Wie du geistlichen Missbrauch überlebst II

Selbst ein gefrorens Herz kann Gott heilen.

Ich möchte, dass du die folgenden Tipps als Vorschläge verstehst. Sie sind kein Therapie-Ersatz. Solltest du ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Selbstmord zu begehen, dann bitte ich dich dringend, dir Hilfe zu suchen. Unter der 0800/ 111 0 111 bzw. 0800/ 111 0 222 erreichst du bundesweit die Telefonseelsorge. Unter http://www.telefonseelsorge.de kannst du dich auch online per Mail oder Chat beraten lassen. Bitte lass dir helfen!

Ich rede hier von „Täter“ in dem allgemeinen Sinn, um eine Person zu bezeichnen, die etwas getan hat, also als „Tuender“ bzw. „Getan habender“ und nicht im juristischen Sinn.

(Unbezahlte Werbung wegen Nennung eines Titels)

Vergebung
Jetzt kommt ein Rat, der dir vielleicht weh tut: Vergib dem Täter! Tu es nicht für ihn, tu es für dich. Tu es, weil du Gott gehorchen möchtest. Tu es, so schnell wie möglich. Vergebung ist ein Prozess. Fang so schnell wie möglich damit an.
Wenn du es nur mit zusammengebissenen Zähnen hinkriegst, dann vergib mit zusammengebissenen Zähnen! Wenn du das nicht hinkriegst, dann bitte Gott, dir dabei zu helfen. Sag Ihm, dass du es nicht kannst und bitte Ihn darum, dir die Kraft dafür zu geben.
Am Anfang reicht es, allgemein Vergebung auszusprechen. Sprich die Vergebung gegenüber Gott aus, nicht gegenüber dem Täter. Du hast den Kontakt abgebrochen, bleibe dabei.
Du wirst im Laufe der Zeit dich an Einzelheiten erinnern, die dich verletzt haben. Dann vergebe konkret diese Details. Vergebung spült das Gift aus der Seele, dass der Täter dir jahre- oder jahrzehntelang eingeflößt hat. Vergebung hält dein Herz weich.
Mir begegnen immer wieder lebende Minenfelder. Das sind Menschen, denen Leid widerfahren ist und die nicht vergeben haben. Sie sind inzwischen so verbittert, dass es schwer auszuhalten ist mit ihnen. Sie erzählen von ihrem Leid, als sei es gestern gewesen. Doch wenn du nachfragst, ist es oft schon mehrere Jahrzehnte her.
Wenn du nicht zu einem lebenden Minenfeld mutieren möchtest, dann vergib! Vergeben heißt nicht, vergessen. Vergeben heißt nicht, dass du mit dem Täter in Beziehung bleiben musst! Vergebung heißt auch nicht, dass du auf eine Anzeige verzichtest, sollte der Täter zusätzlich zum geistlichen Missbrauch noch eine Straftat an dir begangen haben. Vergebung heißt, dass du das an dir getane Unrecht an Gott abgibst. Gott sorgt für Gerechtigkeit.
Du musst auch nicht für den Täter Verständnis haben! Das ist m. E. eine Unsitte des heutigen Christentums. Da wird wohl Humanismus mit christlichem Glauben verwechselt. Es ist nicht deine Aufgabe, den Täter zu therapieren. Du musst kein Verständnis für seine Kindheit aufbringen. Ihm zu vergeben, ist schon schwer genug.
Jetzt, nach über vier Jahren bete ich für meinen Täter. Doch am Anfang, rate ich dir dringend davon ab. Kurz nach dem Kontaktabbruch könntest du durch die Fürbitte erneut eine emotionale Bindung aufbauen. Das tut dir aber nicht gut, also lass‘ es. Wenn du Matthäus 5, 44 ernst nehmen möchtest, dann bitte deine christlichen Freunde, die Fürbitte für den Täter vorübergehend für dich zu übernehmen.

Sorge für dich.
In der Zeit in der ich geistlich missbraucht wurde, habe ich mich fast ausschließlich um den Täter und die Gemeinde gekümmert.
Zum Glück habe ich während meiner Mitgliedschaft meine Freundschaften außerhalb der Gemeinde gepflegt. Zwar ist es dem Täter gelungen, mich innerhalb der Gemeinde zu isolieren, doch an meine externen Freunde kam er nicht ran. Das gab mir Halt.
Wenn du aus der Missbrauchsituation raus bist, dann sorge für dich. Vielleicht hast du viel Zeit und Energie in den Täter und die Gruppe gesteckt. Dann kümmere dich jetzt wieder um dich. Brauchst du im Moment einfach mal Zeit für dich, dann nimm‘ dir die Zeit. Wenn du lieber etwas unternehmen möchtest, dann suche dir etwas, was dir wirklich Freude macht. Bei der Suche nach neuen Freizeitaktivitäten solltest du darauf achten, dass du nicht wieder der-/ diejenige bist, der sich kümmert oder Probleme löst. Entscheide dich lieber für den Kegelclub, als für die Mitarbeit im Vorstand vom ehrenamtlichen Verein. Das kannst du später immer noch tun. Aber jetzt ist erst einmal „just for fun“ dran.
Kegelklub ist ein gutes Stichwort. Wir Deutsche brauchen unsere Vereine, weil wir so schwer „warm werden“ miteinander. Ein Club, ein Verein ist eine gute Idee, wenn man etwas sucht, das regelmäßig stattfindet und man neue Leute kennenlernen möchte, zu denen man anfangs auch eine wohltuende Distanz wahren kann. Ich bin einige Zeit nach meinem Gemeindeaustritt in einen Chor reingegangen. Es tat mir einfach gut, wieder zu singen und mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Inzwischen habe ich den Chor gewechselt. Aber die Musik habe ich mir wieder in mein Leben zurückgeholt.
Mach was Kreatives oder fang an, was zu sammeln. Vielleicht fängst du auch ein Hobby an, das total sinnfrei ist, dir aber Spaß macht. Kronkorkenweitwurf klingt absurd, aber es gibt immerhin eine Facebook-Gruppe für diesen „Sport“.


Vor allem sorge dafür, dass du Freunde außerhalb deiner zukünftigen Gemeinde hast. Gott sollte im Leben an erster Stelle stehen, aber nicht deine Gemeinde! Ich integriere mich vorsichtig wieder in eine Gemeinde. Doch halte ich sie mir auf Distanz. Sie ist nicht mehr mein Dreh- und Angelpunkt. Das ist Narzissten-Prophylaxe. Je mehr du außerhalb der Gemeinde Kontakte hast, umso mehr Möglichkeiten hast du, die Aussagen eines Narzissten auf die Wahrheit zu überprüfen. Wenn du nach seiner Aussage „total unbeliebt“ bist, kannst du mit den Schultern zucken, wenn du in der Band, im Malkreis usw. gern gesehen wirst.

