Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Theres von Lisieux

Ich beschäftigte mich weiterhin mit christlicher Mystik. Auf der Suche nach neuem „Futter“ kaufte ich eine CD – Reihe von Dr. Johannes Hartl zu diesem Thema. Auf einer Rückfahrt mit dem Auto hörte ich sie mir an. Er sprach auch von Mystikerinnen. Unter anderem auch von Therese von Lisieux. Ich war und bin von dieser Frau zutiefst beeindruckt. Wow! Diese Hingabe an Gott! Mit ihrer kindlichen Weisheit brachte sie mich zum Nachdenken. Mir war, als würde jemand in meiner Seele eine Saite zum Klingen bringen. Eine Saite, die längst verstummt war.

Ich erinnere mich noch an die Karfreitage in meiner Kindheit. Obwohl in unserer Familie der christliche Glaube kaum eine Rolle spielte, sahen meine Mutter und ich regelmäßig im Westfernsehen den Jesus-Film an. Anschließend tagträumte ich davon, dass ich Maria oder eine andere Frau bin und Jesus nachfolge. Als Kind spürte ich eine Sehnsucht in mir, die bis heute nicht richtig greifbar für mich ist.

Ich war so berührt, dass ich nicht weiterfahren konnte. So hielt ich auf dem nächsten Rastplatz. Es war einer mit einer Autobahnkirche. Ich musste erst einmal über die Brücke auf den gegenüberliegenden Rastplatz. Doch das war mir egal. Endlich stand in der kleinen Kapelle, die liebevoll von einer katholischen Gemeinde betreut wurde. Es lag ein Gästebuch aus. Ich schrieb meinen Dank an Gott nieder, meine Gefühle für Ihn, mein Staunen darüber, dass Er mich liebevoll führt. Ich schrieb eine ganze A4-Seite voll. Erst dann konnte ich weiterfahren.

Fast zeitgleich bestellte ich die CD „In exile“ von Michael Patrick Kelly. Da sprach mich „rain of roses“ an. Es ist manchmal so, dass ich von mehreren Seiten angestoßen werde, mich mit einem Thema zu beschäftigen. So auch hier. Also bestellte ich die Autobiographie von und ein weiteres Buch über Therese von Lisieux.

Nachdem ich mich an die oft kitschig wirkende Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts gewöhnt habe, zogen mich ihre Weisheiten in den Bann. Das Buch hat in mir diese Sehnsucht meiner Kindheit nicht nur geweckt, sondern vergrößert. Manchmal ist diese Sehnsucht, mich Christus vorbehaltlos hinzugeben, so groß, dass ich es kaum aushalte.

Ich schrieb oben davon, dass Michael Patrick etwas ausstrahlt, was ich auch haben möchte. Jetzt ahne ich zumindest, was dieses „etwas“ ist: Es ist die Hingabe an den barmherzigen liebenden Gott, an einen Gott, der die Liebe selbst ist.

Die Oxymora im christlichen Glauben

Während meines Studiums suchte ich mir die Germanistik als zweites Hauptfach aus. U. a. schrieb ich eine Hausarbeit über ein Oxymoron, das im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg vorkommt. Ein Oxymoron ist ein Widerspruch in sich wie z. B. in „ein alter Knabe“ oder „der arme Reiche“. Ich weiß nicht mehr, zu welcher Schlussfolgerung ich gekommen bin, aber seitdem ist „Oxymoron“ mein Lieblingswort.

Gleich mehrere Widersprüche entdecke ich in der Art und Weise, wie Gott mit mir umgeht, um meine seelischen Wunden zu heilen.

Ich wurde von Johannes, so mein Empfinden, oft beschämt, beleidigt und gedemütigt. Auch wurde mir ständig gesagt, dass ich nicht würdig sei und mir wurde der Zutritt zu den „Handverlesenen“, den Besonderen verwehrt.

Jeder Mensch würde nach einer derartigen Unterdrückung sich scheuen, sich irgendjemanden unterzuordnen. Jede Forderung nach Anpassung und Anerkennung von Autorität würde sofort zurückgewiesen werden. Nicht selten erlebe ich Menschen, die aufgrund von erlebten Verletzungen selbst sich anderen gegenüber verletzend verhalten. Oft begleitet von dem Satz „Jetzt bin ich dran!“

Gott hat in Seiner Gnade mich zu Ihm hingezogen. Ich spüre die Sehnsucht in mir, mich Ihm hinzugeben! Ich spüre das Verlangen, all das zu tun, was Ihm Freude macht. Ich möchte mich Ihm unterordnen.

Für jemanden, der noch nicht verstanden hat, wie großartig Gottes Liebe für jeden Einzelnen ist, klingt das sicher absurd. Aber für mich macht das Sinn!

Für mich hat die Vorstellung, komplett abhängig von Gott zu sein, etwas Tröstendes. Mich Ihm zu überlassen, scheint mich genau vor dem zu bewahren, was meine zweitgrößte Angst ist: wieder an einen Menschen zu geraten, der mich abhängig von ihm macht.

Beim Reflektieren darüber, dass mein Bedürfnis nicht erfüllt wurde, zu einem besonderen Kreis zu gehören, komme ich zu dem Schluss, dass es besser ist, Gott zu bitten, mir dieses Verlangen zu nehmen. Lieber möchte ich nicht zu einem internen Kreis gehören, als mich Menschen anzupassen und dadurch von Christus weg zu kommen.

Es gibt noch andere Widersprüche, die ich erlebe. In letzter Zeit erlebe ich es öfter, dass mir meine eigenen Schwächen und Fehler bewusst werden. Manchmal erschrecke ich über meine eigenen Gedanken. Ich möchte sie loswerden, mich ändern. Ausgerechnet dann wird mir bewusst, dass ich schon ein bisschen geheilt bin. Als ich noch mitten im Missbrauch steckte, war ich ständig im Verteidigungsmodus. Ich konnte es nicht ertragen, dass ich kritisiert wurde. Unabhängig davon, ob gerechtfertigt oder nicht. Zum Schluss war ich so wund, dass ich nur noch in Deckung gegangen bin.

Jetzt, da ich mich von Gott geliebt weiß, kann ich es ertragen, die Wahrheit über mich zu erkennen. Ich schaue in meinen Abgrund und halte mich dabei an Gottes Hand fest. Er zeigt mir, dass er all das längst gewusst hat und mich trotz all dem liebt. Sein bedingungsloses ‚Ja!‘ zu mir, hilft mir, auch zu den unschönen Seiten von mir ‚Ja‘ zu sagen. ‚Ja, das bin ich auch!‘

Ich kann und mag an dieser Stelle nicht erklären, was mir passiert ist. Manchmal fühle ich mich auch überfordert. Doch seitdem Gott an mir handelt, spüre ich, dass mein Leben in eine richtige Richtung geht.

Folgen

Manchmal denke ich, dass ich diesen Missbrauch erfolgreich überwunden habe. Dann wieder gibt es Situationen, in denen ich genau merke, dass die eine oder andere Wunde noch Heilung braucht. Wenn ich z. B. mich für Dinge entschuldige, für die objektiv betrachtet, keine Entschuldigung notwendig wäre oder ich versuche mich zu rechtfertigen oder ich versuche jemanden zu besänftigen mit einem „Alles ist gut!“, weil ich nicht möchte, dass man mich für zickig hält oder ich erwische mich, dass ich eine halbe Stunde vor einer einfachen E-Mail sitze, weil ich Bedenken habe, dass man diese oder jene Formulierung falsch verstehen könnte, in solchen Situationen wird mir bewusst, dass ich noch Alt-Lasten mit mir rumschleppe.

Pastoren, Prediger und Gemeindeleiter bekommen von mir keine Vorschusslorbeeren mehr. Ich habe Respekt vor ihnen, weil sie Menschen sind. Aber ich räume ihnen keine besondere Achtung mehr ein. Freikirchler sind mir immer noch suspekt.

Ich bin auch wieder in einer Gemeinde unterwegs und komme gut mit den dort angestellten Pastoren und dem Prädikanten (Laienprediger in der evangelischen Landeskirche) klar.

Nachdem ich so viele Konflikte erlebt habe und es wegen mir so viele „klärende Gespräche“ gab, war ich überzeugt davon, ein schlechter Mensch zu sein.

Doch war ich sehr verwundert, als ich bemerkte, wie Menschen außerhalb freier Gemeinden auf mich reagieren. Sie hören mir zu, fragen mich um Rat. Ich werde eingeladen. Freunde und Bekannte wollen sich mit mir treffen.

Wenn ich Menschen treffe, die nicht gut mit mir umgehen, dann merke ich nach kurzer Zeit, dass sie generell mit anderen so umgehen.

Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass ich nicht nur geistlichen Missbrauch, sondern auch Mobbing erlebt habe. Solch eine schlimme Behandlung ist mir, nachdem ich den Kontakt zu freien Gemeinden weitestgehend eingeschränkt habe, nicht mehr passiert. Es lehnen mich Menschen auch außerhalb von Gemeinden ab. Aber nur vereinzelt, nicht so extrem und vor allem nur vorübergehend.

Ich bin sicher nicht diejenige, die alles richtig macht. Auch ich habe meine Fehler und Macken. Doch lasse ich mir einfach nicht mehr einreden, dass mich keiner mag und ich ständig jemanden brauche, der mich an die Hand nimmt. Ich kann gut für mich selber sorgen. Es fällt mir zwar noch schwer, doch übe ich mich darin, mich nicht darum zu kümmern, was andere denken könnten.

Meine Erlebnisse mit dem Pastor haben noch andere Folgen: Weil ich genau weiß, wie sich Ablehnung anfühlt, möchte ich liebevoller mit Menschen umgehen. Es hat jeder verdient, (auch Pastoren) gut behandelt zu werden. Ich möchte meinen Schmerz nicht weiter reichen, sondern die Liebe, die ich von Gott erfahren habe.

Wer kennt sie nicht, all die Facebook-Sprüche alá „Höre auf, für Menschen über Ozeane zu schwimmen, die noch nicht einmal für dich über Pfützen springen!“ In der ersten Zeit nach meinem Gemeindeaustritt habe ich sie gelikt und sogar geteilt. Heute sehe ich das anders. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu befinden, ob ein Mensch es wert ist, dass ich etwas für ihn tue oder nicht. Die Rechnung „Wie du mir, so ich dir!“ möchte ich nicht aufmachen. Sicher, es ist wichtig Grenzen zu setzen. Ich muss für mich sorgen. – Und doch möchte ich mein Handeln an Menschen nicht davon abhängig machen, wie sie mich behandeln. Ich möchte freundlich sein, weil Christus zu mir freundlich ist, mich an andere verschenken, weil Christus sich an mich verschenkt hat. Ich möchte nicht gegenrechnen, ob der andere mir etwas zurückgeben kann. Ich selbst stehe Gott gegenüber mit leeren Händen da.

Ich fühle mich Gott gegenüber wie ein reich beschenktes Kind. Ein Weihnachtszimmer voller Geschenke – und während ich noch grüble, welche anderen Kinder denn noch kommen, wird mir plötzlich bewusst, dass alle Geschenke für mich sind! Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein Bild zu malen und selbst Buntstifte und Papier lagen eingepackt unterm Tannenbaum. – Wie kann ich da noch danach fragen, ob jemand für mich über Pfützen springt? „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken; so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt und der Herr wird es dir vergelten.“ heißt es in Sprüche 25, 21 – 22. Mag sein, dass derjenige die Kohlen nicht einmal spürt, aber Gott sieht es. 

Ich habe Ideen für Projekte, die ich umsetzen werde. Das werden aber meine privaten Projekte sein. Ich werde keinen Pastor fragen, ob ich meinen Glauben praktizieren darf, indem ich mich um andere Menschen kümmere.

Ich habe zwanzig Wochen allein in einer Gemeinde gebetet und damit einem Machtmenschen einen Gebetskreis abgetrotzt. Er hat ihn mir kurze Zeit später wieder weggenommen, aber dieser kleine Sieg war meiner! So lasse ich mir auch nicht mehr meine Projekte aus der Hand nehmen!  

Lehren

Wie bereits am Anfang erwähnt, ist mir inzwischen bewusst, dass ich in der Gefahr stehe, mich von Menschen abhängig zu machen bzw. es von ihnen zu werden. Mir hilft hier Selbstreflexion. Zum einen, indem ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich durchaus in der Lage meine eigenen Probleme und Herausforderungen zu lösen. Ich brauche keinen Seelsorger oder jemanden, der mich coacht. Ich rede hier von ständiger Hilfe in normalen Herausforderungen. In Krisenzeiten ist es sicher eine gute Idee, sich helfen zu lassen. Doch Krisen sind nicht immer.

Zum anderen indem ich nicht auf innere Zweifel höre. Damit meine ich jenes Hinterfragen bei Kleinigkeiten. Das passiert mir öfter: Ich hinterfrage normale Dinge, wie z. B. jemanden etwas über mich preisgeben oder mutig eine Entscheidung bekannt geben. Dann drehen sich meine Gedanken im Kreis „Er/ sie wird mich auslachen! Damit habe ich ihn/ sie verletzt und sie/ er wird nicht mehr mit mir reden!“ Dann sage ich „Stopp!“ und erinnere mich daran, dass es die Pflicht es anderen ist, Grenzen zu setzen bzw. mir zu sagen, wenn ich ihn verletzt habe. Oft genug erlebe ich, dass diese Sorgen unbegründet waren.

Eine weitere Lehre für mich ist, dass ich bewusst und unbewusst Menschen überprüfe. Ich beobachte sie genau. Dabei achte ich darauf, wie sie mit anderen Menschen und mit mir umgehen. Wenn ich bemerke, dass sie andere bloßstellen oder sich über sie lustig machen, sind sie bei mir unten durch. Sie können noch so schöne Worte reden, von noch so vielen angehimmelt werden, ich höre ihnen nicht zu.

So steht es schon in der Bibel „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind!… So bringt jeder Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte.“ (Matth. 7, 15+17).

Wenn jemand bescheiden ist, dann ist er es in jeder Situation. Ich kann vorübergehend so tun, als wäre ich bescheiden, aber auf die Dauer wird mir diese Maske zu anstrengend. Es nützt nichts, wenn ein Leiter fast beiläufig erwähnt, dass er ja selbstverständlich die Gemeinde auch putzt und er kurze Zeit später einen Raum betritt und dann sofort das Gespräch an sich reißt.

Jetzt, da ich mich durch und durch von Gott geliebt fühle, kann ich mich mit meinen Ecken und Kanten annehmen. Ich wollte mein Leben lang zu irgendwem oder irgendwas dazugehören, wollte „normal“ sein. Jetzt weiß ich, dass „normal“ nicht mein Ding ist. Normal ist langweilig.

Ich bin laut, nicht leise. Ich bin bunt, nicht farblos. Wenn ich mich freue, klopfe ich mir auch mal auf die Schenkel. Ich kann mutig und schüchtern sein. Ich werde zur Löwin, wenn du meine Leute angreifst. Wer zu meinen Leuten gehört, entscheide ich! Wenn ich spüre, dass es dir schlecht geht, dann bin ich da. Ich biete dir meine Schulter. Dann kann ich auch leise sein. Leise, weil Phrasen dreschen nicht meins ist. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, alleine im Dunkel zu steh‘n.

Angekommen

Ich parke mein Auto und steige aus. Während ich mein Gepäck aus dem Kofferraum hole und Richtung Burg stapfe, male ich mir die Erlebnisse der kommenden Tage aus. Ich habe das Monsterpaket gebucht: Vier Tage bis einschließlich 2. Januar, plus T-Shirt! Auf dem Programm stehen spannende Workshops und Seminare: Die olympischen Götter und Sprechtraining, Schrumpfköpfe basteln und Steak- und Whiskeyverkostung, um nur einige zu nennen, dazu ein großer Tisch, der bis zum Bersten mit Brettspielen beladen ist. In der „Hall of games“ finden sich immer Leute, die zu einer Spielrunde bereit sind. Silvester selbst wird „dinner for one“ live aufgeführt werden. Ich verbringe den Jahreswechsel mit meinen Leuten, mit Menschen also, die wissen, dass HdR für „Herr der Ringe“ steht, den Unterschied zwischen Star Trek und Star Wars kennen und sonst auch ähnlich verrückt ticken, wie ich. Das hier ist meine zweite Familie. Denn hier darf ich sein, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen. Oder, um es mit Goethe zu sagen „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“

Ich folge der Ausschilderung zum Check in und öffne die Tür. Ca. 12 Leute, die gerade Met verkosten, begrüßen mich mit lautem „Hallo!“. Sie freuen sich, mich zu sehen. Ich gehe durch den Raum zum Check in. Die Leute vom Orga-Team begrüßen mich genauso freudestrahlend. Der Teamchef hat mich bereits eingecheckt. Ich bekomme meine Zimmernummer und eine dicke Umarmung. Ich schließe die Augen, genieße den Moment. – Ja, ich bin angekommen!

Soli deo gloria! – Gott allein die Ehre!

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Rückzug

Doch habe ich nicht aus meinen Fehlern gelernt. Ich unternahm allen Ernstes einen weiteren Anlauf. Ich fand den Infozettel von einer kleinen Gemeinde und ich ging hin. Gleich beim ersten Besuch wurde mir das Aufnahmeformular in die Hand gedrückt. Beim zweiten Mal wurde es mir erneut angeboten. Schließlich fand ich mich mit dem Prediger auf dem Parkplatz wieder, der mir mit feuchter Aussprache erklärte, dass Frauen nicht predigen dürfen, es stände nun mal so in der Bibel. Stattdessen bot er mir mehrmals an, mit seinem Transporter etwas für mich zu transportieren.

