„Verleih‘ uns Frieden gnädiglich…“

Während ich letzte Woche an meinem Input schrieb, fiel mir plötzlich diese Liedzeile ein, die ich mal im Schulchor gesungen habe:

„Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.“

Der Chor hat diesen Vers in der Fassung von Heinrich Schütz gesungen. Als ich dann nachschaute, ob es ein Bibelvers ist, stieß ich plötzlich auf den Vers, über den ich dann weiter nachdachte „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. ²Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“ (Römer 13, 1 bis 2).

Zunächst bin ich beruhigt, dass da nicht steht „Finde deine Regierung toll!“. Trotzdem ist es ein schwieriger Vers für mich! Denn die Corona-Regeln sind nicht logisch, nicht nachvollziehbar und einfach nur nervig!

Aber war die Regierung zu Paulus‘ Zeiten besser? Wohl kaum! In der Bergpredigt steht u. a. „und wenn dich jemand nötigt, eine Meile weit zu gehen, so geh mit ihm zwei.“ (Matthäus 5, 41) – Jeder Pastor, der auf sich hält, erwähnt in der Predigt darüber, dass es ein Gesetz gab, nach dem jeder römische Offizier einen Bürger zwingen durfte eine schwere Last für ihn eine Meile zu tragen. (So sollte dann auch Simon von Kyrene später eine Last tragen, weil der Verurteilte, der die Last der Welt trägt, es nicht mehr konnte.)

Dieses Gesetz klingt nicht gerade nach Fairness. Aber trotzdem schreibt Paulus diese Verse. Ich denke, Gott weiß, dass es ungerechte Regierungen oder unfaire Gesetze gibt. Aber, solange diese Regierung nicht grundsätzlich gegen Gottes Gebote handelt, sollen wir uns dieser unterordnen. Damit ist auch die Frage nach Apostelgeschichte 5, 29 -„Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen!“ – geklärt. Dieser Vers spricht im Kontext betrachtet, das mutige Bekenntnis zum christlichen Glauben, auch wenn eine Obrigkeit das verbietet, an. Eine Parallele dazu finden wir in der bekannten Geschichte von Daniel in der Löwengrube. (Daniel 6) Daniel weigert sich, einen anderen Gott anzubeten.

Wenn Gott die Obrigkeit einsetzt, dann ist er auch in der Lage, diese auch wieder abzusetzen. Paradebeispiel ist Pharao. Pharao, König von Unter- und Oberägypten, „Lebender Horus“, musste die Hebräer ziehen lassen und ist kurze Zeit später jämmerlich im Meer ertrunken. (Merkwürdigerweise muss nach altägyptischen Vorstellungen jeder Leichnam vollständig erhalten sein, um ins Jenseits zu gelangen, außer man ist ertrunken, dann darf man auch ohne Körper ins Jenseits.)  

Also ist Apostelgeschichte 5, 29 doch kein Freifahrtsschein, um sich nicht an die Regeln zu halten.

Warum fällt es Vielen so schwer jemanden gehorsam zu sein bzw. sich unterzuordnen? Als ich noch ausbildete, hatte ich immer wieder Teilnehmer, die bei der Vorstellung sagten „Ich lass‘ mir nichts sagen!“ und mit stolzgeschwellter Brust schauten sie sich um. Tja, deswegen hatten sie auch 2 bis 3 abgebrochene Ausbildungen im Lebenslauf und saßen jetzt hier, in der einer Qualifikation, die sie befähigte, gerade mal ein wenig besser zu verdienen, als eine ungelernte Kraft.

Nach dem 2. Weltkrieg war klar, dass man nicht jeden Befehl befolgen muss. „Ich folgte nur den Befehlen!“ ist keine gültige Ausrede, wenn es um Mord, Totschlag und andere Kapitalverbrechen geht! Aber wann ist aus „Nie wieder Kadavergehorsam!“ ein „Nie wieder Gehorsam!“ geworden? In den 68ern in Westdeutschland? In den 90ern in Ostdeutschland?

Mir persönlich fällt es auch schwer, mich jemanden unterzuordnen! Zu oft in meinem Leben haben Menschen versucht, mich zu bevormunden. Gehorsam klingt nach Fräulein Rottenmeier, nach gesenktem Kopf und nach in der Ecke zum Schämen stehen.   

Aber wenn ich den Kindern Kurse gebe, stelle ich Regeln auf. Ich erkläre ihnen, dass es die Regeln gibt, damit wir Spaß haben können. Es ist auch so. In den Kursen, in denen die Kids sich an die Regeln halten, schaffen wir mindestens 2 Experimente mehr.

In dem Wort Unterordnung, steckt das Wort Ordnung. Gott ist ein Gott der Ordnung.

Vielleicht kann ich das Pferd von hinten aufzäumen: Ich habe meinen Gott als liebenden Gott erlebt. Deswegen kann ich ihm vertrauen. Deswegen kann ich mich ihm auch unterordnen. Wenn „sich Gott unterordnen“ heißt, dass ich mich der Regierung unterordne, dann kann ich es Gott zuliebe tun. Wie anfangs geschrieben, ich muss sie nicht toll finden!

Na gut, Gott zuliebe. Mit Zähneknirschen, aber Ihm zuliebe.   

Heute ein ganz zaghaftes „Amen“.

„Du bist nicht der Bestimmer!“

Vor einigen Jahren war ich für zwei kleine Mädchen die Babysitterin. Als ich die Beiden ins Bett brachte, machte ich klare Ansagen. Darauf meinte die Jüngere empört „Du bist nicht der Bestimmer!“ Ich musste die Kleene enttäuschen: Doch, bin ich!

Wer macht die Ansagen in meinem Leben? Wer ist mein Bestimmer?

Ich kann sehr aufmüpfig sein. Besonders dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich manipuliert werden soll oder dass mir jemand weismachen will. Dann reagiere ich skeptisch. Mir ist es wichtig, das Zepter in der Hand zu behalten. Ich bin der Chef! Ich mache die Ansagen!

Doch hat mich die Pandemie gelehrt, dass es nicht immer danach geht, was ich möchte. Ich erlebte/ erlebe eine nicht gekannte Hilfslosigkeit. Mein Bewegungsradius wird immer mehr eingeschränkt, meine Arbeit darf ich nicht ausüben.

Wer bestimmt nun? Frau Merkel? Oder Herr Steinmeier? Ich selbst?  

Da fällt mir etwas ein, lange her. In Frankreich, in einer kleinen Kirche, in Notré Dame da Mare, wenn ich mich richtig erinnere: „Jesus, ich geb‘ dir mein Leben!“ war mein gedachtes Gebet. Keiner von den anderen aus der Gruppe hat es mitbekommen. Mir war es ernst. Ist es heute noch! Gott ist mein Bestimmer! Gott ist derjenige, der mich an die Hand nimmt. Er „ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23, 1)

Er ist auch jetzt mit mir, mittendrin in der Krise. Auch wenn es mir selbst schwerfällt, daran fest zu halten.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43, 1) – Das ist ein Satz, den kein Mensch sagen kann. Ich bin frei gegenüber Menschen, doch gehöre ich zu Gott. Das heißt aber nicht, dass Frau Merkel mir nichts zu sagen hat. Es gibt eine Bibelstelle, die unangenehm ist, an die ich mich auch erinnern muss: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. ²Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“ (Römer 13, 1 bis 2) Das ist ein schwieriger Vers, den ich mir die nächsten Tage genauer anschauen möchte.  – Ich bin nicht mit allen verordneten Maßnahmen einverstanden. So manche Regel erscheint mir unlogisch. Aber trotzdem versuche ich, soweit ich es kann, die Regeln einzuhalten.

Ich denke nicht, dass es hier um blinden Gehorsam geht. Aber, wie geschrieben, ich werde noch weiter darüber nachdenken.

Trotzdem steht für mich fest, dass Gott mein Herr ist. Wenn ich zu Ihm gehöre, dann wird er auch für mich sorgen. So hat er es auch einen Vers nach „…; du bist mein!“ versprochen „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. „ (Jesaja 43, 2) Deswegen kann ich wieder ruhig werden und sein in diesen unruhigen Zeiten! Deswegen kann ich wieder Hoffnung schöpfen, auch, wenn ein Lockdown den anderen jagt.

Denn er ist „mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20, 28)

Verlass dich nicht auf deinen Verstand!