Zieh‘ die Reißleine
Geistlicher Missbrauch funktioniert nur mit einem entsprechenden System. In der Regel ist es nicht nur der Leiter oder Pastor, sondern auch die Gemeinde, die diese Spielchen zumindest nicht stoppt. Ich persönlich habe erfahren, dass es in freikirchlichen Gemeinden schwierig ist, über negative Erfahrungen mit Pastoren/ Leitern zu reden. Es wurde mir oft nicht geglaubt oder sogar unterstellt, dass ich mich nicht unterordnen wolle. Oft genug wird gepredigt, dass man als Christ unbedingt Mitglied einer Gemeinde sein müsse. Ich halte diese Zusage generell für richtig! Doch sie trifft nicht immer zu. Wenn du von Pastoren oder Leitern und anderen Menschen, die behaupten, Christen zu sein, verletzt wurdest, dann darfst du nicht nur aus einer Gemeinde austreten, sondern auch eine Zeitlang ohne Gemeinde sein!
Entzieh‘ dich dem Mileu, das dich verletzt hat und weiter verletzt. Das klingt hart, aber meine Erfahrungen in anderen freien Gemeinden nach dem Missbrauch hätten mich fast den Glauben gekostet. Es ist ok, sonntags zu Hause zu bleiben. Ich höre schon diverse Leute protestieren. Es wurde mir und vielen anderen eingetrichtert, dass man sonntags in den Gottesdienst zu gehen hat. Wie geschrieben: Generell richtig, aber nicht, wenn du von einer Gemeinde verletzt wurdest und evtl. immer noch wirst. Lass dir Zeit bei der Gemeindesuche. Wenn dein Partner, deine Familie noch in der anderen Gemeinde ist, dann ist das sicher schwer durchzusetzen. Aber denke daran, dass du ein Recht hast, für dich und deinen Glauben zu sorgen. Glaube wird nicht allein durch einen regelmäßigen Gottesdienst genährt. Damit im Zusammenhang steht mein nächster Vorschlag:

Vernachlässige nicht deine Gebetszeit
Als ich in keine Gemeinde ging, habe ich mir selbst Literatur gesucht. Endlich habe ich angefangen, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen. Das wollte ich schon länger. Aber durch gemeindeinterne Bibellesepläne und das Durchlesen von geistlichen Büchern in Hauskreisen bin ich immer nicht dazu gekommen.
Ich habe mir eine neue Bibel bestellt, mir im Internet gute Predigten gesucht und beim Bestellen im online-Kaufhaus intensiv die Empfehlungen unter „Kunden kauften auch..“ gelesen. Ich habe mich da richtig durchgeklickt. Dadurch bin ich auf Bücher gekommen, die ich, wäre ich in der Gemeinde geblieben, nie gelesen hätte. Die neue Bibel war wichtig für mich. Der Pastor hatte ständig seine Lieblingsübersetzung angepriesen. Jetzt fing ich wieder an, Bibelübersetzungen miteinander zu vergleichen. Dadurch, dass ich nicht regelmäßig „bepredigt“ wurde, war ich offen für neue Interpretationen. Mir sind plötzlich Bibelverse aufgefallen, die vorher nicht in meinem Fokus waren. Ich habe sie vorher nicht wahrgenommen.
Auch für neue Gebetsformen war ich offen. Kontemplativ beten d. h. still werden und sich nur auf Gott zu konzentrieren, war ein neuer Weg für mich. Während der Einkehrtage bekam ich einen Rosenkranz geschenkt. Jede Perle in die Hand nehmen und dabei „Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ ist nicht meins. Aber ich habe es ausprobiert. Es gibt wesentlich mehr Gebetsformen, als mir bewusst war. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie sehr ich mich habe einengen lassen.
Deswegen schlage ich dir vor, auch bisher ungewohnte Wege zu gehen. Probiere dich aus. Hinterfrage bisherige Lehren. Lese die Bibel die neu, ohne den mahnenden Pastor im Hintergrund.
Mein Credo seit meiner Erfahrungen in Freikirchen: Lies selbst! Denke selbst! Glaube selbst!

Überlasse dich Gott
Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Es heißt nicht „Überlasse es Gott.“, sondern „Überlasse dich Gott!“. Ich habe geschrieben, dass ich überrascht war, welche Mittel und Wege Gott genutzt hat, um mich zu heilen. Es gibt Christen, die lehnen das Fernsehen komplett ab, aber durch eine Fernsehsendung hat Gott mich wieder erreicht. Auch hat mir das vorübergehende Fernbleiben von Gottesdiensten gut getan. Genau dieses Alleinsein hat mich zu Gott gezogen. In der Stille konnte ich wieder Seine Stimme hören.
Inzwischen fällt es mir leichter, mich frei davon zu machen, „was die Leute sagen“. Einige Ratschläge mögen ihre Berechtigung haben, aber wenn ich durch die Gemeinde stark verletzt wurde, dann gießt der Rat-Schlag „Geh in eine Gemeinde!“ nur noch Öl ins Feuer. Gott hat Sein eigenes Tempo und Seine eigenen Themen! Du tust gut daran, dich von Ihm führen zu lassen.

Finde deinen Stand in Christus!

Ausgerechnet mein Täter reichte mir das Buch, das wesentlich zu meiner Heilung beitrug: „Neues Leben – Neue Identität“ von Dr. Neil T. Anderson. Solltest du noch nicht mit jeder Faser deiner Seele verstanden haben, dass Gott dich bedingungslos und leidenschaftlich liebt – lesen! Lies es! Inhalier‘ es! Kau‘ es gut durch!
Ich bin keine Freundin von Büchern alá „In 12 Schritten zum siegreichen Christsein“. Auch habe ich meine Fragen an den Autor, sehe Einiges kritisch. Doch dieses Buch kann dir wirklich helfen, wenn du dich darauf einlässt.
Für mich war das zweite Kapitel besonders wichtig. In einem Abschnitt stehen lauter Bibelstellen, mit Aussagen, was du in Christus bist. Ich habe diese Liste täglich laut und langsam gelesen. Das habe ich mehrere Wochen getan. Eine Besserung habe ich nicht gleich gemerkt. Aber plötzlich gab es Situationen in denen ich selbstbewusster reagierte. Ich merkte, dass ich anfing, Aussagen zu hinterfragen. So ließ ich mich nicht beirren, als eine Verkäuferin mir erklärte, dass das lachsfarbene Oberteil mir super steht. Ich vertraute stattdessen dem Spiegelbild, das mir erzählte, dass ich darin blass aussehe und verließ den Laden. Das ist nur ein kleines Erlebnis. Aber kleine Anfänge sind wichtig. Mein Täter hat es in wenigen Jahren geschafft, dass ich mehr seiner Meinung vertraut habe, als mir selbst.

Nutze Symbole
Jetzt kommt ein ungewöhnlicher Vorschlag. Aber manchmal erfordern ungewöhnliche Situationen ungewöhnliche Maßnahmen.
Eines Tages fiel mir auf, dass ich meine Vergangenheit nicht loslassen kann. Es gab ein Thema, dass regelmäßig hochkam. Plötzlich verstand ich Lukas 9,62 „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Wenn ich mich wieder und wieder mit meiner Vergangenheit beschäftige, dann werde ich nicht vorankommen und kann auch nichts für Gott tun.
Ich merkte, dass ein „Halt! Stopp!“ nicht reichte. Also dachte ich mir eine Symbol-Handlung aus. In meinem Bastelkram für das Kinderprogramm gibt es eine Vorlage für einen Papiersarkophag. Ich bastelte also den Sarkophag. Dann beschriftete ich kleine Zettel mit meinen unerfüllten Wünschen, Enttäuschungen, seelischen Verletzungen. Ich stopfte sie in den Sarkophag und gab Jesus im Gebet alles, was ich aufgeschrieben habe. Sinngemäß sagte ich „Ich komm‘ damit nicht weiter. Bitte kümmer‘ du dich darum!“ Danach zündete ich das Papier an.
Solltest du das nachmachen wollen, dann beachte bitte den Brandschutz. Ich habe den Sarkophag auf einen Keramikteller platziert und eine Kanne mit Wasser daneben gestellt. Wenn du dir trotzdem unsicher bist, kannst es auch draußen z. B. auf dem Balkon machen. Du brauchst auch keinen kunstvoll gestalteten Sarkophag, eine zusammengeklebte Papierschachtel tut es auch. Ich fand nur die Symbolik dahinter, die tote Vergangenheit endlich zu beerdigen, ganz passend.


Meine Liste an Vorschlägen ist nicht vollständig. Aber es soll nun genügen. Wichtig ist mir, dass du weißt, dass es Vorschläge sind, die mir geholfen haben. Für dich können ganz andere Schritte wichtig sein. Bis auf die Vergebung, da denke ich, wirst du nicht drum rum kommen, einen Weg zu finden, wie du vergeben kannst. Du wirst sonst Opfer bleiben.


