Ehre

Ich denke gerade über Ehre nach. Das ist ein schwer zu fassender Begriff. Wir halten etwas in Ehren, wir verehren jemanden, bei der Hochzeit verspricht das Brautpaar sich gegenseitig zu achten und zu ehren, mancher, der sich engagiert, arbeitet ehrenamtlich und auf der Beerdigung wird dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen.

Wikipedia definiert Ehre mit „Achtungswürdigkeit“ bzw. „verdienter Achtungsanspruch“. Doch worauf begründet sich diese Achtungswürdigkeit? Womit habe ich denn den Anspruch auf Achtung verdient? Kann ich mir überhaupt Achtung bzw. Respekt verdienen? Hat jemand, der nichts leistet, Respekt verdient? Ein Wachkomapatient zum Beispiel, er leistet nichts – muss ich ihn ehren?

Klar, er ist ein Mensch! – Aber Moment mal, hieße das, dass all das Gehabe um Ehre umsonst ist? Viele junge Männer sind in leidvollen Kriegen „Für Ehre und Vaterland“ gestorben, so manche Kneipenprügelei entstand, weil jemand die Ehre seiner Frau wiederherstellen wollte und ganze Bandenkriege sind wegen verletzten Familienehren entstanden.

Was würde passieren, wenn plötzlich ein Philosoph unwiderlegbar feststellen würde, dass Ehre ein Konstrukt ist, das in Wirklichkeit nicht existiert?

Es würde den erwähnten Kriegen und Prügeleien den Grund wegnehmen. Viele Statussymbole, die wir meinen zu brauchen, wie z. B. Markenklamotten würden plötzlich den Wert verlieren. Aber, in letzter Konsequenz würden sicher viele auch depressiv werden.

Der Mensch braucht Bestätigung. Er braucht es, gesehen zu werden. Doch Gott sieht uns. Hagar, die geflohene Magd Abrams, bezeichnet Gott als den „Gott der mich sieht“ (1. Mose 16, 13) Gott sieht mich!

Nicht nur das: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8, 5)

Ein wenig niedriger als Gott selbst – wow! Das ist kein verdienter Achtungsanspruch. Es ist nicht meine persönliche Leistung. Diese Ehre kann ich nicht erarbeiten.

Ich brauche keine Marken-Handtaschen, kein großes Auto und selbst, wenn ich arbeitslos oder krank bin, muss ich mich nicht verstecken.

Diese Ehre kann mir keiner nehmen. Gott hat mir Ehre, im Sinne von Würde gegeben! Ich bin ein Geschöpf Gottes, das ein wenig niedriger als Gott selbst ist!

Wow! und Amen!

Verschenkte Gnade

Vor kurzem war ich im Stadtzentrum und habe Sandwiches an die Straßenkumpels verteilt. Nachdem ich alles verteilt hatte, ging ich zum Parkhaus zurück. Da bemerkte ich einen, der das Brot, das ich ihm gegeben habe, an die Tauben verfütterte. Das gab mir ein Stich ins Herz. Ich habe das Brot extra eingekauft, mir wirklich Mühe gemacht. Ich überlegte, ob ihn deswegen anspreche.

Da fiel mir ein: Benehmen wir Menschen uns nicht Gott gegenüber genauso? Gott möchte uns nahe kommen, uns seine Liebe zeigen. Er hat sich wirklich Mühe gemacht und seinen Sohn auf diese Erde gesandt. Es ist Gnade. Gnade wird oft leichtfertig als „Geschenk“ übersetzt. Doch Gnade ist weit mehr als ein Geschenk. Wer kennt sie nicht die Geschenke, die man bekommt und sich nicht gewünscht hat? Die potthässliche Kristallvase, die partout nicht kaputt gehen will? Höchstens beim Schrottwichteln wird man sie noch los.

Die Kristallvase sichert nicht unser Überleben. Aber wenn es um unser Weiterleben nach dem Tod geht, sind wir Bettler. Wir brauchen Gottes Gnade. Wir können nicht Gott begegnen, ohne seine Gnade anzunehmen.

Der moderne Mensch denkt, dass er Gott nicht braucht. Ja, er ist überzeugt davon, dass Gott nicht existiert. Wir betteln nach Liebe und suchen sie in sexuellen Abenteuern. Eine Seitensprung-Agentur wirbt im Moment auf großen Plakaten mit Sprüchen wie „Ich ziehe auch nicht jeden Tag das Gleiche an!“ – Was für eine Maßlosigkeit! Der Partner wird nur noch als Objekt betrachtet. Der höchste Genuss mit Nervenkitzel wird gesucht. Doch die Seele geht dabei leer aus.