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„Ich denke, also bin ich“ ( Descartes)

Es geht munter weiter mit den Prognosen! Politiker und Wissenschaftler geben ihre Prognosen ab. Immer selbstbewusst in die Kamera! Immer mit dem Satz „So wird es kommen!“ Nicht einmal habe ich es bisher erlebt, dass jemand von ihnen nur vorsichtig angedeutet hat „Es könnte so kommen!“ oder „Das müsste eventuell passieren, wenn es denn so läuft,…“ – Nein, der jeweilige Sprecher ist davon überzeugt, dass seine Prognose genauso eintrifft!

Ich schreibe hier mal ein paar Prognosen auf, die Leute ausgesprochen haben, die zu dem Zeitpunkt als seriös angesehen wurden:

„Hillary Clinton wird die Wahl gewinnen!“ (2016)

„Die Contergan-Kinder (wahlweise auch die Downsyndrom-Kinder) werden nicht erwachsen!“

„Eine Frau darf keinen Marathon laufen, weil ihr sonst die Gebärmutter rausfällt!“

Wie geschrieben, das waren ernst gemeinte Prognosen und die, die sie ausgesprochen haben, wurden als seriös beklatscht.

Weil wir Menschen so vergesslich sind, lassen wir uns wieder und wieder neu etwas erzählen und überprüfen es nicht. Da steht einer lächelnd im Anzug da, hat womöglich ein abgeschlossenes Studium, noch besser, einen selbst erarbeiteten Doktortitel und schon glauben wir alles, was er sagt. – Nicht falsch verstehen: Ich halte die Wissenschaft für etwas Gutes. Viele Lehrsätze sind beweisbar und im Alltag absolut nützlich.

Doch so manche Erkenntnis hatte es schwer bis sie von führenden Wissenschaftlern anerkannt wurde. Ich habe zwar „bloß“ ein geisteswissenschaftliches Fach studiert, aber selbst da mitbekommen, wie mit harten Bandagen gekämpft wurde. Du kannst dreimal die richtige These haben, wenn du das falsche Geschlecht hast, sprich: wenn du eine Frau bist und/oder deine These der Lehmeinung vom hoch angesehenen Professor widerspricht, dann kämpfst du auf verlorenen Posten. Wie z. B. Ignaz Semmelweis, der für seine These ausgelacht wurde, dass es Tiere gibt, die kleiner sind als die Käsemilben, die Menschen krank machen. Die Ärzte fühlten sich angegriffen, als sie von ihm aufgefordert wurden, sich doch bitte, wenn sie vom Sezieren der Leichen kommen, die Hände zu waschen, bevor sie zu den Wöchnerinnen gehen. 

Woher kommt diese Ignoranz? Dieses hochmütige Beiseiteschieben der Möglichkeit, dass man sich auch irren könnte?

Wissenschaftliche Thesen sind in der Regel beweisbar und damit belegbar. Fakten sind überprüfbar. Die Schwerkraft existiert und kann gerne mit diversen Gegenständen, vielleicht nicht unbedingt mit dem neuen Handy, überprüft werden.

Dabei ist die Frage, was ich denn genau erfasse. Ich sehe u. U. nur die Dinge, die ich sehen will. Oder ich bemerke nicht, dass ich bereits das Gesehene interpretiere. Während ich ausgebildet habe, bin ich mal mit dem Finger an der Tischkante entlang gefahren, zusammengezuckt und habe anschließend meinen Finger untersucht. Danach habe ich meine Teilnehmer gefragt, was sie denn gesehen haben. Alle antworteten, dass ich mir einen Splitter in den Finger gezogen hätte. Falsch! Das war bereits Interpretation! Gesehen haben sie nur, dass ich mit dem Finger an der Tischkante lang gegangen, dann zusammengezuckt bin und anschließend meinen Finger betrachtet habe! (Das Experiment kann gerne selbst ausprobiert werden.)

Ich will mich jetzt nicht in Philosophie verlieren. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass wir uns nicht immer auf den Verstand verlassen können.

Auch Prognosen können nur aufgrund bereits gemachter Erfahrungen bzw. erfasster Daten erstellt werden.

Wenn ich nur noch das als richtig anerkenne, was ich mit meinen Verstand erfassen kann, dann mache ich den Verstand zu meinem Gott. Wenn ich nur noch Prognosen glaube, dann muss ich nicht zugeben, dass dieses Leben unsicher ist und ich von Gott abhängig bin.

„Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne Ihn auf allen deinen Wegen, so wird er deine Pfade ebnen.“ (Sprüche 3, Vers 5 und 6)  – Das rückt das moderne Denken von der Unfehlbarkeit des Verstandes wieder zurecht. Gott zu vertrauen, ist sicherlich schwer in Zeiten wie diesen. Aber warum sollte man das nicht ausprobieren? Gerade in Zeiten wie diesen? Ich habe Gott als einen liebenden Gott kennengelernt. Er ist einer, auf den Verlass ist.

Also warum nicht mal, zur Abwechslung, Gott vertrauen? Ich kann mich an Gottes Versprechen erinnern, mich daran festhalten. Dann bin ich nicht mehr davon abhängig, dass die Prognosen auch eintreffen. Ich werde ja sehen, ob meine Pfade geebnet werden!

Bereit? Kommst du mit?

Mögest du leben!

Ich wünsche noch ein gesegnetes und friedvolles Neues Jahr!

Schwierig, etwas zu schreiben, wenn gerade wieder der Lockdown verschärft wurde. Doch je schärfer die Maßnahmen werden, umso mulmiger wird mir. Nicht, weil ich irgendeine Verschwörung vermute oder die genommenen Freiheiten so wichtig sind. Es ist nur, dass eine innere leise Stimme immer lauter wird „Hier stimmt was nicht!“. Seit Monaten starren wir auf Zahlen, wie das Kaninchen auf die Schlange. Wir lassen uns von der Angst beherrschen und unser Denken und Reden kennt nur noch ein Thema. Es dauert nicht mehr lange, dann beten wir die Impfung wie einen Gott an. – Nicht falsch verstehen! Ich werde mich, sobald ich dran bin, impfen lassen. Doch ist die Frage: Von wem oder was lasse ich mich beherrschen? Schon vor der Pandemie bin ich innerlich zusammengezuckt, wenn einem Geburtstagskind Gesundheit gewünscht wurde, denn „Gesundheit ist nun mal das Wichtigste“! –  Ist sie das?

Wir, im westlichen Kulturkreis verbinden mit Gesundheit Freiheit: Reisen, Freizeitgestaltung und das Umsetzen von Projekten, alles nur halb so schön, wenn man nicht gesund ist.  

U. a. in Südamerika, den USA und auf Mallorca sollen Menschen wegen der Corona – Schutzmaßnahmen bereits hungern. Was für ein Sinn macht es, Menschen vor einer Krankheit zu schützen und sie deswegen dem Tod durch Verhungern preis zu geben?

Was ist eigentlich mit all den anderen Krankheiten, die auch tödlich sind? Letztes Jahr gab es in meiner Familie zwei Todesfälle. Eine andere Krankheit hat schnell und unbarmherzig zugeschlagen. Der Virus hätte sich sehr beeilen müssen…

Wir konzentrieren uns auf eine Krankheit und verlieren andere Dinge, die mindestens genauso wichtig sind, aus dem Fokus.

„Gesundheit zuerst!“ oder auch „America first!“ – Merkt Ihr was? Wo bleibt Gott in diesen Ansagen? Sollte nicht Gott an erster Stelle stehen?

Wir fürchten uns vor Ansteckung. Nichts scheint mehr sicher.

Christen, die die Politik der derzeitigen Regierung infrage stellen, proklamieren regelmäßig Apostelgeschichte 5, 29 „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ – Hat Gott denn befohlen, dass wir uns fürchten sollen?

Würde der moderne Mensch einem aus dem Alten Ägypten erklären, dass die Gesundheit das Wichtigste sei, würde der diesen verständnislos anschauen – und dann weiter am Grab seines Herrn bauen. Für diese Kultur war nämlich das Weiterleben im Jenseits immens wichtig. Es war ihnen klar, dass sie nicht unsterblich sind. Aber nach dem Tod wollten sie weiterleben und das möglichst gut. Deswegen die Mumifizierung, die reich verzierten Gräber und all die mythisch anmutenden Papyri.

Dadurch, dass wir im reichen Europa bereits zu Lebzeiten unser kleines Paradies erschaffen, denken wir nicht mehr daran, für dasjenige nach unserem Tod zu sorgen. Wir sind besorgt über das Leben vor dem Tod und haben das Leben nach dem Tod aus den Augen verloren.

