Einen Tag lang Gott sein

Es war einst ein Mann, der hatte einen großen Traum: Er wollte einen Tag lang Gott sein. Er fand, das wäre ein bescheidenes Anliegen. Gott gab bzw. gibt es ewig. Da könne ein Tag, an dem er nicht Gott wäre, nicht schaden. Er wollte auch nicht Gott die Ehre nehmen. Er wollte einfach nur einen Tag lang Gott sein! Er wollte ja nicht nur zu seinem Vorteil handeln. Klar, ein teures Auto würde am Ende des Tages schon in seiner Garage stehen. Aber sonst würde er sich für die Welt einsetzen. Vielleicht könnte er ja verhindern, dass Hitler geboren wird oder er würde den Ausgang einer wichtigen Wahl ändern oder er würde dafür sorgen, dass John Lennon an Altersschwäche stirbt oder Tesla würde mehr Anerkennung für seine Erfindungen bekommen und Edison wäre nur eine Randnotiz der Geschichte. Ach, es würde ihm schon etwas einfallen. Auf jeden Fall würde er die Welt ein bisschen besser machen.

So malte er sich immer mehr Dinge aus, die er täte, wenn er einen Tag lang Gott wäre.

Eines Tages stand er Gott gegenüber. Nachdem der Mann verstanden hatte, dass er mit Gott spricht, erzählte er von seinem Wunsch, einen Tag lang Gott sein zu dürfen. Gott schaute ihn lange an, nickte dann knapp und sagte „Ok. Das bekommst du!“ Der Mann war sehr erstaunt darüber. Er hatte mit allen möglichen Reaktionen gerechnet, aber nicht damit, dass ihm dieser Wunsch erfüllt würde. Er wollte gerade überlegen, wie er sich darauf vorbereiten könne, da merkte er, wie seine Beine weggerissen wurden. Es fühlte sich so an, als würde er durch Raum und Zeit fallen. Nach einer Weile berührten seine Füße wieder den Boden. Er stand barfuß auf Sand. Irgendetwas war auf seinem Kopf und es stach sehr. Seine Hände waren an etwas gefesselt. Raue Männerstimmen lachten über ihn. Jemand spuckte ihm ins Gesicht.  

Ehe er überhaupt verstand, wo er ist, spürte er einen brennenden Schmerz auf dem Rücken. Er schrie auf. Er hörte ein zischendes Geräusch, dann knallte der nächste Peitschenhieb auf seinem Rücken. Er öffnete vorsichtig die Augen. Er war an einen Pfahl gefesselt und links und rechts davon standen Soldaten. Auch hinter ihm schienen noch einige zu sein. Jetzt kam einer auf ihn zu und schlug ihn ins Gesicht. Hohnlachend sagte er etwas zu ihm. Ein erneuter Peitschenschlag traf ihn. Wieder schrie er auf. Er schnappte nach Luft. Da kam wieder das Geräusch, das einen weiteren Hieb ankündigte. Er hörte es wieder und wieder. Er schien nur noch aus Schmerz zu bestehen.

Schreiend wachte er auf. Sein Herz raste. Lange dachte er über seinen Traum nach.

Gott wollte er sein. Doch Gott wurde Mensch. Er erlebte Schmerz, Hohn und Folter. Er starb, unschuldig zum Tode verurteilt. Er, dem alle Ehre zusteht, hat darauf verzichtet. Hat nicht die Reiche dieser Welt beansprucht, hat sich nicht von Engeln tragen lassen. Stattdessen ritt er auf einem Esel.

Ein Gott, der sich selbst erniedrigte, sich verwunden ließ. Ein Gott, der schwieg, als er sich hätte verteidigen können.

Er ist der Gott der Abgelehnten, ein Gott, derer, die nicht dazugehören, ein Gott, der Unverstandenen, derjenigen, denen etwas unterstellt wird.

Er ist der Gott, der tröstet, der tiefe seelische Wunden heilt, der die annimmt, die sonst nicht „mitspielen“ dürfen.

Er ist mein Gott!

Amen.  

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