreis mit Haken dran. Seine dagegen gerieten immer zu Kringeln, die zur Seite kippten.

„Das geht nicht! Das kann ich nicht!“ Petrus schmiss den Stift hin und stand abrupt auf. Paulus versuchte noch, ihn zu beruhigen, doch Petrus polterte los „Wieso muss ich schreiben? Ich möchte erzählen, was ich erlebt habe!“ Er zeigte seine Hände. „Das sind Hände eines Fischers, nicht die eines Schreiberlings.“ „Aber der Herr hat doch selbst gesagt, dass du ein Menschenfischer sein sollst. Da wäre es gut, dass du -“ „Das ich was?“ unterbrach ihn Petrus „Woher willst du wissen, was der Herr gesagt hat. Du warst nicht dabei! Stattdessen hat der feine Herr Gesetze studiert. Gejagt hast du uns. Die Hände hast du dir nicht schmutzig gemacht, das durften Andere. Du hast nur die Mäntel gehalten. War doch sicher ein schönes Gefühl, als Stephanus starb!“ Paulus war während Petrus redete immer mehr in sich zusammengesunken. Als Petrus jetzt die Tränen in Paulus‘ Augen sah, hielt er inne. „Oh Paulus, das tut mir Leid.“ Er setzte sich wieder zu seinem Lehrer. „Wie war das eigentlich, als dir der Herr erschien?“ Paulus holte tief Luft und fing an „Ich war auf dem Weg nach Damaskus. Ich dachte, ich tue das Richtige. Das Richtige für Gott. Als ich das gleißende Licht sah und die Stimme hörte, war ich starr vor Schreck.“ Als Paulus den erstaunten Blick von Petrus sah, sagte er „Ja Petrus, der feine Herr hatte Angst. Schreckliche Angst sogar. Ich war blind und mir wurde klar, dass ich mich gegen Gott gestellt habe. Gegen Gott! Alles worauf ich mein Leben aufgebaut habe war falsch. Gott würde mich verstoßen. Ich würde nie wieder den Tempel betreten dürfen. Ich dachte, dass ich blind bleibe. Aber das war mir egal. Mein Leben war vorbei! Ich hoffte nur noch auf ein schnelles Ende. Als dann Hananias kam und mir die Hände auflegte, konnte ich es erst gar nicht fassen. Ich darf leben! Ich konnte wieder sehen. Nicht nur das: Ich darf etwas für meinen Herrn tun. Ein größeres Geschenk hätte mir keiner machen können!“ Petrus hatte die ganze Zeit nur stumm genickt. Jetzt hielt er es nicht mehr aus “Genau so! Genau so ging es mir auch! Ich wollte für Jesus sterben. Als er sagte, dass man ihn töten würde, wollte ich nichts davon wissen. Das wollte ich verhindern! Ich habe mir extra ein Schwert besorgt. Meinem Herrn sollte keiner was antun! Doch dann ging alles so schnell. Sie kamen und nahmen ihn fest. Jesus befahl mir, das Schwert fallen zu lassen. Ich folgte ihnen aus der Ferne. Ich dachte, ich könne ihm noch irgendwie helfen. Irgendetwas müsste doch möglich sein. Doch dann -“ Petrus schluckte schwer „fragten sie mich kurz hintereinander, ob ich ihn kenne. Ich, ich“ stammelte er „sagte nein. Kurze Zeit später krähte der Hahn.“ Paulus sah ihn abwartend an. Jetzt kämpfte Petrus mit den Tränen. „Ich hab’s getan. Ich hab ihn verleugnet. So, wie er es vorausgesagt hat. Als ich ihn dann am Ufer sitzen sah, wollte ich nur zu ihm hin. Ich wollte es ihm erklären, mich bei ihm entschuldigen. Doch er schaute mich nur an, mit diesem Blick. Johannes sagte immer, Jesus habe sanfte Augen. Ich habe ihn damit aufgezogen. Aber jetzt wusste ich, was er damit meinte. Mit diesen sanften Augen schaute er mich an und fragte, ob ich ihn liebe. Paulus, er fragte mich, ob ich ihn liebe. Nach allem, was gewesen ist, fragte er mich! Es ging mir genauso wie dir, Paulus. Es ging mir durch und durch.“ Sie sahen sich eine ganze Weile schweigend an. Zwei Männer, die beide in den Abgrund ihrer Seelen geblickt hatten. Zwei Männer, die genau wussten, wie kostbar Vergebung ist.