Dabei steht Gott direkt daneben. Er macht ein großartiges Angebot: „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Johannes 4,14) Die Seele könnte satt werden, wenn der Mensch sich nicht verführen ließe von den tollen Versprechungen dieser Welt.

Wir sind Bettler, die noch nicht einmal merken, dass sie betteln. Wir sind dabei zu verdursten, unsere Seelen verkümmern, doch wir halten nur Ausschau, nach dem nächsten großen Kick – das neueste Handy, das größte Auto, der Mega-Trend vom bekanntesten Influencer.

Wie sehr muss es Gott schmerzen, wenn er uns sieht, wie wir das dargebotene Brot an die Tauben verfüttern. Das gebrochene Brot, die Liebe in Person – Christus.

Ich möchte das Brot annehmen. Mir ist bewusst, dass ich bloß ein hungriges Kind bin. Doch mehr muss ich nicht sein. Ich habe einen Vater, der mich versorgt.

Der Ikonenmaler

Abb. aus: Wolfgang Fleckenstein „Ikonen sehen, wahrnehmen und gestalten“, 2018, Ostfildern

In einem kleinen Dorf lebte ein Ikonenmaler. Er hatte schon viele Ikonen gemalt und war für seine Arbeiten bekannt.

Eines Tages wanderte er in einer schönen Gegend. Doch er verlief sich. Endlich sah er von weitem eine kleine Kapelle. Als er dorthin kam, war sie offen und er ging hinein. Er setzte sich auf eine Bank und betrachtete die Kapelle. An einer der Wände bemerkte er einen Fleck, die Umrisse eines Bildes. Als er sich diesen Umriss genauer ansah, kam der Priester herein, der gerade abschließen wollte. Der Maler fragte ihn wegen der fehlenden Ikone. Der Priester erzählte ihm, dass sie schon vor vielen Jahren gestohlen wurde. Die Gemeinde sei aber so klein, dass sie kein Geld hätten, eine ähnliche zu kaufen. Darauf bot der Ikonenmaler an, eine Ikone für diese Kapelle zu malen. Der Priester freute sich sehr über das Angebot. Nachdem sie alles genau besprochen hatten, fuhr er den Maler nach Hause.

Zu Hause machte sich der Maler gleich ans Werk. Es sollte eine besondere Ikone werden, eine, wie er sie noch nicht gemalt hatte. Erst suchte er nach dem Motiv. Er entschied sich für Christus mit dem Buch des Lebens. Er begann mit dem Buch. Doch schon stockte er. Das Buch – sollte es mit Edelsteinen verziert sein? Mit welchen? Er entschied sich für Rubine und Smaragde. Dann kam die nächste Frage: Bei welchem Sonneneinfall sehen Rubine am schönsten aus? Wie müssen sie geschliffen sein? Weil er diese Ikone ganz besonders gestalten wollte, fing er an, sich mit Edelsteinen zu beschäftigen. Er schaute Schmuckherstellern zu und fuhr zur Kapelle, um den Sonneneinfall zu beobachten und versuchte sich selbst im Edelstein beschleifen. Dann wandte er sich dem Buch selbst zu, recherchierte zu Goldschnitt und Ledereinband, bereiste Mittelaltermärkte und Museen, um etwas über Buchbindekunst zu erfahren. Er fand sogar einen alten Buchbinder im Ausland, der bereit war, ihm das alte Handwerk beizubringen.

Als er wieder zurück war, begann er sich für Kleiderherstellung zu interessieren. So beschäftigte er sich etliche Jahre mit jedem Detail seiner Ikone. Als er anfing Christus zu malen, merkte er, dass er ihn nicht malen konnte. Nicht so, wie er es wollte. Da fing er an, sich mit Christus zu beschäftigen. Er las die Geschichten in der Bibel neu und auch viele Auslegungen und Kommentare. Doch damit kam er nicht weiter. So bereiste er die Orte, an denen Jesus war. Weil er herausfinden wollte, wie es sich anfühlt, sanftmütig und demütig zu sein, wurde er es. Die Leute bemerkten diese Änderung. War der Maler vorher als „komischer Kauz“ bekannt, kamen sie nun zu ihm und fragten ihn um Rat. Er half, so gut er konnte. Wenn er dann nach Hause kam, malte er an seiner Ikone weiter.