Nicht nur das, wir verlieren auch denjenigen aus den Augen, der das Leben ist: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14,6) sagt Jesus von sich selbst. Dazu verspricht er uns auch ein erfülltes Leben „…; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluss haben.“ (Johannes 10,10)

Er möchte uns das Leben sein. Vielleicht heißt es nicht, dass uns keine Krankheit trifft, aber es heißt, dass wir eine Hoffnung auf das ewige Leben haben! Das ist eine Hoffnung, die die Zahlen vom RKI zurück an den eigentlichen Platz bringt und Jesus selbst wieder in den Fokus! Es ist die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern es nur die Rückkehr in die Heimat ist!

In Gedanken sind wir weg vom altägyptischen Grab. Der Arbeiter ruft uns noch den damals üblichen Gruß hinterher „Mögest du leben, heil und gesund sein!“ Es klingt nach der richtigen Reihenfolge. Wie schön es auch ist, gesund zu bleiben, verlieren wir doch nicht Jesus, das Leben selbst aus den Augen! Denn das ist es doch, was Christ-Sein ausmacht.

Amen.

Der Kiwi am Weihnachtsbaum

Vor einigen Jahren wurde in der Gemeinde dazu aufgerufen, Weihnachtsdekoration mitzubringen. Man wollte den Baum in der Gemeinde damit schmücken.

So brachte ich meinen Plüschkiwi mit. Er hing mit am Weihnachtsbaum. Ich fand das schön, weil jeder etwas mitgebracht hatte. Es war eine bunte Mischung und irgendwie war es für mich ein Symbol, dass jeder in dieser Gemeinde willkommen war.

Ein Jahr später durfte keiner etwas mitbringen. Das Deko-Team hatte beschlossen, dass sie den Baum einheitlich schmücken. Irgendwie scheint es heute in unserer Gesellschaft so zu sein: Es muss passen, wir sollen einheitlich sein und funktionieren. Wer nicht zu den anderen passt, darf nicht dabei sein!

Mein Kiwi hängt dieses Jahr an meinem Weihnachtsstrauß. Mit seinem goldenen Schnabel und Füßen sieht er putzig aus, zwischen den bunten Kugeln.

Ich habe den Kiwi auf einer Reise gekauft, weil die anderen schon fertig waren, musste ich mich schnell entscheiden.

Ich mag Kiwis. Sie sind komische Vögel und passen nicht wirklich zur heimischen Tierwelt. So fühle ich mich auch manchmal, wie ein komischer Vogel.

Wir feiern zu Weihnachten die Geburt Jesu. Jesus kam in die Welt, um „zu suchen und selig zu machen, das verloren ist.“ Vielleicht fühlen sich gerade dieses Weihnachten viele verloren. Sie feiern alleine oder fühlen sich durch die Corona-Dauerbeschallung der Medien ausgelaugt, sind durch Existenzängste flugunfähig oder sind einfach komische Vögel. All denen möchte ich zurufen: Du musst nicht funktionieren! Du musst nicht zu anderen passen! Du darfst schwach sein! – Denn Gott ist in diese Welt gekommen, damit wir nicht mehr alleine sind. Wir sind geborgen in Seiner Hand. Wenn wir Jesus in unser Herz einlassen, dann ist Weihnachten.

Bei Gott geht es nicht darum, ob wir funktionieren. Er möchte, dass wir uns von Ihm lieben lassen. Er hat eine große Sehnsucht danach, dass wir uns auf Ihn einlassen.

Vor Ihm dürfen wir ehrlich sein, unsere Schwachheit zugeben. Er will unsere Stärke sein: „Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12, 9)  

So darf ich kommen, wie ich bin: schwach, besorgt, verzweifelt, gefrustet… Er wird sich aller annehmen. Er hat es versprochen: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)

Denn er ist für alle in diese Welt gekommen – auch für Kiwis!

So wünsche allen ein friedliches Weihnachtsfest!

Tochter Zion!

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Nach dem Gottesdienst wird seit etlichen Wochen draußen gesungen. So auch jetzt in der Adventszeit. Das bekannte Lied „Tochter Zion, freue dich!“ gehört unbedingt dazu. Es kann nicht laut  und nicht lang genug sein!

Während ich also kräftig mitsinge, fällt mir etwas auf: Moment mal, was singst du da? „Tochter Zion …“ Hast du schon  mal darüber nachgedacht, was das heißt? Na ja, Jerusalem. Ja, aber Tochter! Hier wird eine Eltern-Kind-Beziehung beschrieben. Gott sieht sein Volk als Tochter an. In welcher Religion gibt es das noch, dass ein Gott seine Gläubigen als Tochter, als Kind anspricht? Ich gehe schnell, die mir bekannten alten und modernen Religionen durch: Die alten Ägypter? Fehlanzeige! Die alten Römer? Nope! Die alten Griechen? Nein! Buddhismus?  Kopfschütteln. Hinduismus? Nö! Islam? Nicht, dass ich wüsste!

Ich staune. Auch wenn sich das „Tochter Zion“ zunächst auf Jerusalem bezieht, kann es doch auf jeden persönlich übertragen werden! Tochter! Sohn!

Einer der Verse, in denen die Tochter Zion erwähnt wird, ist Jesaja 62, 11: „Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!“

Es gibt nicht nur Verse, die das Tochter-sein betonen. Gott möchte sich selbst als Vater und Mutter verstanden wissen: In Jesaja 66,13 heißt es „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;…“ oder in Jesaja 49, 15 „Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarmt über ihren leiblichen Sohn? Selbst wenn sie ihn vergessen sollte – ich will dich nicht vergessen.“

Die bekannteste Stelle im Neuen Testament, in der die Eltern-Kind-Beziehung angesprochen wird, ist das VaterUnser z. B. in Lukas 11,2-4.

Was für ein Vorrecht!

Während meiner Ausbildung wohnte ich noch bei meinen Eltern. Einmal haben sie Gäste eingeladen. Als ich vom Spätdienst kam, standen einige von ihnen im Flur. Einer fragte neugierig „Und wer sind Sie?“. Ein anderer Gast kannte mich und sagte „Die Tochter des Hauses!“ Das tat richtig gut. Ich gehörte dazu, obwohl ich keine Einladung hatte. Ich kannte mich im Haus aus, durfte ungefragt an den Kühlschrank und hatte mein eigenes Zimmer.

Wie kann das sein? Wieso möchte der Gott der Christen, dass wir seine Töchter und Söhne sind? Haben wir nicht zitternd auf Knien zu hocken mit schamroten Gesicht? Das genau ist Gnade! Gott kam in diese Welt, wurde Mensch und nahm unsere Schuld, alles, was uns von ihm trennt, auf sich. Wenn wir das Angebot annehmen, dürfen wir vor ihm kommen. Dann sind wir Tochter / Sohn des Hauses.

Mit unserer Bedürftigkeit, unserer Hilfslosigkeit gehören wir zu Gott.

Das ist Weihnachten: Weil Gott Sohn wurde, kann er uns Vater sein!

Das ist einer der Momente, in denen ich sprachlos staunend vor meinem Gott stehe.

Deswegen heute kein „Amen!“, sondern nur ein einfaches „Wow!“

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Theres von Lisieux

Ich beschäftigte mich weiterhin mit christlicher Mystik. Auf der Suche nach neuem „Futter“ kaufte ich eine CD – Reihe von Dr. Johannes Hartl zu diesem Thema. Auf einer Rückfahrt mit dem Auto hörte ich sie mir an. Er sprach auch von Mystikerinnen. Unter anderem auch von Therese von Lisieux. Ich war und bin von dieser Frau zutiefst beeindruckt. Wow! Diese Hingabe an Gott! Mit ihrer kindlichen Weisheit brachte sie mich zum Nachdenken. Mir war, als würde jemand in meiner Seele eine Saite zum Klingen bringen. Eine Saite, die längst verstummt war.

Ich erinnere mich noch an die Karfreitage in meiner Kindheit. Obwohl in unserer Familie der christliche Glaube kaum eine Rolle spielte, sahen meine Mutter und ich regelmäßig im Westfernsehen den Jesus-Film an. Anschließend tagträumte ich davon, dass ich Maria oder eine andere Frau bin und Jesus nachfolge. Als Kind spürte ich eine Sehnsucht in mir, die bis heute nicht richtig greifbar für mich ist.