Irgendwann drückte Paulus dem Petrus den Stift wieder in die Hand „Na komm du Menschenfischer. Versuch es noch einmal. Tu’s für den Herrn.“ „Für den Herrn tu ich alles!“ Damit begann Petrus zu schreiben. Diesmal klappte es besser: ein Halbkreis mit einem Haken dran. Nun stand auf der Tafel Πετρος.

Temporarily not available

Bis einschließlich gestern war ich auf dem Land. Ach, war das herrlich. Die Kühe muhten, die Schafe blökten und ringsum das weite, hügelige Land. Die Eier von den Hühnern des Nachbarn entsprachen nicht der EU – Norm, waren aber dafür um so leckerer. Fast perfekt. Wäre da nicht das Funkloch. Mein Handy konnte ich nur als Uhr benutzen. Ansonsten: keine E-Mails, kein WhatsApp, kein Hochladen vom “Montagsinput”, noch nicht einmal ein Telefonat war möglich.

Derjenige, der versucht hat, mich anzurufen, hat dann sicher folgenden Text gehört „The person you have called, is temporarily not available!“ – „Die angerufene Person ist vorübergehend nicht erreichbar!“ Wie oft sind wir „temporarily not available“? Zum Beispiel die klassische Frühstücksszene: der Mann liest Zeitung und seine Frau redet mit ihm – temporarily not available. Das Kind, das versucht, seiner Mutter von dem Kummer in der Schule zu erzählen. Doch die Mutter schickt es ins Zimmer zum Spielen – temporarily not available. Wie oft hören wir nicht zu, bemühen wir uns noch nicht einmal, den Anderen zu verstehen. Körperlich sind wir anwesend, aber mit den Gedanken sind wir ganz woanders. Ist das noch vorübergehend oder ist das schon dauerhaft? Sind wir überhaupt noch erreichbar?

Wie ist das mit Gott? Wie oft sind wir für ihn „temporarily not available“? Was, wenn er mit uns reden möchte? Sind wir bereit ihm zuzuhören? Derjenige, der uns bei unseren Beziehungen helfen kann, möchte mit uns in Beziehung leben. Vielleicht wäre es ein guter Anfang, diese Beziehung in Ordnung zu bringen. Wenn ich es lerne, Gott zuzuhören, dann kann ich auch wieder den Menschen zuhören, die Zeitung zusammenfalten und bei meinem Kind an die Tür klopfen.

Vielleicht findet sich demnächst ein nicht verplantes Wochenende. Dann fahre ich wieder aufs Land, ins Funkloch. Dann spaziere ich über die Hügel und übe mich darin, Gott zuzuhören. Wenn ich wiederkomme, dann bin ich wieder für die Anderen „available“.

Letzte Woche fiel der Montagsinput aus gesundheitlichen Gründen aus. Diesmal nur einige kurze Gedanken. Wenn es mir wieder richtig gut geht, wird es wieder ausführlicher.

Der gedeckte Tisch

Letzte Woche war ich in meiner Gemeinde. Es gab etwas zu besprechen. Eine liebe Schwester begrüßte mich. Sie verrichtete gerade mit Anderen die angefallenen Hausmeisterarbeiten. Nach dem Gespräch fuhr ich wieder nach Hause. Als ich einige Tage später bei dieser Schwester anrief, fragte sie mich, warum ich so schnell gegangen wäre, sie habe für mich den Tisch mitgedeckt. Ich war überrascht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe nicht mitgeholfen, also gibt es für mich kein Mittagessen. So dachte ich.