Eines Tages saß er vor seiner fast fertigen Ikone. Er war so in seine Arbeit versunken, dass er nicht bemerkte, wie jemand sein Haus betrat. Erst als er die Anwesenheit spürte, drehte er sich um. Im Raum stand eine Person, größer als ein Mensch. Er konnte nicht sagen, ob sie eine Frau oder ein Mann war. Plötzlich wusste er, dass das unwichtig war, denn diese Person war kein Mensch. Sie schaute kurz auf die Ikone und dann lange auf ihn. Sie lächelte. „Was für ein wunderschönes Bild von meinem Herrn. Er freut sich, es endlich zu sehen!“ Damit nahm sie den Ikonenmaler an die Hand und brachte ihn nach Hause. Zurück blieb die fast fertige Ikone.   

Gerecht wegen Werke? Aus Gnade? Was denn nun?

Nicht, um sich etwas zu verdienen, sondern mit Liebe gebacken.

Vor kurzem las ich in einem Buch, dass Luther am liebsten den Jakobus-Brief aus dem Neuen Testament rausgenommen hätte. Er hat es zwar nicht getan, ihn aber dafür fast ans Ende der Briefe gepackt. Der Vers, mit dem er Probleme gehabt hätte, war Kapitel 2, Vers 14 und dazu passend noch 17:  Was hilft es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann ihn denn dieser Glaube retten?“ (14) und „So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er keine Werke hat, so ist er an und für sich tot.“ (17)

Für Luther standen diese beiden Schriftstellen wohl im Widerspruch zu „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Römer 1, 17)

Ich persönlich sehe darin keinen Widerspruch. Durch Gottes Gnade allein bin ich errettet. Doch da kann ich nicht stehen bleiben. Wenn ich Gottes Liebe für mich erkannt habe, möchte ich auf diese Liebe antworten. Doch das kann ich nicht. Ich kann nicht Jesus umarmen, ihm Gutes tun, für ihn den Tisch decken und all die Dinge tun, die ich für einen Menschen machen würde, wenn ich ihn liebe.

Ich kann all das nur stellvertretend für andere tun. Dass Jakobus in diese Richtung denkt, zeigen auch die Verse 15 und 16 “Wenn nun ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und es ihnen an der täglichen Nahrung fehlt, und jemand von euch würde zu ihnen sagen: Geht hin in Frieden, wärmt und sättigt euch!, aber ihr würdet ihnen nicht geben, was zur Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse erforderlich ist, was würde das helfen?“

Es gibt etliche, die von Christen enttäuscht wurden. Ich gehöre dazu. Lieblose Bemerkungen, Ablehnung, hinter dem Rücken reden, Unterstellungen, was man angeblich getan hat, all das ist mir in Gemeinden passiert. Ich bin nicht die Einzige! Was ist da los, in den Gemeinden? Manchmal habe ich den Eindruck, dass zumindest in freikirchlichen Gemeinden die Gnade überbetont wird. Regelmäßig wird gepredigt, dass Gott uns liebt und wir allein aus Gnade gerettet sind. Ja, das stimmt! Aber das ist doch nicht alles. Gott möchte mich verändern. Er möchte in mir ein Gegenüber haben, das auf seine Liebe antwortet. Dieses Antworten drückt sich eben genau in der Liebe zu anderen Menschen aus. Jesus sagt es selbst „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Matth. 25,40)

Ich tue die Werke nicht, um gerettet zu werden, sondern ich tue sie, um auf die Gnade, die mich errettet hat, zu antworten.

Ansonsten würde ich mich benehmen wie ein Kind, das seiner Mutter zum Muttertag Blumen schenkt und sie den Rest des Jahres wie der letzte Dreck behandelt.

Dann liebt dieses Kind seine Mutter nicht. Liebe möchte immer mit Liebe antworten. Entweder mit Komplimenten, Hilfe oder mit Geschenken.

„Liebe geht durch den Magen!“ Auch wenn es wie ein altbackenes Klischee wirkt: So manche Mutter oder Ehefrau hat ihre Liebe durch kochen und backen gezeigt.

Ich kann Jesus keinen Kuchen backen. Aber ich kann ihn für einsame Menschen backen und sie zum Kaffee einladen. So möchte ich Menschen die Liebe erweisen, die ich bei Gott kennengelernt habe.

Der Duft der Rosen

Rosen im Park

Meine Freundin hat mir Rosen aus dem Garten geschenkt. Sie dufteten sehr. Ich habe sie in eine Vase gestellt. Sie war nicht in meinem Blickwinkel, aber jedes Mal, wenn ich vorbeiging, kam mir der Duft entgegen. Nun sind sie verblüht. Ich mag sie gar nicht wegschmeißen, denn sie duften immer noch.