Ich fuhr verärgert nach Hause. Ich hatte keinen Bedarf! Keinen Bedarf an Transporten mit dem Transporter und vor allem keinen Bedarf mehr mit Christen zu reden. Das war der Zeitpunkt, an dem ich die Reißleine zog! Ich wollte nie wieder etwas mit Christen zu tun haben. Nie, nie, nie, niemals, nie, neverever, niemals nicht mit ihnen zu tun haben! Ich wollte auch nicht mehr in irgendeinen Gottesdienst gehen! Mir war bewusst, dass „Nie wieder mit Christen zu tun haben!“ nicht umsetzbar wäre. Aber wenn es sich schon nicht der Kontakt zu ihnen vermeiden ließe, würde ich ihnen nicht mehr trauen. Ich würde sie immer skeptisch beäugen und würde ihnen, wenn irgend möglich, unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie mich am Mors kleien können!

Ich bemerkte bei mir, dass ich anfing zu verbittern. Ich schlug oft verbal um mich.

Ich bemerkte diese Verbitterung, konnte aber nichts dagegen tun. Es war mir bewusst, dass es eine gute Idee wäre, sich jemanden z. B. einem Seelsorger anzuvertrauen. Johannes war aber nicht nur mein Pastor, sondern auch mein Seelsorger. Er hatte jedoch in meinen Augen das Seelsorgegeheimnis gebrochen, indem er Dinge, die ich ihm während der Seelsorge erzählt habe, einfach ungefragt an andere weitererzählt hat. Deswegen konnte ich mich lange nicht auf einen Seelsorger o.ä. einlassen.

So machte ich mir Sorgen, wie ich diese Verletzungen ohne Seelsorge überwinden könnte.

 Doch ich hatte meine Rechnung ohne Gott gemacht!

Voice of Germany

Denn es passierte etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Ich guckte mir gern, als einzige Casting-Show, „The Voice of Germany“ an.

Da gab es einen neuen Coach, Michael Patrick Kelly. Alle kannten ihn – ich nicht. Der Hype um die Kelly-Family ist damals an mir vorübergegangen.

Ich beobachtete ihn während der Sendungen. ‚Aha, war 6 Jahre im Kloster.‘ Im Kloster ist heute gefühlt jeder zweite Manager. 

Bekennender Christ. – Bitte nicht! Nicht schon wieder so ein Typ, mit gewinnendem Lächeln, der sich offiziell Christ nennt und sich dann lieblos benimmt.

Aber dieser Mensch war irgendwie anders. Er strahlte irgendwas aus, etwas, was ich auch haben wollte.

 Ich wurde neugierig und fing an, mir Interviews mit ihm anzusehen. Nachdem ich so oft verletzt wurde von Menschen, die sich Christen nennen, suchte ich den Fehler. Denn nette Christen waren zu diesem Zeitpunkt ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, für mich. Menschen waren entweder nett oder Christen!

 Ich suchte den Haken, irgendetwas, was ihn verriet, etwas, das mir mein negatives Bild von Christen bestätigte. Ein Teil von mir fürchtete, dass ich etwas finden würde.

Doch egal welches Interview ich anklickte, er redete nicht schlecht über Menschen. Nicht einmal hat er über andere gelästert. Selbst, wenn der Moderator ihn dazu bringen wollte, hat er es nicht zugelassen. Im Laufe der Staffel gab es eine Situation, in der ich mich für eine Person fremdschämen wollte. Doch er hat dafür gesorgt, dass sie ihr Gesicht wahren konnte.

Ich fand keinen Haken und keinen Fehler. Ich fand nur einen Menschen, dessen Seele am tiefsten Punkt von Gott berührt wurde.

So bestellte ich seine neue CD „ID“. Das tat ich sonst nie. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich nur Klassik.

„So beautyful“ ein Worship-Song berührte mich sehr. Mir wurde klar, dass ich Gott anzubeten habe. Einfach, weil er Gott ist und er trotz allem immer noch gut ist. Ich fing an, ihn zu loben. Während ich betete, spürte ich, wie lange nicht mehr, seine Nähe.

Mir wurden Zusammenhänge klar, die ich lange nicht gesehen habe. Ich verstehe jetzt langsam, warum Gott all dies zugelassen hat. Ich habe mich von diesem Menschen abhängig gemacht bzw. abhängig machen lassen. Aber Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Er möchte an erster Stelle stehen.

Coram deo

Allerdings war ich zu der Zeit immer noch nicht bereit, in einen Gottesdienst zu gehen. Stattdessen fing ich an, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen. Das war mein zweiter Anlauf. Ich habe schon mal begonnen Meister Eckhardt zu lesen. Doch irgendwie scheint es auch auf dem spirituellen Weg einen richtigen Zeitpunkt zu geben. Wenn die Zeit noch nicht für etwas reif ist, dann bleibt man im Anfang hängen. Diesmal las ich weiter und begann fast automatisch mich mit Kontemplation zu beschäftigen. Das war eine neue Gebetsform für mich.

Kontemplation ist eine Art Meditation. Es gibt verschiedene Varianten. Es geht dabei darum, ruhig zu werden und auf Gott zu hören.

Intuitiv begann ich damit, mich jeden Tag auf den Boden zu legen und die Augen zu schließen. Ich versuchte, ruhig zu werden und mich auf Gott zu konzentrieren. Als ich das Gefühl hatte, dass es für heute reichte, machte ich die Augen wieder auf. Meist war eine halbe Stunde vergangen. Das tat mir unglaublich gut! Erst später kaufte ich mir Bücher über verschiedene Techniken.

So las ich nicht nur Meister Eckhardt, sondern auch Johannes vom Kreuz und Thomas Merton. Allerdings muss ich zugeben, dass ich oft die Bücher nicht zu Ende lese. Ich finde sie nur irgendwann ein wenig langweilig. Das geht mir öfter so. Wenn ich das Grundprinzip verstanden habe, dann bin ich schnell auf der Suche nach etwas Neuem. Hinzu kommt, dass ich evangelisch bin. Mir fehlt die „katholische Denkweise“. Das lässt sich nicht ohne weiteres aufholen.

Nichtdestotrotz fasziniert mich die christliche Mystik sehr. Hier fand ich etwas, was meinen Geist herausforderte! Nachdem mir jahrelang in Predigten um die Ohren gehauen wurde, dass die „geistig Armen selig sind!“, hatte ich nun endlich was, an dem ich mich abarbeiten konnte! Neue Zusammenhänge erschlossen sich mir. Für mich ging damit der Vorhang komplett auf und die ganze Welt war für mich!

Es passierte noch etwas Anderes. Ich kann es schlecht beschreiben. Die passenden Worte müssten noch erfunden werden. Ich hangele mich mal an meinen spärlichen Aufzeichnungen meines Stille-Zeit-Buches lang. Anfang 19 steht nur eine kurze Notiz: „Coram deo!“ (Unter dem Angesicht Gottes) Das ist die prägnante Zusammenfassung, was mir 19 passiert ist. Kürzer geht es nicht! Während meiner Gebetsübungen war mir oft so, als würde Gott mich betrachten. Gott mit seiner bedingungslosen Liebe betrachtet mich. Einfach so! Es kam mir so vor, als wäre ich das kleine schlafende Kind im Kinderbettchen und Gott ist der Vater, der in der Tür steht und liebend seinem Kind beim Schlafen zusieht.

Gott zog mich unwiderstehlich zu ihm hin. In Sci-Fi-Filmen wird oft ein Raumschiff mit einem Traktorstrahl zum Mutterschiff gezogen, damit es sicher dort andocken kann. Der Käpt’n ist nicht seiner Würde enthoben, aber er kann nichts machen. Die Steuerung ist ausgeschaltet. So fühlte ich mich von Gott gezogen. Ich konnte mich nicht wehren und wollte es auch nicht.

In dieser Zeit passierte es öfter, dass ich nach meiner Arbeit in mein Auto stieg und mir dann der Gedanke durch den Kopf schoss „Du bist geliebt!“. Jahrelang habe ich Predigten zu diesem Thema gehört. Ich hätte selbst eine dazu halten können. Mit dem Verstand habe ich es längst verstanden, doch in der Zeit verstand ich es zum ersten Mal mit meiner Seele, dass Gott mich liebt! Er liebt mich bedingungslos und leidenschaftlich!

In dem Jahr passierte es immer wieder, dass mein Verstand an seine Grenzen geführt wurde.

