Ein merkwürdiger Trost?

Im Moment übe ich für meinen Chor einzelne Stücke z. B. „Wie lieblich ist der Boten Schritt“ aus dem Messias. Ich habe eine Notenausgabe, in der beide Sprachfassungen, die deutsche und die englische übereinander stehen: „ How beautyful are the feet of Him that bringeth glad tidings,of salvation, that saith unto Zion, Thy God reigneth! – Wie lieblich ist der Boten Schritt, sie bringen frohe Kunde, künden von Erlösung und sagen zu Zion: Dein Gott waltet!“

Während ich versuche die richtige Textverteilung und Aussprache zu erfassen, stutze ich plötzlich – Warum soll die Nachricht, dass Gott regiert, eine gute Nachricht sein? Das ist doch bloß eine Feststellung und kein Trost! Da fällt mir etwas auf: Seit fast 2 Jahren sind die Pandemie-Regeln der bestehenden Regierung, kaum noch nachvollziehbar. Anfangs war es die R-Zahl, die als wichtig postuliert wurde und merkwürdigerweise seit geraumer Zeit kaum erwähnt wird. Dann wurden Inzidenzen als Maßstab gesetzt und deren Grenzwerte wurden, anscheinend nach Belieben hoch oder runter gesetzt, dann war davon die Rede, dass es keinen zweiten Lockdown geben wird, inzwischen wird ein dritter erwogen, danach wurde uns versprochen, dass, wenn wir geimpft sind, die Regeln entfallen, weil ja die Impfung unsere „einzige Rettung“ ist, später wurde 3G, später 2G eingeführt und jetzt schwebt uns 2G+ d. h. selbst die Geimpften sollen einen PCR-Test machen, wie ein Damokles-Schwert über uns. Viel Geschnatter und wenig Erfolg. Kontinuität und Vertrauenswürdigkeit – Fehlanzeige!

Wie wohltuend ist dagegen der Gedanke, dass Gott regiert! Auf Gott ist Verlass! Er ändert nicht seine Meinung und bleibt sich selbst treu! Er beruft schwache Menschen und setzt diese Berufung auch durch diese und trotz ihnen um. Er steht zu seinen Versprechen. „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit!“ heißt es in Hebräer 13, 8. Der Psalmbeter schreibt „Denn das Wort des Herrn ist wahrhaftig, und all sein Tun ist Treue.“ (Psalm 33,4)  Gott sagt durch den Propheten Jesaja „…genau so soll auch mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe!“ (Jesaja 55, 11)

Gott ist ein Gott, der sich nicht ändert! Politiker, die ihre Versprechen nicht halten, ungerechte Fürsten und Könige gab es schon immer. Ja, das hat Gott zugelassen. Aber er hat noch immer eingegriffen, wenn diese Machthaber sich zu sehr erhoben haben. Er hat Pharao ertrinken lassen, Daniel aus der Löwengrube und die drei Männer aus dem Feuerofen gerettet. Der König Xerxes erließ ein neues Dekret, das die Juden schützte und Kyros der Große sorgte dafür, dass die Juden nach Jerusalem zurückkehren durften. Man könnte Gottes Handeln dabei anzweifeln, aber es fällt auf, dass es regelmäßig nach dem gleichen Muster abläuft: die Pläne von Herrschern werden, wenn sie eine bestimmte Grenze überschreiten, vereitelt.

Gestern erst erzählte mir eine Freundin, dass der Sturm auf das Kapitol wohl eigentlich von Trump als Putsch geplant war. Darauf sagte ich „Wir fragen oft, warum Gott etwas zugelassen hat, aber ich möchte lieber nicht wissen, was er NICHT zugelassen hat!“

Wenn ich so drüber nachdenke, dann ist das Wissen darum, dass Gott regiert, doch ein starker Trost! So kann ich mich und mein Gefühl, dass ich einer Regierung, die selbst keine Ahnung von der Pandemie hat, ausgeliefert bin, in Gottes Hand legen. Er weiß, was ich brauche. Das macht mich ruhig.

Amen.

Ist Gott ein schlechter Personaler?


Ist Gott etwa ein schlechter Personaler?
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Es gibt in freikirchlichen Kreisen einen Satz, der insgeheim zum Dogma erhoben wurde: „Gott beruft nicht die Begabten, sondern er begabt die Berufenen!“- Dieser Satz macht mich sauer. Ich habe erlebt, wie er von einem Leiter manipulativ missbraucht wurde. Dieser Pastor hatte nichts anderes zu tun, als m. E. ungeeignete Mitglieder, die aber ihm nach dem Mund redeten, in Leitungspositionen einzusetzen. Dagegen wurde z. B. ein IT-Fachmann nicht in die Gruppe eingeladen, die für die Erstellung der Webseite zuständig war. Ab davon, dass dieser Satz schnell manipulativ eingesetzt wird, er ist schlicht und ergreifend falsch!

Wir bekommen alles von Gott! Auch unsere Begabungen. Wenn also unsere Begabungen von Gott kommen, warum sollte er uns dann nicht auch berufen? Warum sollte er uns Begabungen geben, wenn es nichts gibt, wofür wir sie einsetzen können? Sind denn nicht nur unsere Fähigkeiten, sondern unser ganzes Sein dafür da, dass wir das für Ihn zur Ehre einsetzen? Nehmen wir Mose. Wäre er nicht an Pharaos Hof aufgewachsen und hätte er nicht dort die damals übliche Bildung genossen, hätte er niemals das Volk leiten können. Genauso Josef: kein Ägypter wäre auf die Idee gekommen, ihn, den Ausländer, als Vorstand des Haushalts einzusetzen, wenn er nicht eine gewisse Cleverness an den Tag gelegt hätte. Außerdem muss er eine hohe Sprachkompetenz gehabt haben, denn normalerweise lernten Schreiber die Schrift von Kindesbeinen an. Weiter: Paulus war Pharisäer d. h. er war gebildet, war es gewohnt in der Öffentlichkeit zu reden und kannte die jüdischen Gesetze in- und auswendig. Auch hier gab es zunächst die Begabung, dann die Berufung. Was allen erwähnten Personen fehlte, war die Demut, die Gott sie auf sehr unterschiedliche Weise lehrte. Sie waren entweder von sich selbst oder von ihrer bereits ausgesprochenen Berufung sehr eingenommen.