Da fällt mir ein, dass ich als Kind ein Kinderbuch meiner Mutter gelesen habe „Christine sucht den lieben Gott“, eine Flüchtlingsgeschichte. U. a. erzählte der Autor, dass sie abends von Oma erst später abgeholt wurde. So beobachtete sie, wie die Freundin im Bett die Hände faltete und betete „Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm‘!“ Nachdem ich das gelesen habe, machte ich das genauso. Ich betete dieses Gebet jeden Abend. Das hat mir keiner gesagt. Ich habe es einfach gemacht. Ich denke, dass Gott dieses Gebet ernst genommen hat. Denn etliche Jahre später habe ich mich dafür entschieden, Ihm nachzufolgen.

Der Autor war schon einige Jahre tot, als ich das Buch las. Er ist wie diese Rosen: verwelkt und doch „duftet“ er noch.

Wir wissen nicht, welch kleine Gesten für Andere wichtig sind. Mir ist es vor kurzem so gegangen. In der Heimat hatte ich das Gefühl, nichts tun zu können. Jedenfalls nichts Wichtiges. Das Einzige, was mir einfiel, war, einer Bekannten eine selbstgemalte Karte zu schreiben, auf der ich noch eine Bibelstelle geschrieben habe.

So jammerte ich Gott etwas vor. Ich fühlte mich nutzlos. Einen Tag später bekam ich eine Antwort von der Bekannten. Sie hat den Vers nachgeschlagen und mehrmals abgeschrieben und dann hat sie ihn an Obdachlose verteilt. Ich war sprachlos. Das hatte ich nicht gedacht! So kann Gott Kleinigkeiten gebrauchen, die wir selbst als „nicht wichtig“ einstufen. Vielleicht trägt ein kleines Samenkorn erst Jahre später Früchte. Etwas, was wir nebenbei gesagt haben, eine kleine Hilfe. Wir selbst haben es längst vergessen, vielleicht schon lange keinen Kontakt mehr zu diesem Menschen, aber er erinnert sich daran.

Ich möchte jetzt Ausschau halten nach den Kleinigkeiten, die ich tun kann. Nicht jeder ist dazu berufen, vor 20 000 Leuten zu predigen. Aber ein Bibelvers auf einer Karte oder das Angebot, für jemanden zu beten in seinem Kummer, ein Anruf im richtigen Moment – all das kann wie der Duft einer Rose sein!  

„… und gewann ihn lieb…“ (Markus 10, 21)

Ich bin beim Lesen im Evangelium über einen Teilsatz gestolpert „Da blickte ihn Jesus an und gewann ihn lieb…“

Das klingt zunächst nicht besonders. Doch im Zusammenhang wird es auf einmal außergewöhnlich. Es geht nämlich um den Reichen. Es ist die Geschichte, in der der Reiche sich nicht entschließen kann, sein Hab und Gut zu verkaufen, um konsequent Jesus nachzufolgen.

Oft genug wird gepredigt, dass Jesus für alle da ist: für die Armen, die Kranken, die Witwen, überhaupt für Alle. Aber doch nicht für die Reichen, oder?

Es gibt, zumindest in einigen Freikirchen, eine merkwürdige Auffassung. Es darf jemand zur Mittelschicht gehören. Das ist ok. Es darf jemand Hartz-IV –Empfänger sein. Das ist auch ok. Er wird „durchgefüttert“, denn schließlich sind wir sozial. Aber wenn jemand reich ist oder als reich empfunden wird, dann wird die Sache schon schwieriger. Derjenige wird kritisch beäugt. Gibt er auch großzügig den Zehnten? Meint er das mit dem Glauben ernst?

Doch Jesus schaut nicht auf das Bankkonto. Er schaut auf die Person. „Da blickte ihn Jesus an…“ Zum Thema „anschauen“ fällt mir eine andere Bibelstelle ein: „Und sie nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du bist ‚der Gott, der (mich) sieht!…‘ (1. Mose 16, 13) „Sie“ ist Hagar, die Magd Abrams, die vor Sarai geflohen ist.

Ja, jetzt bin ich wieder in sicheren Gewässern. Die verstoßene Magd, dazu noch schwanger, wird von Gott angeschaut. Das fühlt sich wieder richtig an. Doch so leicht komme ich aus dem inneren Spannungsfeld nicht raus. Jesus geht nicht danach, was sich für mich richtig oder falsch anfühlt. Er verflucht mal eben einen Feigenbaum, weil der noch keine Früchte trägt, (Mk 11,14) und hält eine ungerechte Lohnzahlung für richtig. (Matth.20, 1-16)

Jesus liebt. Er liebt auch diejenigen, denen in unserer neidbehafteten Gesellschaft Misstrauen und Verdächtigungen entgegenschlagen. „Die Reichen mal wieder!“ oder „Wer weiß, auf welche Weise er reich geworden ist! Sind doch alle korrupt!“

Ja, erwähnte Geschichte endet damit, dass der Reiche geht. Jesus muss ihn ziehen lassen, aber das ändert nichts an seiner Liebe!