Plötzlich weiteten sich meine Denk- Grenzen. Ich wagte, neu und anders zu denken. Ich hinterfragte die gepredigten Wahrheiten. Nicht nur das, was Johannes gepredigt hat, sondern auch andere allgemeine Glaubensgrundsätze. Ich merkte, dass ich viel zu oft „Amen!“ gesagt habe. Fing an zu fragen, wo denn genau dieses oder jenes Dogma in der Bibel steht.

Irgendwie hat mich das ganze Jahr über eine Strophe aus meinem Lieblingsweihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ begleitet: „In Seine Lieb‘ versenken, möcht‘ ich mich ganz hinab. Mein Herz will ich Ihm schenken und alles, was ich hab‘!“

Gott hat mich auf wundersame Weise in Seine Liebe versenkt. Deswegen fällt es mir leicht, Ihm alles, nicht nur mein Herz zu schenken! Seine liebende Gegenwart bringt mich dazu! Coram deo. 

(Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Isolation

In Literatur über Machtmissbrauch wird oft erwähnt, dass Mitglieder isoliert werden. In extremen Fällen z. B. in Sekten haben sie gar keinen Kontakt mehr zu Außenstehenden. Zwar konnte Johannes mich nicht von meinem Freundeskreis isolieren, doch gelang es ihm, dass ich das Gefühl hatte, in der Gemeinde nicht akzeptiert zu sein. Es gab ja tatsächlich viel Gerede. Wenn er also betonte, dass andere keine gute Meinung über mich haben, dann musste ich ihm das glauben. So erlebte ich es, als ich mehrere Mitglieder zum Geburtstag eingeladen habe. Insgesamt zwölf haben zugesagt. Dementsprechend habe ich eingekauft. Doch während ich in der Küche stand, um das Essen vorzubereiten, klingelte immer wieder das Telefon und einer nach dem anderen sagte ab. Es waren fadenscheinige Gründe. Am Ende saßen zwei auf meiner Couch. Davon ein Gemeindemitglied und eine Freundin, die ich außerhalb der Gemeinde hatte.

Es war trotzdem eine schöne Geburtstagsfeier. Ich merke mir aber, dass ich Gemeindemitglieder nicht so schnell zu meinem Geburtstag einladen werde. Das tue ich mir nicht noch einmal an.

Eine weitere Bestätigung für meinen angeblich schlechten Stand in der Gemeinde waren Auseinandersetzungen, für die folgende als Beispiel dienen soll.

Einmal habe ich der Gemeinde eine Kaffeemaschine geliehen. Für ein Event reichte die, die in der Küche stand nicht aus. Als ich sie nach mehrmaligen Bitten endlich wieder bekam, war sie total verdreckt und die dazugehörige Thermoskanne kaputt. Ich bemängelte dies und wurde sofort angegriffen. Am Ende des „Vortrags“ fiel auch noch Satz „Musst dich nicht wundern, dass du alleine bleibst!“

Wieder gab es ein „klärendes Gespräch“ mit Johannes. Als ich das Mitglied auf besagten Satz ansprach, entschuldigte es sich wortreich. Das täte ihr ja so leid! – Wenn es so wäre, hätte sie sich längst ohne Beisein von Johannes entschuldigt.

Das alles war natürlich Wasser auf die Mühlen von Johannes.

Diese Auseinandersetzungen ließen mich denken, dass ich wirklich ein schwieriger Mensch bin und Johannes der Einzige ist, der zu mir steht.

Doch auch die allgemeine Frustration war nicht von der Hand zu weisen. Es gab kaum noch Eintritte, stattdessen viele Austritte. Oft genug fiel der Satz, dass nur noch die zum Gottesdienst kämen, die ein Amt, einen Dienst dort zu verrichten hätten. Ich war lange an seiner Seite, suchte die Schuld bei mir und anderen Mitgliedern. Hellhörig wurde ich, als ein Mitglied mal mir gegenüber äußerte „Psst! Die Wände haben Ohren!“ Bei mir kam plötzlich das DDR-Gefühl hoch. Mit DDR-Gefühl meine ich das Gefühl, nicht mehr offen sprechen zu können. Ich fing an zu umschreiben und packte den Subtext zwischen die Zeilen. Als mir das bewusst wurde, fragte ich mich, wohin ich geraten bin. Kann es sein, dass ich in einer Gemeinde, die ihren Sitz in einem demokratischen Land hat, nicht offen reden darf? Kann es angehen, dass ich meine Unzufriedenheit über offensichtliche Missstände nicht äußern darf, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen?

Eines Morgens stand ich in der Küche und machte mir Frühstück. Da traf mich eine Erkenntnis wie ein Schlag „Er nimmt dich auf den Arm!“ Plötzlich wusste ich, dass seine Beleidigungen, Beschuldigungen kein Versehen waren. Er meinte es auch nicht gut mit mir! Er hatte gar nicht vor, mir jemals die Anerkennung zu geben, die ich gebraucht hätte. Er wollte, so sagte mir mein Gefühl, mich mundtot machen, mich aus der Gemeinde haben.

Nachdem mir das klar war, überlegte ich den nächsten Schritt: Es war klar, dass ich diese Gemeinde verlassen musste. Ich hatte aber Skrupel. Ich konnte doch meine Leute nicht im Stich lassen! Doch schließlich siegte mein Überlebenswille und ich beschloss, auszutreten. Doch wollte ich nicht sang- und klanglos gehen. Ich überlegte, dass das, was gerade in der Gemeinde lief, bekannt werden müsse. Ich wollte den übergeordneten Pastor informieren. Dieser Gemeindeverbund ist so organisiert, dass jede einzelne Gemeinde zu einem übergeordneten Gremium mit einer Art „Bischof“ gehört. Ich ging davon aus, dass der „Bischof“ keine Ahnung hatte, was in der Ortsgemeinde genau ablief. So schrieb ich einen sechsseitigen Brief an ihn. Lange überlegte ich, änderte Formulierungen, ließ weg und beschrieb dafür andere Situationen. Immer wieder fragte ich mich, ob ich diesen Brief wirklich abschicken sollte. Schließlich bat ich Gott darum, mich daran zu hindern, wenn ich es nicht tun solle. Wenn ich eine lange Schlange vor der Post antreffen würde, würde ich ihn zerreißen. Es war kurz vor Weihnachten! Ich rechnete nicht damit, dass ich nur kurz warten müsse. Gott könne nicht wollen, dass ich meinen Pastor verriet! Ich betrat den Supermarkt mit der Poststelle und stockte: An der Post standen gerade einmal drei Leute an! Ich wiederhole: Es war kurz vor Weihnachten! Ich atmete tief durch und gab den Brief als Einschreiben ab. Sofort drehte ich mich um und ging die wenigen Schritte zum Blumenladen. Während ich noch die Blumen betrachtete, sagte die Verkäuferin zu mir – es waren gerade mal 2 Minuten vergangen – „Heute ist bei der Post wieder viel los!“ Ich drehte mich wieder um und sah eine Schlange, die gerade dabei war, sich aus dem Gebäude raus zu schlängeln! Ich wundere mich noch heute, woher plötzlich so viele Menschen herkamen!

Einige Zeit später erhielt ich die Antwort vom „Bischof“. Er habe meinen Brief erhalten. Da er mein Anliegen als gemeindeintern einschätze, habe er diesen direkt an den Ältestenkreis geschickt. Ich solle die Antwort von diesem abwarten. Ich war enttäuscht! Dieser Mann hat mich nicht einmal angesprochen, mit mir geredet, sondern gleich den Pastor über mich ausgefragt.

Ich musste nicht lange auf die Antwort von Johannes warten. Er rief mich an und sagte: „Es tut mir Leid – bedeutungsvolle Pause – es tut mir Leid, dass du mich so falsch verstanden hast!“ Mir blieb fast die Luft weg. Anschließend schlug er mir vor, dass wir uns an einem neutralen Ort treffen könnten. Er  möchte nicht über den Brief reden, aber wir könnten ja Smalltalk machen und versuchen, uns neu kennenzulernen.

Kein Kommentar!

Ich setzte also einen Brief auf, in dem ich meinen Austritt aus der Gemeinde erklärte. Kurze Zeit später bekam ich einen neuen Job in Norddeutschland und ich zog in mein geliebtes Bundesland zurück.

( Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Missbrauch – Ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Gebetskreis

Es gab einen kleinen Gebetskreis in der Gemeinde. Nachdem die Initiatorin aus der Gemeinde gegangen war, versuchte ich diesen wiederzubeleben.

Ich bat darum, die Leitung übernehmen zu dürfen. Johannes stellte eine Bedingung. Ich solle zunächst zehn Wochen in der Gemeinde alleine beten und dann zehn Wochen mit jemanden zu zweit beten. Um es kurz zu machen: Ich habe keinen gefunden, mit dem ich beten konnte. Ich habe zwanzig Wochen allein gebetet.

