„ …in dem Land, wo Ordnung herrscht,…“ (Jesaja26, 10)

Ich bin beim Bibellesen über etwas gestoßen: „Wird dem Gottlosen Gnade erwiesen, so lernt er nicht Gerechtigkeit; in dem Land, wo Ordnung herrscht, handelt er verkehrt und sieht nicht die Majestät des Herrn.“ (Jes. 26, 10)

Das ist eine der Stellen, an die man vorüber geht. Vielleicht wundert man sich kurz, aber dann liest man weiter.

Was ist das Land, in dem Ordnung herrscht? Wieso wird das so betont?

Ich persönlich interpretiere es mit Ägypten. In Ägypten wurde die Ma-at betont, das Prinzip der Ordnung und der Gerechtigkeit. Personifiziert wurde dieses Prinzip als Göttin mit einer Straußenfeder auf dem Kopf. Pharao opferte der Ma-at. Er hatte dafür zu sorgen, dass dieses Prinzip umgesetzt wurde. Es hatte in Ägypten Gerechtigkeit und Ordnung zu herrschen. Doch war es so?

Ich bin oft innerlich verwundert, wenn mir Laien etwas über das Alte Ägypten vorschwärmen. Wie toll doch dieses Land war, wie gut organisiert und kulturell auf einem hohen Niveau. Doch sie wissen nicht, was sich so in den beiden Ländern, also Unter- und Oberägypten im Alltag abspielte. Gerechtigkeit gab es nur für einen bestimmten Personenkreis. Es gibt z. B. das „Märchen vom beredten Bauern“. Nach dem geschah einem Bauern Unrecht. Dieser beklagte sich beim Pharao. Der Pharao gab ihm nicht Recht, sondern bestellte ihn immer wieder ein. Der Bauer beherrschte nämlich die „Kunst der schönen Rede“, die am Hof sehr beliebt war. Deswegen ließ der Pharao den Bauern wiederholt seine Sache vortragen. Ohne zu  es wissen, war dieser zum Entertainment vom Pharao geworden. Nachdem er genug unterhalten worden war, bekam der Bauer endlich sein Recht zugesprochen.

Anderes Beispiel: Die Ägypter waren fremdenfeindlich. Ihre Gerechtigkeit endete an den Grenzen. War das Gold alle, stellte irgendein Feldherr eine bewaffnete „Expedition“ zusammen, die in Nubien einmarschierte und dann Nachschub aus den Goldminen organisierte.

Für meine Abschlussprüfung bereitete ich einen Text vor, der im Grunde genommen die Gräueltaten eines ägyptischen Heeres “im Land der Beduinen“ schildert. Der Abschnitt endet allen Ernstes mit „Ich wurde gelobt dafür über alle Maßen.“

Meine Prüfungsaufgabe, Jahre her: Lebensgeschichte des Uni. „Es kam dieses Heer in Frieden zurück.“ – Ob die Beduinen das auch so sahen?

Von daher sehe ich es kritisch, wenn davon die Rede ist, was für eine tolle Hochkultur das Alte Ägypten doch war.

Gott sah Ägypten auch kritisch: „… in dem Land, wo Ordnung herrscht, handelt er verkehrt und sieht nicht die Majestät des Herrn.“ (Jes. 26, 10)

Doch bevor ich mich darauf ausruhe, dass im Vers um das Alte Ägypten geht, frage ich mich selbst: Sehe ich die Majestät Gottes?

Ich habe viele „Jesus liebt dich!“-Predigten gehört. Aber dass Gott eine Majestät ist, wird selten gepredigt. Bei wortwörtlich aller Liebe: Gott ist immer noch Gott! Er ist König! Er ist der Friedefürst! Er ist allmächtig!

Ein selten zitiertes Gleichnis, in dem es um Nachfolge geht, ist das Gleichnis vom König, der auszieht um mit einem anderen König Krieg zu führen. „Oder welcher König, der ausziehen will, um mit einem anderen König Krieg zu führen, setzt sich nicht zuvor hin und berät, ob er imstande ist, mit zehntausend dem zu begegnen, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?“ (Lukas 14, 31)

Gott ist ein König mit starker Macht! Wer kann sich Ihm entgegenstellen?

Wer kann sich Ihm entgegenstellen? Sehe ich, siehst du die Majestät des Herrn?

„Ich möchte den Kirchturm seh’n!“

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Ich war im Urlaub. Direkt vor meiner Haustür. Eine Freundin und ich wanderten in der Lüneburger Heide. Einmal planten wir eine Tour, die in Gegenrichtung der vorgeschlagenen ging. Das Wander-Navi führte uns deswegen anfangs im Kreis. Mehrere Male gingen wir hin und her und sahen immer wieder den gleichen Kirchturm. Doch endlich fanden wir den Einstieg in den Weg und marschierten los. Die Tour war lang und zog sich hin. Zum Ende hin sagten wir abwechselnd „Ich möchte den Kirchturm seh’n!“ Wir sehnten uns danach, das Ziel vom Rundweg zu erreichen.

Der Mensch braucht ein Ziel. Egal, was er anfängt, er möchte ein Ziel haben. Er ist nicht dazu geschaffen, dass er ziellos vor sich hinlebt. Ob nun das Laufen lernen, in die Schule kommen, den Abschluss schaffen, eine Freundin/ einen Freund finden, die Karriere, das neue Haus – immer geht es darum, ein Ziel zu erreichen. Selbst dann, wenn es nicht bewusst formuliert wird. Jeder Mensch hat große und kleine Ziele. Diese beeinflussen seine Entscheidungen. Nicht immer erreicht er sie. Krisen, Umstände kommen dazwischen. Je nachdem wie bereit er ist, sich damit zu arrangieren, gelingt ihm das Leben.

Was ist dein Ziel des Lebens? Was ist dein Kirchturm?

Mein Ziel ist Jesus. Jesus ist mein Kirchturm. Ich möchte in Seine Arme laufen.  Ich möchte einmal sagen können, dass ich dieses Ziel erreicht habe. Auch wenn es immer wieder, wie aktuell, Krisen gibt, die mich davon abhalten können. Nur weil dunkle Wolken oder Nebel mir die Sicht nehmen, heißt es noch lange nicht, dass Jesu Arme nicht mehr für mich geöffnet sind. Dann möchte ich durchhalten, darauf vertrauend, dass Gott mir die Kraft dazu schenkt.

Denn es ist Gnade. Alles! Im Grunde genommen ist das Leben ein Rundweg. Wir kommen von Gott und gehen zu Ihm zurück. Doch können wir den Weg verfehlen. Weil wir nicht auf das Navi hören, nicht darauf, was Gott uns durch Sein Wort sagt. Wir haben ein ganzes Leben lang Zeit, den Weg zurück zu finden. Selbst im Sterben können wir noch zu Ihm kommen. Danach ist es zu spät. Das ist die bittere Wahrheit.

„Hier ist es doch auch schön!“ verspricht so mancher Wegweiser. Mag sein, aber darauf verlasse ich mich nicht. Wie oft sagte das Navi „Du hast die Tour verlassen! Bitte schau‘ auf die Karte!“ Es war nicht unsere Absicht, die Tour zu verlassen. Doch im Eifer des Gefechts passierte es schon mal, dass wir bei Weggabelungen falsch abgebogen sind.

Gott ist ein gnädiger Gott. Wir sind nicht gleich „unten durch“, wenn wir den falschen Weg gehen, selbst wenn wir uns bewusst gegen den richtigen Weg entscheiden. Er mahnt aber immer wieder „Du hast die Tour verlassen!“. Geduldig wartet Er darauf, dass wir uns nach Ihm ausrichten. (Oh ja, Er hat viel Geduld! Müsste ich meinem geistlichen Leben eine Überschrift geben, wäre es „Der Widerspenstigen Zähmung“.)

Nachdem wir den Kirchturm, das Ziel unserer Wanderung erreicht haben, haben wir uns einen großen Eisbecher gegönnt. Der war richtig lecker! Wie großartig muss erst die Belohnung sein, wenn ich mein Lebensziel erreicht habe? Wie schön muss es sein, in Seinen Armen? Wenn kein Tod, kein Geschrei mehr ist und alle meine Tränen getrocknet werden. Wenn ich gleichermaßen Gottes Gerechtigkeit und Gnade erlebe und meine Seele endlich zur Ruhe kommt.

Doch hier muss ich noch laufen. Manchmal das Ziel klar vor Augen, manchmal vorsichtig vorantastend, darauf horchend, ob eine leise Stimme innerlich sagt „Du hast die Tour verlassen!“

Und du? Was ist dein Kirchturm? Was ist dein Ziel?

Warum hast du das zugelassen?

„Gott, warum hast du das zugelassen? Du wusstest, dass es passieren würde und  hast nicht eingegriffen!