Mir fällt eins auf: Ich habe schon von vielen Gebetsinitiativen gelesen: für Kranke, für Prostituierte, für Moslems, für Politiker, für verfolgte Christen…, aber nicht für Promis.  

Wieso eigentlich nicht? Spätestens, wenn mal wieder in den Nachrichten ist, dass wieder ein Promi tot im Hotelzimmer gefunden wurde, wird klar, dass Promis auch bloß Menschen sind. Sie mögen ja vieles haben, aber das Wichtigste, nämlich Jesus, haben sie oft nicht. Dabei sind viele von ihnen hochsensibel d. h. sie bekommen mehr Reize aus der Umwelt mit, sind feinfühliger. Künstler, Musiker geben oft viel mehr von sich preis, als „normale“ Menschen. Sie stehen im Rampenlicht und bekommen oft genug den Wechsel zwischen unverhohlener Bewunderung und Shitstorm mit. Wenn einer verstehen kann, wie sich kurz hintereinander der Wechsel von Palmsonntag („Gelobt sei er!“) zu Karfreitag („Kreuzigt ihn!“) anfühlt, dann sind sie es!

Wieso also nicht für Promis beten? Sie brauchen auch Jesus. Wäre doch mal ein Schritt in Richtung „bedingungslose Liebe“.

Such dir einen Promi und bete für ihn. Einmal die Woche, also regelmäßig. Unabhängig davon, ob er sehr bekannt oder ein Z-Promi ist. Denn Jesus schaut nicht nur auf die Hungrigen, Armen, Unterdrückten, sondern auch auf die Reichen und Schönen!

Ja, Vater!

Vor etlicher Zeit wurde ich beim Autofahren auf etwas aufmerksam. Ich hatte Zeit, deswegen parkte ich und spazierte hin. Hinter der Kirche war ein Friedhof, soweit nicht außergewöhnlich. Doch plötzlich stand ich vor dem Grab von Matthias Claudius und seiner Frau Rebekka. Nachdem ich eine Weile davor gestanden habe, drehte ich mich um und blieb wie angewurzelt stehen: Ich stand vor dem Grabkreuz eines Pfarrers und über dem Namen standen zwei Worte: „Ja, Vater“. Mehr nicht. Es war kein bekannter Name. Ich würde also nur mit viel Mühe etwas über ihn rausfinden. Ich weiß nur eins: diese zwei Worte haben mich mehr beeindruckt, als so manches prunkvolle Grabmal.

„Ja, Vater.“ – Wie kommt ein Mensch dazu, zu verfügen, dass diese Worte auf sein Grabstein kommen?

Ich habe mal am Rande mitbekommen, dass die Hinterbliebenen einen Vers auf den Stein gravieren ließen, weil dieser denjenigen fast ein Leben lang begleitet hat.

Diese Worte klingen, als hätte derjenige sich ergeben. Hat er aufgegeben? Ich denke, das ist nicht damit gemeint. Ich weiß nicht, was ihm im Leben passiert ist, welcher Schicksalsschlag seine Pläne durcheinander gebracht hat. War es ein Krieg oder sogar mehrere Kriege? Ist eins seiner Kinder gestorben? Oder seine Frau im Kindbett? „Ja, Vater“ scheint die Antwort auf ein Ringen mit Gott zu sein. Sich dreingeben in den Willen Gottes. Annehmen, dass es nicht nach dem eigenen Willen geht.

Mir fällt auf, dass mir nur schlimme Sachen einfielen, die dem Mann begegnet sein könnten. Eine Karriere, eine tolle Familie, eine blühende Gemeinde, der er als Pfarrer vorstand, gehörten nicht zu meinen Ideen. Woher kommt das? Warum stellen wir nur die Frage, warum Gott Leid zulässt? Warum fragen wir nicht mal zur Abwechslung „Warum lässt Gott Glück zu?“ Haben wir Glück verdient?