Hinzu kommt, dass dieser Satz Gott in einem falschen Licht darstellt. Es klingt, als wäre er ein schlechter Personaler. Ein Personaler also, der nicht die vorhandenen Potentiale der Mitarbeiter nutzt, sondern allein auf Schulung bzw. Fortbildung setzt. Das gäbe ein großes Chaos!

Außerdem steckt ein gefährliches Gottesbild dahinter! Es ist das Gottesbild, dass unbewusst in vielen Köpfen steckt: „Weil Gott Gott ist, kann er mich jederzeit als Missionar nach Timbuktu berufen und dort werde ich einen qualvollen Märtyrertod sterben! Das alles nur, weil Gott mich liebt!“ – Nein! Warum sollte er das tun?

Ich habe es vor einiger Zeit mitbekommen, wie jemand die Berufung von Gott verspürte, nach Griechenland zu gehen. Derjenige hatte schon als Jugendlicher Gruppen mit Griechen geleitet. Er liebte da schon ihre Art zu denken und hatte einen guten Draht zu ihnen. Von einer Missionarin, die wirklich nach Afrika gegangen ist, las ich, dass sie, seitdem sie Christ geworden ist, den Wunsch hegte, nach Afrika zu gehen. Ich habe noch andere Berufungsgeschichten gehört, aber immer brachte die Berufung eine Saite im Menschen zum Klingen. Auch bei meiner persönlichen Berufung habe ich das Gefühl, dass Gott mir vor der Geburt schon Begabungen gegeben hat, die ich jetzt für seine Berufung nutzen kann. Auch bei mir sind von dem ersten Gefühl „Ich bin für etwas berufen!“ bis hin zur konkreten Aufgabe etliche Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hat Gott an meinem Charakter gearbeitet. Vielleicht irgendwann mehr davon.

Ich habe vor einiger Zeit einen ähnlichen Satz von Karl Barth gelesen: „Gott begabt nicht, ohne zu berufen – und er beruft nicht, ohne zu begaben.“

Diesen Satz unterschreibe ich gern! So macht es Sinn mit der Begabung und der Berufung!

Amen.

„Für Kinder nicht geeignet!“

Vor einigen Tagen lag das Programm einer VHS in meinem Briefkasten. Ich schaute gleich nach, ob meine Seminare und Vorträge auch abgedruckt waren. In einem Vortrag, den ich anbiete, geht es um altägyptische Legenden, Lebenslehren und Märchen. Ich habe am Ende des Programmtextes geschrieben: „Für Kinder nicht geeignet!“ Einige der Göttergeschichten, die ich erzählen möchte, sind nicht jugendfrei. Wer sich ein wenig mit altgriechischen und altrömischen Mythologien auskennt – so in etwa.

Was ist das für eine Aussage über eine Gesellschaft, wenn ihre Göttergeschichten, an die diese doch glaubte, nicht jugendfrei sind? Wenn die Götter selbst aus Eifersucht morden, lügen und betrügen, wie weit her ist es dann mit der Moral?

Nun gut, im Alten Testament gibt es so Einiges, was nicht als Gute-Nacht-Geschichte geeignet ist. Aber es gibt keine Geschichten, in denen es so hergeht, wie in den benannten Mythologien. Ja, Maria wurde vom Heiligen Geist überschattet. Aber er nahm sich nicht einfach mal auch noch Marias Schwester (wenn es sie denn gab). Jesus ging auch nicht mit dem Messer aus Eifersucht auf jemanden los oder tat sonst etwas Ähnliches, aus „niederen Beweggründen“.

Der Gott der Christen handelt an und mit den Menschen aus Liebe, auch wenn es beim ersten Lesen sich nicht immer so darstellt. Es geht ihn um eine Beziehung. Jesus handelt für den Menschen, nicht gegen ihn.

Auch das ist der Unterschied zu den Göttergeschichten: Sie eignen sich hervorragend für einen launigen Kaminabend. Man lauscht ihnen und gruselt sich ein wenig. Doch wenn man Trost sucht oder Rat, dann findet man diesen nicht in ihnen.

Mir ist während meines Studiums der Ägyptologie kein Text über den Weg gelaufen, der mich in schwierigen Zeiten trösten könnte. Ja, die Lebenslehren, da ist Einiges dabei, was mir hilft, mich im Alltag richtig zu verhalten, aber es gibt kein Papyrus, keinen Sargtext oder anderes, der mich wie einen Psalm tröstet. 

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!“ (Psalm 139, 9 und 10) – Gott ist da, selbst wenn ich mich vor ihm verstecken möchte.

Ganz anders dagegen, die Geschichte von der Himmelkuh im Alten Ägypten: Nachdem die Menschen sich gegen den Sonnengott Re aufgelehnt haben und er daraufhin einen Teil der Menschheit ausgelöscht hat, resigniert er und lässt sich, nachdem er auf die himmlische Herrschaft verzichtet hat, auf dem Rücken der Himmelskuh emportragen. Nach seiner ständigen Anwesenheit auf der Erde, wird es nun zum ersten Mal finster auf der Erde und der Wechsel von Tag und Nacht beginnt. Die Menschen verlieren in der Dunkelheit die Orientierung und beginnen sich zu streiten.

Im jüdisch-christlichen Glauben stellt sich Gott als Jahwe, als „Ich bin da!“ vor. In der erwähnten alt-ägyptischen Geschichte bleibt der Mensch verlassen und orientierungslos zurück.

Während die Göttergeschichten nicht jugendfrei sind, sagt Jesus „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht!“ (Markus 10, 14) Es gibt erstaunliche Unterschiede.

Was ist das nur für ein Gott, der immer wieder neu mit den Menschen anfängt? Wer das Alte Testament liest, kann gerne zählen, wie oft Gott mit den Menschen einen Bund schließt oder diesen erneuert.

Im Neuen Testament wird dann noch ein Bund geschlossen: „Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lukas 22, 20) – Im Abendmahl wird an diesen Bund erinnert. Ob es uns immer bewusst ist, was für ein starkes Bündnis das ist? Denken wir daran, dass wir einen starken Bündnispartner haben?