Du wusstest, dass Judas dich verraten würde. Warum hast du ihn nicht zurückgehalten? Du wusstest, dass sie schreien würden „Kreuzigt ihn!“, und du hast sie trotzdem geheilt? Ihnen trotzdem Brot und Fisch vermehrt, ihre Toten zum Leben erweckt und sie getröstet?

Du wusstest, dass Petrus dich verleugnen würde. Du wusstest dass deine Jünger fliehen würden. Doch du hast sie geduldig gelehrt, ihnen erklärt, was das Reich Gottes ist.

Du wusstest, dass sie dich gefangen nehmen würden, dich auspeitschen und verspotten würden. Du wusstest, dass Pilatus sich nicht für dich einsetzen würde.

Du wusstest, dass du dein Kreuz würdest tragen müssen. Du wusstest, dass sie dich zur Hinrichtungsstelle treiben würden. Du wusstest, dass, während du einen qualvollen Tod stirbst, sie unter deinem Kreuz um dein Obergewand würfeln würden.

Warum Gott, hast du all dies zugelassen? Warum hast du nicht eingegriffen? Warum hast du nicht, wie im Tempel, Tische umgeworfen, ihnen gezeigt, wer der Herr im Hause ist?

Warum hast du nicht Judas als Jünger abgelehnt? Hättest doch sagen können „Tut mir Leid, Verräter brauchen wir hier nicht!“!

Warum hast du nicht gesagt „Ich weiß, wie böse eure Herzen sind. Warum sollte ich mich kümmern? Geht nach Hause und sucht euch selbst was zu essen!“

Warum hast du das alles zugelassen?“

Er schaut mich lange an. Legt dann Seine durchbohrten Hände um mich. Flüstert mir ins Ohr „Weil ich dich liebe!“

Wie Tüpfelchen wieder gesund wurde

(Habe ich Euch schon meine Geschichte von Tüpfelchen, dem Marienkäfer erzählt? Nein? Dan wird es aber Tied! Aber Achtung: Diese Geschichte ist nur für Kinder und kindgebliebene Erwachsene. Erwachsene Erwachsene werden daran keine Freude haben!)

Tüpfelchen saß auf einem Blatt und duckte sich. „Platsch“ machte es und wieder „platsch“. Dicke Regentropfen tropften vom Himmel und Tüpfelchen duckte sich. Sie wollte nicht nass werden und schon gar nicht sollten ihre schönen roten Flügel mit den schwarzen Punkten nass werden. Denn wenn das geschah, musste sie lange warten bis die Sonne die Flügel getrocknet hätte und dann würde sie die Flugschau verpassen. Die anderen Marienkäfer und sie würden als Erste auftreten. Erst große Kreise, dann Achten und zum Schluss würden sie alle so schnell fliegen, dass es so aussah, als würde ein roter Kreis in der Luft schweben. Sie hatten lange dafür geübt. Das würden selbst die bunten Schmetterlinge nicht überbieten können. Soviel war sicher! Tüpfelchen lächelte voller Vorfreude. Da passierte es. Mit einem besonders großen „Platsch“ fiel ein Regentropfen direkt auf sie rauf. „Au, au, au.“ jammerte Tüpfelchen. Das hat richtig weh getan. Tüpfelchen weinte. Jetzt mussten die Anderen ohne sie den Wettbewerb gewinnen. Als es aufgehört hatte zu regnen, krabbelte sie am Blatt entlang, um sich eine Stelle zu suchen, an der sie schnell trocknen würde. Sie ordnete ihre Flügel und breitete sie aus. Doch irgendwie –‚Au!‘ ging das nicht so gut. Als sie gerade darüber nachdachte, woran es denn liegen könnte, hörte sie ein „flap flap“ und der gemeine Kurt landete neben ihr. ‚Na toll!‘ dachte sie ‚Ausgerechnet der gemeine Kurt erfährt als Erster, dass ich mich habe nassregnen lassen.‘ Er würde sie auslachen und allen von ihrem Missgeschick erzählen. „Tüpfelchen, wo bleibst du?“ fragte der gemeine Kurt und klappte aufgeregt seine rotbraunen Flügel auf und zu. Kleinlaut gab sie zu „Ich bin nass geworden.“ und kaum hörbar flüsterte sie „und jetzt kann ich einen Flügel nicht richtig ausbreiten.“ „Lass‘ mal sehen.“ sagte er und da stand er schon hinter ihr. „Oh weh Tüpfelchen, dein linker Flügel ist gebrochen. Du musst zu Doktor Hüpfer. Ich hol‘ ihn.“  Ehe sie widersprechen konnte, flatterte er davon. ‚Der gemeine Kurt will Dr. Hüpfer holen?‘ wunderte sich Tüpfelchen. Da hörte sie wieder das „Flap flap“ vom gemeinen Kurt und dahinter das „Hops hops“ von Dr. Hüpfer. Der Doktor untersuchte lange ihren Flügel und stellte dann die befürchtete Diagnose „Flügelbruch!“ Er nickte ernst „Das muss geschient werden. Tut auch ein bisschen weh.“ Das klang gar nicht gut. Ängstlich schaute Tüpfelchen zum gemeinen Kurt. Der lächelte aufmunternd „Halte dich an mir fest, dann tut es nicht mehr so weh.“ So machten sie es. Dr. Hüpfer band mit einem kleinen Grashalm den Flügel fest zusammen und Tüpfelchen hielt sich ganz doll am gemeinen Kurt fest. Als Dr. Hüpfer weitergehopst war, fragte Tüpfelchen „Kurt, warum nennt man dich den gemeinen Kurt?“ Jetzt war der gemeine Kurt kaum zu hören „Weil ich mal die Bibi vom Ast geschubst habe.“ „Das war wirklich gemein.“ meinte sie. „Aber Tüpfelchen“ er weinte fast „da war ich noch eine Raupe. Eine kleine hässliche Raupe.“ Sie überlegte. Als Larve hatte sie sich einmal vorgedrängelt, weil sie unbedingt die Blattlaus, die direkt vor ihr war, haben wollte. Keiner nannte sie deshalb bis heute das gemeine Tüpfelchen. Sie lächelte „Dann sollst du ab heute der liebe Kurt sein.“ Kurt nickte erleichtert.

Dann fiel Tüpfelchen etwas ein. „Musst du nicht weg? Der Wettbewerb hat doch längst angefangen.“ Doch der liebe Kurt schüttelte den Kopf. Er wolle sie nicht alleine lassen. Schließlich könne er auch nächstes Jahr wieder zusehen. Tüpfelchen und der liebe Kurt redeten und spielten noch lange. Abends verabschiedete sich der liebe Kurt von ihr und versprach, sie morgen besuchen zu kommen.

Am nächsten Tag kamen erst einmal alle Freunde vorbei und fragten, warum sie gestern nicht mitgeflogen sei. Jedem musste Tüpfelchen berichten, wie sie sich den Flügel gebrochen hatte. Sie erzählte auch, wie der Kurt ihr geholfen hatte. Als sie dann noch sagte, dass der gemeine Kurt jetzt der liebe Kurt ist, stimmten ihr alle zu. Am Nachmittag kam der liebe Kurt vorbei und wieder redeten und spielten sie lange.

So ging es mehrere Tage. Ihre Freunde und der liebe Kurt besuchten sie und so merkte sie gar nicht, wie die Tage vergingen. Doch dann kamen immer weniger zu Besuch und Tüpfelchen fing an, sich zu langweilen. Sie setzte sich und sah den Anderen beim Fliegen zu. „Flap flap“ flatterten die Schmetterlinge, „brum sums“ machte die Hummel und „brrs brrs“ der Maikäfer. Selbst der gefährliche Spatz flog weit oben über sie hinweg und tschilpte dabei. Alle, aber wirklich alle schienen fliegen zu können, nur sie nicht. Das machte Tüpfelchen traurig und sie fing an zu weinen.