Die Maßnahmen, die die Pandemie mit sich bringen, sind für mich schwer. An manchen Tagen fällt es mir schwer, damit gut umzugehen. Wieso muss ich da durch? Wieso passiert das während meines Lebens? Doch wenn ich ehrlich bin, erkenne ich auch, dass viele Dinge passiert sind, die einfach gut waren. Der 9. November ’89 war für mich, mein weiteres Leben einschneidend. Ich konnte es mir nicht vorstellen und weil ich es mir nicht vorstellen konnte, entsprach es nicht meinem Willen. Ich habe mich über die neuen Freiheiten gefreut, aber ich habe nicht gefragt „Warum ich?“

Immer mehr komme ich dahinter, dass es gut ist, wenn meine Pläne durchkreuzt werden. Worauf kommt es an im Leben? Für mich beantworte ich die Frage mit „Jesus ähnlicher werden. Ihn immer besser kennenlernen.“ Das ist meine Sehnsucht.

Vielleicht ist es genau die Erkenntnis, die dieser Pastor durchdacht, durchlebt hat. Gott ist größer. Er ist souverän. Er macht es gut. Er ist der Vater und ich bin Sein Kind. Ein Kind, das immer mehr begreift, wie sehr mich der Vater liebt. Das will ich lernen: In der Freude und im Leid Seinen Willen anzunehmen. Ja, Vater!  

Wer oder was ist die Hure Babylon?

Ich bin neulich über einen Kommentar in Facebook gestolpert. Jemand schrieb, dass er die katholische Kirche liebt. Daraufhin fühlte sich ein Anderer berufen demjenigen zu schreiben, dass die katholische Kirche die Hure Babylon sei und er solle da austreten. Das machte mich traurig. Ich finde es immer traurig, wenn Christen unterschiedlicher Konfessionen sich gegenseitig unterstellen, nicht die „wahre“ Kirche zu sein. Ich liebe meine kostbaren Geschwister in der katholischen Kirche. Ja, es gibt einige Fanatiker unter ihnen. Da unterscheiden sie sich nicht von Charismatikern, Evangelikalen u. a. Das ist eine traurige Gemeinsamkeit!

Doch woher kommt diese These, dass mit der Hure Babylon die katholische Kirche gemeint ist? Das geht auf Luther zurück. Doch wie sehr ich ihn schätze, er war auch bloß ein Mensch und ein Kind seiner Zeit! Ich habe mir jedoch vorgenommen, selbst zu lesen, selbst zu denken und selbst zu glauben. Also mache ich mich auf Spurensuche.

Um die Hure Babylon geht es u. a. in den Kapiteln 17 und 18 in der Offenbarung. Dort wird sie als eine Frau beschrieben, die in kostbaren Gewändern gekleidet ist und sie reitet auf einem Tier. Später wird ihr Untergang beschrieben, über den die Händler trauern werden. Sie sei „die große Stadt, die Herrschaft ausübt über die Könige der Erde.“ (Offb. 17, 18)

Ich möchte hier nicht in die Tiefe gehen. Über die möglichen Interpretationen der Offenbarung könnte man sicher ein ganzes Buch schreiben. Mir ist bereits beim flüchtigen Lesen etwas aufgefallen: Derjenige, der reitet, beherrscht das Reittier. Wenn das Tier bzw. dessen Hörner für verschiedene Reiche stehen, dann hat diese Frau eine große Macht. Das wird auch im eben zitierten Vers bestätigt.

Wenn ich die Offenbarung als etwas lese, was erst eintreffen wird, muss die Hure etwas oder jemand sein, was in der Zeit, in der all dies eintreffen hat, Macht hat und zwar soviel, dass sich ganze Völker dem unterordnen.

Bei vielen Interpretationsansätzen wird gesagt, dass das historische Babylon dafür bekannt war, dass dort viele Götter angebetet wurden. Durch den Polytheismus sei Babylon erblüht, weil die Gläubigen nicht nur zu den Tempeln gereist wären, sondern gleichzeitig dort gehandelt haben.

Ich kenne mich nicht mit dem Alten Babylon aus. Doch ich weiß, dass Polytheismus zu der Zeit gängig war. Im Alten Ägypten gab es je nach Quelle bis zu 1500 Götter. Polytheismus war normal.

Viele Interpreten gehen davon aus, dass die Hure etwas sein muss, was Gott entgegen steht. Die Braut Christi und die Hure Babylon werden gegenüber gestellt. Die Hure als der Inbegriff des Widergöttlichen.

In der katholischen Kirche gibt es Missstände, keine Frage – Aber ist sie deswegen gleich der Inbegriff des Widergöttlichen? Was ist dann mit den anderen Konfessionen? Ich habe Merkwürdigkeiten in Freikirchen erlebt. Geistlicher Missbrauch, Leiter und Pastoren, die sich profilieren – davon wird nicht nur aus katholischen Reihen berichtet.

Ist es also insgesamt die Kirche? Also all jene, die zwar von sich sagen, dass sie Christen sind, aber nicht so handeln, wie Christen handeln sollten?