Ansonsten gehe deinen Weg. In deinem Tempo, in deiner Reihenfolge. Aber geh‘ ihn! Bleibe nicht sitzen in deinem Kummer. Zieh dich nicht auf Dauer von den Menschen zurück!
Geh, es lohnt sich!

Wie du geistlichen Missbrauch überlebst

(Vor einiger Zeit schrieb ich hier etwas über geistlichen Missbrauch. Jetzt möchte ich noch einige Tipps dazu geben. )

Manchmal bringen Verletzungen ein Herz zum Frieren. Auch das kann Gott auftauen.

Ich möchte, dass du die folgenden Tipps als Vorschläge verstehst. Sie sind kein Therapie-Ersatz. Solltest du ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Selbstmord zu begehen, dann bitte ich dich dringend, dir Hilfe zu suchen. Unter der 0800/ 111 0 111 bzw. 0800/ 111 0 222 erreichst du bundesweit die Telefonseelsorge. Unter http://www.telefonseelsorge.de kannst du dich auch online per Mail oder Chat beraten lassen. Bitte lass dir helfen!

Ich verwende hier das Wort „Täter“ im allgemeinen Sinn, also um eine Person zu bezeichnen, die etwas tut, also ein „Tuender“ bzw. ein „Getan Habender“. Der juristische Sinn ist hier nicht gemeint.

Nachdem du festgestellt hast, dass du geistlich missbraucht wirst, versuche zunächst in der Gemeinde, dem Hauskreis, Verbündete zu finden. Versuche herauszufinden, ob es Gemeindemitglieder gibt, denen es ähnlich geht. Narzissten versuchen Menschen zu isolieren. Das tun sie, indem sie Menschen als unmöglich, als sozial andersartig darstellen. Auf der Suche nach Verbündeten solltest du genau die Menschen ansprechen, die vom Machtmenschen tabuisiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Menschen, die vom Leiter abgestempelt werden, ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht haben, wie du. Solltest du keinen finden, der genauso isoliert wurde wie du, versuche Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern aufzunehmen.
Es dürfte allerdings schwer sein, jemanden zu finden, der bereit ist, über das Erlebte mit dir zu reden. Die Scham ist oft zu groß. Oft genug wird der Fehler bei sich selbst gesucht. Auch ich kämpfe zuweilen noch mit den Gedanken, dass ich diese Erfahrungen mir selbst zuzuschreiben habe. Ich habe nicht aufgepasst! Ich habe diesem Menschen geglaubt und seine destruktive Art in mein Leben gelassen! Ich hätte es besser wissen müssen. Er war nicht der erste Narzisst in meinem Leben!
Solltest du keinen aus der Gemeinde finden, dann suche außerhalb der Gemeinde. Such dir erwachsene Christen, die weit genug Abstand zu deiner Gemeinde haben! Es ist nicht hilfreich, einem Pastor oder Leiter deine Geschichte zu erzählen, der den Narzissten persönlich kennt! Ich kann nur ausdrücklich davor warnen! Das Sprichwort stimmt: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!“ Das habe ich selbst erlebt. Suche dir also Christen, die am besten weder die Gemeinde noch den Leiter kennen. Vielleicht findest du im Urlaub eine Gemeinde, die weit genug weg ist. Manchmal ist es einfacher, einem Seelsorger, Coach der einen nicht persönlich kennt etwas von sich selbst zu erzählen, als jemanden, der dich gut kennt und dadurch nicht mehr objektiv zuhören kann.
Ein Außenstehender schaut noch einmal ganz anders drauf. Ich selbst habe jemanden getroffen, der Coach für genau diese Problematik war. Leider habe ich keine Kontaktdaten mehr. Aber er hat mir sehr geholfen.
Wenn du keinen findest, mit dem du offen reden kannst, dann recherchiere im Internet und in Bibliotheken. Es gibt viele Abhandlungen über Narzissten und geistlichen Missbrauch. Versuche anhand der dort aufgezählten Merkmale rauszufinden, ob der betreffende Leiter/ Pastor ein Narzisst ist oder nicht. Bedenke dabei, dass es auch verdeckte Narzissten gibt. Das führe ich hier nicht weiter aus, aber das solltest du recherchieren.
Ich möchte bei den Merkmalen eines Narzissten drei herausgreifen: 1. „Das habe ich so nicht gesagt! / Das hast du falsch verstanden!“ – Das sind die am meisten gebrauchten Sätze eines Narzissten. Narzissten lassen sich nicht festhalten. Es gibt keine Absprachen. Es gibt keine Regeln, an die sie sich halten. Wenn du dich auf etwas berufen möchtest, was abgesprochen war, dann kommt einer dieser beiden Sätze oder eine Abwandlung davon. Wenn ich mit meinem Täter mal wieder ein „klärendes Gespräch“ hatte ich immer danach das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Es kam mir vor, als hätte ich versucht, einen Aal mit bloßen Händen zu fangen.
Damit zusammen hängt das zweite wesentliche Merkmal: Stagnation durch lange, verwirrende und erfolglose Gespräche. Wie beschrieben, gab es in der Gemeinde viele Gespräche. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, war ich nicht die Einzige, mit der „klärende Gespräche“ geführt wurden. Ich setze deshalb die Anführungszeichen, weil sie nicht klärend waren. Narzissten sind Meister darin, vom Thema abzulenken, jemanden das Wort im Mund umzudrehen und stundenlang zu tagen, ohne anschließend irgendwelche nennenswerten Ergebnisse vorweisen zu können. Ein Narzisst hält andere beschäftigt.
Das dritte wesentliche Merkmal eines Narzissten, ist seine Reaktion auf Kritik. Nun gibt es heutzutage wenige Menschen, die in der Lage sind, erwachsen mit Kritik umzugehen, aber ein Narzisst nimmt jede Kritik als persönlichen Angriff. In seinen Augen ist alles Kritik, was nicht bedingungslose Zustimmung ist. Er kennt nur Zujubeln oder Kritik. Kritik ist in seinen Augen immer unberechtigt. Dabei wird auch ein lieb gemeinter Hinweis alá „Hast du daran gedacht, dass…?“ als Kritik verstanden. Ein Narzisst sieht sich berechtigt, dich öffentlich bloß zu stellen, deinen Ruf zu zerstören und dir seine vernichtende Kritik wie Ohrfeigen entgegen zu schleudern. Aber wehe du kommst auf die Idee, seine Meinung zu hinterfragen bzw. eine andere Meinung als seine zu haben. Damit sprichst du dir selbst das „Todesurteil“. Daraufhin wird er versuchen, dich mundtot zu machen.
Daran wirst du auch einen Narzissten unweigerlich erkennen: Wenn du jemanden einem harmlosen Hinweis gibst und derjenige es als Ehrverletzung ansieht und er daraufhin anfängt, schwere Geschütze gegen dich aufzufahren. Spätestens dann sollte deine innere Narzissten-Frühwarn-Anlage klingeln.

Wenn du feststellst, dass du es wirklich mit einem Narzissten zu tun hast, dann geh aus der Gemeinde raus! So schnell wie möglich! – Du hörst jetzt bitte sofort damit auf, zu argumentieren, dass du helfen möchtest und der Typ dir ja Leid tut. – Ja, er tut dir Leid an! Hilf dir selbst und geh! Glaube mir, ich kann diese Gedanken gut nachvollziehen. Sie waren auch in meinem Kopf. Die schwierigste Lektion, die ich als Krankenschwester zu lernen hatte, war: nicht zu helfen!
Du bist nicht dafür verantwortlich, dass der andere glücklich ist. So wie du selbst für dich verantwortlich bist, ist auch der Narzisst für sich verantwortlich. Du bist nicht Gott! Du bist nicht der Retter der Welt! Diese Aufgabe hat, Gott sei Dank, Christus am Kreuz übernommen!