Als diese Wochen rum waren, herrschte mal wieder, wenn ich mich richtig erinnere, Funkstille zwischen Johannes und mir. Keine Ahnung, was ich diesmal angeblich angestellt hatte. Das war typisch für die „Beziehung“ zu Johannes: ein ständiger Wechsel zwischen Trost und Abstrafen. Mal war er der verständnisvolle Seelsorger, kurze Zeit später habe ich in seinen Augen etwas getan, was einen vorübergehenden Kontaktabbruch rechtfertigte. – Wenn ein Gemeindeleiter Kontaktabbruch als Mittel der Disziplinierung einsetzt oder auch nur damit droht, sollten sämtliche inneren Alarmanlagen schrillen!

Nachdem Johannes beschlossen hatte, mir wieder gnädig zu sein, gab es, mal wieder, ein „klärendes Gespräch“. Es lief nach Schema F ab: Ich sah seine Fehler ein, entschuldigte mich dafür und gelobte Besserung. Er nahm gnädig meine Entschuldigung an. Er gab selbst zu, dass er mir nicht zugetraut hätte, dass ich wirklich durchhalte. Er übertrug mir die Leitung für den längst nicht mehr vorhandenen Gebetskreis.

Das hielt mich nicht davon ab, mich für die Neugründung desselben einzusetzen. Ich bekniete Gemeindemitglieder, dabei zu sein. Ich stellte eine Box im Foyer für Gebetsanliegen auf. Ich wollte damit zeigen, dass dieser Kreis für die Mitglieder, für die Gemeinde da ist. Die Box wurde prompt missbraucht. Nach dem Adventsbasar baute ein Mitglied die nicht verkauften Adventsgestecke auf dem Tisch auf und deklarierte die Gebetsbox zur „Kasse des Vertrauens“. Auch verbal musste ich mir einiges gefallen lassen. Da wurde ich gefragt, ob ich denn wirklich den Saal blockieren müsse, ich könne doch auch in den Keller gehen. Johannes machte mir den Vorwurf, dass ich das nur mache, um vorne zu stehen. Ich frage mich bis heute, inwieweit jemand, der im Hintergrund betet, vorne steht.

Wenn ich Pech hatte, dann musste während dieser einen Stunde ausgerechnet das Dekoteam den Blumenschmuck für den Gottesdienst vorbereiten. Das wurde dann nicht etwa leise getan, sondern ohne Rücksicht auf die gerade stattfindende Gruppe. Ja, es gab zwischenzeitlich eine Gruppe. Zwei weitere Mitglieder haben sich gefunden. Ich legte den Termin so, dass beide konnten. Also fand der Kreis vormittags statt. Das wiederum wurde mir von anderen Mitgliedern zum Vorwurf gemacht. Ich könne doch nicht vormittags den Termin festlegen. Da könne man nicht. Es waren junge Mütter, die mir das vorwarfen. Ich habe aber bereits die Erfahrung gemacht, dass in dieser Gemeinde die Aussage „Ich habe Familie!“ die Standardausrede ist. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass Jesu Wort „Geht hin in alle Welt!“ ausschließlich an Singles gerichtet war.

Eine Stunde beten in der Woche – was ist das schon? Ich verbringe ganze Wochenenden mit Menschen oder Dingen, die mir wichtig sind. Die meisten Veranstaltungen dauern länger als eine Stunde. Ein Theaterstück hat nach anderthalb Stunden Pause. Ein Kinofilm dauert zwei Stunden, Tendenz steigend. Auf meiner Silvesterfreizeit habe ich mit Kumpels sechs Stunden lang ein Brettspiel gespielt und gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging.

Eine Stunde beten pro Woche – das war in dieser Gemeinde eine Stunde zu viel! Mein Gebetskreis war eine Totgeburt!

Er hätte es nicht bleiben müssen, wenn der Pastor und der Ältestenkreis hinter mir gestanden hätte. Egal, was ich vorschlug, es kam keine Unterstützung. Ich organisierte sogar Gebetsnächte. Dabei dachte ich, dass sozusagen schichtweise die ganze Nacht in und für die Gemeinde gebetet wird. Es kamen sogar Einige. Am meisten beeindruckte mich ein älteres Ehepaar, das lange mit mir aushielt. Ich ging um halb vier. Keiner vom Ältestenkreis schien sich dafür zu interessieren. Mir wurde noch vorgeworfen, dass ich vom Ältestenkreis zu viel erwarten würde. Ich habe nicht erwartet, dass jemand persönlich vorbei kommt, schließlich hatten fast alle Familie, aber eine zweizeilige WhatsApp alá „He, toll, dass du das machst, wir können leider nicht, wünschen aber allen Betern viel Kraft!“ wäre schon schön gewesen.

Ich ließ mich trotzdem nicht entmutigen.

Es gab mal wieder etwas zu bereden. Ich hatte etwas gegen den Ältestenkreis vorzubringen. Johannes meinte, es gäbe auch etwas mit mir zu besprechen und es würde noch jemand aus dem Ältestenkreis dabei sein. Das war bisher nicht der Fall! Bislang war es üblich, dass ich nur unter vier Augen mit ihm redete.

Doch diesmal brauchte Johannes einen Zeugen. Er teilte mir mit, dass er der Meinung sei, dass ich psychisch krank sei und dringend Therapie benötigte und außerdem hätte er mit Vielen aus der Gemeinde wegen mir telefoniert – gewichtige Pause – ich hätte viele Konflikte provoziert. Thomas nickte ernst. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass er zwar die Namen derer aufzählte, die er angerufen habe, aber nicht erwähnte, was sie gesagt haben. Dann passierte etwas, was regelmäßig bei Gesprächen passierte: es platzte jemand rein. Das lag aber nicht an der mangelnden Feinfühligkeit desjenigen, sondern daran, dass Johannes nie sein Türschild auf „rot“ also „Bitte nicht stören!“ drehte. Für Johannes war es wichtig, dass er jeder jederzeit unterbrechen konnte. Seitdem sind mir Leiter und Chefs, deren Tür jederzeit offen stehen, suspekt.

Johannes reagierte gelassen auf diese Unterbrechung, ich dagegen war verärgert und zeigte es auch. Derjenige entschuldigte sich und ging. Johannes rieb mir mein eben gezeigtes Verhalten unter die Nase. Das wäre ein gutes Beispiel für mein unangemessenes Verhalten! Genau das würde in der Gemeinde Probleme machen. Ich erbat mir Bedenkzeit wegen der Therapie. Allerdings wurde mir gesagt, dass man mir den Gebetskreis wegnehmen würde, wenn ich mich dagegen entscheiden würde. Außerdem sollte ich meine „Beziehungen in Ordnung bringen“, wenn ich weiterhin die Leitung haben wollte.

Erschrocken ging ich nach Hause. Ich war also eine Zicke! Eine ganz gemeine Frau, die sofort hoch ging, wenn ihr etwas nicht passte! Ich war eine, mit der keiner zu tun haben wollte!

Nach einigen Tagen erklärte ich mich bereit, eine Therapie zu beginnen. Auch telefonierte ich die Leute ab, mit denen ich meine Beziehungen klären wollte. Es kam mir aber etwas merkwürdig vor: Viele von denen, bei denen ich mich entschuldigte nahmen verwundert meine Entschuldigung an und erklärten, dass sie kein Problem mit mir hätten. Ich war aber inzwischen so verunsichert, dass ich eher glaubte, dass sie unehrlich zu mir seien.

Johannes lobte meinen Einsatz. Er schrieb mir, dass beim nächsten Treffen mit dem Ältestenkreis darüber gesprochen wird, ob man mir die Leitung vom Gebetskreis wegnimmt oder nicht. Ich war perplex. War nicht die Rede davon, dass man mir die Leitung lässt, wenn ich auf beide Bedingungen eingehe? Zwar war Thomas dabei, aber er war sein Zeuge. Er würde nicht gegen ihn aussagen.

Einige Tage später wurde mir per WhatsApp verkündet, dass man mir die Leitung des Gebetskreises und aller weiteren Ämter wegnimmt. Man wäre aber so gnädig, dass ich bei der nächsten Mitgliederversammlung so tun könne, als würde ich freiwillig zurücktreten.

Nachdem mir also der Gebetskreis, für den ich lange gekämpft habe, weggenommen wurde, kämpfte ich darum, ihn wieder zu bekommen! (Unnötig zu erwähnen, dass keiner diesem Gebetskreis hinterhertrauerte.) Ich redete oft mit Johannes darüber. Ich bat darum, mir irgendein Ziel zu geben, eine Bedingung zu nennen, die ich erfüllen könne, um ihn wieder zu bekommen. Ich merkte einfach nichts!

(Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Mißbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Das System

In vielen Büchern über geistlichen Missbrauch ist der Fokus allein auf den Täter. Es wird ausführlich beschrieben, wie der Machtmensch tickt, seine Spielchen usw. Was mir aber zu oft außer Acht gelassen wird, ist die Gemeinde selbst. Ein Machtmensch kann m. E. nur dann erfolgreich seine Position aufbauen und halten, wenn die Menschen um ihn herum in seinem Sinne funktionieren. Keine Spielchen ohne Mitspieler!