„Nanu“ sagte jemand hinter ihr „möchtest du etwa Regenwolke spielen?“ Sie drehte sich erstaunt um. Auf leiser Spur war Theresa, die Schnecke herangekrochen. Tüpfelchen schüttelte mit dem Kopf „Nein. Ich bin nur so traurig, weil ich nicht fliegen kann.“ „Das kann ich auch nicht.“ erwiderte Theresa. „Ja, aber du bist -“ sie biss sich auf die Zunge. „Ich bin was?“ fragte Theresa neugierig. „Na ja, eine Schnecke. Die fliegt nicht.“ antwortete Tüpfelchen und zog schnell den Kopf ein. ‚Jetzt wird Theresa schimpfen.‘ dachte sie. Doch diese lachte nur gelassen. „Das wäre lustig. An meinem Häuschen noch Flügel dran.“ kicherte sie. Da musste auch Tüpfelchen lachen. Theresa und Tüpfelchen saßen den ganzen Tag zusammen. Theresa wusste Vieles zu erzählen. „Woher weißt du das alles?“ staunte sie. „Vom Langsam sein.“ antwortete Theresa. „Vom Langsam sein?“ wiederholte Tüpfelchen. Theresa erklärte ihr, dass sie durch das langsame Kriechen viele Dinge genau beobachten könne. Dadurch sähe sie auch, wie sich etwas verändert, wie es wächst. „Flap, flap“ machte es und der liebe Kurt landete neben ihnen. „Ach schau an.“ begrüßte ihn Theresa „was doch aus der kleinen Raupe geworden ist.“ Der liebe Kurt wurde puterrot. „Ein besonders hübscher Schmetterling.“ ergänzte sie. Tüpfelchen sah Theresa verwundert an. „Hast du denn noch nie seine Flügel gesehen?“ fragte Theresa „Doch“ nickte Tüpfelchen „Seine rotbraunen Flügel sehe ich doch immer.“ „Rotbraun?“ wunderte sich Theresa. Dann wandte sie sich dem lieben Kurt zu. „Komm, sei so nett und zeige uns deine Flügel. Doch der liebe Kurt wollte das nicht. „Sie sind so hässlich. Was soll auch aus einer hässlichen Raupe werden?“ Mit viel gutem Zureden gelang es Theresa schließlich, dass er seine Flügel öffnete. Tüpfelchen blieb der Mund offen stehen vor Staunen. „Kurt“ stammelte sie „Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“ „Deine Flügel sind samtbraun mit orangen Streifen. An den Seiten sind weiße Punkte und unten hast du einen hellblauen Fleck.“ Kurt winkte ab. „Nein, es ist wahr!“ beharrte Tüpfelchen. „Wenn du dich selbst sehen könntest, dann würdest du nie mehr sagen, dass du hässlich bist.“ Da fing Kurt an zu weinen. „Aber ich bin hässlich. Alle haben zu mir gesagt, dass ich hässlich bin. Und wenn sie es…“ „Die Anderen sagen es, weil sie nicht sehen, was wir jetzt sehen.“ fiel ihm Tüpfelchen ins Wort. „Zeige ihnen doch deine hübschen Flügel, dann werden sie dich nicht mehr hässlich finden.“ „Das solltest du wirklich tun!“ mischte sich jetzt Theresa ein.  „Aber wie?“ überlegte Tüpfelchen. Lange dachten sie darüber nach, wie sie das anstellen könnten. Da hatte Tüpfelchen eine Idee „Wir machen eine Party und laden alle ein. Dann werden Kurt und ich zusammen tanzen und zum Schluss wird Kurt seine Flügel öffnen.“ Der liebe Kurt zögerte noch eine Weile, dann stimmte er zu. So war es beschlossen: Gleich am nächsten Nachmittag würde der liebe Kurt mit Tüpfelchen tanzen üben.

So kam es, dass Tüpfelchen die nächsten Tage viel zu tun hatte: Vormittags lernte sie von Theresa das Langsam sein und nachmittags brachte sie dem lieben Kurt das Tanzen bei. Das war nicht immer einfach, besonders dann, wenn der liebe Kurt ihr mal wieder auf die Füße getreten war. Doch weil sie wusste, dass Theresa viel Geduld mit ihr hat, gab sie sich große Mühe ihm auch eine gute Lehrerin zu sein. Eines Tages klappte es. Der liebe Kurt tanzte jeden Schritt ohne zu stolpern und öffnete zum Schluss seine wunderschönen Flügel. „Perfekt!“ jubelte Tüpfelchen. „Morgen laden wir alle ein und dann werden wir tanzen.“

Am nächsten Tag hatten die drei viel zu tun. Der liebe Kurt flog los, um alle einzuladen, während Tüpfelchen und Theresa den kleinen Sandplatz aufräumten und weiche Blätter hinlegten.

Nach und nach kamen alle Gäste an. Sogar von der Nachbarwiese krabbelten einige Käfer herbei.

Als sie sich alle auf die weichen Blätter gesetzt haben, stellten sich Tüpfelchen und der liebe Kurt in der Mitte auf. Was waren sie beide aufgeregt! Tüpfelchen nickte dem lieben Kurt aufmunternd zu und dann begannen sie zu tanzen. Tüpfelchen merkte, wie sich ihre Aufregung legte und es begann ihr richtig Spaß zu machen. Jeder Schritt stimmte. Dann kam der Abschluss. Der liebe Kurt blieb stehen und breitete weit seine Flügel aus. Tüpfelchen schielte zu den Gästen.  Keiner sagte etwas. Doch dann klatschten alle begeistert in die Hände. Sie standen von den weichen Blättern auf und umringten den lieben Kurt. „Kurt, Kurt“ riefen sie „Wir wussten gar nicht, wie schön du bist!“ und „Darf ich mal sehen?“ und „Bittet, bitte, zeige sie uns noch einmal!“ Alle waren sich einig, dass der liebe Kurt ein wunderschöner Schmetterling ist.

Tüpfelchen stand daneben und freute sich. „Das hast du sehr gut gemacht!“ sagte eine leise Stimme zu ihr. Sie drehte sich um. Theresa sah sie liebevoll an. „Danke.“ freute sich Tüpfelchen. „Jetzt ist alles gut.“ Theresa nickte. An diesem Abend schlief Tüpfelchen glücklich ein.

Der liebe Kurt weckte sie am nächsten Morgen „Aufstehen Tüpfelchen! Doktor Hüpfer ist hier“ „Doktor Hüpfer?“ fragte sie verschlafen. „Ja, Doktor Hüpfer.“ Der liebe Kurt flatterte ganz aufgeregt um sie herum. „Deine Schiene kommt doch heute ab.“ Ach ja! Vor lauter tanzen üben hatte sie ihren gebrochenen Flügel ganz vergessen. Doktor Hüpfer band den Grashalm ab und bat sie, den Flügel zu bewegen. Sie probierte es vorsichtig. Es tat nicht weh! Dann versuchte sie ein wenig zu flattern. Auch das klappte. Nun hielt sie nichts mehr. Sie hob ab und flog eine große Runde über die beiden hinweg. „Oh wie schön. Ich kann wieder fliegen.“ jubelte sie. Lachend landete sie neben dem lieben Kurt. Der freute sich mit ihr und auch Doktor Hüpfer nickte froh.

Tüpfelchen, der liebe Kurt und die anderen Käfer und Schmetterlinge verbrachten den restlichen Sommer gemeinsam. Sie spielten und flogen und – das war nun sehr beliebt – sie tanzten miteinander.

Wenn Tüpfelchen später ihren Kindern  von früher erzählte, sagte sie immer, dass der Sommer, in dem sie sich den Flügel gebrochen hatte, der schönste gewesen wäre.

Der liebe Kurt
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Prognosen

Irgendwie scheint gerade eine Katastrophe die nächste zu jagen. Wir sind noch inmitten einer Pandemie, da gibt es in Deutschland plötzlich ein Hochwasser in einem Ausmaß, mit dem keiner gerechnet hat und dann explodiert ein Tanklaster in Leverkusen. Was passiert als Nächstes?

Weiß keiner. Ausnahmsweise gibt es diesmal keine Experten, die genau wissen, welche Katastrophe wo passieren wird. Im Gegensatz zur Pandemie, bei der sie sich viele mit Prognosen überschlagen, zucken hier alle mit den Schultern.

Merkwürdig, dass es viele Experten gibt, die das Verhalten von einem unbekannten Virus voraussagen wollen, aber bei einem Fluss, dessen Verlauf bekannt ist, da hat keiner mit diesem Hochwasser gerechnet. Waren alle überrascht.

Denn im Grunde genommen kann keiner voraussagen, was als Nächstes passiert.

Geben wir doch endlich zu, dass wir Menschen sind. Wir haben nur begrenzt die Dinge in der Hand. Wir sind, ob es uns bewusst ist oder nicht, von Gott abhängig.

Wir können planen, aber wenn Gott das nicht möchte, wird es nicht passieren. Das zeigt die Geschichte und auch die Bibel berichtet davon. Großartige Herrscher sind plötzlich untergegangen und Armeen in Überzahl haben den Kampf verloren. Da wir in der heutigen Zeit Gott nicht mehr auf dem Schirm haben, erklären wir die Ereignisse mit erstaunlichen Zufällen weg.  

„Wir brauchen Gott nicht!“ ist der Tenor der modernen Gesellschaft. Wir können das Gefühl der Hilflosigkeit nicht zulassen. Wir antworten auf Katastrophen und Krisen mit Plänen und Lösungen. Wenn etwas nicht klappt, suchen wir den Schuldigen. Irgendein Chef hat versagt. Aber was, wenn wir alle schuldig sind? Weil wir nicht nach Gott gefragt haben? Weil wir alles für machbar und alle Probleme für lösbar halten? Was, wenn die Lösung lautet „Kehre zu Gott um!“.