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir Einiges auf. Da ist zunächst mein Leistungsdenken: Ich bekomme, was ich verdiene! Viele denken so. Aber bei Gott ist das anders. Bekäme ich, was ich verdiente, dann hätte ich nichts zu lachen. Aber, Gott sei es gedankt, ist Jesus für mich am Kreuz gestorben. Er hat das, was ich verdient hätte, nämlich den Tod, auf sich genommen. Dadurch kann ich wieder zu ihm kommen, meine Schuld ist mir vergeben. Ich bin mit Gott versöhnt.

Ein weiterer Gedanke zu diesem Erlebnis: Warum habe ich eigentlich nicht damit gerechnet, dass für mich mitgedeckt ist? Rechne ich wirklich nicht mehr damit, dass jemand, dass Gott mir etwas Gutes gönnt? Ich bitte regelmäßig um seinen Segen, aber rechne ich auch damit, dass er mir diesen schenkt? Es heißt doch „Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.“ (Matth. 7,7, Elberfelder Übersetzung)

Gnade ist Gnade und kann nicht verdient werden. Wenn ich das nächste Mal um die Mittagszeit in der Gemeinde bin und die Hausmeistergruppe ist auch da, dann werde ich kurz in der Küche vorbeischauen. Vielleicht ist ja wieder für mich mitgedeckt…

Heute mal ein Gleichnis.

Der Hauptgewinn

Einmal ging ein Mädchen auf den Rummel. An einer Losbude blieb sie stehen. Der Losverkäufer pries gerade ein Fahrrad als Hauptgewinn an. Genau so ein Fahrrad wollte das Mädchen schon immer haben. Wenn sie das richtige Los zöge, so versicherte ihr der Losverkäufer, gehöre das Fahrrad ihr. Das Mädchen kratzte ihr Geld zusammen und kaufte einige Lose. Als sie gerade anfing die Lose zu öffnen, kam ein Junge hinzu. Er beobachtete, wie sie ein Los nach dem anderen öffnete. Mit jedem gewann sie einen kleinen Trostpreis: ein Spielzeugauto, eine kleine Puppe und ein Häuschen für die Eisenbahn. Als sie gerade das letzte Los öffnen wollte, schrie der Junge aufgeregt „Halt!“. Er fragte, was sie dafür haben wolle, er würde mit ihr tauschen. Als sie nicht wollte, erklärte er ihr, dass das letzte Los garantiert eine Niete sei, bisher habe sie immer etwas gewonnen, das müsse einfach eine Niete sein. Wenn sie ihm das letzte Los gäbe, bekäme sie wenigstens seine Fahrradhupe dafür. Dann könnte sie so tun, als ob sie ein Fahrrad hätte.

Nachdem das Mädchen eine Weile nachgedacht hatte, erkannte sie, dass der Junge Recht hätte, nach so vielen Trostpreisen kann es nur eine Niete sein. So hätte sie wenigstens eine Fahrradhupe. Sie willigte in den Tausch ein und gab ihm das Los. Grinsend drückte der Junge ihr die Hupe in die Hand. Der Junge öffnete das Los und lachte schallend. Er hatte den Hauptgewinn, das Fahrrad gewonnen. Vor Enttäuschung ließ das Mädchen ihre Trostpreise fallen. Der Junge fuhr einfach mit dem Fahrrad drüber und dann böse lachend davon. Das Mädchen drückte traurig auf die Hupe. Doch es kam kein Ton raus – sie war kaputt.

So geht es Menschen, die sich um das Beste bringen lassen.