Ich war so berührt, dass ich nicht weiterfahren konnte. So hielt ich auf dem nächsten Rastplatz. Es war einer mit einer Autobahnkirche. Ich musste erst einmal über die Brücke auf den gegenüberliegenden Rastplatz. Doch das war mir egal. Endlich stand in der kleinen Kapelle, die liebevoll von einer katholischen Gemeinde betreut wurde. Es lag ein Gästebuch aus. Ich schrieb meinen Dank an Gott nieder, meine Gefühle für Ihn, mein Staunen darüber, dass Er mich liebevoll führt. Ich schrieb eine ganze A4-Seite voll. Erst dann konnte ich weiterfahren.

Fast zeitgleich bestellte ich die CD „In exile“ von Michael Patrick Kelly. Da sprach mich „rain of roses“ an. Es ist manchmal so, dass ich von mehreren Seiten angestoßen werde, mich mit einem Thema zu beschäftigen. So auch hier. Also bestellte ich die Autobiographie von und ein weiteres Buch über Therese von Lisieux.

Nachdem ich mich an die oft kitschig wirkende Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts gewöhnt habe, zogen mich ihre Weisheiten in den Bann. Das Buch hat in mir diese Sehnsucht meiner Kindheit nicht nur geweckt, sondern vergrößert. Manchmal ist diese Sehnsucht, mich Christus vorbehaltlos hinzugeben, so groß, dass ich es kaum aushalte.

Ich schrieb oben davon, dass Michael Patrick etwas ausstrahlt, was ich auch haben möchte. Jetzt ahne ich zumindest, was dieses „etwas“ ist: Es ist die Hingabe an den barmherzigen liebenden Gott, an einen Gott, der die Liebe selbst ist.

Die Oxymora im christlichen Glauben

Während meines Studiums suchte ich mir die Germanistik als zweites Hauptfach aus. U. a. schrieb ich eine Hausarbeit über ein Oxymoron, das im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg vorkommt. Ein Oxymoron ist ein Widerspruch in sich wie z. B. in „ein alter Knabe“ oder „der arme Reiche“. Ich weiß nicht mehr, zu welcher Schlussfolgerung ich gekommen bin, aber seitdem ist „Oxymoron“ mein Lieblingswort.

Gleich mehrere Widersprüche entdecke ich in der Art und Weise, wie Gott mit mir umgeht, um meine seelischen Wunden zu heilen.

Ich wurde von Johannes, so mein Empfinden, oft beschämt, beleidigt und gedemütigt. Auch wurde mir ständig gesagt, dass ich nicht würdig sei und mir wurde der Zutritt zu den „Handverlesenen“, den Besonderen verwehrt.

Jeder Mensch würde nach einer derartigen Unterdrückung sich scheuen, sich irgendjemanden unterzuordnen. Jede Forderung nach Anpassung und Anerkennung von Autorität würde sofort zurückgewiesen werden. Nicht selten erlebe ich Menschen, die aufgrund von erlebten Verletzungen selbst sich anderen gegenüber verletzend verhalten. Oft begleitet von dem Satz „Jetzt bin ich dran!“

Gott hat in Seiner Gnade mich zu Ihm hingezogen. Ich spüre die Sehnsucht in mir, mich Ihm hinzugeben! Ich spüre das Verlangen, all das zu tun, was Ihm Freude macht. Ich möchte mich Ihm unterordnen.

Für jemanden, der noch nicht verstanden hat, wie großartig Gottes Liebe für jeden Einzelnen ist, klingt das sicher absurd. Aber für mich macht das Sinn!

Für mich hat die Vorstellung, komplett abhängig von Gott zu sein, etwas Tröstendes. Mich Ihm zu überlassen, scheint mich genau vor dem zu bewahren, was meine zweitgrößte Angst ist: wieder an einen Menschen zu geraten, der mich abhängig von ihm macht.

Beim Reflektieren darüber, dass mein Bedürfnis nicht erfüllt wurde, zu einem besonderen Kreis zu gehören, komme ich zu dem Schluss, dass es besser ist, Gott zu bitten, mir dieses Verlangen zu nehmen. Lieber möchte ich nicht zu einem internen Kreis gehören, als mich Menschen anzupassen und dadurch von Christus weg zu kommen.

Es gibt noch andere Widersprüche, die ich erlebe. In letzter Zeit erlebe ich es öfter, dass mir meine eigenen Schwächen und Fehler bewusst werden. Manchmal erschrecke ich über meine eigenen Gedanken. Ich möchte sie loswerden, mich ändern. Ausgerechnet dann wird mir bewusst, dass ich schon ein bisschen geheilt bin. Als ich noch mitten im Missbrauch steckte, war ich ständig im Verteidigungsmodus. Ich konnte es nicht ertragen, dass ich kritisiert wurde. Unabhängig davon, ob gerechtfertigt oder nicht. Zum Schluss war ich so wund, dass ich nur noch in Deckung gegangen bin.

Jetzt, da ich mich von Gott geliebt weiß, kann ich es ertragen, die Wahrheit über mich zu erkennen. Ich schaue in meinen Abgrund und halte mich dabei an Gottes Hand fest. Er zeigt mir, dass er all das längst gewusst hat und mich trotz all dem liebt. Sein bedingungsloses ‚Ja!‘ zu mir, hilft mir, auch zu den unschönen Seiten von mir ‚Ja‘ zu sagen. ‚Ja, das bin ich auch!‘

Ich kann und mag an dieser Stelle nicht erklären, was mir passiert ist. Manchmal fühle ich mich auch überfordert. Doch seitdem Gott an mir handelt, spüre ich, dass mein Leben in eine richtige Richtung geht.

Folgen

Manchmal denke ich, dass ich diesen Missbrauch erfolgreich überwunden habe. Dann wieder gibt es Situationen, in denen ich genau merke, dass die eine oder andere Wunde noch Heilung braucht. Wenn ich z. B. mich für Dinge entschuldige, für die objektiv betrachtet, keine Entschuldigung notwendig wäre oder ich versuche mich zu rechtfertigen oder ich versuche jemanden zu besänftigen mit einem „Alles ist gut!“, weil ich nicht möchte, dass man mich für zickig hält oder ich erwische mich, dass ich eine halbe Stunde vor einer einfachen E-Mail sitze, weil ich Bedenken habe, dass man diese oder jene Formulierung falsch verstehen könnte, in solchen Situationen wird mir bewusst, dass ich noch Alt-Lasten mit mir rumschleppe.

Pastoren, Prediger und Gemeindeleiter bekommen von mir keine Vorschusslorbeeren mehr. Ich habe Respekt vor ihnen, weil sie Menschen sind. Aber ich räume ihnen keine besondere Achtung mehr ein. Freikirchler sind mir immer noch suspekt.

Ich bin auch wieder in einer Gemeinde unterwegs und komme gut mit den dort angestellten Pastoren und dem Prädikanten (Laienprediger in der evangelischen Landeskirche) klar.

Nachdem ich so viele Konflikte erlebt habe und es wegen mir so viele „klärende Gespräche“ gab, war ich überzeugt davon, ein schlechter Mensch zu sein.

Doch war ich sehr verwundert, als ich bemerkte, wie Menschen außerhalb freier Gemeinden auf mich reagieren. Sie hören mir zu, fragen mich um Rat. Ich werde eingeladen. Freunde und Bekannte wollen sich mit mir treffen.

Wenn ich Menschen treffe, die nicht gut mit mir umgehen, dann merke ich nach kurzer Zeit, dass sie generell mit anderen so umgehen.

Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass ich nicht nur geistlichen Missbrauch, sondern auch Mobbing erlebt habe. Solch eine schlimme Behandlung ist mir, nachdem ich den Kontakt zu freien Gemeinden weitestgehend eingeschränkt habe, nicht mehr passiert. Es lehnen mich Menschen auch außerhalb von Gemeinden ab. Aber nur vereinzelt, nicht so extrem und vor allem nur vorübergehend.

Ich bin sicher nicht diejenige, die alles richtig macht. Auch ich habe meine Fehler und Macken. Doch lasse ich mir einfach nicht mehr einreden, dass mich keiner mag und ich ständig jemanden brauche, der mich an die Hand nimmt. Ich kann gut für mich selber sorgen. Es fällt mir zwar noch schwer, doch übe ich mich darin, mich nicht darum zu kümmern, was andere denken könnten.

Meine Erlebnisse mit dem Pastor haben noch andere Folgen: Weil ich genau weiß, wie sich Ablehnung anfühlt, möchte ich liebevoller mit Menschen umgehen. Es hat jeder verdient, (auch Pastoren) gut behandelt zu werden. Ich möchte meinen Schmerz nicht weiter reichen, sondern die Liebe, die ich von Gott erfahren habe.