Es ist das Bündnis mit einem Gott, der eben nicht die Grenzen seiner Macht spürt und deswegen auf einer Kuh reitet. Es ist der Bund mit dem Gott, der diesen Bund mit SEINEM Blut besiegelt. Es ist der Gott, der die Kinder zu sich kommen lässt und uns auffordert, wie sie zu werden. (Markus10,15)

Ein Gott, der uns einlädt, von ihm zu lernen: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matth. 11,29)

Dieser Gott ist nicht nur für Kinder geeignet, sondern für dich und mich.

Amen.

Lebensweisheiten einer Älterwerdenden

Ich bin älter geworden! Da ich nun doch einige Jahre auf dem noch nicht vorhandenden Puckel habe, fühle ich mich berechtigt, vielleicht den einen oder anderen Tipp weiter zu geben.

Ich habe also am Vorabend des „großen Ereignisses“ mich hingesetzt und mein bisheriges Leben Revue passieren lassen. Och, da war schon Einiges dabei: Ich habe den Untergang meines Landes er- und überlebt, eine Ausbildung, ein Studium abgeschlossen, selber ausgebildet, kurze Zeit an einer Filmschule, diverse lustige und spannende Chorauftritte, mobile und stationäre Pflege, jetzt Kinderbetreuung …

Da ich vorhabe, noch oft älter zu werden – es steht ja noch Einiges auf meiner Löffelliste, beschränke ich mich auf einige Tipps. Die dreibändige Autotbiographie kommt später! 😉

Hier sind sie:

  1. Freunde und Wein – wähle sorgfältig aus!
  2. Behandle anstrengende Menschen zwar freundlich, aber zähle sie nicht zu deinen Freunden!
  3. Genieße!
  4. Wenn der einzige Grund, weswegen du etwas tun willst „Das ist vernünftig!“ ist, dann lass es!
  5. Du bist nur dir und Gott Rechenschaft schuldig!
  6. Wenn sich dir eine gute Gelegenheit bietet – greif zu!
  7. Wenn nötig, brich die Regeln, aber handle nicht gegen dein Gewissen!

Ja, das habe ich in meiner kleinen Rede vorgelesen und ich unterschreibe es immer noch. Doch bin ich gedanklich schon weiter. Kommt es nicht hauptsächlich darauf an, wieder Kind zu werden? In vollkommener Abhängigkeit zu Gott? Geht es nicht darum, ein „Ja!“ zu finden zu allem, was Gott mir gibt? Sollte ich nicht lernen, dass ich nicht immer verstehen muss? Sollte ich es nicht vielmehr lernen, sanft nachzugeben anstatt mit Gott zu kämpfen? (So eine ausgerenkte Hüfte kann schmerzhaft sein, wurde mir gesagt.)

Na dann, keine Schwermut aufkommen lassen. Ich habe ein Abenteuer gebucht! Mindestens eins! Die nächsten Lektionen wollen gelernt werden!

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18, 30) – Amen.

Selbstfürsorge vs. Egoismus

Mir fällt etwas auf: Seit einiger Zeit lese ich regelmäßig Tipps zum Thema Selbstfürsorge bzw. Selbstliebe. Coaches, Pastoren mahnen gleichermaßen an, dass man für sich selbst sorgen solle. Das stößt mir ein wenig auf. Es erscheint mir zu einseitig. Wie so oft, scheint der Mensch von einem Extrem ins andere zu fallen. Wurde lange in Kirchen gepredigt, dass der Mensch dem anderen dienen und sich selbst nicht so wichtig nehmen solle, scheint nun die Sorge für sich selbst im Fokus zu sein. Was mich stutzig macht, ist, dass sowohl weltliche, als auch christliche Leiter das zum Thema machen. Ja, Life-Work-Balance ist wichtig. Doch irgendwie scheint das Sorgen für andere unmodern geworden zu sein. sobald jemand sich um andere kümmert, sagt irgendjemand „Sorg auch für dich selbst!“ oder „Du kannst nicht alle retten!“ Auch ich habe schon öfter den Satz gehört. Ich bin verwundert: Ich will gar nicht alle retten. Außerdem stellt sich die Frage, ob ich überhaupt retten kann. Wenn es um das ewige Leben geht, kann nur Jesus retten

Seien wir mal ehrlich: Ein Blick in die öffentliche Diskussion und in die sozialen Netzwerke vermittelt eher den Eindruck, dass die Menschen egoistischer werden. Da wird unbarmherzig aufeinander eingehackt, beleidigt und bloßgestellt. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich die meisten Kommentartoren ermahnen muss „Sorg auch für dich selbst und nicht nur für andere!“.

Ja, trotzdem nimmt die Zahl derjenigen, die an Burnout erkranken, zu. Ich habe eine Zeitlang selbst Seminare zu dem Thema „Burnoutprophylaxe“ gegeben. In der Vorbereitung fand ich heraus, dass es in der Regel Menschen, mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen sind, die prädestiniert sind, einen Burnout zu bekommen. Es sind Menschen, die sich selbst für unabkömmlich halten, diejenigen, die sich über ihren Job definieren, gebraucht werden wollen. Auch ich muss aufpassen, dass ich nicht in diese „Ich möchte gebraucht werden!“-Fall hineintappe.

Jesus selbst war viel für andere da. Er hat auch Grenzen gesetzt und sich zurückgezogen. Seine Predigten lauteten jedoch „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“(Matthäus 11, 29) und „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ (Matthäus 16, 24) – Da klingt kein bisschen „Sorge für dich selbst!“ an!

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ist meiner Meinung nach eineFehlinterpretation. Ich denke, es wurde von Jesus einfach vorausgesetzt, dass wir uns bereits selbst lieben. Das war als Maßstab für die Nächstenliebe gemeint. Sicher gibt es Einige, die es erst einmal lernen müssen, sich selbst zu lieben. Aber hier antwortet Jesus einem Gesetzeslehrer, also jemand, der geradezu vor Selbstbewusstsein strotzte. Jesus konnte voraussetzen, dass er sich selbst liebte. Wenn wir die Bibelstelle im Zusammenhang lesen, merken wir, dass hier der Fokus ganz woanders liegt: Es geht nicht vordergründig um Selbstliebe, sondern darum, welches das wichtigste Gebot ist! – Wie so oft hilft es, Zitate im Zusammenhang zu lesen:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. “ (Matthäus 22,37-39.)