 

Persönliche Frömmigkeit

Im Alten Ägypten wurden bekanntlich viele Götter angebetet. Riesige Tempel, Totentempel und die Grabdekorationen zeugen davon. Dabei wird oft eins außer Acht gelassen: all die Zeugnisse von einer reichhaltigen Religiosität war für eine kleine Schicht der ägyptischen Bevölkerung gedacht. Pharao, seine Familie und die hohen Beamten bekamen die großen Gräber gebaut, in denen auf den Wänden dargestellt war, was sie alles für das Jenseits mitbekamen. Der Pharao oder stellvertretend seine Priester durfte das Heiligste bzw. das Allerheiligste im Tempel betreten und die kultischen Handlungen ausüben, die dazu dienten, die Welt in Gang zu halten. Das einfache Volk durfte höchstens den Vorhof betreten und zuschauen. Es durfte bei den großen Prozessionen zusehen, wenn die schwere Götterfigur erst getragen und dann in die eigens dafür gebaute Barke gesetzt und auf dem Nil zu einem anderen Tempel gebracht wurde, weil er dort angeblich den dort anwesenden Gott besuchte.

In den Museen finden wir viele Zeugnisse von diesen Glaubensvorstellungen. Am Ende der Ausstellung gibt es manchmal noch eine kleine unscheinbarere Vitrine. In ihr sind vielleicht eine kleine Stele, auf der viele Ohren abgebildet sind, kleine Götterfiguren, Tiermumien und Amulette zu sehen. Diese Exponate zeugen von der persönlichen Frömmigkeit, von den Glaubenspraktiken des einfachen Volkes. Diesen Begriff haben die Ägyptologen geprägt, um den Glauben des Volkes von der Staatsreligion abgrenzen zu können.

Der christliche Glaube ist in dem Sinne keine Staatsreligion. Frau Merkel und ihre Vertreter müssen nicht jeden Morgen dafür sorgen, dass die Sonne wieder aufgeht. Der christliche Glaube ist ein persönlicher Glaube. Gott meint dich! Er möchte mit dir zu tun haben. Er liebt dich und er möchte dein persönlicher Gott sein. Keiner kann für dich mitglauben. Gott wartet auf deine eigene Antwort, auf die Frage „Möchtest du mein Kind sein? Möchtest du mir vertrauen?“ Was wird deine Antwort sein?

Meine Antwort habe ich bereits gegeben. Ich glaube meinem Gott. Ich vertraue Jesus Christus und folge ihm nach. Denn er ist für mich gestorben, damit der Weg frei ist zu ihm. Das ist mein persönlicher Glaube, meine persönliche Frömmigkeit.

 

Heute mal wieder ein Stück aus meinem Archiv. Meine Lieblingsgeschichte.

Die Sehnsucht im Herzen

Als Gott der Herr die Welt schuf, schuf er auch die Sehnsucht. Er sagte ihr, sie dürfe drei Tage lang durch die Welt streifen, und nach dieser Zeit, würde Er ihr, ihren festen Platz zeigen. So machte sich die Sehnsucht auf den Weg.

Sie durchquerte den Regenwald, fror ein wenig in der Arktis, machte es sich nachts in der Wüste gemütlich, und saß am Ozean und sah zu, wie die Wellen entstanden.

Nach drei Tagen stand sie vor dem Thron des Herrn. Der Herr fragte sie: „Liebe Sehnsucht, hast du die Welt gesehen?“ „Ja Herr, sie ist wunderschön. Ich erkenne drin deine Handschrift. Du hast sie sehr gut gemacht!“ antwortete die Sehnsucht.

In diesem Augenblick trat ein Engel, der mit vielen anderen vor dem Thron stand, ein wenig zur Seite. Einen kurzen Moment konnte die Sehnsucht einen winzigen Teil von der Herrlichkeit Gottes sehen. Die arme Sehnsucht – denn das Licht war so hell und schön, dass sie beinahe erblindet wäre. Schützend legte der Engel einen Flügel über ihre Augen, und schloss schnell die entstandene Lücke.