Wer kennt sie nicht, all die Facebook-Sprüche alá „Höre auf, für Menschen über Ozeane zu schwimmen, die noch nicht einmal für dich über Pfützen springen!“ In der ersten Zeit nach meinem Gemeindeaustritt habe ich sie gelikt und sogar geteilt. Heute sehe ich das anders. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu befinden, ob ein Mensch es wert ist, dass ich etwas für ihn tue oder nicht. Die Rechnung „Wie du mir, so ich dir!“ möchte ich nicht aufmachen. Sicher, es ist wichtig Grenzen zu setzen. Ich muss für mich sorgen. – Und doch möchte ich mein Handeln an Menschen nicht davon abhängig machen, wie sie mich behandeln. Ich möchte freundlich sein, weil Christus zu mir freundlich ist, mich an andere verschenken, weil Christus sich an mich verschenkt hat. Ich möchte nicht gegenrechnen, ob der andere mir etwas zurückgeben kann. Ich selbst stehe Gott gegenüber mit leeren Händen da.

Ich fühle mich Gott gegenüber wie ein reich beschenktes Kind. Ein Weihnachtszimmer voller Geschenke – und während ich noch grüble, welche anderen Kinder denn noch kommen, wird mir plötzlich bewusst, dass alle Geschenke für mich sind! Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein Bild zu malen und selbst Buntstifte und Papier lagen eingepackt unterm Tannenbaum. – Wie kann ich da noch danach fragen, ob jemand für mich über Pfützen springt? „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken; so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt und der Herr wird es dir vergelten.“ heißt es in Sprüche 25, 21 – 22. Mag sein, dass derjenige die Kohlen nicht einmal spürt, aber Gott sieht es. 

Ich habe Ideen für Projekte, die ich umsetzen werde. Das werden aber meine privaten Projekte sein. Ich werde keinen Pastor fragen, ob ich meinen Glauben praktizieren darf, indem ich mich um andere Menschen kümmere.

Ich habe zwanzig Wochen allein in einer Gemeinde gebetet und damit einem Machtmenschen einen Gebetskreis abgetrotzt. Er hat ihn mir kurze Zeit später wieder weggenommen, aber dieser kleine Sieg war meiner! So lasse ich mir auch nicht mehr meine Projekte aus der Hand nehmen!  

Lehren

Wie bereits am Anfang erwähnt, ist mir inzwischen bewusst, dass ich in der Gefahr stehe, mich von Menschen abhängig zu machen bzw. es von ihnen zu werden. Mir hilft hier Selbstreflexion. Zum einen, indem ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich durchaus in der Lage meine eigenen Probleme und Herausforderungen zu lösen. Ich brauche keinen Seelsorger oder jemanden, der mich coacht. Ich rede hier von ständiger Hilfe in normalen Herausforderungen. In Krisenzeiten ist es sicher eine gute Idee, sich helfen zu lassen. Doch Krisen sind nicht immer.

Zum anderen indem ich nicht auf innere Zweifel höre. Damit meine ich jenes Hinterfragen bei Kleinigkeiten. Das passiert mir öfter: Ich hinterfrage normale Dinge, wie z. B. jemanden etwas über mich preisgeben oder mutig eine Entscheidung bekannt geben. Dann drehen sich meine Gedanken im Kreis „Er/ sie wird mich auslachen! Damit habe ich ihn/ sie verletzt und sie/ er wird nicht mehr mit mir reden!“ Dann sage ich „Stopp!“ und erinnere mich daran, dass es die Pflicht es anderen ist, Grenzen zu setzen bzw. mir zu sagen, wenn ich ihn verletzt habe. Oft genug erlebe ich, dass diese Sorgen unbegründet waren.

Eine weitere Lehre für mich ist, dass ich bewusst und unbewusst Menschen überprüfe. Ich beobachte sie genau. Dabei achte ich darauf, wie sie mit anderen Menschen und mit mir umgehen. Wenn ich bemerke, dass sie andere bloßstellen oder sich über sie lustig machen, sind sie bei mir unten durch. Sie können noch so schöne Worte reden, von noch so vielen angehimmelt werden, ich höre ihnen nicht zu.

So steht es schon in der Bibel „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind!… So bringt jeder Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte.“ (Matth. 7, 15+17).

Wenn jemand bescheiden ist, dann ist er es in jeder Situation. Ich kann vorübergehend so tun, als wäre ich bescheiden, aber auf die Dauer wird mir diese Maske zu anstrengend. Es nützt nichts, wenn ein Leiter fast beiläufig erwähnt, dass er ja selbstverständlich die Gemeinde auch putzt und er kurze Zeit später einen Raum betritt und dann sofort das Gespräch an sich reißt.

Jetzt, da ich mich durch und durch von Gott geliebt fühle, kann ich mich mit meinen Ecken und Kanten annehmen. Ich wollte mein Leben lang zu irgendwem oder irgendwas dazugehören, wollte „normal“ sein. Jetzt weiß ich, dass „normal“ nicht mein Ding ist. Normal ist langweilig.

Ich bin laut, nicht leise. Ich bin bunt, nicht farblos. Wenn ich mich freue, klopfe ich mir auch mal auf die Schenkel. Ich kann mutig und schüchtern sein. Ich werde zur Löwin, wenn du meine Leute angreifst. Wer zu meinen Leuten gehört, entscheide ich! Wenn ich spüre, dass es dir schlecht geht, dann bin ich da. Ich biete dir meine Schulter. Dann kann ich auch leise sein. Leise, weil Phrasen dreschen nicht meins ist. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, alleine im Dunkel zu steh‘n.

Angekommen

Ich parke mein Auto und steige aus. Während ich mein Gepäck aus dem Kofferraum hole und Richtung Burg stapfe, male ich mir die Erlebnisse der kommenden Tage aus. Ich habe das Monsterpaket gebucht: Vier Tage bis einschließlich 2. Januar, plus T-Shirt! Auf dem Programm stehen spannende Workshops und Seminare: Die olympischen Götter und Sprechtraining, Schrumpfköpfe basteln und Steak- und Whiskeyverkostung, um nur einige zu nennen, dazu ein großer Tisch, der bis zum Bersten mit Brettspielen beladen ist. In der „Hall of games“ finden sich immer Leute, die zu einer Spielrunde bereit sind. Silvester selbst wird „dinner for one“ live aufgeführt werden. Ich verbringe den Jahreswechsel mit meinen Leuten, mit Menschen also, die wissen, dass HdR für „Herr der Ringe“ steht, den Unterschied zwischen Star Trek und Star Wars kennen und sonst auch ähnlich verrückt ticken, wie ich. Das hier ist meine zweite Familie. Denn hier darf ich sein, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen. Oder, um es mit Goethe zu sagen „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“

Ich folge der Ausschilderung zum Check in und öffne die Tür. Ca. 12 Leute, die gerade Met verkosten, begrüßen mich mit lautem „Hallo!“. Sie freuen sich, mich zu sehen. Ich gehe durch den Raum zum Check in. Die Leute vom Orga-Team begrüßen mich genauso freudestrahlend. Der Teamchef hat mich bereits eingecheckt. Ich bekomme meine Zimmernummer und eine dicke Umarmung. Ich schließe die Augen, genieße den Moment. – Ja, ich bin angekommen!

Soli deo gloria! – Gott allein die Ehre!

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Rückzug

Doch habe ich nicht aus meinen Fehlern gelernt. Ich unternahm allen Ernstes einen weiteren Anlauf. Ich fand den Infozettel von einer kleinen Gemeinde und ich ging hin. Gleich beim ersten Besuch wurde mir das Aufnahmeformular in die Hand gedrückt. Beim zweiten Mal wurde es mir erneut angeboten. Schließlich fand ich mich mit dem Prediger auf dem Parkplatz wieder, der mir mit feuchter Aussprache erklärte, dass Frauen nicht predigen dürfen, es stände nun mal so in der Bibel. Stattdessen bot er mir mehrmals an, mit seinem Transporter etwas für mich zu transportieren.

Ich fuhr verärgert nach Hause. Ich hatte keinen Bedarf! Keinen Bedarf an Transporten mit dem Transporter und vor allem keinen Bedarf mehr mit Christen zu reden. Das war der Zeitpunkt, an dem ich die Reißleine zog! Ich wollte nie wieder etwas mit Christen zu tun haben. Nie, nie, nie, niemals, nie, neverever, niemals nicht mit ihnen zu tun haben! Ich wollte auch nicht mehr in irgendeinen Gottesdienst gehen! Mir war bewusst, dass „Nie wieder mit Christen zu tun haben!“ nicht umsetzbar wäre. Aber wenn es sich schon nicht der Kontakt zu ihnen vermeiden ließe, würde ich ihnen nicht mehr trauen. Ich würde sie immer skeptisch beäugen und würde ihnen, wenn irgend möglich, unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie mich am Mors kleien können!