Hör‘ auf zu kämpfen!
In Freikirchen wird oft von Kämpfen geredet. Dabei werden die entsprechenden Bibelstellen zu Hilfe genommen. Du musst nicht für Gott kämpfen. Wenn überhaupt, kämpfe mit ihm! Wenn du das Gefühl hast, dass etwas mit deiner Gemeinde nicht stimmt, dann kannst du sicher dafür beten, dass Gott eingreift. Du kannst auch Gott fragen, ob du etwas dagegen unternehmen sollst. Aber wenn du deine Möglichkeiten ausgeschöpft hast und du eher daran kaputt gehst, dann solltest du daran denken, dass du nicht Gott bist. Nochmal: Du bist nicht Gott! Als einfaches Gemeindemitglied ist es nicht deine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass deine Gemeinde sich auf dem richtigen Weg befindet. Du kannst auf Missstände aufmerksam machen, für deine Gemeinde beten, aber nicht für deine Gemeinde kämpfen. Besonders dann nicht, wenn Gott andere Pläne mit dieser Gemeinde hat! Er lässt manchmal Dinge zu, die wir nicht begreifen. Ja, er lässt auch zu, dass Gemeinden kaputt gehen. Wenn du jetzt aufgeregt fragst „Wie kann das sein? Das ist doch kein gutes Zeugnis für Außenstehende!?“ Mach dir bewusst, dass Gott sich auch um die Außenstehenden kümmert. Er geht jedem geduldig nach. Er erreicht sein Ziel. Nicht immer auf dem Weg, den wir gerne hätten. Aber manchmal ist ein Bruch, eine Krise genau richtig, um etwas Positives in Gang zu setzen.
Ich möchte durch die Zeit des Missbrauchs nicht noch einmal durchgehen. Aber ich bin Gott unendlich dankbar, dass er mich da durchgeführt hat. Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich das nicht erlebt hätte. Ich habe heute eine lebendigere Beziehung zu ihm, als vorher. So denke ich über Dinge nach, über die ich nie nachgedacht hätte. Zwar wollte ich bereits während meiner Mitgliedschaft in dieser Freikirche anfangen, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen, doch spüre ich jetzt erst eine innere Freiheit dazu.
Ich war ständig damit beschäftigt, irgendwelche Bücher zu lesen und mir Notizen dazu zu machen. Dadurch kam ich nicht dazu, die Bücher zu lesen, die mich interessierten. Das ist aber vom Narzissten gewollt. Er hält die anderen beschäftigt. Wer beschäftigt ist, denkt nicht nach.
Jetzt aber habe ich Zeit, in Ruhe über meine Themen nachzudenken.

Also erkläre deinen Austritt aus der Gemeinde und brich‘ komplett den Kontakt zu dem Narzissten ab! Solltest du nicht geistlich, sondern psychisch missbraucht werden und mit dem Narzissten verwandt sein, dann suche dir Rat beim Therapeuten. Das meine ich ernst! Wenn allerdings der Täter ähnlich wie bei mir, dir unterstellt, dass du psychisch krank bist und du merkst, dass du dich dagegen sträubst, dann versuche einen Kompromiss zu finden. Vielleicht nur eine Kurzzeittherapie oder du suchst dir eine ausgebildete Seelsorgerin außerhalb der Gemeinde oder einen Coach. Wenn es gar nicht geht, dann versuche an gute Literatur zu kommen. Therapeuten schreiben gerne Ratgeber. Lese verschiedene, lese auch mal mehrere quer. Sie mögen nicht immer eine Therapie ersetzen, aber oft gibt es im Anhang eine Liste mit Adressen von Organisationen, Therapeuten oder Einrichtungen, die dir weiterhelfen können.


Nach dem Missbrauch
Wenn du ausgetreten bist und den Kontakt abgebrochen hast, dann lass dich erst einmal von mir virtuell umarmen. Du hast es geschafft! Du hast überlebt!
Versuche zur Ruhe zu kommen! Wahrscheinlich tobt sich in dir ein Gefühlschaos aus: eine Mischung aus Wut, Trauer, Verwirrtheit. Das darf sein. Manchmal werden in christlichen Kreisen Gefühle tabuisiert. Lass dir das nicht einreden! Paulus schreibt „…, lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4, 26) und nicht „Seid nicht zornig!“ Du darfst zornig sein! Du darfst trauern!
Vielleicht fühlst du auch Scham darüber, dass du auf solch einen Menschen reingefallen bist. Dann solltest du spätestens jetzt recherchieren, welche Bücher es zum Thema geistlichen Missbrauch gibt. Entweder du gehst in einen christlichen Buchladen oder du klickst dich online unter „andere Kunden kauften auch“ durch. Es sind Regalmeter zu diesem Thema im Angebot. Du bist nicht der Einzige!
Narzissten missbrauchen und manipulieren. Das sind Persönlichkeiten, denen kaum einer widerstehen kann. Vielleicht schafft es nur ein anderer Narzisst einem Narzissten Paroli zu bieten.
In einem Englisch-Kalender fand ich den Spruch von Elena Roosevelt „No one can make you feel inferior without your consent.“ (Niemand kann dich dazu bringen, dich unterlegen zu fühlen, ohne deine Zustimmung.) Ich widerspreche Frau Roosevelt auf Schärfste: Das ist gerade das Problem bei Narzissten. Sie manipulieren so geschickt, dass du es gar nicht merkst. Deswegen verweise ich solche Aussagen dahin, wohin sie gehören: nette Kalendersprüche, die mit dem Rezept von Omis Apfelkuchen in guter Gesellschaft sind.
Mein Spruch dagegen lautet: Niemand hat das Recht, dich dazu zu bringen, dass du dich unterlegen fühlst!
Deine Gefühle dürfen sein! Du darfst sein! Der Krieg ist vorbei! Noch einmal: Der Krieg ist vorbei! Damit du es auch wirklich verstehst: Der Krieg ist vorbei!

(Wird fortgesetzt.)

Das Wirken des Heiligen Geistes

Gesegnete Pfingsten! Es gibt einige Videos zu dem Thema „Was ist Pfingsten?“ Von „erfüllt sein mit dem Heiligem Geist“ ist die Rede und von „dem Geist als Tröster“. Aber wie kann man sich das im Alltag vorstellen?

Ich bin zwar nicht mehr Mitglied einer Freikirche, praktiziere aber meinen Glauben teilweise charismatisch. Deswegen möchte ich kurz an einigen Beispielen erzählen, wie ich die Führung des Heiligen Geistes erlebte.

Vor vielen Jahren saß ich im Flugzeug, unterwegs in den Auslandsurlaub. Da hatte ich plötzlich das Gefühl, als würde der Heilige Geist zu mir sprechen: „Ich werde dir nicht alle Wünsche erfüllen, aber alle deine Bedürfnisse stillen. Wenn du also Durst hast und dir ein Glas Cola wünschst, kann es sein, dass du Wasser bekommst. Ich stille deinen Durst, aber die Cola kriegst du nicht immer!“ Da gerade von Cola die Rede war, bekam ich richtig Appetit darauf und bestellte eine bei der Stewardess. Ich bekam – ein Glas Wasser! Sie hatte mich falsch verstanden. Sie wollte mir noch Cola holen, doch ich winkte ab. Heute, viele Jahre später, verstehe ich diesen Satz immer mehr. Wünsche sind nicht immer selbstlos. Ich habe nicht alle Wünsche erfüllt bekommen. Im Nachhinein weiß ich, dass es gut so war!

Im Winter fuhr ich auf einer vereisten Autobahn. Eine anscheinend eisfreie Strecke verführte mich dazu, ein wenig mehr Gas zu geben. Doch der Schein trog. Ich schleuderte von der linken Spur über die Mittelspur, hin zur rechten Außenspur und mein Auto berührte die Leitplanke. Als ich anfing zu schleudern, hörte ich innerlich die sonore Stimme eines Fahrlehrers „Stotterbremse, gegenlenken, Stotterbremse, gegenlenken!“ Ich bekam mein Auto wieder unter Kontrolle. Außer die Kratzer und meinem Schreck ist nichts weiter passiert. Ich bin mir sicher, dass diese Gedanken nicht von mir kamen. Diese Stimme hat mich gleichzeitig beruhigt.