Wenn ein größeres Projekt geplant ist, wird eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Aber wird dabei einmal gefragt, ob Gott dieses Projekt gut heißt? Mir fällt dazu der Turmbau zu Babel ein. In 1. Mose 11, Verse 1 bis 9 wird davon berichtet, dass die Menschen eine Stadt und einen Turm bauen wollten, damit sie nicht über die ganze Erde zerstreut leben. Sie wollten sich selbst einen Namen machen, nicht Gott. Gott verwirrte darauf die Sprache und sie verstanden sich nicht mehr.

Übrigens bewirkte er zum Pfingstfest nach der Auferstehung Christi genau das Gegenteil: Hier sorgt er dafür, dass die Jünger so reden, dass die Anwesenden, die aus den verschiedenen Ländern kommen, sie verstehen. (Apostelgeschichte 2,4 bis 13) Das nur am Rande.

Der Mensch erhebt sich und möchte wie Gott sein. Dieser Wunsch brachte Adam und Eva dazu, die verbotene Frucht zu essen. Es war nicht die Frucht an sich, sondern das Angebot, dass sie nach dem Essen wie Gott sein werden.(1. Mose 3,5)  

Wenn man selbst Gott ist, ist man nicht mehr abhängig von ihm. Ich habe alles in der Hand und kann machen, was ich will.

Aber wir sind abhängig von Gott und dürfen eben nicht machen, was wir wollen. Was ist so schlimm daran? Was ist so schlimm daran, von einem Gott, der die Liebe selbst ist, abhängig zu sein? Ich denke das ist genau das Problem. Die wenigsten von uns wissen, wie sehr uns Gott wirklich liebt. Wir tragen oft falsche Gottesbilder in uns. Ein Gott, der uns gefühlt alles verbietet, was Spaß macht. Ein Gott, der für uns der strenge Lehrer ist, der nichts durchgehen lässt.

Aber im ersten Johannesbrief heißt es „Gott ist die Liebe…“ (1. Johannes 4, 16) Verbietet Liebe alles, was Spaß macht? Führt Liebe Strichlisten über gemachte Fehler? Paulus gibt einen ausführlichen Überblick, was Liebe tut. (1. Korinther 13, 1 bis 8)

Ein kleines Kind hat kein Problem damit, abhängig von den Eltern zu sein. Das Vertrauen in sie ist groß. Was gibt es Schöneres, als sich von jemandem abhängig zu fühlen, von dem man sich gleichzeitig geliebt weiß?

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen.“ heißt es in Matthäus 18,3.

Ich denke, dass ist das Wesentliche am christlichen Glauben. Wenn ich Gott wie ein Kind vertraue, dann muss ich nicht mehr wissen, was als Nächstes passiert. Dann kann ich sogar ein wenig über die angstmachenden Prognosen lächeln. Denn Gott weiß, was ich brauche und sorgt für mich.

Mehr muss ich nicht wissen.

Amen.

Repost: Die Sehnsucht im Herzen

„Als Gott der Herr die Welt schuf, schuf er auch die Sehnsucht.“ Pastell auf Acryl

Als Gott der Herr die Welt schuf, schuf er auch die Sehnsucht. Er sagte ihr, sie dürfe drei Tage lang durch die Welt streifen, und nach dieser Zeit, würde Er ihr, ihren festen Platz zeigen. So machte sich die Sehnsucht auf den Weg.

Sie durchquerte den Regenwald, fror ein wenig in der Arktis, machte es sich nachts in der Wüste gemütlich, und saß am Ozean und sah zu, wie die Wellen entstanden.

„Sie durchquerte den Regenwald.“ Pastell auf Acryl

Nach drei Tagen stand sie vor dem Thron des Herrn. Der Herr fragte sie: „Liebe Sehnsucht, hast du die Welt gesehen?“ „Ja Herr, sie ist wunderschön. Ich erkenne darin deine Handschrift. Du hast sie sehr gut gemacht!“ antwortete die Sehnsucht.

In diesem Augenblick trat ein Engel, der mit vielen anderen vor dem Thron stand, ein wenig zur Seite. Einen kurzen Moment konnte die Sehnsucht einen winzigen Teil von der Herrlichkeit Gottes sehen. Die arme Sehnsucht – denn das Licht war so hell und schön, dass sie beinahe erblindet wäre. Schützend legte der Engel einen Flügel  über ihre Augen, und schloss schnell die entstandene Lücke.

„Schützend legte der Engel einen Flügel über ihre Augen.“
Pastell auf Acryl

Der Herr nahm die Sehnsucht bei der Hand und führte sie. Sie kamen zu einem, für die Sehnsucht unbekanntes Gebilde. Der Herr nahm die Sehnsucht und stellte sie hinein. Da begann die Sehnsucht zu fragen: „Herr, in was für ein Gebilde hast du mich hineingestellt?“ „Das, liebe Sehnsucht, ist das menschliche Herz.“ antwortete der Herr. „Herr, was hast du mit meinen Füßen gemacht? Du hast sie so tief hineingesteckt, dass ich nicht mehr gehen kann!“ klagte die Sehnsucht. „Liebe Sehnsucht,“ sagte der Herr „ich möchte, dass du ganz fest im Herzen verwurzelt bist!“

Wieder fing die Sehnsucht an: „Herr, hier ist es so dunkel! Warum sollte ich vorher die Welt sehen?“ Der Herr erklärte ihr:

„Liebe Sehnsucht, die Menschen werden sich von mir abwenden. Doch du bringst sie zu mir zurück. Der Mensch kann sich nur nach etwas sehnen, was er gesehen hat, oder zu kennen meint!“

Gott!

Ich staune über dich! Ich möchte ein Lobgesang für dich anstimmen, doch bleibe ich stumm. Mir fehlen die Worte. Es gibt Psalmen und unendlich weitere Lobpreislieder, zu jeder Zeit fanden Dichter Worte für dich. Doch keins davon scheint mir passend für dich! Keins beschreibt, was du für mich bist. Ich kniee vor dir und stammle mein Lob, versuche dir zu sagen, wie dankbar ich dir bin. Mein Gott, ich liebe dich! Nie hätte ich gedacht, dass ich das mal sage. Aber ich kann nicht anders. Du hast mich zuerst geliebt! Du hast mich aufgehoben, als ich verwundet am Boden lag. Als ich nicht mehr wollte, ich schwer enttäuscht von Menschen war und auch dir nicht mehr vertrauen wollte, hast du dich zu mir geneigt. Du hast meine Verletzungen verbunden und meinen Schmerz gelindert. Vorsichtig hast du mich an die Hand genommen und mir eine Liebe gezeigt, von der ich nichts ahnte! Deine Liebe!

Du hast mir eine Wunde zugefügt, eine tiefe Sehnsucht in mir geweckt. Die Sehnsucht nach dir und nach meiner Heimat. Dahin werde ich gehen , wenn hier mein Lauf vollendet ist. Dann werde ich zurück sein und dich endlich sehen, mein Gott.

Dann werde ich auch die Worte finden, um dir sagen zu können, wie sehr ich dich liebe.

Bis dahin halte ich es aus, begleitet und getröstet von deinem Geist. Ich fasse es nicht, was du für mich getan hast. Es gibt niemanden, der dir gleich ist, niemanden, der mich mehr liebt, als du! Du liebst mich zurecht!

Ich wollte immer mein Leben leben, niemand sollte sich einmischen! Ich habe auf Menschenrat gehört und wurde enttäuscht. Weil ich dich nicht kannte, habe ich geglaubt, dass auch du mich enttäuschen wirst. Weil ich dich nicht kannte, dachte ich, dass du mich in eine Falle lockst. Doch jetzt lerne ich dich kennen und ich merke: Ich kann mich fallenlassen in dir! In dir bin ich geborgen! Mit dir macht meinen Leben einen Sinn.

Gehorsam, Demut und Hingabe – das waren Worte für mich, die klangen nach Krankheiten. Jetzt möchte ich mich dir hingeben, es lernen, dich zu lieben, indem ich liebe. Indem ich selbst Menschen liebe, die sonst schwierig für mich sind.

Ich weiß nicht, was mir passiert ist. Ich komme mir vor, wie ein geschlagener Krieger, wie jemand der seine Waffe niederlegt und sich beugt vor dem Sieger. Doch bist du mehr für mich als ein Sieger. Du hast nicht mit mir gekämpft, du hast mein Herz berührt. Es wurde heil unter deiner Berührung.

Mein Spiegel sagt, ich bin dieselbe, doch das stimmt nicht. Es hat sich etwas geändert. Du hast etwas geändert. Ich verstehe es nicht. Aber es reicht mir zu wissen, dass du mich liebst. Du bist alles für mich!

Amen.