Doch in einer Gemeinde, in der viele Erwachsene erwachsen handeln, nur wenig hinter dem Rücken geredet wird, viele Mitglieder die Bibel gut kennen, kann ein Machtmensch nicht viel erreichen.

Mir geht es nicht darum, mit dem Finger auf einzelne Gemeindemitglieder zu zeigen. Ich schildere nur meine Beobachtungen.

In der Gesellschaft beobachte ich oft, dass Menschen nicht bereit sind, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Es scheint die Überzeugung zu überwiegen, dass der andere dafür zuständig ist, dass ich glücklich bin. Konflikte werden oft gescheut. Der Kontaktabbruch wird hier als Mittel der Wahl empfohlen. Das ist schon so weit verbreitet, dass es inzwischen ein eigenes Wort dafür gibt: „ghosting“ d. h. es verschwindet jemand aus deinem Leben, wie ein Geist.

Es ist natürlich klar, dass sich diese Vorstellungen vom Umgang miteinander auch in einer Gemeinde wiederfinden. Es wäre schön, wenn sich die Einstellung von Mitgliedern nach mehrjähriger Mitgliedschaft ändert.

Dazu kommt, dass viele Menschen, die es nicht gelernt haben, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, Orientierung bei einer Autorität suchen. Das kann je nach Situation der Chef, der Ausbilder, der ältere Freund oder sogar der Ehepartner sein. Wenn diese Autoritäten ein gesundes Selbstbewusstsein haben, werden sie dafür sorgen, dass keine Abhängigkeit entsteht.

Ich selbst bin nicht davor gefeit, abhängig von einem Menschen zu werden. Sonst würde es diesen Bericht nicht geben. Doch dadurch, dass es mir jetzt bewusst ist, kann ich auch besser damit umgehen. 

Nach meiner Beobachtung wird Menschen, zumindest in einigen Freikirchen gepredigt, dass sie sich dem Pastor unterordnen müssen. Ich rede hier von meinen persönlichen Erfahrungen. Es mag durchaus freie Gemeinden geben, in denen das anders ist.

Die so gezüchtete Pastorenhörigkeit ist der fruchtbare Boden für einen Machtmenschen.

Pastorenhörigkeit

Als Beispiel für die Hörigkeit möchte ich einen normalen E-Mail-Verkehr erwähnen, den ich mit einem anderen Mitglied hatte. Es ging um etwas Harmloses: Es fand zu der Zeit ein Glaubensgrundkurs, der von zwei Gemeinden durchgeführt wurde, in den Gemeinderäumen statt. Johannes war gerade im Urlaub. Ich war für das Aufwärmen bzw. Zubereitung des Essens zuständig. Eigentlich wollte ich direkt beim Kurs mitarbeiten, aber ich war mal wieder nicht „würdig“ genug. Ich gehörte eben nicht zu den „Handverlesenen“. Also kümmerte ich mich um das Essen. Die anderen Mitarbeiter planten einfach einen Abschlussgottesdienst, ohne sich vorher zu erkundigen, ob zu dem Termin der Saal überhaupt frei ist. Bei den vielen Mitarbeitern war ich die Einzige, die den Schlüssel für die Gemeinde hatte. Jetzt passierte mir genau das, was ich lange vermisst habe. Plötzlich erkannten die andere Pastorin meine Kompetenz. Sie bat mich, das Problem der entstandenen Terminüberschneidung zu lösen. Ich klärte das mit dem Leiter der Flüchtlingsgruppe via E-Mail. Wir einigten uns. Doch wunderte ich mich, warum ich regelmäßig eine automatische Antwort von Johannes bekam. Bis mir auffiel, dass der Leiter bei jeder E-Mail, die er geschrieben hat, Johannes in den CC gesetzt hatte. Bis heute verstehe ich das nicht. Es war eine harmlose Terminabsprache, trotzdem sah er es für nötig an, dass der Pastor nach seinem Urlaub darüber informiert wurde.

Übrigens geschah im Laufe des Abschlussgottesdienstes etwas Merkwürdiges: Mein Einsatz wurde anerkannt! Nachdem den anderen Mitarbeitern klar geworden ist, dass Aschenputtel nicht nur dafür sorgt, dass das Essen warm ist, sondern die Gemeinde aufgeschlossen, der Saal beheizt und vor allem nicht belegt ist, wurde Aschenputtel aus der Küche geholt und bekam als Dank einen Blumenstrauß.

Ein weiteres Beispiel für die Abhängigkeit etlicher Gemeindemitglieder von dem Pastor, zeigte mir eine Besprechung mit dem Seelsorgeteam. Es ging darum, dass nach dem Gottesdienst zwei Leute hinten bei der Technik stehen und für Leute beten sollten.

Als Fragen gestellt wurden, wurden ganze Horror-Szenarien entwickelt: Psychisch kranke Menschen bitten um Gebet und begehen anschließend Selbstmord oder rasten noch in der Gemeinde aus. Sämtliche Lösungsvorschläge lauteten: „Fragen wir Johannes!“ Da ich gerade „wach“ wurde, habe ich mich über diese Hilflosigkeit amüsiert. Es war mir da noch nicht klar, dass Johannes es wahrscheinlich genossen hat. Deswegen schlug ich ganz offenherzig vor, den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Außerdem wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass so etwas passieren würde.

(Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

(Heute beginne ich mit einem Zeugnis. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Warum ich das hier schreibe

„Wenn du nicht eingreifst, dann möchte ich nichts mehr mit dir zu tun haben! Wenn du das nicht ab kannst, dann war’s das jetzt! DENN ICH BRAUCHE EINEN STARKEN GOTT UND KEINEN SCHWACHEN!!!“ Ich sitze in meinem parkenden Auto und brülle meinen Gott an. Es ist mir egal, was zufällige Passanten über mich denken könnten. Mein Ruf ist sowieso ruiniert. Es ist verdammt nochmal mein Auto und mein Leben! Ich bin stinksauer auf Ihn. Stinksauer, weil Er zugelassen hat, dass ich wieder auf lieblose Menschen reingefallen bin. Nicht auf irgendwelche Menschen, sondern Menschen, die sich Christen schimpfen! Nicht nur, dass ich m. E. geistlichen Missbrauch erlebt habe, sondern auch, dass mir anschließend nicht geglaubt wurde, mein Leid nicht ernst genommen wurde, macht mir zu schaffen. Das alles rede ich mir von der Seele, Tränen der Wut rinnen mir über die Wange. Trotzig rede ich mich heiß. Würde ich nicht sitzen, würde ich mit dem Fuß aufstampfen. Ich werde aus dieser Krise wieder rauskommen, ob mit oder ohne Gott. Wenn Er nicht eingreift, dann muss ich es eben alleine schaffen. Aber dann soll Er auch nicht erwarten, dass ich noch an Ihn glaube. Das ist dann Sein Problem! So!!! – und Gott hörte zu… 

Das hier ist meine Geschichte. Ich schreibe das hier, weil ich Mut machen möchte. Mut zum eigenen Denken. Mut zum Mund aufmachen.

Ich schreibe, weil ich nicht schweigen möchte, nicht schweigen kann. Ich greife vor: Als ich nach meinen Erlebnissen in der freien Gemeinde, in der ich den geistlichen Missbrauch erlebt habe, einem anderen Pastor erzählte, riet er mir, dass ich anderen nicht davon erzählen sollte. Das würde ein schlechtes Licht auf mich werfen. – Nein, ich denke eher, es würde ein schlechtes Licht auf die Kirche werfen. Es ist der uralte Versuch, Opfer zum Schweigen zu bringen. Es soll vertuscht werden, dass es in christlichen Gemeinden möglich ist, dass jemand seine Macht missbrauchen kann, sei es als Pastor, Hauskreisleiter oder sonstiger Leiter.

Genau deswegen kann und will ich nicht schweigen! Es gibt inzwischen viele Ratgeber zum Thema geistlichen Missbrauch mit Beispielen aus der Praxis. Aber das hier ist meine Geschichte. Mir geht es nicht darum, Menschen an den Pranger zu stellen und mit dem Finger auf sie zu zeigen.

Doch möchte ich insgesamt vor Missständen in der Kirche warnen. Möchte mahnen „Schaut hin! Passt auf! Sagt nicht ungeprüft nach jeder Predigt ‚Amen‘ und vor allem: Lest selbst in der Bibel! Denkt selbst!“

Last but not least gibt es noch einen Grund, warum ich meine Geschichte aufschreibe. Ich möchte Gottes großartiges Handeln an mir bezeugen. Ich habe Leid erlebt. Aber ich erlebte und erlebe immer noch, wie Gott mich heilt. Ich bezeuge, dass Gott wunderbar in meinem Leben eingegriffen hat und Er großartig ist. Ich möchte Gott nichts wegnehmen. Es mag sein, dass ich in manchen Augen nach meiner Schilderung wie der größte Loser aussehe. Dann bin ich eben ein Loser. Aber ich bin ein von Gott geliebter Loser!  