Aber wenn ich das, mit dem Kreuz auf mich nehmen, ernst nehme, stolpere ich nicht unweigerlich in den Burnout? Ich denke, das ist eins der vielen Oxymora im christlichen Glauben: Wenn ich etwas für andere tue, weil ich Christus nachfolgen möchte, werde ich selbst nicht zu kurz kommen. Ich habe es schon erlebt, dass ich mich für andere eingesetzt habe und Gott dann für die nötigen Ruhepausen gesorgt hat. Ich musste sie nicht verteidigen oder „frei schaufeln“, sie ergaben sich.

Ich denke, das ist der Knackpunkt bei dieser Frage. Wenn ich etwas tue, weil ich unentbehrlich sein möchte, dann ist die Gefahr groß, dass ich mich selbst vergesse. Wenn aber meine Motivation ist, dass ich es mit und für Gott tue, dann sorgt Gott selbst für Erholung. „…die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40, 31)

Ich muss nicht für mich sorgen, wenn Gott für mich sorgt. Da darf ich wie ein Kind darauf vertrauen, dass er mir nur soviel an Arbeit zumutet, wie ich ertragen kann. Wenn ich das bedenke und auch nicht mehr meine Anerkennung darin suche, dass ich unentbehrlich bin, dann kann ich auch mein Kreuz auf mich nehmen!

Amen.

Darf man einen Mörder in Schutz nehmen?

Ich habe gerade eine unschöne Diskussion hinter mir. Ich habe auf meinem Facebook – Profil einen Post verfasst, in dem ich schrieb, dass ich es nicht in Ordnung finde, dass Presse und Politiker bereits davon sprechen, dass der Mörder vom jungen Studenten an der Tankstelle zur Querdenkerszene gehört und sich radikalisiert hätte. Die polizeilichen Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Polizei selbst erwägt, dass der Maskenstreit ein vorgeschobener Grund wäre und die Motivation in Wirklichkeit eine andere wäre. Gleichzeitig kritisierte ich das Verhalten der Politiker, die m. E. versuchen sich jetzt noch ein wenig damit zu profilieren. Eine einfache Beileidsbekundung hätte doch gereicht, ohne die reflexartigen Verurteilungen und Forderungen nach harten Strafen.

Zwei meiner fb-Freunde haben sich regelrecht mit Gebrüll darauf gestürzt. Mir wurde erklärt, dass die Sache ja wohl klar auf der Hand läge, das war ein Mord, weil der Attila dazu aufgerufen hat und dieser Querdenker sowieso das Letzte. Je mehr ich argumentierte, umso mehr bekam ich den Eindruck, dass beide erst dann Ruhe geben würden, wenn ich mit ihnen auf den Mörder mit dem Finger zeigen und brüllen würde „Du elender Querdenker!“

Ich habe mich geweigert, das zu tun und die „Diskussion“ beendet.

Ich blieb enttäuscht und erschüttert zurück. Enttäuscht, weil ich beide anders eingeschätzt habe. Vielleicht ein wenig naiv, glaubte ich, dass ich mit ihnen vernünftig diskutieren könnte, dass es möglich ist, einen Standpunkt zu haben, der eben nicht schwarz/weiß ist, sondern irgendwo zwischen den vielen Graustufen zu verorten ist. Erschüttert, weil mir beider Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit bewusst wurde. Kein Argument zählte. Zwischendurch erklärte ich einem, dass ich aufgrund meiner eigenen Geschichte, dass ich mich weigere, vorschnell zu verurteilen. Weil ich eben selbst weiß, wie es sich anfühlt, vorverurteilt zu werden und keine Chance zu haben, etwas richtig zu stellen, möchte ich jemanden nicht vorschnell als „Querdenker“ bezeichnen. Dazu kommt mein christlicher Glaube. Der bringt mich dazu, für beide Parteien, für den Verstorbenen und den Mörder zu beten. Darauf wurde mir erklärt, dass ich die Angehörigen verhöhnen würde. – Weil ich für sie bete? Oder weil ich auch für den Mörder bete? Oder weil ich eben mal abwarten möchte, was die Ermittlungen bringen, bevor ich jemanden ein Label aufdrücke?

Allein darum ging es mir. Mord bleibt Mord. Aber trotzdem steht es mir nicht zu, im Voraus jemanden zu verurteilen. Ich bin weder der Richter, noch Gott!

Darf man einen Mörder in Schutz nehmen? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass neben Jesus ein Verbrecher hing. Ich kenne mich mit alt-römischen Recht nicht aus, vermute aber, dass er nicht wegen „Diebstahl eines Cents“ gekreuzigt wurde. Er sagt „Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lukas 23, 40) Und Jesus? Nachdem er von diesem gebeten wurde „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ antwortete er „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23, 42 und 43)

Eigentlich unerhört! So ein Verbrecher muss doch erst beweisen, dass er es ernst meint mit der Umkehr! Wie denn? Kann er nicht mehr! Wer diesen Absatz verstanden hat, der hat verstanden, was Gnade ist!

Und der Student? Er hatte keine Chance. Auch hier weiß ich nicht, wieso und warum. Es ist die ewig gleiche Frage: Warum lässt Gott Leid zu?

Doch Gott ist souverän. „Was geht es dich an?“ fragt Jesus den Petrus, als dieser ihn fragt, was mit Johannes ist. Dann redet er weiter „Folge du mir nach!“ (Johannes 21, 22)

Ich weiß nicht, wieviele Chancen der Student hatte, zu Gott zu finden und ob er sie genutzt hat. Ich kenne auch nicht das wahre Motiv des Täters. Ich weiß nicht, ob aus diesem Geschehen irgendetwas Gutes entstehen kann. Ich weiß nicht, ob es später mal Sinn machen wird.

Aber ich weiß, dass Gott nichts entgeht. Er kennt jeden Menschen so gut, dass er jedes einzelne Haar gezählt hat. Er liebt jeden Menschen bedingungslos. Er gibt selbst einen Mörder nicht auf. Er kann die Trauer der Hinterbliebenen in Freude  verwandeln. Er kann Hoffnung geben, wo keine Hoffnung zu sein scheint. Er bringt Wüsten zum Blühen. Er, der die Liebe in Person ist, wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. (nach Jesaja 42, 3)

Vielleicht ist es an der Zeit, auf die Souveränität Gottes zu vertrauen. Vielleicht kann ich es lernen, es zu ertragen, dass es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. Auch das heißt es, Gott als Gott anzuerkennen und das Kind-Sein anzunehmen. „Was geht es dich an? Folge du mir nach!“ – Dann kann ich auch einen Mörder in Schutz nehmen und für ihn beten. Denn nachfolgen heißt lieben, bedingungslos lieben, weil ich zuerst geliebt wurde.