Der Herr nahm die Sehnsucht bei der Hand und führte sie. Sie kamen zu einem, für die Sehnsucht unbekannten Gebilde. Der Herr nahm die Sehnsucht und stellte sie hinein. Da begann die Sehnsucht zu fragen: „Herr, in was für ein Gebilde hast du mich hineingestellt?“ „Das, liebe Sehnsucht, ist das menschliche Herz.“ antwortete der Herr. „Herr, was hast du mit meinen Füßen gemacht? Du hast sie so tief hineingesteckt, dass ich nicht mehr gehen kann!“ klagte die Sehnsucht. „Liebe Sehnsucht,“ sagte der Herr „ich möchte, dass du ganz fest im Herzen verwurzelt bist!“

Wieder fing die Sehnsucht an: „Herr, hier ist es so dunkel! Warum sollte ich vorher die Welt sehen?“ Der Herr erklärte ihr:

„Liebe Sehnsucht, die Menschen werden sich von mir abwenden. Doch du bringst sie zu mir zurück. Der Mensch kann sich nur nach etwas sehnen, was er gesehen hat, oder zu kennen meint!“

 

                                                                                                                    

Die Predigt des kleinen Tisches

Ich stelle meinen Kaffeebecher auf den Tisch. Endlich Pause. In Gedanken schaue ich mir den Tisch an. Die einzelnen Fugen und die unterschiedlichen Fliesen: blau, braun, terrakotta, weiß mit grünen Strichen, aber auch schwarz. Der Tisch hat Geschichte. Mein Großvater hat ihn getischlert. Die Beine sind ein wenig zu dünn für die dicke Platte. Mein Großvater war Bootsbauer, nicht Tischler.
Auch beim Bootsbau musste er lernen. Mit dem ersten selbstgebauten Boot ist er, ausgerechnet während eines Ausflugs mit der Freundin, gekentert. Das hinderte meine Großmutter, sie war die Freundin, nicht daran, ihn später zu heiraten. Das zweite Boot hielt. Die „Godewind“ stach, zusammen mit „Windjammer“, dem Boot meines Onkels und „Rasmus“, dem Jollenkreuzer meiner Eltern viele Jahre in See und bescherte mir unvergessliche Sommerurlaube.

Nun sitze ich also an diesem Tisch, wie früher, wenn ich als Kind meine Großeltern besuchte. Damals waren noch kleine rosafarbene Fliesen eingelegt. Irgendwann sind sie, weil eben der Tisch nicht ganz stabil ist, rausgesprungen. Ein Tischler hat ihn aufgearbeitet und eine Keramikerin neue Fliesen reingelegt.
Die Fliesen passen zu mir: sie sind krumm und schief und bunt. Die Keramikerin hat einfach welche genommen, die von einem anderen Projekt übrig geblieben sind. Übrig gebliebene Reste, ein Scherbenhaufen! Als Ägyptologin bin ich es gewohnt, mit kaputten Dingen umzugehen.
Vor einigen Jahren musste ich auf einer Tagung über eine Kollegin schmunzeln. Sie erzählte uns mit wachsender Begeisterung von „ihrem“ Tempel, den sie gerade ausgräbt. Sie schwärmte von gefundenen Säulensockeln und Farbpigmenten auf dem Relief. Aus wenigen Reliefresten wie einem Zeh, einer Hand und einem Kuhhorn rekonstruierte sie eine komplette Wanddekoration.
Für einen ahnungslosen Laien wäre auf jeder Folie das Gleiche zu sehen gewesen: ein großer Sandhaufen mit ein paar kaputten Steinen obendrauf. Doch meine Kollegin weigerte sich, das so zu sehen. Sie hatte die Fantasie und die Liebe den Steinhaufen als wunderschönen Tempel zu sehen.