Ich bemerkte bei mir, dass ich anfing zu verbittern. Ich schlug oft verbal um mich.

Ich bemerkte diese Verbitterung, konnte aber nichts dagegen tun. Es war mir bewusst, dass es eine gute Idee wäre, sich jemanden z. B. einem Seelsorger anzuvertrauen. Johannes war aber nicht nur mein Pastor, sondern auch mein Seelsorger. Er hatte jedoch in meinen Augen das Seelsorgegeheimnis gebrochen, indem er Dinge, die ich ihm während der Seelsorge erzählt habe, einfach ungefragt an andere weitererzählt hat. Deswegen konnte ich mich lange nicht auf einen Seelsorger o.ä. einlassen.

So machte ich mir Sorgen, wie ich diese Verletzungen ohne Seelsorge überwinden könnte.

 Doch ich hatte meine Rechnung ohne Gott gemacht!

Voice of Germany

Denn es passierte etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Ich guckte mir gern, als einzige Casting-Show, „The Voice of Germany“ an.

Da gab es einen neuen Coach, Michael Patrick Kelly. Alle kannten ihn – ich nicht. Der Hype um die Kelly-Family ist damals an mir vorübergegangen.

Ich beobachtete ihn während der Sendungen. ‚Aha, war 6 Jahre im Kloster.‘ Im Kloster ist heute gefühlt jeder zweite Manager. 

Bekennender Christ. – Bitte nicht! Nicht schon wieder so ein Typ, mit gewinnendem Lächeln, der sich offiziell Christ nennt und sich dann lieblos benimmt.

Aber dieser Mensch war irgendwie anders. Er strahlte irgendwas aus, etwas, was ich auch haben wollte.

 Ich wurde neugierig und fing an, mir Interviews mit ihm anzusehen. Nachdem ich so oft verletzt wurde von Menschen, die sich Christen nennen, suchte ich den Fehler. Denn nette Christen waren zu diesem Zeitpunkt ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, für mich. Menschen waren entweder nett oder Christen!

 Ich suchte den Haken, irgendetwas, was ihn verriet, etwas, das mir mein negatives Bild von Christen bestätigte. Ein Teil von mir fürchtete, dass ich etwas finden würde.

Doch egal welches Interview ich anklickte, er redete nicht schlecht über Menschen. Nicht einmal hat er über andere gelästert. Selbst, wenn der Moderator ihn dazu bringen wollte, hat er es nicht zugelassen. Im Laufe der Staffel gab es eine Situation, in der ich mich für eine Person fremdschämen wollte. Doch er hat dafür gesorgt, dass sie ihr Gesicht wahren konnte.

Ich fand keinen Haken und keinen Fehler. Ich fand nur einen Menschen, dessen Seele am tiefsten Punkt von Gott berührt wurde.

So bestellte ich seine neue CD „ID“. Das tat ich sonst nie. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich nur Klassik.

„So beautyful“ ein Worship-Song berührte mich sehr. Mir wurde klar, dass ich Gott anzubeten habe. Einfach, weil er Gott ist und er trotz allem immer noch gut ist. Ich fing an, ihn zu loben. Während ich betete, spürte ich, wie lange nicht mehr, seine Nähe.

Mir wurden Zusammenhänge klar, die ich lange nicht gesehen habe. Ich verstehe jetzt langsam, warum Gott all dies zugelassen hat. Ich habe mich von diesem Menschen abhängig gemacht bzw. abhängig machen lassen. Aber Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Er möchte an erster Stelle stehen.

Coram deo

Allerdings war ich zu der Zeit immer noch nicht bereit, in einen Gottesdienst zu gehen. Stattdessen fing ich an, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen. Das war mein zweiter Anlauf. Ich habe schon mal begonnen Meister Eckhardt zu lesen. Doch irgendwie scheint es auch auf dem spirituellen Weg einen richtigen Zeitpunkt zu geben. Wenn die Zeit noch nicht für etwas reif ist, dann bleibt man im Anfang hängen. Diesmal las ich weiter und begann fast automatisch mich mit Kontemplation zu beschäftigen. Das war eine neue Gebetsform für mich.

Kontemplation ist eine Art Meditation. Es gibt verschiedene Varianten. Es geht dabei darum, ruhig zu werden und auf Gott zu hören.

Intuitiv begann ich damit, mich jeden Tag auf den Boden zu legen und die Augen zu schließen. Ich versuchte, ruhig zu werden und mich auf Gott zu konzentrieren. Als ich das Gefühl hatte, dass es für heute reichte, machte ich die Augen wieder auf. Meist war eine halbe Stunde vergangen. Das tat mir unglaublich gut! Erst später kaufte ich mir Bücher über verschiedene Techniken.

So las ich nicht nur Meister Eckhardt, sondern auch Johannes vom Kreuz und Thomas Merton. Allerdings muss ich zugeben, dass ich oft die Bücher nicht zu Ende lese. Ich finde sie nur irgendwann ein wenig langweilig. Das geht mir öfter so. Wenn ich das Grundprinzip verstanden habe, dann bin ich schnell auf der Suche nach etwas Neuem. Hinzu kommt, dass ich evangelisch bin. Mir fehlt die „katholische Denkweise“. Das lässt sich nicht ohne weiteres aufholen.

Nichtdestotrotz fasziniert mich die christliche Mystik sehr. Hier fand ich etwas, was meinen Geist herausforderte! Nachdem mir jahrelang in Predigten um die Ohren gehauen wurde, dass die „geistig Armen selig sind!“, hatte ich nun endlich was, an dem ich mich abarbeiten konnte! Neue Zusammenhänge erschlossen sich mir. Für mich ging damit der Vorhang komplett auf und die ganze Welt war für mich!

Es passierte noch etwas Anderes. Ich kann es schlecht beschreiben. Die passenden Worte müssten noch erfunden werden. Ich hangele mich mal an meinen spärlichen Aufzeichnungen meines Stille-Zeit-Buches lang. Anfang 19 steht nur eine kurze Notiz: „Coram deo!“ (Unter dem Angesicht Gottes) Das ist die prägnante Zusammenfassung, was mir 19 passiert ist. Kürzer geht es nicht! Während meiner Gebetsübungen war mir oft so, als würde Gott mich betrachten. Gott mit seiner bedingungslosen Liebe betrachtet mich. Einfach so! Es kam mir so vor, als wäre ich das kleine schlafende Kind im Kinderbettchen und Gott ist der Vater, der in der Tür steht und liebend seinem Kind beim Schlafen zusieht.

Gott zog mich unwiderstehlich zu ihm hin. In Sci-Fi-Filmen wird oft ein Raumschiff mit einem Traktorstrahl zum Mutterschiff gezogen, damit es sicher dort andocken kann. Der Käpt’n ist nicht seiner Würde enthoben, aber er kann nichts machen. Die Steuerung ist ausgeschaltet. So fühlte ich mich von Gott gezogen. Ich konnte mich nicht wehren und wollte es auch nicht.

In dieser Zeit passierte es öfter, dass ich nach meiner Arbeit in mein Auto stieg und mir dann der Gedanke durch den Kopf schoss „Du bist geliebt!“. Jahrelang habe ich Predigten zu diesem Thema gehört. Ich hätte selbst eine dazu halten können. Mit dem Verstand habe ich es längst verstanden, doch in der Zeit verstand ich es zum ersten Mal mit meiner Seele, dass Gott mich liebt! Er liebt mich bedingungslos und leidenschaftlich!

In dem Jahr passierte es immer wieder, dass mein Verstand an seine Grenzen geführt wurde.

Plötzlich weiteten sich meine Denk- Grenzen. Ich wagte, neu und anders zu denken. Ich hinterfragte die gepredigten Wahrheiten. Nicht nur das, was Johannes gepredigt hat, sondern auch andere allgemeine Glaubensgrundsätze. Ich merkte, dass ich viel zu oft „Amen!“ gesagt habe. Fing an zu fragen, wo denn genau dieses oder jenes Dogma in der Bibel steht.