Nach einem Kurs mit den Kindern „beschwerte“ ich mich beim Gebet über ein Kind: „Wenn er mal zuhören würde und täte, was ich sage, dann würde ihm die Bastelarbeit auch gelingen, denn ich will ihm ja nichts Böses!“ Nach einer kurzen Pause hörte ich innerlich eine leise sanfte Stimme „Wenn die Ulrike mal zuhören würde und täte, was ich sage, dann würden ihr die Pläne auch gelingen, denn ich will ihr ja nichts Böses!“ – Muss ich erwähnen, dass ich danach sehr kleinlaut war?

Nun kann man sich drüber streiten. Man könnte von Einbildung reden oder Zufall. Doch für mich ist es Führung, Bewahrung und Ermahnung. So erlebe ich meinen Gott im Alltag. Es gibt mir Sicherheit und Geborgenheit.

Glaube lässt sich nicht immer erklären. Er ist auch nicht immer logisch. Aber mir persönlich gibt er das, was mir diese Welt dauerhaft nicht geben kann und was ich dringend brauche: Hoffnung.

Amen.

Mangel und Schmerz


Gott als Mutter
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Ich schreibe diesen Input für die verlassenen Kinder. Für all diejenigen die mit dem Muttertag und /oder Vatertag nichts anfangen können.

Für diejenigen, die nie eine liebevolle Mutter / einen liebevollen Vater hatten. Aber auch die, deren Mutter oder Vater viel zu früh gestorben ist.

In der Werbung wird gerne propagiert, dass „Mama die Beste!“ ist oder, dass der eigene Vater der „Beste Papa der Welt“ ist.

Im Bekannten- teilweise auch im Freundeskreis höre ich ganz andere Geschichten: von in den Keller sperren, ist da die Rede, von Beschimpfungen alá „Du Verkehrsunfall hast mir mein Leben kaputt gemacht!“ und andere Grausamkeiten.

Als ich mich dafür interessierte, mich zur Pflegemutter ausbilden zu lassen, die im Notfall Kinder aufnimmt, wurde mir erzählt, dass manche Kinder von ihren eigenen Eltern nichts zu essen kriegen. Diese Kinder hamstern häufig Essen bei den Pflegeeltern, weil sie nicht darauf vertrauen, dass sie wieder etwas zu essen bekommen. Ich dachte, ich hör‘ nicht richtig.

Der Mangel an Liebe  und der damit verbundene Schmerz – für beides ist Gott die beste Adresse.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23,1) Fällt mir als Erstes ein. Nichts! wird mir mangeln! Vermisse ich die Liebe und die Fürsorge in meinem Leben, so kann ich zu Ihm kommen! Er, der Er selbst die Liebe ist! Er ist derjenige, der all die Liebe geben kann, die die leibliche Mutter schuldig blieb „Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarmt über ihren leiblichen Sohn? Selbst wenn sie ihn vergessen sollte – ich will dich nicht vergessen! Siehe, in meine Hände habe ich dich eingezeichnet,…“ (Jesaja 49, 15 und 16)

Du bist auch kein „Verkehrsunfall“, sondern von Gott gewollt und erschaffen. Zu dem Propheten Jeremia sagt Er: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich ersehen, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt; …“( Jer. 1,5). Im Psalm 139 heißt es „Denn du hast meine Nieren gebildet, du hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.“ (Ps 139,13)

Gott geht in seiner Mutterrolle voll auf: „Als Israel jung war, liebte ich ihn, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen …. Und ich war es doch, der Ephraim gehen lehrte, der sie auf seine Arme nahm. … Mit menschlichen Banden zog ich sie, mit Seilen der Liebe; ich hob ihnen gleichsam das Joch auf vom Kinn und neigte mich zu ihnen, um ihnen Nahrung zu geben.“ (Hosea 11, 1-4) Der Gedanke ist vielleicht verstörend, aber es braucht nicht viel Fantasie, um „ neigte mich zu ihnen, um ihnen Nahrung zu geben“ mit „stillen“ zu übersetzen.

Gott geht auch in seiner Vaterrolle auf. Das Neue Testament ist voll von Hinweisen: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Kinder Gottes heißen sollen!“ (1. Johannes 3,1)

„Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben;“ (Johannes 1, 12)

„Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Matthäus 6, 26).

Gott möchte für uns alles sein, was wir bedürfen. Brauchen wir eine Mutter, ist Er uns Mutter. Brauchen wir einen Vater, ist Er uns Vater. Brauchen wir einen Freund, dann ist Er uns Freund. Er kann allen Mangel ausfüllen, jeden Schmerz lindern, wenn wir Ihm vertrauen. Es ist die Erfahrung, die jeder machen kann. Es ist die Erfahrung, die ich selbst schon gemacht habe. Bei Gott bin ich geborgen und sicher. Ich kann Ihm mein Leid klagen und Er tröstet mich. „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 4)

Amen.

Begegnung in der Wüste

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Es war einst ein Mann, der musste durch die Wüste. Nicht, dass er sich das unbedingt wollte. Er hätte gerne darauf verzichtet.  Er hätte sich auch am Rand der Wüste einrichten können, aber er wusste, dass er da durch musste, wenn er weiterkommen wollte. 

Also bereitete er sich auf den Weg vor, besorgte sich die nötige Ausrüstung und eine Karte und dann ging er los. Er ging mehrere Tage, folgte der Karte und er dachte, dass er sein Ziel bald erreichen würde. Doch dann passierte ihm ein Missgeschick nach dem anderen: sein Schnürsenkel riss, er warf seinen Tee um, der auf die Karte tropfte und damit wurde seine Karte unleserlich und er stieß sich sein Knie auf, nachdem er gestolpert war. So humpelte er missmutig weiter. Alles schien schief zu gehen. Da die Karte unbrauchbar war, machte er aus Versehen einen Umweg und seine Lebensmittel wurden knapp. Hätte er doch sich am Rand der Wüste eingerichtet. So schleppte er sich hin, während es dunkel wurde. Plötzlich sah er neben seinem eigenen Schatten einen weiteren Schatten laufen. Als wäre er nicht allein unterwegs. Vorsichtig schaute er neben sich. Doch da war keiner. “Jetzt werde ich verrückt!” dachte er. Er versuchte sich einzureden, dass er sich das einbildete, doch der Schatten verschwand nicht. Als er stehen blieb, um sich zu orientieren, lief dieser Schatten weiter. Als wüsste er genau, wo es lang geht. Der Wanderer zuckte mit den Schultern. Er würde hier in der Wüste sowieso sterben, kann er könnte er auch einem eingebildeten Schatten folgen. So trabte er dem Schatten hinterher.  

Eines Abends, er hatte sich schon in seine Decke gerollt, spürte er einen starken Wind. Er schreckte hoch, weil er einen Sandsturm vermutete und durch die hektische Bewegung riss er ein Loch in seine Decke. Es war kein Sandsturm, aber seine Decke war kaputt. Nun würde er frieren müssen. Er weinte ein wenig und schlief dann doch ein. 

Am nächsten Morgen erwachte er warm eingepackt in seine Decke. Er untersuchte sie. Doch er fand keinen Riss. Auch in seiner Kleidung war kein Loch zu sehen. Wieder dachte er, dass er wohl sich das nur eingebildet hätte. Also ging er weiter. 