Oft sehen wir uns selbst als einen Scherbenhaufen. Wir sehen nur das Kaputte, nur das, was fehlt. Doch Gott hat den liebevollen Blick eines Archäologen. Er freut sich über jeden Stein, der erhalten geblieben ist. Er sieht nicht die wenigen Bruchstücke vom Relief, sondern das komplette Relief, so, wie er es gemeint hat. Wenn wir es zulassen und uns ihm hinhalten, dann baut er wieder auf. Er fügt wieder zusammen und stellt uns wieder her. Er hat die Fantasie und die Liebe uns als das zu sehen, was wir auch wirklich sind: ein wunderschöner Tempel, in dem er wohnen kann.
Doch ist es an uns, darauf zu vertrauen, dass er es tun wird. Der Tempel kann sich nicht selbst ausgraben. Er kann sich nur hinhalten.

Archäologen arbeiten nicht mit dem Bagger. Mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel tasten sie sich vorsichtig voran, um das Wenige, was noch ganz ist, nicht aus Versehen kaputt zu machen.
So arbeitet auch Gott langsam und vorsichtig mit uns, um das Wenige, was heil geblieben ist, zu erhalten. Es fällt mir schwer, das so zu schreiben. Es wäre mir lieber, wenn es anders wäre. Selbst, wenn ich dagegen ankämpfe, bleibt es dabei: Gott arbeitet nicht mit einem Bagger, sondern mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel. Er kommt langsam, aber stetig voran.
Der Kaffee ist kalt geworden. Ich sitze immer noch an diesem Tisch. Gebaut von einem Mann, der nach dem ersten Kentern nicht aufgab, mit Restscherben belegt, die sich zusammenfügen.
Als meine Nachbarin mich besuchte, meinte sie augenzwinkernd „Den Tisch brauchst du doch nicht mehr?“ Doch, ich brauche ihn. Den gebe ich nicht her. Er ist ein Unikat. Wie ich!

Tisch

Umwege

Als ich vor kurzem im Reisebüro meinen Urlaub buchen wollte, bot der Reiseveranstalter mir folgende Variante für den Rückflug an: Mallorca → München, München → Rhodos; Rhodos → Hamburg.
Der Mitarbeiter vom Reisebüro starrte auf seinen Monitor und murmelte „Das ist nicht euer Ernst!“ Auch ich feixte. So etwas kann einfach nicht ernst gemeint sein.
Gott meint es sehr wohl ernst! Umwege sind seine Spezialität. Josef kam erst ins Gefängnis, ehe er Wesir Ägyptens wurde. Israel wanderte 40 Jahre lang durch die Wüste. Jona wurde erst von einem Fisch verschluckt, bevor er nach Ninive ging.

Ich mag keine Umwege. Mein Navi soll gefälligst die kürzeste Route berechnen und nicht die schönste. Doch die Umwege, die Gott mit uns geht, lassen uns lernen. Gott ist daran interessiert, dass wir etwas lernen, nicht, dass wir schnell ans Ziel kommen. Umwege sind für ihn keine vertane Zeit. Bei allen drei oben erwähnten Umwegen ging es darum, dass diejenigen, die sie gehen mussten – Josef, Jona und das Volk Israel, es lernen, Gott zu vertrauen. Es ist eine schwierige Lektion! „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ sagt man leicht dahin. Ich würde gern alles „unter Kontrolle“ haben. Immer wieder komme ich an den Punkt, an dem ich merke, dass ich nichts in der Hand habe. Daran kann ich verzweifeln oder – Gott vertrauen. Manchmal sind dafür Umwege nötig. Gott lässt nicht nur diese Umwege zu, er geht sie auch mit uns. Schritt für Schritt. Bis wir am eigentlichen Ziel sind. Das Ziel, das Gott von Anfang an für uns vorgesehen hat, ihm zu vertrauen.

Ich habe den Urlaub übrigens gebucht, nachdem mir für die Rückreise ein anderer Flug angeboten wurde. Direktflug selbstverständlich!

Hier ein Input aus meinem Archiv. D. h. schon älter, aber immer noch aktuell.

Der weiße Faden

 In einem Nähkästchen lag einst ein weißer Faden. Dieser Faden dachte darüber nach, wofür wohl die Frau, die ihn gekauft hatte, verwenden würde. Vielleicht für ein Abendkleid? O, wie würden die Leute den Faden bewundern! „Einen schönen Faden hast du dir zum Nähen ausgesucht!“ würden sie sagen. So dachte der Faden.