Definition

Was ist geistlicher Missbrauch? Es gibt keine einheitliche Definition dafür.

Einig sind sich die Definitionen, dass bei geistlichem Missbrauch der Pastor oder ein anderer geistlicher Leiter z. B. Hauskreisleiter seine Autorität missbraucht, indem er Gemeindemitglieder manipuliert und kontrolliert. Er fordert Unterordnung ein und benutzt dafür ihm passende Bibelstellen. Die Folgen sind oft die Hörigkeit der unterdrückten Personen. Wenn diese den Missbrauch nicht bemerken, verlieren sie bzw. lernen sie nicht die Fähigkeit, zu hinterfragen und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Sie sind vom Täter abhängig. Oft genug wurden sie im Laufe der Zeit von anderen Menschen isoliert. So haben sie meist keinen, dem sie sich anvertrauen können. Selbst wenn es außerhalb dieser Beziehung noch jemanden gibt, so wurden sie vom Täter so manipuliert, dass das Hinterfragen des anderen als Angriff verstanden wird. Ihr Selbstbewusstsein ist dann kaum noch vorhanden.

Ich las eine Definition, der ich auf das Schärfste widerspreche: Da ist davon die Rede, dass die Täter in der Regel die ihnen anvertrauten Menschen ganz unabsichtlich missbrauchen. Es sind halt Machtmenschen und die sind sich der Folgen ihres Handelns nicht bewusst. – Ich widerspreche! Machtmenschen wissen in der Regel ganz genau, dass sie den anderen verletzen. Sie bemerken es, es ist ihnen aber egal!

Wer schon einmal mit einem Machtmenschen zu tun hatte, weiß, wovon ich rede. Solche Anmerkungen tragen nur noch dazu bei, dass die Taten der Täter verschleiert werden. Was wäre, wenn es um sexuellen Missbrauch ginge? Würde man da auch sagen „Der arme Pädophile kann nichts dafür. Er folgt bloß seinem Trieb!“?

Nun zu mir – was war passiert?

Ich bin vorübergehend aus meinem geliebten Bundesland weggezogen. Wegen eines Jobs. Ich dachte, dass dieser Umzug nach Süddeutschland eine gute Entscheidung ist.

Dort ging ich in eine freie Gemeinde. Der Pastor schien nett zu sein. – So dachte ich damals ahnungslos.

Die Gemeinde

Von außen betrachtet war es eine unauffällige, normale freie Gemeinde. Jeden Sonntag Gottesdienst, mit parallel laufendem Kindergottesdienst, ein paar Hauskreise und auch Gruppen, die sich sozial engagierten. So gab es eine Flüchtlingsarbeit, Hausaufgabenhilfe und sogar jemanden, der Jugendliche im Boxen trainierte. Irgendwie war es in der länger zurückliegenden Vergangenheit dazu gekommen, dass eine Gruppe Südamerikaner sich in diese Gemeinde eingegliedert hatte. Die Südamerikaner brachten sich in die Gemeinde ein, indem sie für sie kochte. Jeden Sonntag stellten sie kurzerhand nach dem Gottesdienst selbstgekochtes Mittagessen auf den Tisch. Das war immer sehr lecker.

Oberflächlich gesehen, war es eine Gemeinde, in der man sich hätte wohl fühlen können. Doch hinter den Kulissen sah es anders aus.

Es wurde viel und oft hinter dem Rücken geredet. Ich möchte mich nicht davon ausnehmen. Nun könnte man einwerfen, dass es wohl in jeder Firma, in jedem Verein vorkommt. Ich empfand aber das Ablästern als besonders schlimm. Lästern ist nie richtig, aber was in dieser Gemeinde passierte, ging meiner Ansicht nach über das normale Maß hinaus. Das führte dazu, dass zumindest ich mir nicht mehr sicher war, ob ich überhaupt jemanden an meiner Seite habe.

(Wird fortgesetzt.)

Einen Tag lang Gott sein

Es war einst ein Mann, der hatte einen großen Traum: Er wollte einen Tag lang Gott sein. Er fand, das wäre ein bescheidenes Anliegen. Gott gab bzw. gibt es ewig. Da könne ein Tag, an dem er nicht Gott wäre, nicht schaden. Er wollte auch nicht Gott die Ehre nehmen. Er wollte einfach nur einen Tag lang Gott sein! Er wollte ja nicht nur zu seinem Vorteil handeln. Klar, ein teures Auto würde am Ende des Tages schon in seiner Garage stehen. Aber sonst würde er sich für die Welt einsetzen. Vielleicht könnte er ja verhindern, dass Hitler geboren wird oder er würde den Ausgang einer wichtigen Wahl ändern oder er würde dafür sorgen, dass John Lennon an Altersschwäche stirbt oder Tesla würde mehr Anerkennung für seine Erfindungen bekommen und Edison wäre nur eine Randnotiz der Geschichte. Ach, es würde ihm schon etwas einfallen. Auf jeden Fall würde er die Welt ein bisschen besser machen.

So malte er sich immer mehr Dinge aus, die er täte, wenn er einen Tag lang Gott wäre.

Eines Tages stand er Gott gegenüber. Nachdem der Mann verstanden hatte, dass er mit Gott spricht, erzählte er von seinem Wunsch, einen Tag lang Gott sein zu dürfen. Gott schaute ihn lange an, nickte dann knapp und sagte „Ok. Das bekommst du!“ Der Mann war sehr erstaunt darüber. Er hatte mit allen möglichen Reaktionen gerechnet, aber nicht damit, dass ihm dieser Wunsch erfüllt würde. Er wollte gerade überlegen, wie er sich darauf vorbereiten könne, da merkte er, wie seine Beine weggerissen wurden. Es fühlte sich so an, als würde er durch Raum und Zeit fallen. Nach einer Weile berührten seine Füße wieder den Boden. Er stand barfuß auf Sand. Irgendetwas war auf seinem Kopf und es stach sehr. Seine Hände waren an etwas gefesselt. Raue Männerstimmen lachten über ihn. Jemand spuckte ihm ins Gesicht.  

Ehe er überhaupt verstand, wo er ist, spürte er einen brennenden Schmerz auf dem Rücken. Er schrie auf. Er hörte ein zischendes Geräusch, dann knallte der nächste Peitschenhieb auf seinem Rücken. Er öffnete vorsichtig die Augen. Er war an einen Pfahl gefesselt und links und rechts davon standen Soldaten. Auch hinter ihm schienen noch einige zu sein. Jetzt kam einer auf ihn zu und schlug ihn ins Gesicht. Hohnlachend sagte er etwas zu ihm. Ein erneuter Peitschenschlag traf ihn. Wieder schrie er auf. Er schnappte nach Luft. Da kam wieder das Geräusch, das einen weiteren Hieb ankündigte. Er hörte es wieder und wieder. Er schien nur noch aus Schmerz zu bestehen.

Schreiend wachte er auf. Sein Herz raste. Lange dachte er über seinen Traum nach.

Gott wollte er sein. Doch Gott wurde Mensch. Er erlebte Schmerz, Hohn und Folter. Er starb, unschuldig zum Tode verurteilt. Er, dem alle Ehre zusteht, hat darauf verzichtet. Hat nicht die Reiche dieser Welt beansprucht, hat sich nicht von Engeln tragen lassen. Stattdessen ritt er auf einem Esel.

Ein Gott, der sich selbst erniedrigte, sich verwunden ließ. Ein Gott, der schwieg, als er sich hätte verteidigen können.

Er ist der Gott der Abgelehnten, ein Gott, derer, die nicht dazugehören, ein Gott, der Unverstandenen, derjenigen, denen etwas unterstellt wird.

Er ist der Gott, der tröstet, der tiefe seelische Wunden heilt, der die annimmt, die sonst nicht „mitspielen“ dürfen.

Er ist mein Gott!

Amen.  

„Weil unsre Augen sie nicht seh’n.“

Er ist nur halb zu sehen...
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Manche Lieder sind geradezu prädestiniert, in bestimmten Stimmungen gesungen zu werden. Ein lauschiger Sommerabend, man sitzt noch gemütlich beisammen und einer fängt an zu singen – richtig: „Der Mond ist aufgegangen“.

Schon als Kind mochte ich das Lied. Besonders die dritte Strophe:

„Seht ihr den Mond dort stehen,

Er ist nur halb zu sehen

Und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht seh’n.“ (Matthias Claudius)

Die Strophe war ein kleiner Trost für mich. Denn irgendwie fühlte ich mich nicht richtig gesehen.