Amen.

„ …in dem Land, wo Ordnung herrscht,…“ (Jesaja26, 10)

Ich bin beim Bibellesen über etwas gestoßen: „Wird dem Gottlosen Gnade erwiesen, so lernt er nicht Gerechtigkeit; in dem Land, wo Ordnung herrscht, handelt er verkehrt und sieht nicht die Majestät des Herrn.“ (Jes. 26, 10)

Das ist eine der Stellen, an die man vorüber geht. Vielleicht wundert man sich kurz, aber dann liest man weiter.

Was ist das Land, in dem Ordnung herrscht? Wieso wird das so betont?

Ich persönlich interpretiere es mit Ägypten. In Ägypten wurde die Ma-at betont, das Prinzip der Ordnung und der Gerechtigkeit. Personifiziert wurde dieses Prinzip als Göttin mit einer Straußenfeder auf dem Kopf. Pharao opferte der Ma-at. Er hatte dafür zu sorgen, dass dieses Prinzip umgesetzt wurde. Es hatte in Ägypten Gerechtigkeit und Ordnung zu herrschen. Doch war es so?

Ich bin oft innerlich verwundert, wenn mir Laien etwas über das Alte Ägypten vorschwärmen. Wie toll doch dieses Land war, wie gut organisiert und kulturell auf einem hohen Niveau. Doch sie wissen nicht, was sich so in den beiden Ländern, also Unter- und Oberägypten im Alltag abspielte. Gerechtigkeit gab es nur für einen bestimmten Personenkreis. Es gibt z. B. das „Märchen vom beredten Bauern“. Nach dem geschah einem Bauern Unrecht. Dieser beklagte sich beim Pharao. Der Pharao gab ihm nicht Recht, sondern bestellte ihn immer wieder ein. Der Bauer beherrschte nämlich die „Kunst der schönen Rede“, die am Hof sehr beliebt war. Deswegen ließ der Pharao den Bauern wiederholt seine Sache vortragen. Ohne zu  es wissen, war dieser zum Entertainment vom Pharao geworden. Nachdem er genug unterhalten worden war, bekam der Bauer endlich sein Recht zugesprochen.

Anderes Beispiel: Die Ägypter waren fremdenfeindlich. Ihre Gerechtigkeit endete an den Grenzen. War das Gold alle, stellte irgendein Feldherr eine bewaffnete „Expedition“ zusammen, die in Nubien einmarschierte und dann Nachschub aus den Goldminen organisierte.

Für meine Abschlussprüfung bereitete ich einen Text vor, der im Grunde genommen die Gräueltaten eines ägyptischen Heeres “im Land der Beduinen“ schildert. Der Abschnitt endet allen Ernstes mit „Ich wurde gelobt dafür über alle Maßen.“

Meine Prüfungsaufgabe, Jahre her: Lebensgeschichte des Uni. „Es kam dieses Heer in Frieden zurück.“ – Ob die Beduinen das auch so sahen?

Von daher sehe ich es kritisch, wenn davon die Rede ist, was für eine tolle Hochkultur das Alte Ägypten doch war.

Gott sah Ägypten auch kritisch: „… in dem Land, wo Ordnung herrscht, handelt er verkehrt und sieht nicht die Majestät des Herrn.“ (Jes. 26, 10)

Doch bevor ich mich darauf ausruhe, dass im Vers um das Alte Ägypten geht, frage ich mich selbst: Sehe ich die Majestät Gottes?

Ich habe viele „Jesus liebt dich!“-Predigten gehört. Aber dass Gott eine Majestät ist, wird selten gepredigt. Bei wortwörtlich aller Liebe: Gott ist immer noch Gott! Er ist König! Er ist der Friedefürst! Er ist allmächtig!

Ein selten zitiertes Gleichnis, in dem es um Nachfolge geht, ist das Gleichnis vom König, der auszieht um mit einem anderen König Krieg zu führen. „Oder welcher König, der ausziehen will, um mit einem anderen König Krieg zu führen, setzt sich nicht zuvor hin und berät, ob er imstande ist, mit zehntausend dem zu begegnen, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?“ (Lukas 14, 31)

Gott ist ein König mit starker Macht! Wer kann sich Ihm entgegenstellen?

Wer kann sich Ihm entgegenstellen? Sehe ich, siehst du die Majestät des Herrn?

„Ich möchte den Kirchturm seh’n!“

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Ich war im Urlaub. Direkt vor meiner Haustür. Eine Freundin und ich wanderten in der Lüneburger Heide. Einmal planten wir eine Tour, die in Gegenrichtung der vorgeschlagenen ging. Das Wander-Navi führte uns deswegen anfangs im Kreis. Mehrere Male gingen wir hin und her und sahen immer wieder den gleichen Kirchturm. Doch endlich fanden wir den Einstieg in den Weg und marschierten los. Die Tour war lang und zog sich hin. Zum Ende hin sagten wir abwechselnd „Ich möchte den Kirchturm seh’n!“ Wir sehnten uns danach, das Ziel vom Rundweg zu erreichen.

Der Mensch braucht ein Ziel. Egal, was er anfängt, er möchte ein Ziel haben. Er ist nicht dazu geschaffen, dass er ziellos vor sich hinlebt. Ob nun das Laufen lernen, in die Schule kommen, den Abschluss schaffen, eine Freundin/ einen Freund finden, die Karriere, das neue Haus – immer geht es darum, ein Ziel zu erreichen. Selbst dann, wenn es nicht bewusst formuliert wird. Jeder Mensch hat große und kleine Ziele. Diese beeinflussen seine Entscheidungen. Nicht immer erreicht er sie. Krisen, Umstände kommen dazwischen. Je nachdem wie bereit er ist, sich damit zu arrangieren, gelingt ihm das Leben.