Gelbe Karte

Ich bin noch ganz benommen. Es fällt mir schwer, einen fröhlichen Input zu schreiben. Mir ist, als wäre ein Sturm über mich hinweggefegt. Aber von Anfang:

Da ich auf meinem spirituellen Weg eine Entscheidung treffen möchte, habe ich mir eine Begleitung gesucht. Nach meinen hier beschriebenen Erfahrungen mit meinem Täter, der meines Erachtens u. a. das Seelsorgegeheimnis gebrochen hat, war das ein mutiger Schritt für mich. Meine Beraterin wusste, was ich erlebt habe und dass diese Beratung auch eine Vertrauensprobe für mich war.

Vor wenigen Tagen hatte ich, nach langer Zeit wieder, einen Termin bei ihr direkt vor Ort. Wegen der Pandemie haben wir miteinander telefoniert, dieses Mal sollte es das erste persönliche Treffen nach langer Zeit sein. Doch auf dem Weg dahin gab es einen großen Stau. Dieser schien immer schlimmer zu werden und so rief ich sie über Freisprechanlage an und sagte ihr ab. Sie ließ mich gar nicht ausreden, sondern reagierte gleich sauer. Ich versuchte ihr meine Situation zu erklären, doch sie hörte gar nicht richtig zu und beendete schließlich das Gespräch.

Einige Stunden später erhielt ich eine E-Mail von ihr. Sie schrieb, dass ich ihre Reaktion als gelbe Karte verstehen solle und wenn ich mich nochmal verspäten würde, es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, würde sie mich nicht mehr begleiten können. Ich könne auch selbst diese Begleitung beende, das wäre meine Entscheidung!

Ungläubig schaute ich auf den Laptop! Ja, sie hat Recht, ich war öfter zu spät gekommen. Ich habe ein derbes Problem mit der Pünktlichkeit. Das hat viele verschiedene Gründe und ich kämpfe schon lange dagegen an. Was mich aber stört: sie hat nie erwähnt, dass es sie massiv stört, im Gegenteil: sie hat immer lächelnd meine Entschuldigung angenommen. Nicht einmal hat sie das zu einem Thema gemacht! Es traf mich sozusagen aus heiterem Himmel! Hätte sie es nicht einmal das ansprechen können? Vor allem habe ich nicht erwartet, dass sie die dadurch verlorene Zeit hinten dran hängt, auch bin ich zu ihr zur Kommunität gefahren. Sie stand wegen mir nicht einmal im Regen. Sie war zu Hause.

Meine Freundin tröstete mich am Telefon. Sie sagte dabei einen für mich wichtigen Satz: „Klar wäre es schön, wenn du pünktlich kämest, aber wer sagt denn, dass pünktlich-sein normal ist? Es gibt soviele Kulturen, bei denen Pünktlichkeit nicht wichtig ist!“ Bei den Deutschen ist Pünktlichkeit ein so hoher Wert, dass der Satz „Er/Sie war pünktlich.“ im Arbeitszeugnis aussagt, dass derjenige keine Leistung gebracht hat. Aber welchen Wert hat Pünktlichkeit wirklich?

Ich war mal Mitglied in einem Projektchor, der von mehreren Nicht-Deutschen geleitet wurde. Gleich bei der ersten Chorprobe kam der Hauptleiter eine Dreiviertel-Stunde zu spät. Er erzählte fröhlich und ausführlich, wie und warum er sich verfahren hatte, begann ohne Überleitung zu beten und dann ging die Chorprobe los. Was soll ich sagen? Das Projekt endete mit dem chaotischsten und gleichzeitig fröhlichsten Auftritt, den ich je erlebt habe und das Publikum war begeistert. Es hat keiner danach gefragt, ob die Proben pünktlich anfingen.

Zurück zu meiner Begleitung: Ich habe sie aus meinem Leben entlassen. Ich fühle mich verletzt. Nach all dem, was ich bereits mit geistlichen Leitern erlebt habe, trifft mich diese Auseinandersetzung schwer. Ich habe mich auf sie eingelassen. Ich habe meine Vorbehalte gegenüber Seelsorgern, Coachs usw. beiseite geschoben und mich auf diese Begleitung eingelassen. Sie hat sich genauso verhalten, wie mein Täter, indem sie mir den „Schwarzen Peter“ zugeschoben und das Weiterbestehen dieser Begleitung von meinem Verhalten abhängig gemacht hat: „Wenn du dich daneben benimmst, werde ich diese „Beziehung“ abbrechen!“ Am meisten ärgere ich mich über mich selber. Während dieser „Begleitung“ gab es zwischendurch leise Zweifel bei mir. Ich fragte mich immer wieder, ob sie mir richtig zugehört hatte. Ich hätte da schon diese „Begleitung“ abbrechen müssen.

Das war’s jetzt! Ich werde mich nicht wieder auf eine Begleitung oder Seelsorge o. ä. einlassen! Ich muss mein Herz schützen. Sollte ich noch einmal Rat benötigen, werde ich verschiedene Personen stichpunktartig fragen. Eine Stippvisite, mehr nicht! Ich werde nicht mehr Menschen, die Berater o. ä. sind, mein Herz ausschütten. Immer nur das Nötigste.

Ich denke, das ist auch die Lektion, die ich lernen sollte. „Zufälligerweise“ (ich glaube nicht an Zufälle.) lautete die Herrnhuter Losung an diesem Tag: „Schaff uns Beistand in der Not; denn Menschenhilfe ist nichts nütze.“ (Psalm 60,13) Der beste Ratgeber ist immer noch Gott! AufIhn möchte ich hören!

Gott sei Dank verteilt Jesus keine gelben Karten! Ich wäre längst raus aus Seinem Spiel! Ihm sei Dank habe ich immer wieder eine neue Chance und ich werde bedingungslos von Ihm geliebt! Es gibt kein „Wenn du dich noch einmal daneben benimmst, bist du raus!“ Wie oft ich auch zu Ihm komme und Ihn um Vergebung bitte, Er wird mir wieder und wieder vergeben. – Das nehme ich aus diesem Erlebnis mit: Ich möchte barmherzig mit dem Anderen umgehen, denn ich weiß nicht, wie sehr er vielleicht genau mit dieser Schwäche zu kämpfen hat, die für mich schwierig ist. Ich möchte seine Schwäche umarmen. Mit Gottes Hilfe, nur mit Seiner Hilfe werde ich das schaffen!

Amen.

Wie du geistlichen Missbrauch überlebst II

Selbst ein gefrorens Herz kann Gott heilen.

Ich möchte, dass du die folgenden Tipps als Vorschläge verstehst. Sie sind kein Therapie-Ersatz. Solltest du ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Selbstmord zu begehen, dann bitte ich dich dringend, dir Hilfe zu suchen. Unter der 0800/ 111 0 111 bzw. 0800/ 111 0 222 erreichst du bundesweit die Telefonseelsorge. Unter http://www.telefonseelsorge.de kannst du dich auch online per Mail oder Chat beraten lassen. Bitte lass dir helfen!

Ich rede hier von „Täter“ in dem allgemeinen Sinn, um eine Person zu bezeichnen, die etwas getan hat, also als „Tuender“ bzw. „Getan habender“ und nicht im juristischen Sinn.

(Unbezahlte Werbung wegen Nennung eines Titels)

Vergebung
Jetzt kommt ein Rat, der dir vielleicht weh tut: Vergib dem Täter! Tu es nicht für ihn, tu es für dich. Tu es, weil du Gott gehorchen möchtest. Tu es, so schnell wie möglich. Vergebung ist ein Prozess. Fang so schnell wie möglich damit an.
Wenn du es nur mit zusammengebissenen Zähnen hinkriegst, dann vergib mit zusammengebissenen Zähnen! Wenn du das nicht hinkriegst, dann bitte Gott, dir dabei zu helfen. Sag Ihm, dass du es nicht kannst und bitte Ihn darum, dir die Kraft dafür zu geben.
Am Anfang reicht es, allgemein Vergebung auszusprechen. Sprich die Vergebung gegenüber Gott aus, nicht gegenüber dem Täter. Du hast den Kontakt abgebrochen, bleibe dabei.
Du wirst im Laufe der Zeit dich an Einzelheiten erinnern, die dich verletzt haben. Dann vergebe konkret diese Details. Vergebung spült das Gift aus der Seele, dass der Täter dir jahre- oder jahrzehntelang eingeflößt hat. Vergebung hält dein Herz weich.
Mir begegnen immer wieder lebende Minenfelder. Das sind Menschen, denen Leid widerfahren ist und die nicht vergeben haben. Sie sind inzwischen so verbittert, dass es schwer auszuhalten ist mit ihnen. Sie erzählen von ihrem Leid, als sei es gestern gewesen. Doch wenn du nachfragst, ist es oft schon mehrere Jahrzehnte her.
Wenn du nicht zu einem lebenden Minenfeld mutieren möchtest, dann vergib! Vergeben heißt nicht, vergessen. Vergeben heißt nicht, dass du mit dem Täter in Beziehung bleiben musst! Vergebung heißt auch nicht, dass du auf eine Anzeige verzichtest, sollte der Täter zusätzlich zum geistlichen Missbrauch noch eine Straftat an dir begangen haben. Vergebung heißt, dass du das an dir getane Unrecht an Gott abgibst. Gott sorgt für Gerechtigkeit.
Du musst auch nicht für den Täter Verständnis haben! Das ist m. E. eine Unsitte des heutigen Christentums. Da wird wohl Humanismus mit christlichem Glauben verwechselt. Es ist nicht deine Aufgabe, den Täter zu therapieren. Du musst kein Verständnis für seine Kindheit aufbringen. Ihm zu vergeben, ist schon schwer genug.
Jetzt, nach über vier Jahren bete ich für meinen Täter. Doch am Anfang, rate ich dir dringend davon ab. Kurz nach dem Kontaktabbruch könntest du durch die Fürbitte erneut eine emotionale Bindung aufbauen. Das tut dir aber nicht gut, also lass‘ es. Wenn du Matthäus 5, 44 ernst nehmen möchtest, dann bitte deine christlichen Freunde, die Fürbitte für den Täter vorübergehend für dich zu übernehmen.