Erst kam er gut voran, doch dann, wie aus heiterem Himmel, kroch die Verzweiflung in ihm hoch. Es fiel ihm auf, dass er diesen eingebildeten Schatten lange nicht mehr gesehen hatte. Da wurde ihm bewusst, was er lange verdrängt hatte: Er war allein!  Allein in der Wüste, ohne Karte und mit inzwischen sehr knappen Lebensmitteln. “Mach dir nichts vor!” dachte er “Du wirst hier sterben!” Dieser Gedanke wurde ihm zur Gewissheit und machte sich in seinem Innern breit. Er blieb stehen, denn es machte für ihn keinen Sinn mehr, weiter zu gehen. Er würde sich hinsetzen und auf seinen Tod warten. Wenigstens hatten die Geier dann etwas zu fressen. Er wollte sich gerade hinsetzen, da sah er im Sand vor sich Spuren. Er fühlte sich bestätigt. Das waren seine Spuren, er hatte sich verlaufen, dachte er. Als er genauer hinschaute, stutzte er. Die Spuren kamen aus einer anderen Richtung, als wäre ihm jemand entgegengekommen, als stände jemand direkt vor ihm. Er blinzelte. Da stand keiner. Doch er folgte ein wenig dieser Spur. Vielleicht gab es eine logische Erklärung, vielleicht führte diese Spur ihn aus der Wüste raus. Sein Lebenswille war wieder erwacht. Er beschloss, dieser Spur weiter zu folgen. So lief er, mit den Augen die Spur suchend, weiter. Irgendwann sah er verschiedene Gräser auf dem Boden. Verwundert schaute er hoch. Er wäre beinahe gegen eine Palme gelaufen. Er hatte eine Oase erreicht. Erleichtert trank er das Wasser und warf sich dann ganz rein. Er plantschte ausgelassen, wie ein Kind. Plötzlich hörte er jemanden hinter sich lachen. Er drehte sich um. Da saß sein Freund, der ihn sein Leben lang schon begleitet hatte. “Endlich bist du da!” sagte er lachend. “Wieso bist du hier?” fragte der Wanderer. “Wo sollte ich sonst sein?” antwortete sein Freund. “Habe ich dich je allein gelassen?” “Nein!” gab der Wanderer zu. “Siehst du, warum sollte ich ausgerechnet jetzt, dich allein lassen?” Da fiel es dem Wanderer wie Schuppen von den Augen: der Schatten, die heile Decke, die Spuren, all das, war sein Freund gewesen, nicht sichtbar, aber doch anwesend. Er hatte sich auf sein Equipment verlassen, auf seine Karte, aber seinen Freund, der immer für ihn da war, hat er nicht ein einziges Mal gefragt, ob er mitkommt. Es sprudelte aus ihm heraus und als er fertig war, bat er seinen Freund um Verzeihung, weil er ihn nicht gefragt hatte. Der nahm ihn nur in den Arm. Da fing der Wanderer an zu weinen, vor Freude und vor Erschöpfung und schlief dann in den Armen des Freundes ein. Es war alles gut. Er würde nicht sterben!  

Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück machten sich beide zusammen auf den Weg.  

Nach etlichen Tagen erreichten sie endlich ihr Ziel. Der Wanderer war durch die Wüste gegangen. Als er später an diese Wanderung zurückdachte, wollte er nicht noch einmal durch, aber die Erfahrung wollte er nicht missen. Er hatte verstanden: Selbst in der Wüste war er nicht allein!  

Warum hat mir das keiner gesagt?

Ich beschäftige mich immer noch mit dem Themenkomplex „Freiheit, Gehorsam und dienen“. Also habe ich mir mein Bibellexikon geschnappt und den Artikel “Gehorsam” durchgearbeitet. Der Artikel ließ mich sprachlos zurück. Das kann doch nicht wahr sein! Da bin ich schon so lange Christ, aber das war mir nicht bewusst. “Gott ist Liebe!’ – ja, das wurde in den Gemeinden, in denen ich Mitglied war, hoch und runter gepredigt. Aber dass ich Gott gehorsam zu sein habe, nicht! Ich krame in meinen Erinnerungen. Es gab selten mal eine “Autsch!”- Predigt, also eine Predigt, die weh tat. Aber an eine Predigt, die mir so eindringlich klar machte, dass ich Gott Gehorsam schulde, wie dieser Lexikon-Artikel, kann ich mich nicht erinnern. Ich lese schon länger in der Bibel. Die Bibelstellen, die ich jetzt lese, sind mir nicht bewusst geworden.  

Ich frage jetzt explizit die Prediger von evangelikalen und charismatischen Gemeinden (die anderen kenne ich nicht gut genug): Warum hat mir das keiner gesagt? Wieso hat mir das keiner gepredigt? Gefrustet wie ich war, habe ich gleich eine Freundin angerufen und ihr von meiner Entdeckung erzählt. Sie hat mir von ihrer Erfahrung in der Bibelschule berichtet. Ein Bibelschullehrer hat offen zugegeben, dass nur ein Teil des Evangeliums gepredigt wird.  

Ich bin sauer. Stinksauer! Habt Ihr alle den Arr – ok damenhafter: Seid Ihr alle mit dem Klammerbeutel gepudert oder was ist mit Euch los? Habt Ihr eigentlich eine Ahnung, was Ihr da tut? Kommt mir jetzt nicht mit “Taste nicht den Gesalbten des Herrn an!” an. Eure Forderung, dass eure Schäfchen euch zu gehorchen haben, ist an dem Satz gekoppelt, dass ihr für jedes Mitglied Rechenschaft geben müsst. (Hebräer 13, 17) 

Ihr müsst mir keine Antwort geben. Aber eines Tages werdet Ihr jemand anderen antworten müssen Was wollt Ihr Ihm antworten?  

Ja, Gott kann Krummes wieder geradebiegen.  So sorgt E dafür, dass ich jetzt über die richtigen Bibelstellen “stolpere”. Aber das entbindet Euch nicht von Eurer Verantwortung! 

Wir sind alle Menschen, wir machen alle Fehler. – Das sei Euch zugestanden! Wer aber nicht oder selten über die unbequemen Bibelstellen predigt, weil er Angst hat, dass ihm die Leute aus der Gemeinde laufen, der ist in meinen Augen kein guter Hirte. Ein Hirte läuft, zumindest in Israel, seinen Schafen voran und geht mit ihnen auch mal schwierige und schmale Steige.  

Wie oft werden, zumindest in den Gemeinden, die ich kennengelernt habe, halbe Bibelstellen “weggenuschelt”.: “… müssen alle Dinge zum Besten dienen!” (Römer 8, 28) Doch der komplette Vers lautet: “Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind.” – Wenn ich Gott liebe – DANN werden mir alle Dinge zum Besten dienen! 

Ich zeige Ihm meine Liebe, z. B. damit, dass ich Ihm gehorsam bin.  

“…so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!” – Es heißt eigentlich “Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.” in Matthäus 11, Verse 29 und 30.  

Ich habe in über 20 Jahren nicht eine Predigt darüber gehört, dass Christen eine Last zu tragen haben, die ihnen von Jesus persönlich zu tragen gegeben wird! Die Ruhe für meine Seele wurde mir erzählt, der Rest wurde “weggenuschelt”. Habt Ihr Prediger eigentlich gedacht, dass das keinem auffällt? Seid Ihr selbst nie darüber gestolpert?    

Jetzt wird mir auch etwas bewusst: Ich kann mich nicht daran erinnern, in einer der freien Gemeinden, in denen ich Mitglied war, zum Bibelstudium angehalten worden zu sein. In der letzten Gemeinde hat der Prediger u. a. darauf Wert gelegt, dass in allen Hauskreisen das gleiche christliche Buch durchgearbeitet wurde. Es waren sicher auch gute Bücher dabei. Aber es war nicht die Bibel selbst. 

Die Bibel ist ein gefährliches Buch! Ein sehr gefährliches Buch! Es gibt zwei wesentliche Gefahren beim Bibellesen: 1. Der Lesende könnte anfangen, den Prediger und/ oder die Gemeindestruktur zu hinterfragen. 2.Der Lesende könnte anfangen, sich selbst und sein Handeln zu hinterfragen! 

Darum geht es im christlichen Glauben: Erkennen, dass Gott mich liebt, um dann aus Liebe zu Ihm, Ihm gehorsam zu sein. Es klingt paradox, aber genau dadurch wird ein Christ zu einem reifen Christen. 