Irgendwie hat mich das ganze Jahr über eine Strophe aus meinem Lieblingsweihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ begleitet: „In Seine Lieb‘ versenken, möcht‘ ich mich ganz hinab. Mein Herz will ich Ihm schenken und alles, was ich hab‘!“

Gott hat mich auf wundersame Weise in Seine Liebe versenkt. Deswegen fällt es mir leicht, Ihm alles, nicht nur mein Herz zu schenken! Seine liebende Gegenwart bringt mich dazu! Coram deo. 

(Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Isolation

In Literatur über Machtmissbrauch wird oft erwähnt, dass Mitglieder isoliert werden. In extremen Fällen z. B. in Sekten haben sie gar keinen Kontakt mehr zu Außenstehenden. Zwar konnte Johannes mich nicht von meinem Freundeskreis isolieren, doch gelang es ihm, dass ich das Gefühl hatte, in der Gemeinde nicht akzeptiert zu sein. Es gab ja tatsächlich viel Gerede. Wenn er also betonte, dass andere keine gute Meinung über mich haben, dann musste ich ihm das glauben. So erlebte ich es, als ich mehrere Mitglieder zum Geburtstag eingeladen habe. Insgesamt zwölf haben zugesagt. Dementsprechend habe ich eingekauft. Doch während ich in der Küche stand, um das Essen vorzubereiten, klingelte immer wieder das Telefon und einer nach dem anderen sagte ab. Es waren fadenscheinige Gründe. Am Ende saßen zwei auf meiner Couch. Davon ein Gemeindemitglied und eine Freundin, die ich außerhalb der Gemeinde hatte.

Es war trotzdem eine schöne Geburtstagsfeier. Ich merke mir aber, dass ich Gemeindemitglieder nicht so schnell zu meinem Geburtstag einladen werde. Das tue ich mir nicht noch einmal an.

Eine weitere Bestätigung für meinen angeblich schlechten Stand in der Gemeinde waren Auseinandersetzungen, für die folgende als Beispiel dienen soll.

Einmal habe ich der Gemeinde eine Kaffeemaschine geliehen. Für ein Event reichte die, die in der Küche stand nicht aus. Als ich sie nach mehrmaligen Bitten endlich wieder bekam, war sie total verdreckt und die dazugehörige Thermoskanne kaputt. Ich bemängelte dies und wurde sofort angegriffen. Am Ende des „Vortrags“ fiel auch noch Satz „Musst dich nicht wundern, dass du alleine bleibst!“

Wieder gab es ein „klärendes Gespräch“ mit Johannes. Als ich das Mitglied auf besagten Satz ansprach, entschuldigte es sich wortreich. Das täte ihr ja so leid! – Wenn es so wäre, hätte sie sich längst ohne Beisein von Johannes entschuldigt.

Das alles war natürlich Wasser auf die Mühlen von Johannes.

Diese Auseinandersetzungen ließen mich denken, dass ich wirklich ein schwieriger Mensch bin und Johannes der Einzige ist, der zu mir steht.

Doch auch die allgemeine Frustration war nicht von der Hand zu weisen. Es gab kaum noch Eintritte, stattdessen viele Austritte. Oft genug fiel der Satz, dass nur noch die zum Gottesdienst kämen, die ein Amt, einen Dienst dort zu verrichten hätten. Ich war lange an seiner Seite, suchte die Schuld bei mir und anderen Mitgliedern. Hellhörig wurde ich, als ein Mitglied mal mir gegenüber äußerte „Psst! Die Wände haben Ohren!“ Bei mir kam plötzlich das DDR-Gefühl hoch. Mit DDR-Gefühl meine ich das Gefühl, nicht mehr offen sprechen zu können. Ich fing an zu umschreiben und packte den Subtext zwischen die Zeilen. Als mir das bewusst wurde, fragte ich mich, wohin ich geraten bin. Kann es sein, dass ich in einer Gemeinde, die ihren Sitz in einem demokratischen Land hat, nicht offen reden darf? Kann es angehen, dass ich meine Unzufriedenheit über offensichtliche Missstände nicht äußern darf, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen?

Eines Morgens stand ich in der Küche und machte mir Frühstück. Da traf mich eine Erkenntnis wie ein Schlag „Er nimmt dich auf den Arm!“ Plötzlich wusste ich, dass seine Beleidigungen, Beschuldigungen kein Versehen waren. Er meinte es auch nicht gut mit mir! Er hatte gar nicht vor, mir jemals die Anerkennung zu geben, die ich gebraucht hätte. Er wollte, so sagte mir mein Gefühl, mich mundtot machen, mich aus der Gemeinde haben.

Nachdem mir das klar war, überlegte ich den nächsten Schritt: Es war klar, dass ich diese Gemeinde verlassen musste. Ich hatte aber Skrupel. Ich konnte doch meine Leute nicht im Stich lassen! Doch schließlich siegte mein Überlebenswille und ich beschloss, auszutreten. Doch wollte ich nicht sang- und klanglos gehen. Ich überlegte, dass das, was gerade in der Gemeinde lief, bekannt werden müsse. Ich wollte den übergeordneten Pastor informieren. Dieser Gemeindeverbund ist so organisiert, dass jede einzelne Gemeinde zu einem übergeordneten Gremium mit einer Art „Bischof“ gehört. Ich ging davon aus, dass der „Bischof“ keine Ahnung hatte, was in der Ortsgemeinde genau ablief. So schrieb ich einen sechsseitigen Brief an ihn. Lange überlegte ich, änderte Formulierungen, ließ weg und beschrieb dafür andere Situationen. Immer wieder fragte ich mich, ob ich diesen Brief wirklich abschicken sollte. Schließlich bat ich Gott darum, mich daran zu hindern, wenn ich es nicht tun solle. Wenn ich eine lange Schlange vor der Post antreffen würde, würde ich ihn zerreißen. Es war kurz vor Weihnachten! Ich rechnete nicht damit, dass ich nur kurz warten müsse. Gott könne nicht wollen, dass ich meinen Pastor verriet! Ich betrat den Supermarkt mit der Poststelle und stockte: An der Post standen gerade einmal drei Leute an! Ich wiederhole: Es war kurz vor Weihnachten! Ich atmete tief durch und gab den Brief als Einschreiben ab. Sofort drehte ich mich um und ging die wenigen Schritte zum Blumenladen. Während ich noch die Blumen betrachtete, sagte die Verkäuferin zu mir – es waren gerade mal 2 Minuten vergangen – „Heute ist bei der Post wieder viel los!“ Ich drehte mich wieder um und sah eine Schlange, die gerade dabei war, sich aus dem Gebäude raus zu schlängeln! Ich wundere mich noch heute, woher plötzlich so viele Menschen herkamen!

Einige Zeit später erhielt ich die Antwort vom „Bischof“. Er habe meinen Brief erhalten. Da er mein Anliegen als gemeindeintern einschätze, habe er diesen direkt an den Ältestenkreis geschickt. Ich solle die Antwort von diesem abwarten. Ich war enttäuscht! Dieser Mann hat mich nicht einmal angesprochen, mit mir geredet, sondern gleich den Pastor über mich ausgefragt.

Ich musste nicht lange auf die Antwort von Johannes warten. Er rief mich an und sagte: „Es tut mir Leid – bedeutungsvolle Pause – es tut mir Leid, dass du mich so falsch verstanden hast!“ Mir blieb fast die Luft weg. Anschließend schlug er mir vor, dass wir uns an einem neutralen Ort treffen könnten. Er  möchte nicht über den Brief reden, aber wir könnten ja Smalltalk machen und versuchen, uns neu kennenzulernen.

Kein Kommentar!

Ich setzte also einen Brief auf, in dem ich meinen Austritt aus der Gemeinde erklärte. Kurze Zeit später bekam ich einen neuen Job in Norddeutschland und ich zog in mein geliebtes Bundesland zurück.

( Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Missbrauch – Ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Gebetskreis

Es gab einen kleinen Gebetskreis in der Gemeinde. Nachdem die Initiatorin aus der Gemeinde gegangen war, versuchte ich diesen wiederzubeleben.

Ich bat darum, die Leitung übernehmen zu dürfen. Johannes stellte eine Bedingung. Ich solle zunächst zehn Wochen in der Gemeinde alleine beten und dann zehn Wochen mit jemanden zu zweit beten. Um es kurz zu machen: Ich habe keinen gefunden, mit dem ich beten konnte. Ich habe zwanzig Wochen allein gebetet.