Heute denke ich manchmal auch, dass Viele nicht richtig gesehen werden. Meine Straßen-Kumpels zum Beispiel. Wenn ich mich mit ihnen unterhalte, dann frage ich sie manchmal um Rat. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Weisheit aus ihnen spricht. Oder Kinder. Wenn ich genauer hinschaue, kann ich oft die Einschätzungen von anderen Kursleitern nicht bestätigen. Das Kind, das kritisiert wird, wird häufig missverstanden. Oder Künstler. Sie werden gefeiert, aber dass sie sensibel und auch nur Menschen sind, wird selten gesehen.

Im (a)sozialen Netzwerk wird abgelästert, was das Zeug hält. Einer macht einen Fehler und viele urteilen darüber. Der Post wird auch ganz schnell geteilt. Ein Lob dagegen bekommt kaum Likes.

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7) heißt es in der Bibel. Gott sieht ins Herz. Gott übersieht nicht. Als Jesus unter dem Baum stand, in dem Zachäus saß, „blickte er auf und sah ihn…“ (Lukas 19,5).

Zachäus wollte eigentlich nur selbst sehen, aber nicht unbedingt gesehen werden.

Maria preist Gott dafür, „dass er angesehen hat die Niedrigkeit seiner Magd;“ (Lukas 1, 46)

Hagar, die von ihrem Herrn Abram weggelaufen ist, nennt Gott „Gott, der (mich) sieht“ (1. Mose 16, 13)

Es ist tröstlich zu wissen, dass mein Gott mich ganz sieht. Nicht nur halb, wie andere Menschen. Er sieht mich mit meinen Schönheiten, Träumen, Talenten, auch mit meinen Verletzungen, Ecken und negativen Gedanken. Während Menschen mir oft genug eine falsche Motivation unterstellen, sieht Gott, warum ich etwas wirklich tue.

Auch ich möchte sehen, wie der Mensch wirklich ist. Ich möchte mich daran erinnern, wie schmerzhaft es ist, nicht gesehen zu werden oder falsch gesehen zu werden.

Ich möchte jemanden nicht belachen, weil meine Augen die verborgene Seite nicht seh’n. Denn Gott sieht die Ungesehenen und liebt sie. So bin ich aufgerufen, das Ungesehene und Ungeliebte zu sehen und zu lieben.

Wenn ich nicht mit liebenden Augen sehen kann, dann möchte ich mit den Worten des Blinden bitten „Herr, dass ich sehend werde!“ (Lukas 18, 41)

Amen.

Die Angst als Waffe

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In der heutigen Zeit scheint die Angst allgegenwärtig zu sein. Menschen reagieren über, machen sich über andere lustig, nicht wenige werden aggressiv.

Doch war sie schon vor der Pandemie weit verbreitet. Wie oft höre ich den Satz „Ich habe Angst!“ Oft genug kommen dann gut gemeinte Ratschläge: Man solle in sich hineinhorchen, wovor man genau Angst habe und man solle seine Angst doch überwinden, sich ihr stellen… Schnell gesagt und schwer umgesetzt!

Als jemand zu mir sagte „Ich habe Angst vor dir!“ war ich verletzt. Ich ging in mich. Womit habe ich diese Angst ausgelöst? Was habe ich denn Angsteinflößendes getan? Als ich die Person darauf ansprach, stellte sich heraus, dass sie generell Angst vor Menschen hat. Dazu kam ein begeistertes auf die Schenkel-Klopfen, das sie zusammenzucken ließ. Hätte sie mir das nicht gleich sagen können? Sollte ich jetzt anfangen, auf Zehenspitzen zu schleichen? Mich zurücknehmen, damit sie keine Angst mehr hat?

Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht habe, beschloss ich, mich in diesem Punkt nicht zu ändern. Ich werde nicht leise werden, meine Psychomotorik reduzieren. Mir ist nämlich etwas aufgefallen: Sie benutzte ihre Angst als Waffe.

Sie erwartete, dass ich auf ihre Angst Rücksicht nehme, dass sie aber mich verletzen könnte, wenn sie mir sagt, dass sie Angst vor mir hat, kam ihr nicht in den Sinn.

Ich weiß sehr gut, was Angst ist. Ich versuche, mir Strategien auszudenken, damit meine Ängste mich nicht beherrschen. Doch manchmal helfen diese nicht. Vor kurzem merkte ich, dass ich an einem Punkt nicht weiterkam. Da fiel mir auf, dass ich mich an die Angst gewöhnt hatte. Sie war so fest in meinem Leben verankert, dass ich sie nicht mehr hinterfragte.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich selbst die Angst als Schutzschild benutzt habe. Sie war mein Schutzschild gegenüber Gott. Dieses Schild hinderte mich daran, einen weiteren Schritt im Vertrauen zu gehen. Was wäre, wenn ich die Angst losließe? Was hätte ich denn noch in der Hand? Erstaunt stellte ich fest: Nichts!

Wenn ich Gott jetzt vertraue, passiert vielleicht etwas Neues, etwas, was mich überrascht. Halte ich an meiner Angst fest, bleibt alles beim Alten.

Kaum war mir das bewusst, fiel es mir plötzlich leicht, die Angst an Gott zu abzugeben und Ihm mehr zu vertrauen.

Manchmal ist es nicht nur nötig, das Schwert fallen zu lassen, sondern auch das Schild. Denn dann kann Gott mich schützen. Ich werde mit dem Psalmisten beten können: „Du bist mein Schutz und mein Schild.“ (Psalm 119,114)

Amen.

„Ich krieg‘ das hin!“

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Vor ein paar Tagen habe ich einer Freundin beim Umzug geholfen. Um es kurz zu machen: Es war der chaotischste Umzug, bei dem ich dabei war. Keine ordentliche Sackkarre, keine Spanngurte, Transporter zuerst mit Kartons und Kleinkram beladen, die schweren Sachen standen noch draußen, halboffene Bananenkisten…

Die Freundin hatte keine Erfahrung beim Umziehen. Sie hat aber auch keinen um Tipps gebeten. Als sie mit mir über den Umzug sprach, kam nur der Satz „Ich krieg‘ das hin!“

Ein Verwandter hat ein Haus gekauft. Später stellte sich heraus, dass er zuviel bezahlt hat. Er hat keinen vorher um Rat gefragt.

Eine Bekannte erzählt mir so nebenbei, dass sie sich hat scheiden lassen. Jetzt fühlt sie sich überfordert und die Kinder leiden unter der Scheidung. Als ich sie frage, warum sie das nicht früher erzählt hat, ich hätte ihr zumindest zuhören können, erwiderte sie „Ich wollte mir nicht reinreden lassen!

Auch ich musste mich schon manches Mal fragen lassen „Warum hast du nicht gefragt?“  

Es scheint in uns Menschen tief verwurzelt zu sein, dieses „Ich will es alleine machen!“ Kleine Kinder wollen all‘ das, was sie schon können, alleine machen. „Ich kann das schon!“ heißt es dann stolz. Alte Menschen, die pflegebedürftig sind, möchten auch, so viel wie möglich, noch alleine machen. „Ich kann das noch!“ heißt es, wenn man helfen möchte.

Woher kommt es, dass wir denken, wir müssen etwas alleine schaffen? Wieso fällt es uns so schwer um Hilfe zu bitten bzw. diese anzunehmen?

Es ist der Stolz. In unserer Gesellschaft ist das Leistungsprinzip verankert:  „Spare, lerne, leiste was, dann haste, kannste, biste was!“ Danach ist jemand nur etwas wert, wenn er selbstständig agiert. Keiner möchte von der Hilfe anderer abhängig sein.

Menschen, die ständig auf Hilfe angewiesen sind, werden bis heute nicht als ebenbürtig, als nicht wertvoll angesehen. (Menschen, die professionell helfen, werden zwar als systemrelevant beklatscht, aber schlecht bezahlt. „Helfen“ ist keine messbare Leistung und nur Leistung zählt!)

Wir sind dermaßen von unserer Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen in die eigene Kompetenz, selbst in schwierigen Situationen, überzeugt, dass wir Nachteile, wie z. B. einen zu hohen Kaufpreis hinnehmen.

Es ist kein Wunder, dass unsere Gesellschaft immer gottloser wird. Denn wer alles alleine kann, braucht keinen Gott.

Ich brauche Gott! Mir ist bewusst, dass er einen hohen Anspruch an mich stellt. Er sagt: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lukas 9, 23) Das schaffe ich nicht! Mich selbst verleugnen, den anderen höher schätzen, als mich selbst, meine Feinde lieben – nein, das kriege ich nicht hin! Da brauche ich Gottes Hilfe für. Diese Hilfe ist mir gewiss. Ich muss „nur“ meinen Stolz überwinden. Aber wenn ich das geschafft habe, dann kann ich mit dem Psalmdichter sagen „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121, 2)

Amen.