Es gibt etwas, was für mich dagegen spricht: So gerne sie es hätte, die Kirche hat kaum noch Einfluss auf die Weltpolitik. Sie übt keine Herrschaft aus über die Könige dieser Erde. Die Zeiten sind vorbei.

Auch andere Religionen sehe ich persönlich nicht als das an, was über Könige herrscht. Im Namen von Religionen werden Kriege geführt. Doch oft genug entsteht der Eindruck, dass das nur vorgeschoben ist und es in Wirklichkeit wirtschaftliche Interessen sind.

Vielleicht sind es genau diese wirtschaftlichen Interessen, die gegen Gott sprechen. Ich bin nicht gegen Geld, Geld füllt meinen Kühlschrank. Aber vielleicht hatte Marx doch Recht? Die ungerechte Verteilung des Kapitals bringt die Menschen dazu, ungerecht zu handeln.

Die Pandemie bringt es ans Tageslicht: Bisher fand die Ausbeutung immer nur woanders statt: die Kleiderindustrie in Indien, die buchstäblich über Leichen geht, seltene Erden, die von Kindern abgebaut werden und plötzlich wird bekannt, dass im Deutschland des 21. Jahrhunderts Schlachthofmitarbeiter unter schlechten hygienischen Bedingungen leben müssen.

Den wirtschaftlichen Interessen wird Vieles geopfert: die Gesundheit, die saubere Umwelt, moralische Maßstäbe…

Ich gönne den Fußballfans ihren Fußball. Aber ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet die Bundesliga so lange verhandelt, bis die Saison fortgesetzt werden darf? Sie geben sich noch nicht einmal Mühe, die Motivation dahinter zu verbergen. Es sind wirtschaftliche Interessen! „Fußball ist unser Leben. König Fußball regiert die Welt!“ sangen vor etlichen Jahren Mitglieder der Nationalmannschaft. König Fußball oder Gott Fußball?

Fußball an sich ist nichts Schlimmes. Aber hier geht es längst nicht mehr um den Sport an sich. Man könnte das Wort „Fußball“ auch durch etwas Anderes ersetzen: z. B. Schönheit:  Mode-, Diät- und Schönheitsindustrie scheffeln Millionen. Oder Entertainment, oder Waffen oder oder oder.

Ich schreibe hier nicht zu Ende. Da müsste ich sehr in die Tiefe gehen. Mir geht es nur darum, bekannte Interpretationen zu hinterfragen und sich auf die Suche nach eigenen zu machen. Nachplappern möchte ich nicht mehr. Selber-Denken ist angesagt!

„… und der Sonne stille halten,…“ (Gerhard Tersteegen)

Orchidee im Schlosspark

Je länger der Shutdown dauert, umso schwieriger wird es für mich. Die Lockerungen helfen mir nicht viel. Gestern hat die letzte Schule abgesagt: dieses Schuljahr gibt es keine Kurse mehr! Auch die Chorproben finden noch nicht statt. Was soll ich also in der Großstadt, in der es nichts zu tun für mich gibt? Dann doch lieber die beschauliche Kleinstadt direkt am See, in deren Umgebung eins im Übermaß gibt: Landschaft! Weite Felder, Kiefernhaine, Seen bis zum Abwinken. Im kleinen Schlosspark wachsen wilde Orchideen. Blühen da einfach vor sich hin. Während ich sie fotografiere, ploppte eine Liedzeile in mir hoch „ Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten…“ (Gerhard Tersteegen)

Der Sonne stille halten… – das klingt ein wenig unbequem, lästig. „Halt doch mal still!“ – Man hört förmlich die Ungeduld in der Stimme einer Mutter, die gerade versucht, dem Kind die Nase zu putzen. Das Kind will aber weiter rumtoben. Die laufende Nase ist ihm egal. Dabei geht es nur um einen kurzen Augenblick.

Doch vielleicht ist es genau die richtige Zeit dafür: Gott still zu halten. In der Zeit, in der es nicht viel Ablenkung gibt, kann man auch inne halten und über ihn und den Glauben nachdenken. Eigene Glaubensbilder hinterfragen und auch mal liebgewonnene Interpretationen von Bibeltexten über Bord werfen und nach neuen suchen. Auch mal sich hinsetzen, sich selbst reflektieren.

Es geht nicht darum, sich selbst ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Im Liedvers ist von Sonne die Rede und nicht von Sturm und Hagel.  

Wenn Gott mich korrigiert, mir aufzeigt, was ich noch nicht kann z. B. in welchen Situationen ich nicht geduldig mit meinem Gegenüber war, dann ist es ein liebevoller Hinweis. Er liebte mich doch schon bevor, mir mein Fehlverhalten bewusst wurde.