Sorge für dich.
In der Zeit in der ich geistlich missbraucht wurde, habe ich mich fast ausschließlich um den Täter und die Gemeinde gekümmert.
Zum Glück habe ich während meiner Mitgliedschaft meine Freundschaften außerhalb der Gemeinde gepflegt. Zwar ist es dem Täter gelungen, mich innerhalb der Gemeinde zu isolieren, doch an meine externen Freunde kam er nicht ran. Das gab mir Halt.
Wenn du aus der Missbrauchsituation raus bist, dann sorge für dich. Vielleicht hast du viel Zeit und Energie in den Täter und die Gruppe gesteckt. Dann kümmere dich jetzt wieder um dich. Brauchst du im Moment einfach mal Zeit für dich, dann nimm‘ dir die Zeit. Wenn du lieber etwas unternehmen möchtest, dann suche dir etwas, was dir wirklich Freude macht. Bei der Suche nach neuen Freizeitaktivitäten solltest du darauf achten, dass du nicht wieder der-/ diejenige bist, der sich kümmert oder Probleme löst. Entscheide dich lieber für den Kegelclub, als für die Mitarbeit im Vorstand vom ehrenamtlichen Verein. Das kannst du später immer noch tun. Aber jetzt ist erst einmal „just for fun“ dran.
Kegelklub ist ein gutes Stichwort. Wir Deutsche brauchen unsere Vereine, weil wir so schwer „warm werden“ miteinander. Ein Club, ein Verein ist eine gute Idee, wenn man etwas sucht, das regelmäßig stattfindet und man neue Leute kennenlernen möchte, zu denen man anfangs auch eine wohltuende Distanz wahren kann. Ich bin einige Zeit nach meinem Gemeindeaustritt in einen Chor reingegangen. Es tat mir einfach gut, wieder zu singen und mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Inzwischen habe ich den Chor gewechselt. Aber die Musik habe ich mir wieder in mein Leben zurückgeholt.
Mach was Kreatives oder fang an, was zu sammeln. Vielleicht fängst du auch ein Hobby an, das total sinnfrei ist, dir aber Spaß macht. Kronkorkenweitwurf klingt absurd, aber es gibt immerhin eine Facebook-Gruppe für diesen „Sport“.


Vor allem sorge dafür, dass du Freunde außerhalb deiner zukünftigen Gemeinde hast. Gott sollte im Leben an erster Stelle stehen, aber nicht deine Gemeinde! Ich integriere mich vorsichtig wieder in eine Gemeinde. Doch halte ich sie mir auf Distanz. Sie ist nicht mehr mein Dreh- und Angelpunkt. Das ist Narzissten-Prophylaxe. Je mehr du außerhalb der Gemeinde Kontakte hast, umso mehr Möglichkeiten hast du, die Aussagen eines Narzissten auf die Wahrheit zu überprüfen. Wenn du nach seiner Aussage „total unbeliebt“ bist, kannst du mit den Schultern zucken, wenn du in der Band, im Malkreis usw. gern gesehen wirst.

Zieh‘ die Reißleine
Geistlicher Missbrauch funktioniert nur mit einem entsprechenden System. In der Regel ist es nicht nur der Leiter oder Pastor, sondern auch die Gemeinde, die diese Spielchen zumindest nicht stoppt. Ich persönlich habe erfahren, dass es in freikirchlichen Gemeinden schwierig ist, über negative Erfahrungen mit Pastoren/ Leitern zu reden. Es wurde mir oft nicht geglaubt oder sogar unterstellt, dass ich mich nicht unterordnen wolle. Oft genug wird gepredigt, dass man als Christ unbedingt Mitglied einer Gemeinde sein müsse. Ich halte diese Zusage generell für richtig! Doch sie trifft nicht immer zu. Wenn du von Pastoren oder Leitern und anderen Menschen, die behaupten, Christen zu sein, verletzt wurdest, dann darfst du nicht nur aus einer Gemeinde austreten, sondern auch eine Zeitlang ohne Gemeinde sein!
Entzieh‘ dich dem Mileu, das dich verletzt hat und weiter verletzt. Das klingt hart, aber meine Erfahrungen in anderen freien Gemeinden nach dem Missbrauch hätten mich fast den Glauben gekostet. Es ist ok, sonntags zu Hause zu bleiben. Ich höre schon diverse Leute protestieren. Es wurde mir und vielen anderen eingetrichtert, dass man sonntags in den Gottesdienst zu gehen hat. Wie geschrieben: Generell richtig, aber nicht, wenn du von einer Gemeinde verletzt wurdest und evtl. immer noch wirst. Lass dir Zeit bei der Gemeindesuche. Wenn dein Partner, deine Familie noch in der anderen Gemeinde ist, dann ist das sicher schwer durchzusetzen. Aber denke daran, dass du ein Recht hast, für dich und deinen Glauben zu sorgen. Glaube wird nicht allein durch einen regelmäßigen Gottesdienst genährt. Damit im Zusammenhang steht mein nächster Vorschlag:

Vernachlässige nicht deine Gebetszeit
Als ich in keine Gemeinde ging, habe ich mir selbst Literatur gesucht. Endlich habe ich angefangen, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen. Das wollte ich schon länger. Aber durch gemeindeinterne Bibellesepläne und das Durchlesen von geistlichen Büchern in Hauskreisen bin ich immer nicht dazu gekommen.
Ich habe mir eine neue Bibel bestellt, mir im Internet gute Predigten gesucht und beim Bestellen im online-Kaufhaus intensiv die Empfehlungen unter „Kunden kauften auch..“ gelesen. Ich habe mich da richtig durchgeklickt. Dadurch bin ich auf Bücher gekommen, die ich, wäre ich in der Gemeinde geblieben, nie gelesen hätte. Die neue Bibel war wichtig für mich. Der Pastor hatte ständig seine Lieblingsübersetzung angepriesen. Jetzt fing ich wieder an, Bibelübersetzungen miteinander zu vergleichen. Dadurch, dass ich nicht regelmäßig „bepredigt“ wurde, war ich offen für neue Interpretationen. Mir sind plötzlich Bibelverse aufgefallen, die vorher nicht in meinem Fokus waren. Ich habe sie vorher nicht wahrgenommen.
Auch für neue Gebetsformen war ich offen. Kontemplativ beten d. h. still werden und sich nur auf Gott zu konzentrieren, war ein neuer Weg für mich. Während der Einkehrtage bekam ich einen Rosenkranz geschenkt. Jede Perle in die Hand nehmen und dabei „Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ ist nicht meins. Aber ich habe es ausprobiert. Es gibt wesentlich mehr Gebetsformen, als mir bewusst war. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie sehr ich mich habe einengen lassen.
Deswegen schlage ich dir vor, auch bisher ungewohnte Wege zu gehen. Probiere dich aus. Hinterfrage bisherige Lehren. Lese die Bibel die neu, ohne den mahnenden Pastor im Hintergrund.
Mein Credo seit meiner Erfahrungen in Freikirchen: Lies selbst! Denke selbst! Glaube selbst!

Überlasse dich Gott
Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Es heißt nicht „Überlasse es Gott.“, sondern „Überlasse dich Gott!“. Ich habe geschrieben, dass ich überrascht war, welche Mittel und Wege Gott genutzt hat, um mich zu heilen. Es gibt Christen, die lehnen das Fernsehen komplett ab, aber durch eine Fernsehsendung hat Gott mich wieder erreicht. Auch hat mir das vorübergehende Fernbleiben von Gottesdiensten gut getan. Genau dieses Alleinsein hat mich zu Gott gezogen. In der Stille konnte ich wieder Seine Stimme hören.
Inzwischen fällt es mir leichter, mich frei davon zu machen, „was die Leute sagen“. Einige Ratschläge mögen ihre Berechtigung haben, aber wenn ich durch die Gemeinde stark verletzt wurde, dann gießt der Rat-Schlag „Geh in eine Gemeinde!“ nur noch Öl ins Feuer. Gott hat Sein eigenes Tempo und Seine eigenen Themen! Du tust gut daran, dich von Ihm führen zu lassen.