Ein reifer Christ ist aber nicht mehr abhängig von seinem Prediger. Von daher brauche ich jetzt keine Antwort mehr auf meine Frage, warum mir das keiner gesagt hat. Wie geschrieben, Ihr müsst IHM dereinst Rede und Antwort stehen. 

Ich nehme aus meinem Bibelstudium die für mich persönlich sehr wichtige Erkenntnis mit: Ich schulde Gott Gehorsam!  

Amen. 

In die Falle getappt

Kreideflashmob am Ostermorgen „Er ist auferstanden!“

Irgendwie bin ich vor Kurzem in eine Falle getappt. Eine Schulsekretärin hat dafür gesorgt, dass ich einen Impfberechtigungsschein bekomme. Ich habe mich nicht darum gekümmert. Sie fand aber, dass ich als freie Mitarbeiterin nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte habe und ließ diesen Schein für mich ausstellen. Wenige Tage später hatte ich meinen ersten Impftermin. Es lief alles reibungslos ab. Kurze Zeit später saß ich im Beobachtungsraum und wartete darauf, dass ich gehen durfte. Schmunzeln musste ich, als ein Soldat einen Wartenden aufrief und diesen fragte, ob es ihm gut gehe. Die Antwort lautete “Jo, und Ihnen?”  

Zwei Tage später kam dann der Impfstopp von AstraZenica. Seitdem horchte ich in mich hinein: Habe ich Kopfschmerzen? Fühle ich mich irgendwie anders? Ich muss zugeben, dass ich ein wenig mulmiges Gefühl hatte.  

Ich bin in eine Falle getappt. Als meine Pastorin nach dem Gottesdienst verkündete, dass die Impfung unsere einzige Rettung sei, bin ich noch innerlich zusammengezuckt und dachte ‘Huch, ich dachte, unser Retter heißt Jesus?’ 

Jetzt habe ich mich selbst allein auf den Impfstoff verlassen. Dabei ist kein Impfstoff dieser Welt mein Retter. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich eine der sehr seltenen Nebenwirkungen bekomme. Ich halte es auch weiterhin für eine gute Idee, dass ich mich habe impfen lassen. Ich schaue auch, bevor ich über die Straße gehe, nach links und nach rechts. Doch genauso, wie ich nicht verhindern kann, dass im letzten Moment ein Auto um die Ecke geschossen kommt oder ich trotz Impfung noch krank werde, kann ich auch nicht beeinflussen, ob oder welche Nebenwirkungen die Impfung bei mir hat. Ich bin und bleibe in Gottes Hand!  

Genau das macht mich ruhig! Wozu ist mein Glaube sonst gut, wenn er mir nicht bei meinen Ängsten um Gesundheit und Leben hilft? Der Glaube ist doch nicht nur dafür da, damit ich rechtzeitig einen guten Parkplatz bekomme oder damit ich am Sonntagmorgen eine schöne Zeit habe. Genau für diese Sorgen ist er wichtig.  

Ostern ist gerade vorbei. Die Spuren vom Kreideflashmob am Sonntagmorgen mit dem Schriftzug “Er ist auferstanden!” sind vom Schneeregen längst weggespült. Aber es gilt immer noch “Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben. Glaubst du das?“ (Joh. 11,25-26). – Ja, ich glaube es. Das macht Glauben aus – die Hoffnung, die daraus entsteht, dass der Tod seinen Schrecken verloren hat. Da wird die Seele ruhig. Da werde ich ruhig!  Es ist die Gewissheit, dass ich und mein Leben in der Hand dessen liegen, der mich so unendlich liebt, dass er für mich gestorben ist! Einen größeren und besseren Retter kann es nicht geben! Sein Name ist Jesus, der Christus! 

Amen. 

Freiheit

Freiheit ist der Begriff, der gerade am meisten in den Mund genommen wird. Aber, was ist eigentlich Freiheit? Die meisten würden bestätigen, dass es mehr ist, als das Gegenteil von gefangen sein. In Deutschland zergliedern wir die Freiheit u.a. in Presse-  Meinungs- und Reisefreiheit. Aus der Werbung ist der Slogan “Die Freiheit nehm’ ich mir!” bekannt und Westernhagen singt davon, dass die Freiheit wieder abbestellt wurde. 

Ich persönlich halte Freiheit für einen Mythos. Freiheit, zumindest so, wie wir sie uns vorstellen, gibt es nicht. Es mag sein, dass viele in der westlichen Welt physisch nicht gefangen sind, doch wenn man Abhängigkeit mit Unfreiheit definiert, ist jeder Mensch irgendwo unfrei. Es sind “gesellschaftliche Zwänge” oder man ist gefangen in unguten Beziehungen oder eben Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch innerhalb der Gesellschaft wird es immer Grenzen geben, geben müssen. “Jeder macht, was er will!” ist Anarchie.  

So jagen wir also einem Konstrukt hinterher, das es anscheinend nicht wirklich gibt.  

“Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein. “ heißt es in Johannes 8, 36. Es scheint also nicht nur das Konstrukt zu geben, sondern auch eine wirkliche Freiheit. – Was ist diese Freiheit? Wenige Verse vorher sagt Jesus einen anderen Satz, der genauso bekannt ist: “Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!” (Johannes 8, 32) Bevor ich hier jetzt anfange, mit Pilatus zu philosophieren, was denn Wahrheit sei (Johannes 18, 38), nehme ich den Satz Jesu “ Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, als nur durch mich!” (Johannes 14, 6), wörtlich. Da bin wieder am Ausgangspunkt: Jesus ist die Wahrheit und er wird mich frei machen.   

Kann ich die Wahrheit vertragen? Kann ich Jesus vertragen? Ich erlebe bei mir immer wieder eine Art Gott-Scheue. Ich weiß, dass Gott mich liebt, ich habe diese Liebe erfahren. Trotzdem merke ich an manchen Tagen, dass es mir schwerfällt, zu Gott zu kommen, zu beten, in der Bibel zu lesen. Es gibt Themen, die ich lieber nicht mit Gott besprechen möchte. Da möchte ich Ihm lieber ausweichen. – “Ihr werdet die Wahrheit erkennen!” – Ich weiß nicht, was im griechischen Original steht. Vielleicht sind damit nicht die vielen Wahrheiten gemeint, das Aufdecken der großen und kleinen (Lebens)Lügen. Vielleicht ist damit die Eine, die große Wahrheit gemeint. Es muss ja eine Wahrheit sein, die jeder erkennen kann. Jesus sprach schließlich nicht zu hoch gelehrten Philosophen.  

Vielleicht ist es schlicht und ergreifend die Wahrheit: “Ich brauche Gott!” – Wenn ich so drüber nachdenke, dann macht dieser Satz frei. Er entmachtet mich! Er entmachtet auch alles andere, was mir wichtig ist oder sich wichtig macht! Ich brauche Gott, weil ich bloß ein Mensch bin, weil ich es nicht alleine schaffe und weil ich ohne Ihn z. B. hilflos einer Regierung ausgeliefert bin, die gerade selbst ziemlich hilflos agiert.  

Ich brauche Gott, weil all’ die guten Vorsätze, all’ die gelobten Besserungen, nicht zu schaffen sind ohne Ihn. Ich brauche Gott, weil es mir schwerfällt, mir selbst auf die Zunge zu beißen, um nicht wieder ungefragt meinen Senf dazuzugeben, um nicht ungeduldig mit den Augen zu rollen, wenn jemand nicht sofort verstanden hat, was ich gerade erklärt habe und um mich nicht zu verteidigen, wenn mich jemand zu Unrecht angreift.  

Mit dem “Ich kann es nicht!” kommt dann das “Ich muss es auch nicht!” in dem Sinne, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Es fühlt sich fremd, aber gut an. Einem Gott sich ausliefern, ausgeliefert sein, der die Liebe ist und sich mir im Kreuz Christi selbst hingegeben hat, fühlt sich gut an. 