Was ist dein Ziel des Lebens? Was ist dein Kirchturm?

Mein Ziel ist Jesus. Jesus ist mein Kirchturm. Ich möchte in Seine Arme laufen.  Ich möchte einmal sagen können, dass ich dieses Ziel erreicht habe. Auch wenn es immer wieder, wie aktuell, Krisen gibt, die mich davon abhalten können. Nur weil dunkle Wolken oder Nebel mir die Sicht nehmen, heißt es noch lange nicht, dass Jesu Arme nicht mehr für mich geöffnet sind. Dann möchte ich durchhalten, darauf vertrauend, dass Gott mir die Kraft dazu schenkt.

Denn es ist Gnade. Alles! Im Grunde genommen ist das Leben ein Rundweg. Wir kommen von Gott und gehen zu Ihm zurück. Doch können wir den Weg verfehlen. Weil wir nicht auf das Navi hören, nicht darauf, was Gott uns durch Sein Wort sagt. Wir haben ein ganzes Leben lang Zeit, den Weg zurück zu finden. Selbst im Sterben können wir noch zu Ihm kommen. Danach ist es zu spät. Das ist die bittere Wahrheit.

„Hier ist es doch auch schön!“ verspricht so mancher Wegweiser. Mag sein, aber darauf verlasse ich mich nicht. Wie oft sagte das Navi „Du hast die Tour verlassen! Bitte schau‘ auf die Karte!“ Es war nicht unsere Absicht, die Tour zu verlassen. Doch im Eifer des Gefechts passierte es schon mal, dass wir bei Weggabelungen falsch abgebogen sind.

Gott ist ein gnädiger Gott. Wir sind nicht gleich „unten durch“, wenn wir den falschen Weg gehen, selbst wenn wir uns bewusst gegen den richtigen Weg entscheiden. Er mahnt aber immer wieder „Du hast die Tour verlassen!“. Geduldig wartet Er darauf, dass wir uns nach Ihm ausrichten. (Oh ja, Er hat viel Geduld! Müsste ich meinem geistlichen Leben eine Überschrift geben, wäre es „Der Widerspenstigen Zähmung“.)

Nachdem wir den Kirchturm, das Ziel unserer Wanderung erreicht haben, haben wir uns einen großen Eisbecher gegönnt. Der war richtig lecker! Wie großartig muss erst die Belohnung sein, wenn ich mein Lebensziel erreicht habe? Wie schön muss es sein, in Seinen Armen? Wenn kein Tod, kein Geschrei mehr ist und alle meine Tränen getrocknet werden. Wenn ich gleichermaßen Gottes Gerechtigkeit und Gnade erlebe und meine Seele endlich zur Ruhe kommt.

Doch hier muss ich noch laufen. Manchmal das Ziel klar vor Augen, manchmal vorsichtig vorantastend, darauf horchend, ob eine leise Stimme innerlich sagt „Du hast die Tour verlassen!“

Und du? Was ist dein Kirchturm? Was ist dein Ziel?

Warum hast du das zugelassen?

„Gott, warum hast du das zugelassen? Du wusstest, dass es passieren würde und  hast nicht eingegriffen!

Du wusstest, dass Judas dich verraten würde. Warum hast du ihn nicht zurückgehalten? Du wusstest, dass sie schreien würden „Kreuzigt ihn!“, und du hast sie trotzdem geheilt? Ihnen trotzdem Brot und Fisch vermehrt, ihre Toten zum Leben erweckt und sie getröstet?

Du wusstest, dass Petrus dich verleugnen würde. Du wusstest dass deine Jünger fliehen würden. Doch du hast sie geduldig gelehrt, ihnen erklärt, was das Reich Gottes ist.

Du wusstest, dass sie dich gefangen nehmen würden, dich auspeitschen und verspotten würden. Du wusstest, dass Pilatus sich nicht für dich einsetzen würde.

Du wusstest, dass du dein Kreuz würdest tragen müssen. Du wusstest, dass sie dich zur Hinrichtungsstelle treiben würden. Du wusstest, dass, während du einen qualvollen Tod stirbst, sie unter deinem Kreuz um dein Obergewand würfeln würden.

Warum Gott, hast du all dies zugelassen? Warum hast du nicht eingegriffen? Warum hast du nicht, wie im Tempel, Tische umgeworfen, ihnen gezeigt, wer der Herr im Hause ist?

Warum hast du nicht Judas als Jünger abgelehnt? Hättest doch sagen können „Tut mir Leid, Verräter brauchen wir hier nicht!“!

Warum hast du nicht gesagt „Ich weiß, wie böse eure Herzen sind. Warum sollte ich mich kümmern? Geht nach Hause und sucht euch selbst was zu essen!“

Warum hast du das alles zugelassen?“

Er schaut mich lange an. Legt dann Seine durchbohrten Hände um mich. Flüstert mir ins Ohr „Weil ich dich liebe!“

Wie Tüpfelchen wieder gesund wurde

(Habe ich Euch schon meine Geschichte von Tüpfelchen, dem Marienkäfer erzählt? Nein? Dan wird es aber Tied! Aber Achtung: Diese Geschichte ist nur für Kinder und kindgebliebene Erwachsene. Erwachsene Erwachsene werden daran keine Freude haben!)