Die Mutter, die dem Kind die Nase putzt, liebt ihr Kind auch mit „Schnoddernase“, aber mit geputzter Nase tobt es sich besser.

Ich weiß nicht, wie lange der Shutdown noch geht, aber ich bin mir sicher, dass diese Zeit im Vergleich zur Ewigkeit nur ein kurzer Augenblick ist.

So kann ich dann doch Gott still halten. Mich durch seine liebende Hand in sein Bild formen lassen. Dem Gott, der mich liebt, kann ich singen „ …lass mich so/ still und froh/ deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“ (ebenda)

Gott wirken lassen, es ihm überlassen. Plötzlich ist diese Zeit keine vertane Zeit, sondern aktive Wirkzeit. Denn ohne „Schnoddernase“ tobt es sich besser.

„Meine Last ist leicht.“ (Matth. 11,30)

Zwei Verse davor heißt es „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ (Matth. 11, 28)

Dieser Vers wird sehr oft zitiert, aber der Vers, den ich als Überschrift gewählt habe, wird selten erwähnt. Dabei scheinen sie zusammen zu gehören. Glaube ist kein Stollen, aus dem man sich die Rosinen rauspickt.

Hier mal alle drei Verse im Zusammenhang: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken! Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 28-30)

Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Erst sollen wir zu Jesus kommen, wenn wir beladen sind und dann sollen wir sein Joch, also das Traggeschirr mit dem Ochsen in den Pflug gespannt wurden, aufnehmen.

Beim genauen Lesen merke ich, dass hier auch vom Lernen die Rede ist. Ich soll von Jesus lernen. Er ist sanftmütig und demütig.

Was heißt eigentlich sanftmütig und demütig? Sanftmut wird mit Friedfertigkeit und Herzensgüte übersetzt. Ein unmodernes Wort wird mit zwei weiteren unmodernen übersetzt. Heutzutage ist es anscheinend kaum erstrebenswert gütig zu sein. Bei Demut komme ich auch nicht weiter. Demütig, im Sinne von gehorsam gehört nicht zum üblichen Vokabular. Der Thesaurus schlägt noch „gelassen“ vor. So komme ich diesem Vers langsam auf die Spur.

Wenn ich mich Gott unterordne, in dem Sinne, dass ich ihm zugestehe, dass er größer ist als ich, werde ich ruhig. Wenn ich jemanden gegenüber sanftmütig bin, indem ich auf die kleinen Kämpfe, auf das Recht haben wollen, verzichte, werde ich ruhig. Ich höre auf mich zu sorgen, weil ich weiß, dass Gott für mich sorgt.

Ich rede hier nicht davon, dass man keine Grenzen setzen sollte. Ich muss mich abgrenzen. Aber diese täglichen kleinen Kämpfe wie dafür sorgen, dass der Andere sich nicht vordrängeln kann, bringen doch nichts.

Doch warum ein Joch? Bin ich ein Ochse? Habe ich es nötig, mich einspannen zu lassen?

Im Moment habe ich keine Einnahmen. Mein Job ist nicht systemrelevant. Das klingt, je nach Tageslaune, harmlos oder grausam. Nicht relevant! Werde ich gar nicht gebraucht? Der Mensch möchte was tun. Er möchte gebraucht werden.

Auch als Christ möchte ich etwas tun. Für den Herrn. Nicht, um mir meine Erlösung zu verdienen, sondern aus Dankbarkeit für meine Erlösung. So lasse ich mich in sein Joch spannen.

Gott bietet weitaus mehr als Erlösung an. Ich darf mit meinen Sorgen, mit meinen Lasten zu ihm kommen. Ich kann es lernen, innerlich ruhig zu bleiben und all das, was ich nicht in der Hand habe, Gott zu überlassen. Dadurch kann ich zur Ruhe kommen. Ich darf sogar etwas für ihn tun und erlebe damit, dass ich gebraucht werde.

Was kümmert es mich da, dass die Begriffe „Sanftmut“ und „Demut“ aus der Zeit gefallen sind? Möchte ich wirklich mit der Mode gehen?

Mir fällt dazu passend mein Lieblingsvers, dessen Verfasser, mir nicht bekannt ist, ein: „Am Ende bleibst nur du und alles Sein wird Gnade! Und tausend Kreuzespfade führ’n deinem Kreuze zu. Am Ende bleibst nur du. Bringst unter Vaterhänden, die liebend uns vollenden, das wirre Herz zur Ruh‘!“

Amen.