Eines Tages wurde der Faden aus dem Nähkästchen herausgeholt. Der Faden wurde in eine Nadel eingefädelt. „Was machst du mit mir?“ fragte er die Frau. „Ich nähe einen Knopf an.“ sagte sie „Ich brauche die Jacke dringend, ich habe einen wichtigen Termin, da darf ich nicht unordentlich aussehen.“ Mit diesen Worten legte sie den Faden in das Nähkästchen zurück.

Lange musste der Faden darüber nachdenken. Zugegeben, er war ganz schön enttäuscht, hatte er sich das ganz anders vorgestellt. Doch langsam begriff er, dass es für die Frau wichtig war, dass sie mit ihm den Knopf annähen konnte. Das Abendkleid hätte ihr in diesem Moment gar nichts genutzt. Wie die Frau den Faden am besten gebrauchen kann, weiß sie am besten. Es geht nicht darum, wie er, der Faden, am besten zur Geltung käme, sondern, wie er der Frau am besten von Nutzen sein könnte.

Nach langer Zeit nahm die Frau wieder den Faden heraus. Erstaunt stellte er fest, dass er in eine Nähmaschine gespannt wurde. Unter ihm lag ein schöner weißer Stoff. „Was ist das?“ staunte der Faden. „Das wird mein Brautkleid.“ sagte die Frau „Und dich brauche ich zum Nähen.“ Der Faden wusste, dass keiner ihn, sondern jeder die Frau loben würde. Doch das reichte ihm vollkommen.

 

Orangensaft

Eines Morgens goss ich mir ein Glas Orangensaft ein. Nachdem ich einen Schluck davon gekostet habe, dachte ich im ersten Moment „Leckere Brause!“. Dann fiel mir auf, dass der Saft gegoren war. Ich war in Gedanken, deswegen schüttete ich nur das Glas aus.

Am nächsten Morgen machte ich mir wieder Frühstück und wieder stellte ich mir ein Glas Orangensaft hin. Ich bemerkte erneut, dass der Saft gegoren ist. Diesmal schmiss ich gleich die ganze Packung aus dem Kühlschrank weg. Dann holte ich eine neue Saftflasche aus der Kammer und stellte sie in den Kühlschrank.

Sünde ist wie gegorener Orangensaft. Sie tut mir nicht gut, doch ich halte sie für etwas Gutes. Ich tue sie immer wieder, weil ich mir davon etwas verspreche: Erfolg, Anerkennung und andere, vermeintlich erstrebenswerte Dinge. Ich merke es schon nicht mal mehr. Wenn ich es doch erkenne, dann rede ich es mir schön: „Eine kleine Notlüge ist doch nicht schlimm und neidisch sind wir doch alle mal.“ Aber ich sehe nicht, was Sünde mit mir tut. Was gegorener Orangensaft meinem Körper antut, muss ich nicht weiter ausführen. Keiner würde auf die Idee kommen, jeden Tag verdorbenen Saft zu trinken. Beim Thema Sünde jedoch bin ich nicht so konsequent. Doch aus einer Notlüge können leicht mehrere werden und nach einiger Zeit ist das Lügen eine Charaktereigenschaft. Sünde ist nicht „ein verzeihbarer Fehler“. Sie trennt mich von Gott.

Gott vergibt mir meine Schuld, wenn ich ihn darum bitte. Doch kann er so viel mehr für mich tun. Wenn ich aus eigener Kraft versuche nicht mehr zu sündigen, dann schütte ich nur das Glas aus. Wenn ich aber Gott bitte, mich so zu verändern, dass ich nicht mehr sündige, dann schüttet er die gesamte Packung aus und stellt eine neue Flasche in den Kühlschrank.

„Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (Philipper 2, 13, revidierte Luther-Übersetzung von 1984)