Tüpfelchen saß auf einem Blatt und duckte sich. „Platsch“ machte es und wieder „platsch“. Dicke Regentropfen tropften vom Himmel und Tüpfelchen duckte sich. Sie wollte nicht nass werden und schon gar nicht sollten ihre schönen roten Flügel mit den schwarzen Punkten nass werden. Denn wenn das geschah, musste sie lange warten bis die Sonne die Flügel getrocknet hätte und dann würde sie die Flugschau verpassen. Die anderen Marienkäfer und sie würden als Erste auftreten. Erst große Kreise, dann Achten und zum Schluss würden sie alle so schnell fliegen, dass es so aussah, als würde ein roter Kreis in der Luft schweben. Sie hatten lange dafür geübt. Das würden selbst die bunten Schmetterlinge nicht überbieten können. Soviel war sicher! Tüpfelchen lächelte voller Vorfreude. Da passierte es. Mit einem besonders großen „Platsch“ fiel ein Regentropfen direkt auf sie rauf. „Au, au, au.“ jammerte Tüpfelchen. Das hat richtig weh getan. Tüpfelchen weinte. Jetzt mussten die Anderen ohne sie den Wettbewerb gewinnen. Als es aufgehört hatte zu regnen, krabbelte sie am Blatt entlang, um sich eine Stelle zu suchen, an der sie schnell trocknen würde. Sie ordnete ihre Flügel und breitete sie aus. Doch irgendwie –‚Au!‘ ging das nicht so gut. Als sie gerade darüber nachdachte, woran es denn liegen könnte, hörte sie ein „flap flap“ und der gemeine Kurt landete neben ihr. ‚Na toll!‘ dachte sie ‚Ausgerechnet der gemeine Kurt erfährt als Erster, dass ich mich habe nassregnen lassen.‘ Er würde sie auslachen und allen von ihrem Missgeschick erzählen. „Tüpfelchen, wo bleibst du?“ fragte der gemeine Kurt und klappte aufgeregt seine rotbraunen Flügel auf und zu. Kleinlaut gab sie zu „Ich bin nass geworden.“ und kaum hörbar flüsterte sie „und jetzt kann ich einen Flügel nicht richtig ausbreiten.“ „Lass‘ mal sehen.“ sagte er und da stand er schon hinter ihr. „Oh weh Tüpfelchen, dein linker Flügel ist gebrochen. Du musst zu Doktor Hüpfer. Ich hol‘ ihn.“  Ehe sie widersprechen konnte, flatterte er davon. ‚Der gemeine Kurt will Dr. Hüpfer holen?‘ wunderte sich Tüpfelchen. Da hörte sie wieder das „Flap flap“ vom gemeinen Kurt und dahinter das „Hops hops“ von Dr. Hüpfer. Der Doktor untersuchte lange ihren Flügel und stellte dann die befürchtete Diagnose „Flügelbruch!“ Er nickte ernst „Das muss geschient werden. Tut auch ein bisschen weh.“ Das klang gar nicht gut. Ängstlich schaute Tüpfelchen zum gemeinen Kurt. Der lächelte aufmunternd „Halte dich an mir fest, dann tut es nicht mehr so weh.“ So machten sie es. Dr. Hüpfer band mit einem kleinen Grashalm den Flügel fest zusammen und Tüpfelchen hielt sich ganz doll am gemeinen Kurt fest. Als Dr. Hüpfer weitergehopst war, fragte Tüpfelchen „Kurt, warum nennt man dich den gemeinen Kurt?“ Jetzt war der gemeine Kurt kaum zu hören „Weil ich mal die Bibi vom Ast geschubst habe.“ „Das war wirklich gemein.“ meinte sie. „Aber Tüpfelchen“ er weinte fast „da war ich noch eine Raupe. Eine kleine hässliche Raupe.“ Sie überlegte. Als Larve hatte sie sich einmal vorgedrängelt, weil sie unbedingt die Blattlaus, die direkt vor ihr war, haben wollte. Keiner nannte sie deshalb bis heute das gemeine Tüpfelchen. Sie lächelte „Dann sollst du ab heute der liebe Kurt sein.“ Kurt nickte erleichtert.

Dann fiel Tüpfelchen etwas ein. „Musst du nicht weg? Der Wettbewerb hat doch längst angefangen.“ Doch der liebe Kurt schüttelte den Kopf. Er wolle sie nicht alleine lassen. Schließlich könne er auch nächstes Jahr wieder zusehen. Tüpfelchen und der liebe Kurt redeten und spielten noch lange. Abends verabschiedete sich der liebe Kurt von ihr und versprach, sie morgen besuchen zu kommen.

Am nächsten Tag kamen erst einmal alle Freunde vorbei und fragten, warum sie gestern nicht mitgeflogen sei. Jedem musste Tüpfelchen berichten, wie sie sich den Flügel gebrochen hatte. Sie erzählte auch, wie der Kurt ihr geholfen hatte. Als sie dann noch sagte, dass der gemeine Kurt jetzt der liebe Kurt ist, stimmten ihr alle zu. Am Nachmittag kam der liebe Kurt vorbei und wieder redeten und spielten sie lange.

So ging es mehrere Tage. Ihre Freunde und der liebe Kurt besuchten sie und so merkte sie gar nicht, wie die Tage vergingen. Doch dann kamen immer weniger zu Besuch und Tüpfelchen fing an, sich zu langweilen. Sie setzte sich und sah den Anderen beim Fliegen zu. „Flap flap“ flatterten die Schmetterlinge, „brum sums“ machte die Hummel und „brrs brrs“ der Maikäfer. Selbst der gefährliche Spatz flog weit oben über sie hinweg und tschilpte dabei. Alle, aber wirklich alle schienen fliegen zu können, nur sie nicht. Das machte Tüpfelchen traurig und sie fing an zu weinen.