Finde deinen Stand in Christus!

Ausgerechnet mein Täter reichte mir das Buch, das wesentlich zu meiner Heilung beitrug: „Neues Leben – Neue Identität“ von Dr. Neil T. Anderson. Solltest du noch nicht mit jeder Faser deiner Seele verstanden haben, dass Gott dich bedingungslos und leidenschaftlich liebt – lesen! Lies es! Inhalier‘ es! Kau‘ es gut durch!
Ich bin keine Freundin von Büchern alá „In 12 Schritten zum siegreichen Christsein“. Auch habe ich meine Fragen an den Autor, sehe Einiges kritisch. Doch dieses Buch kann dir wirklich helfen, wenn du dich darauf einlässt.
Für mich war das zweite Kapitel besonders wichtig. In einem Abschnitt stehen lauter Bibelstellen, mit Aussagen, was du in Christus bist. Ich habe diese Liste täglich laut und langsam gelesen. Das habe ich mehrere Wochen getan. Eine Besserung habe ich nicht gleich gemerkt. Aber plötzlich gab es Situationen in denen ich selbstbewusster reagierte. Ich merkte, dass ich anfing, Aussagen zu hinterfragen. So ließ ich mich nicht beirren, als eine Verkäuferin mir erklärte, dass das lachsfarbene Oberteil mir super steht. Ich vertraute stattdessen dem Spiegelbild, das mir erzählte, dass ich darin blass aussehe und verließ den Laden. Das ist nur ein kleines Erlebnis. Aber kleine Anfänge sind wichtig. Mein Täter hat es in wenigen Jahren geschafft, dass ich mehr seiner Meinung vertraut habe, als mir selbst.

Nutze Symbole
Jetzt kommt ein ungewöhnlicher Vorschlag. Aber manchmal erfordern ungewöhnliche Situationen ungewöhnliche Maßnahmen.
Eines Tages fiel mir auf, dass ich meine Vergangenheit nicht loslassen kann. Es gab ein Thema, dass regelmäßig hochkam. Plötzlich verstand ich Lukas 9,62 „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Wenn ich mich wieder und wieder mit meiner Vergangenheit beschäftige, dann werde ich nicht vorankommen und kann auch nichts für Gott tun.
Ich merkte, dass ein „Halt! Stopp!“ nicht reichte. Also dachte ich mir eine Symbol-Handlung aus. In meinem Bastelkram für das Kinderprogramm gibt es eine Vorlage für einen Papiersarkophag. Ich bastelte also den Sarkophag. Dann beschriftete ich kleine Zettel mit meinen unerfüllten Wünschen, Enttäuschungen, seelischen Verletzungen. Ich stopfte sie in den Sarkophag und gab Jesus im Gebet alles, was ich aufgeschrieben habe. Sinngemäß sagte ich „Ich komm‘ damit nicht weiter. Bitte kümmer‘ du dich darum!“ Danach zündete ich das Papier an.
Solltest du das nachmachen wollen, dann beachte bitte den Brandschutz. Ich habe den Sarkophag auf einen Keramikteller platziert und eine Kanne mit Wasser daneben gestellt. Wenn du dir trotzdem unsicher bist, kannst es auch draußen z. B. auf dem Balkon machen. Du brauchst auch keinen kunstvoll gestalteten Sarkophag, eine zusammengeklebte Papierschachtel tut es auch. Ich fand nur die Symbolik dahinter, die tote Vergangenheit endlich zu beerdigen, ganz passend.


Meine Liste an Vorschlägen ist nicht vollständig. Aber es soll nun genügen. Wichtig ist mir, dass du weißt, dass es Vorschläge sind, die mir geholfen haben. Für dich können ganz andere Schritte wichtig sein. Bis auf die Vergebung, da denke ich, wirst du nicht drum rum kommen, einen Weg zu finden, wie du vergeben kannst. Du wirst sonst Opfer bleiben.


Ansonsten gehe deinen Weg. In deinem Tempo, in deiner Reihenfolge. Aber geh‘ ihn! Bleibe nicht sitzen in deinem Kummer. Zieh dich nicht auf Dauer von den Menschen zurück!
Geh, es lohnt sich!

Wie du geistlichen Missbrauch überlebst

(Vor einiger Zeit schrieb ich hier etwas über geistlichen Missbrauch. Jetzt möchte ich noch einige Tipps dazu geben. )

Manchmal bringen Verletzungen ein Herz zum Frieren. Auch das kann Gott auftauen.

Ich möchte, dass du die folgenden Tipps als Vorschläge verstehst. Sie sind kein Therapie-Ersatz. Solltest du ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Selbstmord zu begehen, dann bitte ich dich dringend, dir Hilfe zu suchen. Unter der 0800/ 111 0 111 bzw. 0800/ 111 0 222 erreichst du bundesweit die Telefonseelsorge. Unter http://www.telefonseelsorge.de kannst du dich auch online per Mail oder Chat beraten lassen. Bitte lass dir helfen!

Ich verwende hier das Wort „Täter“ im allgemeinen Sinn, also um eine Person zu bezeichnen, die etwas tut, also ein „Tuender“ bzw. ein „Getan Habender“. Der juristische Sinn ist hier nicht gemeint.

Nachdem du festgestellt hast, dass du geistlich missbraucht wirst, versuche zunächst in der Gemeinde, dem Hauskreis, Verbündete zu finden. Versuche herauszufinden, ob es Gemeindemitglieder gibt, denen es ähnlich geht. Narzissten versuchen Menschen zu isolieren. Das tun sie, indem sie Menschen als unmöglich, als sozial andersartig darstellen. Auf der Suche nach Verbündeten solltest du genau die Menschen ansprechen, die vom Machtmenschen tabuisiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Menschen, die vom Leiter abgestempelt werden, ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht haben, wie du. Solltest du keinen finden, der genauso isoliert wurde wie du, versuche Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern aufzunehmen.
Es dürfte allerdings schwer sein, jemanden zu finden, der bereit ist, über das Erlebte mit dir zu reden. Die Scham ist oft zu groß. Oft genug wird der Fehler bei sich selbst gesucht. Auch ich kämpfe zuweilen noch mit den Gedanken, dass ich diese Erfahrungen mir selbst zuzuschreiben habe. Ich habe nicht aufgepasst! Ich habe diesem Menschen geglaubt und seine destruktive Art in mein Leben gelassen! Ich hätte es besser wissen müssen. Er war nicht der erste Narzisst in meinem Leben!
Solltest du keinen aus der Gemeinde finden, dann suche außerhalb der Gemeinde. Such dir erwachsene Christen, die weit genug Abstand zu deiner Gemeinde haben! Es ist nicht hilfreich, einem Pastor oder Leiter deine Geschichte zu erzählen, der den Narzissten persönlich kennt! Ich kann nur ausdrücklich davor warnen! Das Sprichwort stimmt: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!“ Das habe ich selbst erlebt. Suche dir also Christen, die am besten weder die Gemeinde noch den Leiter kennen. Vielleicht findest du im Urlaub eine Gemeinde, die weit genug weg ist. Manchmal ist es einfacher, einem Seelsorger, Coach der einen nicht persönlich kennt etwas von sich selbst zu erzählen, als jemanden, der dich gut kennt und dadurch nicht mehr objektiv zuhören kann.
Ein Außenstehender schaut noch einmal ganz anders drauf. Ich selbst habe jemanden getroffen, der Coach für genau diese Problematik war. Leider habe ich keine Kontaktdaten mehr. Aber er hat mir sehr geholfen.
Wenn du keinen findest, mit dem du offen reden kannst, dann recherchiere im Internet und in Bibliotheken. Es gibt viele Abhandlungen über Narzissten und geistlichen Missbrauch. Versuche anhand der dort aufgezählten Merkmale rauszufinden, ob der betreffende Leiter/ Pastor ein Narzisst ist oder nicht. Bedenke dabei, dass es auch verdeckte Narzissten gibt. Das führe ich hier nicht weiter aus, aber das solltest du recherchieren.
Ich möchte bei den Merkmalen eines Narzissten drei herausgreifen: 1. „Das habe ich so nicht gesagt! / Das hast du falsch verstanden!“ – Das sind die am meisten gebrauchten Sätze eines Narzissten. Narzissten lassen sich nicht festhalten. Es gibt keine Absprachen. Es gibt keine Regeln, an die sie sich halten. Wenn du dich auf etwas berufen möchtest, was abgesprochen war, dann kommt einer dieser beiden Sätze oder eine Abwandlung davon. Wenn ich mit meinem Täter mal wieder ein „klärendes Gespräch“ hatte ich immer danach das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Es kam mir vor, als hätte ich versucht, einen Aal mit bloßen Händen zu fangen.
Damit zusammen hängt das zweite wesentliche Merkmal: Stagnation durch lange, verwirrende und erfolglose Gespräche. Wie beschrieben, gab es in der Gemeinde viele Gespräche. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, war ich nicht die Einzige, mit der „klärende Gespräche“ geführt wurden. Ich setze deshalb die Anführungszeichen, weil sie nicht klärend waren. Narzissten sind Meister darin, vom Thema abzulenken, jemanden das Wort im Mund umzudrehen und stundenlang zu tagen, ohne anschließend irgendwelche nennenswerten Ergebnisse vorweisen zu können. Ein Narzisst hält andere beschäftigt.
Das dritte wesentliche Merkmal eines Narzissten, ist seine Reaktion auf Kritik. Nun gibt es heutzutage wenige Menschen, die in der Lage sind, erwachsen mit Kritik umzugehen, aber ein Narzisst nimmt jede Kritik als persönlichen Angriff. In seinen Augen ist alles Kritik, was nicht bedingungslose Zustimmung ist. Er kennt nur Zujubeln oder Kritik. Kritik ist in seinen Augen immer unberechtigt. Dabei wird auch ein lieb gemeinter Hinweis alá „Hast du daran gedacht, dass…?“ als Kritik verstanden. Ein Narzisst sieht sich berechtigt, dich öffentlich bloß zu stellen, deinen Ruf zu zerstören und dir seine vernichtende Kritik wie Ohrfeigen entgegen zu schleudern. Aber wehe du kommst auf die Idee, seine Meinung zu hinterfragen bzw. eine andere Meinung als seine zu haben. Damit sprichst du dir selbst das „Todesurteil“. Daraufhin wird er versuchen, dich mundtot zu machen.
Daran wirst du auch einen Narzissten unweigerlich erkennen: Wenn du jemanden einem harmlosen Hinweis gibst und derjenige es als Ehrverletzung ansieht und er daraufhin anfängt, schwere Geschütze gegen dich aufzufahren. Spätestens dann sollte deine innere Narzissten-Frühwarn-Anlage klingeln.