Es ist eine merkwürdige Freiheit. Sie hat nichts mit den erwähnten Freiheiten zu tun, für die wir notfalls auch kämpfen. Doch bei dieser Freiheit höre ich auf zu kämpfen. Ich merke, wie ich innerlich aufatme, wenn ich drüber nachdenke.  

Ich kann das Thema “Freiheit” nicht in einen Montagsinput reinpressen. Deswegen werde ich die nächsten Wochen mich weiter mit beschäftigen. 

Vielleicht ist es eine gute Idee, im Laufe der Woche sich immer wieder bewusst zu sagen “Ich brauche Gott!” – Mal sehen, was passiert. 

Echt jetzt?

Halbfertige Pralinen

Beim Suchen nach dem Dosenöffner fiel mir die Pralinengabel in die Hand. Da ich gerade nichts zu tun habe, beschließe ich, mal wieder Pralinen zu machen. Also blättere ich im Rezeptebuch und ordere Zutaten. Weil es immer hohe Stückzahlen sind, pro Sorte mindestens 50, frage ich in einem Post alle meine Facebook-Freunde, ob sie welche haben wollen. Diejenigen, die mich persönlich kennen, greifen zu. „Oh ja, bitte!“ und „Für mich auch!“ heißt es in den Kommentaren. Also lege ich los. Es macht mir richtig Freude, die unterschiedlichen Schokomassen brauchen verschiedene Temperaturen und der Rotwein muss geliert werden. Dazu noch das Verpacken, zum Schluss noch eine schöne Schleife. Ich verschicke die ersten Päckchen und frage noch einmal nach via Facebook „Will jemand?“ Zögerlich melden sich jetzt auch einige, die ich nicht persönlich kenne „Echt jetzt? Darf ich kosten?“, „Was willst du dafür?“ Nichts! Was soll ich dafür wollen? Ich habe Langeweile und versuche, irgendwas „Sinnvolles“ zu tun.

Irgendwie bin ich ein wenig überrascht. Was ist denn an der Frage „Will jemand Pralinen?“ nicht zu verstehen? Es macht mir doch Freude. Warum sollte ich die Pralinen alleine essen?

Da fällt mir etwas auf: Vielleicht geht es Gott genauso? Vielleicht ist es auch so mit seinem Angebot. Seine Gnade ist kostenfrei, wir dürfen seine Erlösung annehmen, ohne Gegenleistung. Doch wir scheuen uns, das Angebot anzunehmen. Echt jetzt? Darf ich wirklich?

Vielleicht ist die Antwort dann auch „Aber natürlich. Es macht mir doch Freude. Warum soll ich die Freude des Paradieses alleine haben?“ Woran liegt es, dass viele Menschen dieses Angebot ablehnen? Vielleicht daran, dass viele Gott nicht persönlich kennen.

Diejenigen, die zuerst bei meinem Angebot zugegriffen haben, kennen mich. Sie wussten, dass ich das ernst meine. „Das macht sie wirklich! Da darf ich einfach zugreifen!“ dachten sie wohl.

Wieso stellen wir den Menschen Gott nicht als liebenden Gott vor? Warum sehen sie oft genug an uns Christen, dass dieser Gott wohl ein liebloser, vielleicht ein strafender Gott ist? Aber vielleicht haben wir Ihn selbst noch nicht richtig verstanden?

Welche Gottesbilder haben wir selbst? Glauben wir selbst an einen liebenden Gott? Oder ist da doch noch ganz tief verankert, dass Gott jede Sünde sofort abstraft oder zumindest notiert, um später „zuzuschlagen“? Müssten wir, die wir Gott schon kennen, es nicht besser wissen? Müssten wir nicht, trotz aller Krisen, vor Freude strahlend und singend durch den Tag gehen? Warum benehmen wir uns oft genug genauso, wie die nicht gläubigen Menschen? Genauso ängstlich?

Mich stört diese von den Medien propagierte Ängstlichkeit inzwischen sehr. Ja, ich habe Verantwortung gegenüber anderen und sollte auch nicht leichtfertig mein Leben und meine Gesundheit aufs Spiel setzen. Aber ich glaube doch daran, dass ich mit meinem Jesus die Ewigkeit verbringen werde. Nicht falsch verstehen, ich liebe mein Leben und habe noch ein paar Dinge auf meiner Löffelliste, die ich gern noch erleben möchte, aber die Hoffnung auf das Paradies trägt mich. Es wird eine Zeit kommen, in der alles, was mir jetzt zu schaffen macht, mich aufregt, nicht mehr gültig sein wird. All die großen und kleinen Kämpfe, mein zerbrechlicher Körper wird alles vergangen sein und ich werde in Gottes Gegenwart leben! Wie herrlich!

Darauf darf ich hoffen, weil ich erfahren habe, dass Gott sein Angebot ernst meint. Da darf ich zugreifen.

Es ist also an der Zeit, sich auf den Weg zu machen und Gott noch besser kennenzulernen. Denn nur, wenn ich ihn gut kenne, kann ich anderen das Bild vom liebenden Gott vermitteln.

Amen.

Gefunden

Rose im Garten

Heute ist mir etwas aufgefallen. Ich blättere in meinen Notizen. Da stosse ich auf folgende Zeilen:

Er streichelte die Rose, küsste ihre Dornen.

als sie seine blutigen Lippen sah,

ließ sie ihre Dornen fallen, blühte und duftete für ihn.

Ich weiß, warum ich diese Zeilen schrieb.

Dann fiel mir plötzlich ein Gedicht von Goethe ein:

Gefunden

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen
Da sagt‘ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Es gibt zwei gängige Interpretationen. Erstens, es ist ein Gedicht über die Rücksichtslosigkeit in der Natur. Zweitens, es ist ein Gedicht in Erinnerung an das erste Treffen mit seiner Frau Christiane.

Mir ist eine dritte Möglichkeit eingefallen. Mehrere Dinge machten mich stutzig: Das Blümchen steht im Schatten. Wenn das Blümchen ein Sinnbild für seine Frau ist, dann ist doch die Frage, ob sie denn, nachdem Goethe sie geheiratet hat, wirklich aus dem Schatten herausgetreten ist. Wenn man den Schatten auf ihre geselschaftliche Stellung bezieht, dann ja. Bezieht es sich auf das eigene Ausleben, dann dürfte sie aus dem Schatten des großen Goethe nicht raus gekommen sein.

Das andere ist „der stille Ort“. War es am und im Hause Goethe in Weimar wirklich so still? Natürlich verlocken die ersten Verse gerade zu dieser simplen Interpretation. Zwei links, zwei rechts, fertig! Aber ein Satz, der mir ein Künstler mal gesagt hatte, kam wieder in Erinnerung: „Goethe war Mystiker!“ Für mich war das neu. Mir ist er in der Schule als Aufklärer, als klassischer Dichter vorgestellt worden.

Hier meine, vielleicht gewagte, Interpretation: Vielleicht meint er das Gedicht in zwei Richtungen: die bekannte, dass das Blümchen seine Frau ist und die Variante, dass er das Blümchen ist. Das Blümchen, das im Schatten von Gott gefunden wurde, aus der schlechten Erde ausgegraben, in den Garten d. h. das Paradies wieder eingesetzt wurde.

Vielleicht ist es an den Haaren herbei gezogen. Zugegeben, es ist nicht durchgehend stimmig. Aber warum sollte der Dichter nur eine Interpretation gemeint haben?

Unabhängig davon, ist es die Erfahrung, die ich gemacht habe: im Schatten stehend, von Gott gefunden und in Seinem Garten wieder eingepflanzt worden. Dort kann ich nun wurzeln und reifen. Gott gegenüber kann ich meine Dornen fallen lassen. Es ist die Erkenntnis, dass ich Gott wirklich vertrauen kann.

Diese Erfahrung, dieses tiefe innere Wissen, dass du von Gott gefunden wurdest, wünsche ich jedem!