Als diese Wochen rum waren, herrschte mal wieder, wenn ich mich richtig erinnere, Funkstille zwischen Johannes und mir. Keine Ahnung, was ich diesmal angeblich angestellt hatte. Das war typisch für die „Beziehung“ zu Johannes: ein ständiger Wechsel zwischen Trost und Abstrafen. Mal war er der verständnisvolle Seelsorger, kurze Zeit später habe ich in seinen Augen etwas getan, was einen vorübergehenden Kontaktabbruch rechtfertigte. – Wenn ein Gemeindeleiter Kontaktabbruch als Mittel der Disziplinierung einsetzt oder auch nur damit droht, sollten sämtliche inneren Alarmanlagen schrillen!

Nachdem Johannes beschlossen hatte, mir wieder gnädig zu sein, gab es, mal wieder, ein „klärendes Gespräch“. Es lief nach Schema F ab: Ich sah seine Fehler ein, entschuldigte mich dafür und gelobte Besserung. Er nahm gnädig meine Entschuldigung an. Er gab selbst zu, dass er mir nicht zugetraut hätte, dass ich wirklich durchhalte. Er übertrug mir die Leitung für den längst nicht mehr vorhandenen Gebetskreis.

Das hielt mich nicht davon ab, mich für die Neugründung desselben einzusetzen. Ich bekniete Gemeindemitglieder, dabei zu sein. Ich stellte eine Box im Foyer für Gebetsanliegen auf. Ich wollte damit zeigen, dass dieser Kreis für die Mitglieder, für die Gemeinde da ist. Die Box wurde prompt missbraucht. Nach dem Adventsbasar baute ein Mitglied die nicht verkauften Adventsgestecke auf dem Tisch auf und deklarierte die Gebetsbox zur „Kasse des Vertrauens“. Auch verbal musste ich mir einiges gefallen lassen. Da wurde ich gefragt, ob ich denn wirklich den Saal blockieren müsse, ich könne doch auch in den Keller gehen. Johannes machte mir den Vorwurf, dass ich das nur mache, um vorne zu stehen. Ich frage mich bis heute, inwieweit jemand, der im Hintergrund betet, vorne steht.

Wenn ich Pech hatte, dann musste während dieser einen Stunde ausgerechnet das Dekoteam den Blumenschmuck für den Gottesdienst vorbereiten. Das wurde dann nicht etwa leise getan, sondern ohne Rücksicht auf die gerade stattfindende Gruppe. Ja, es gab zwischenzeitlich eine Gruppe. Zwei weitere Mitglieder haben sich gefunden. Ich legte den Termin so, dass beide konnten. Also fand der Kreis vormittags statt. Das wiederum wurde mir von anderen Mitgliedern zum Vorwurf gemacht. Ich könne doch nicht vormittags den Termin festlegen. Da könne man nicht. Es waren junge Mütter, die mir das vorwarfen. Ich habe aber bereits die Erfahrung gemacht, dass in dieser Gemeinde die Aussage „Ich habe Familie!“ die Standardausrede ist. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass Jesu Wort „Geht hin in alle Welt!“ ausschließlich an Singles gerichtet war.

Eine Stunde beten in der Woche – was ist das schon? Ich verbringe ganze Wochenenden mit Menschen oder Dingen, die mir wichtig sind. Die meisten Veranstaltungen dauern länger als eine Stunde. Ein Theaterstück hat nach anderthalb Stunden Pause. Ein Kinofilm dauert zwei Stunden, Tendenz steigend. Auf meiner Silvesterfreizeit habe ich mit Kumpels sechs Stunden lang ein Brettspiel gespielt und gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging.

Eine Stunde beten pro Woche – das war in dieser Gemeinde eine Stunde zu viel! Mein Gebetskreis war eine Totgeburt!

Er hätte es nicht bleiben müssen, wenn der Pastor und der Ältestenkreis hinter mir gestanden hätte. Egal, was ich vorschlug, es kam keine Unterstützung. Ich organisierte sogar Gebetsnächte. Dabei dachte ich, dass sozusagen schichtweise die ganze Nacht in und für die Gemeinde gebetet wird. Es kamen sogar Einige. Am meisten beeindruckte mich ein älteres Ehepaar, das lange mit mir aushielt. Ich ging um halb vier. Keiner vom Ältestenkreis schien sich dafür zu interessieren. Mir wurde noch vorgeworfen, dass ich vom Ältestenkreis zu viel erwarten würde. Ich habe nicht erwartet, dass jemand persönlich vorbei kommt, schließlich hatten fast alle Familie, aber eine zweizeilige WhatsApp alá „He, toll, dass du das machst, wir können leider nicht, wünschen aber allen Betern viel Kraft!“ wäre schon schön gewesen.

Ich ließ mich trotzdem nicht entmutigen.

Es gab mal wieder etwas zu bereden. Ich hatte etwas gegen den Ältestenkreis vorzubringen. Johannes meinte, es gäbe auch etwas mit mir zu besprechen und es würde noch jemand aus dem Ältestenkreis dabei sein. Das war bisher nicht der Fall! Bislang war es üblich, dass ich nur unter vier Augen mit ihm redete.

Doch diesmal brauchte Johannes einen Zeugen. Er teilte mir mit, dass er der Meinung sei, dass ich psychisch krank sei und dringend Therapie benötigte und außerdem hätte er mit Vielen aus der Gemeinde wegen mir telefoniert – gewichtige Pause – ich hätte viele Konflikte provoziert. Thomas nickte ernst. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass er zwar die Namen derer aufzählte, die er angerufen habe, aber nicht erwähnte, was sie gesagt haben. Dann passierte etwas, was regelmäßig bei Gesprächen passierte: es platzte jemand rein. Das lag aber nicht an der mangelnden Feinfühligkeit desjenigen, sondern daran, dass Johannes nie sein Türschild auf „rot“ also „Bitte nicht stören!“ drehte. Für Johannes war es wichtig, dass er jeder jederzeit unterbrechen konnte. Seitdem sind mir Leiter und Chefs, deren Tür jederzeit offen stehen, suspekt.

Johannes reagierte gelassen auf diese Unterbrechung, ich dagegen war verärgert und zeigte es auch. Derjenige entschuldigte sich und ging. Johannes rieb mir mein eben gezeigtes Verhalten unter die Nase. Das wäre ein gutes Beispiel für mein unangemessenes Verhalten! Genau das würde in der Gemeinde Probleme machen. Ich erbat mir Bedenkzeit wegen der Therapie. Allerdings wurde mir gesagt, dass man mir den Gebetskreis wegnehmen würde, wenn ich mich dagegen entscheiden würde. Außerdem sollte ich meine „Beziehungen in Ordnung bringen“, wenn ich weiterhin die Leitung haben wollte.

Erschrocken ging ich nach Hause. Ich war also eine Zicke! Eine ganz gemeine Frau, die sofort hoch ging, wenn ihr etwas nicht passte! Ich war eine, mit der keiner zu tun haben wollte!

Nach einigen Tagen erklärte ich mich bereit, eine Therapie zu beginnen. Auch telefonierte ich die Leute ab, mit denen ich meine Beziehungen klären wollte. Es kam mir aber etwas merkwürdig vor: Viele von denen, bei denen ich mich entschuldigte nahmen verwundert meine Entschuldigung an und erklärten, dass sie kein Problem mit mir hätten. Ich war aber inzwischen so verunsichert, dass ich eher glaubte, dass sie unehrlich zu mir seien.

Johannes lobte meinen Einsatz. Er schrieb mir, dass beim nächsten Treffen mit dem Ältestenkreis darüber gesprochen wird, ob man mir die Leitung vom Gebetskreis wegnimmt oder nicht. Ich war perplex. War nicht die Rede davon, dass man mir die Leitung lässt, wenn ich auf beide Bedingungen eingehe? Zwar war Thomas dabei, aber er war sein Zeuge. Er würde nicht gegen ihn aussagen.

Einige Tage später wurde mir per WhatsApp verkündet, dass man mir die Leitung des Gebetskreises und aller weiteren Ämter wegnimmt. Man wäre aber so gnädig, dass ich bei der nächsten Mitgliederversammlung so tun könne, als würde ich freiwillig zurücktreten.

Nachdem mir also der Gebetskreis, für den ich lange gekämpft habe, weggenommen wurde, kämpfte ich darum, ihn wieder zu bekommen! (Unnötig zu erwähnen, dass keiner diesem Gebetskreis hinterhertrauerte.) Ich redete oft mit Johannes darüber. Ich bat darum, mir irgendein Ziel zu geben, eine Bedingung zu nennen, die ich erfüllen könne, um ihn wieder zu bekommen. Ich merkte einfach nichts!

(Wird fortgesetzt.)