„Nanu“ sagte jemand hinter ihr „möchtest du etwa Regenwolke spielen?“ Sie drehte sich erstaunt um. Auf leiser Spur war Theresa, die Schnecke herangekrochen. Tüpfelchen schüttelte mit dem Kopf „Nein. Ich bin nur so traurig, weil ich nicht fliegen kann.“ „Das kann ich auch nicht.“ erwiderte Theresa. „Ja, aber du bist -“ sie biss sich auf die Zunge. „Ich bin was?“ fragte Theresa neugierig. „Na ja, eine Schnecke. Die fliegt nicht.“ antwortete Tüpfelchen und zog schnell den Kopf ein. ‚Jetzt wird Theresa schimpfen.‘ dachte sie. Doch diese lachte nur gelassen. „Das wäre lustig. An meinem Häuschen noch Flügel dran.“ kicherte sie. Da musste auch Tüpfelchen lachen. Theresa und Tüpfelchen saßen den ganzen Tag zusammen. Theresa wusste Vieles zu erzählen. „Woher weißt du das alles?“ staunte sie. „Vom Langsam sein.“ antwortete Theresa. „Vom Langsam sein?“ wiederholte Tüpfelchen. Theresa erklärte ihr, dass sie durch das langsame Kriechen viele Dinge genau beobachten könne. Dadurch sähe sie auch, wie sich etwas verändert, wie es wächst. „Flap, flap“ machte es und der liebe Kurt landete neben ihnen. „Ach schau an.“ begrüßte ihn Theresa „was doch aus der kleinen Raupe geworden ist.“ Der liebe Kurt wurde puterrot. „Ein besonders hübscher Schmetterling.“ ergänzte sie. Tüpfelchen sah Theresa verwundert an. „Hast du denn noch nie seine Flügel gesehen?“ fragte Theresa „Doch“ nickte Tüpfelchen „Seine rotbraunen Flügel sehe ich doch immer.“ „Rotbraun?“ wunderte sich Theresa. Dann wandte sie sich dem lieben Kurt zu. „Komm, sei so nett und zeige uns deine Flügel. Doch der liebe Kurt wollte das nicht. „Sie sind so hässlich. Was soll auch aus einer hässlichen Raupe werden?“ Mit viel gutem Zureden gelang es Theresa schließlich, dass er seine Flügel öffnete. Tüpfelchen blieb der Mund offen stehen vor Staunen. „Kurt“ stammelte sie „Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“ „Deine Flügel sind samtbraun mit orangen Streifen. An den Seiten sind weiße Punkte und unten hast du einen hellblauen Fleck.“ Kurt winkte ab. „Nein, es ist wahr!“ beharrte Tüpfelchen. „Wenn du dich selbst sehen könntest, dann würdest du nie mehr sagen, dass du hässlich bist.“ Da fing Kurt an zu weinen. „Aber ich bin hässlich. Alle haben zu mir gesagt, dass ich hässlich bin. Und wenn sie es…“ „Die Anderen sagen es, weil sie nicht sehen, was wir jetzt sehen.“ fiel ihm Tüpfelchen ins Wort. „Zeige ihnen doch deine hübschen Flügel, dann werden sie dich nicht mehr hässlich finden.“ „Das solltest du wirklich tun!“ mischte sich jetzt Theresa ein.  „Aber wie?“ überlegte Tüpfelchen. Lange dachten sie darüber nach, wie sie das anstellen könnten. Da hatte Tüpfelchen eine Idee „Wir machen eine Party und laden alle ein. Dann werden Kurt und ich zusammen tanzen und zum Schluss wird Kurt seine Flügel öffnen.“ Der liebe Kurt zögerte noch eine Weile, dann stimmte er zu. So war es beschlossen: Gleich am nächsten Nachmittag würde der liebe Kurt mit Tüpfelchen tanzen üben.

So kam es, dass Tüpfelchen die nächsten Tage viel zu tun hatte: Vormittags lernte sie von Theresa das Langsam sein und nachmittags brachte sie dem lieben Kurt das Tanzen bei. Das war nicht immer einfach, besonders dann, wenn der liebe Kurt ihr mal wieder auf die Füße getreten war. Doch weil sie wusste, dass Theresa viel Geduld mit ihr hat, gab sie sich große Mühe ihm auch eine gute Lehrerin zu sein. Eines Tages klappte es. Der liebe Kurt tanzte jeden Schritt ohne zu stolpern und öffnete zum Schluss seine wunderschönen Flügel. „Perfekt!“ jubelte Tüpfelchen. „Morgen laden wir alle ein und dann werden wir tanzen.“

Am nächsten Tag hatten die drei viel zu tun. Der liebe Kurt flog los, um alle einzuladen, während Tüpfelchen und Theresa den kleinen Sandplatz aufräumten und weiche Blätter hinlegten.

Nach und nach kamen alle Gäste an. Sogar von der Nachbarwiese krabbelten einige Käfer herbei.

Als sie sich alle auf die weichen Blätter gesetzt haben, stellten sich Tüpfelchen und der liebe Kurt in der Mitte auf. Was waren sie beide aufgeregt! Tüpfelchen nickte dem lieben Kurt aufmunternd zu und dann begannen sie zu tanzen. Tüpfelchen merkte, wie sich ihre Aufregung legte und es begann ihr richtig Spaß zu machen. Jeder Schritt stimmte. Dann kam der Abschluss. Der liebe Kurt blieb stehen und breitete weit seine Flügel aus. Tüpfelchen schielte zu den Gästen.  Keiner sagte etwas. Doch dann klatschten alle begeistert in die Hände. Sie standen von den weichen Blättern auf und umringten den lieben Kurt. „Kurt, Kurt“ riefen sie „Wir wussten gar nicht, wie schön du bist!“ und „Darf ich mal sehen?“ und „Bittet, bitte, zeige sie uns noch einmal!“ Alle waren sich einig, dass der liebe Kurt ein wunderschöner Schmetterling ist.

Tüpfelchen stand daneben und freute sich. „Das hast du sehr gut gemacht!“ sagte eine leise Stimme zu ihr. Sie drehte sich um. Theresa sah sie liebevoll an. „Danke.“ freute sich Tüpfelchen. „Jetzt ist alles gut.“ Theresa nickte. An diesem Abend schlief Tüpfelchen glücklich ein.

Der liebe Kurt weckte sie am nächsten Morgen „Aufstehen Tüpfelchen! Doktor Hüpfer ist hier“ „Doktor Hüpfer?“ fragte sie verschlafen. „Ja, Doktor Hüpfer.“ Der liebe Kurt flatterte ganz aufgeregt um sie herum. „Deine Schiene kommt doch heute ab.“ Ach ja! Vor lauter tanzen üben hatte sie ihren gebrochenen Flügel ganz vergessen. Doktor Hüpfer band den Grashalm ab und bat sie, den Flügel zu bewegen. Sie probierte es vorsichtig. Es tat nicht weh! Dann versuchte sie ein wenig zu flattern. Auch das klappte. Nun hielt sie nichts mehr. Sie hob ab und flog eine große Runde über die beiden hinweg. „Oh wie schön. Ich kann wieder fliegen.“ jubelte sie. Lachend landete sie neben dem lieben Kurt. Der freute sich mit ihr und auch Doktor Hüpfer nickte froh.

Tüpfelchen, der liebe Kurt und die anderen Käfer und Schmetterlinge verbrachten den restlichen Sommer gemeinsam. Sie spielten und flogen und – das war nun sehr beliebt – sie tanzten miteinander.

Wenn Tüpfelchen später ihren Kindern  von früher erzählte, sagte sie immer, dass der Sommer, in dem sie sich den Flügel gebrochen hatte, der schönste gewesen wäre.

Der liebe Kurt
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