Wenn du feststellst, dass du es wirklich mit einem Narzissten zu tun hast, dann geh aus der Gemeinde raus! So schnell wie möglich! – Du hörst jetzt bitte sofort damit auf, zu argumentieren, dass du helfen möchtest und der Typ dir ja Leid tut. – Ja, er tut dir Leid an! Hilf dir selbst und geh! Glaube mir, ich kann diese Gedanken gut nachvollziehen. Sie waren auch in meinem Kopf. Die schwierigste Lektion, die ich als Krankenschwester zu lernen hatte, war: nicht zu helfen!
Du bist nicht dafür verantwortlich, dass der andere glücklich ist. So wie du selbst für dich verantwortlich bist, ist auch der Narzisst für sich verantwortlich. Du bist nicht Gott! Du bist nicht der Retter der Welt! Diese Aufgabe hat, Gott sei Dank, Christus am Kreuz übernommen!

Hör‘ auf zu kämpfen!
In Freikirchen wird oft von Kämpfen geredet. Dabei werden die entsprechenden Bibelstellen zu Hilfe genommen. Du musst nicht für Gott kämpfen. Wenn überhaupt, kämpfe mit ihm! Wenn du das Gefühl hast, dass etwas mit deiner Gemeinde nicht stimmt, dann kannst du sicher dafür beten, dass Gott eingreift. Du kannst auch Gott fragen, ob du etwas dagegen unternehmen sollst. Aber wenn du deine Möglichkeiten ausgeschöpft hast und du eher daran kaputt gehst, dann solltest du daran denken, dass du nicht Gott bist. Nochmal: Du bist nicht Gott! Als einfaches Gemeindemitglied ist es nicht deine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass deine Gemeinde sich auf dem richtigen Weg befindet. Du kannst auf Missstände aufmerksam machen, für deine Gemeinde beten, aber nicht für deine Gemeinde kämpfen. Besonders dann nicht, wenn Gott andere Pläne mit dieser Gemeinde hat! Er lässt manchmal Dinge zu, die wir nicht begreifen. Ja, er lässt auch zu, dass Gemeinden kaputt gehen. Wenn du jetzt aufgeregt fragst „Wie kann das sein? Das ist doch kein gutes Zeugnis für Außenstehende!?“ Mach dir bewusst, dass Gott sich auch um die Außenstehenden kümmert. Er geht jedem geduldig nach. Er erreicht sein Ziel. Nicht immer auf dem Weg, den wir gerne hätten. Aber manchmal ist ein Bruch, eine Krise genau richtig, um etwas Positives in Gang zu setzen.
Ich möchte durch die Zeit des Missbrauchs nicht noch einmal durchgehen. Aber ich bin Gott unendlich dankbar, dass er mich da durchgeführt hat. Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich das nicht erlebt hätte. Ich habe heute eine lebendigere Beziehung zu ihm, als vorher. So denke ich über Dinge nach, über die ich nie nachgedacht hätte. Zwar wollte ich bereits während meiner Mitgliedschaft in dieser Freikirche anfangen, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen, doch spüre ich jetzt erst eine innere Freiheit dazu.
Ich war ständig damit beschäftigt, irgendwelche Bücher zu lesen und mir Notizen dazu zu machen. Dadurch kam ich nicht dazu, die Bücher zu lesen, die mich interessierten. Das ist aber vom Narzissten gewollt. Er hält die anderen beschäftigt. Wer beschäftigt ist, denkt nicht nach.
Jetzt aber habe ich Zeit, in Ruhe über meine Themen nachzudenken.

Also erkläre deinen Austritt aus der Gemeinde und brich‘ komplett den Kontakt zu dem Narzissten ab! Solltest du nicht geistlich, sondern psychisch missbraucht werden und mit dem Narzissten verwandt sein, dann suche dir Rat beim Therapeuten. Das meine ich ernst! Wenn allerdings der Täter ähnlich wie bei mir, dir unterstellt, dass du psychisch krank bist und du merkst, dass du dich dagegen sträubst, dann versuche einen Kompromiss zu finden. Vielleicht nur eine Kurzzeittherapie oder du suchst dir eine ausgebildete Seelsorgerin außerhalb der Gemeinde oder einen Coach. Wenn es gar nicht geht, dann versuche an gute Literatur zu kommen. Therapeuten schreiben gerne Ratgeber. Lese verschiedene, lese auch mal mehrere quer. Sie mögen nicht immer eine Therapie ersetzen, aber oft gibt es im Anhang eine Liste mit Adressen von Organisationen, Therapeuten oder Einrichtungen, die dir weiterhelfen können.


Nach dem Missbrauch
Wenn du ausgetreten bist und den Kontakt abgebrochen hast, dann lass dich erst einmal von mir virtuell umarmen. Du hast es geschafft! Du hast überlebt!
Versuche zur Ruhe zu kommen! Wahrscheinlich tobt sich in dir ein Gefühlschaos aus: eine Mischung aus Wut, Trauer, Verwirrtheit. Das darf sein. Manchmal werden in christlichen Kreisen Gefühle tabuisiert. Lass dir das nicht einreden! Paulus schreibt „…, lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4, 26) und nicht „Seid nicht zornig!“ Du darfst zornig sein! Du darfst trauern!
Vielleicht fühlst du auch Scham darüber, dass du auf solch einen Menschen reingefallen bist. Dann solltest du spätestens jetzt recherchieren, welche Bücher es zum Thema geistlichen Missbrauch gibt. Entweder du gehst in einen christlichen Buchladen oder du klickst dich online unter „andere Kunden kauften auch“ durch. Es sind Regalmeter zu diesem Thema im Angebot. Du bist nicht der Einzige!
Narzissten missbrauchen und manipulieren. Das sind Persönlichkeiten, denen kaum einer widerstehen kann. Vielleicht schafft es nur ein anderer Narzisst einem Narzissten Paroli zu bieten.
In einem Englisch-Kalender fand ich den Spruch von Elena Roosevelt „No one can make you feel inferior without your consent.“ (Niemand kann dich dazu bringen, dich unterlegen zu fühlen, ohne deine Zustimmung.) Ich widerspreche Frau Roosevelt auf Schärfste: Das ist gerade das Problem bei Narzissten. Sie manipulieren so geschickt, dass du es gar nicht merkst. Deswegen verweise ich solche Aussagen dahin, wohin sie gehören: nette Kalendersprüche, die mit dem Rezept von Omis Apfelkuchen in guter Gesellschaft sind.
Mein Spruch dagegen lautet: Niemand hat das Recht, dich dazu zu bringen, dass du dich unterlegen fühlst!
Deine Gefühle dürfen sein! Du darfst sein! Der Krieg ist vorbei! Noch einmal: Der Krieg ist vorbei! Damit du es auch wirklich verstehst: Der Krieg ist vorbei!

(Wird fortgesetzt.)