Ja, Vater!

Vor etlicher Zeit wurde ich beim Autofahren auf etwas aufmerksam. Ich hatte Zeit, deswegen parkte ich und spazierte hin. Hinter der Kirche war ein Friedhof, soweit nicht außergewöhnlich. Doch plötzlich stand ich vor dem Grab von Matthias Claudius und seiner Frau Rebekka. Nachdem ich eine Weile davor gestanden habe, drehte ich mich um und blieb wie angewurzelt stehen: Ich stand vor dem Grabkreuz eines Pfarrers und über dem Namen standen zwei Worte: „Ja, Vater“. Mehr nicht. Es war kein bekannter Name. Ich würde also nur mit viel Mühe etwas über ihn rausfinden. Ich weiß nur eins: diese zwei Worte haben mich mehr beeindruckt, als so manches prunkvolle Grabmal.

„Ja, Vater.“ – Wie kommt ein Mensch dazu, zu verfügen, dass diese Worte auf sein Grabstein kommen?

Ich habe mal am Rande mitbekommen, dass die Hinterbliebenen einen Vers auf den Stein gravieren ließen, weil dieser denjenigen fast ein Leben lang begleitet hat.

Diese Worte klingen, als hätte derjenige sich ergeben. Hat er aufgegeben? Ich denke, das ist nicht damit gemeint. Ich weiß nicht, was ihm im Leben passiert ist, welcher Schicksalsschlag seine Pläne durcheinander gebracht hat. War es ein Krieg oder sogar mehrere Kriege? Ist eins seiner Kinder gestorben? Oder seine Frau im Kindbett? „Ja, Vater“ scheint die Antwort auf ein Ringen mit Gott zu sein. Sich dreingeben in den Willen Gottes. Annehmen, dass es nicht nach dem eigenen Willen geht.

Mir fällt auf, dass mir nur schlimme Sachen einfielen, die dem Mann begegnet sein könnten. Eine Karriere, eine tolle Familie, eine blühende Gemeinde, der er als Pfarrer vorstand, gehörten nicht zu meinen Ideen. Woher kommt das? Warum stellen wir nur die Frage, warum Gott Leid zulässt? Warum fragen wir nicht mal zur Abwechslung „Warum lässt Gott Glück zu?“ Haben wir Glück verdient?

Die Maßnahmen, die die Pandemie mit sich bringen, sind für mich schwer. An manchen Tagen fällt es mir schwer, damit gut umzugehen. Wieso muss ich da durch? Wieso passiert das während meines Lebens? Doch wenn ich ehrlich bin, erkenne ich auch, dass viele Dinge passiert sind, die einfach gut waren. Der 9. November ’89 war für mich, mein weiteres Leben einschneidend. Ich konnte es mir nicht vorstellen und weil ich es mir nicht vorstellen konnte, entsprach es nicht meinem Willen. Ich habe mich über die neuen Freiheiten gefreut, aber ich habe nicht gefragt „Warum ich?“

Immer mehr komme ich dahinter, dass es gut ist, wenn meine Pläne durchkreuzt werden. Worauf kommt es an im Leben? Für mich beantworte ich die Frage mit „Jesus ähnlicher werden. Ihn immer besser kennenlernen.“ Das ist meine Sehnsucht.

Vielleicht ist es genau die Erkenntnis, die dieser Pastor durchdacht, durchlebt hat. Gott ist größer. Er ist souverän. Er macht es gut. Er ist der Vater und ich bin Sein Kind. Ein Kind, das immer mehr begreift, wie sehr mich der Vater liebt. Das will ich lernen: In der Freude und im Leid Seinen Willen anzunehmen. Ja, Vater!  

Wer oder was ist die Hure Babylon?

Ich bin neulich über einen Kommentar in Facebook gestolpert. Jemand schrieb, dass er die katholische Kirche liebt. Daraufhin fühlte sich ein Anderer berufen demjenigen zu schreiben, dass die katholische Kirche die Hure Babylon sei und er solle da austreten. Das machte mich traurig. Ich finde es immer traurig, wenn Christen unterschiedlicher Konfessionen sich gegenseitig unterstellen, nicht die „wahre“ Kirche zu sein. Ich liebe meine kostbaren Geschwister in der katholischen Kirche. Ja, es gibt einige Fanatiker unter ihnen. Da unterscheiden sie sich nicht von Charismatikern, Evangelikalen u. a. Das ist eine traurige Gemeinsamkeit!

Doch woher kommt diese These, dass mit der Hure Babylon die katholische Kirche gemeint ist? Das geht auf Luther zurück. Doch wie sehr ich ihn schätze, er war auch bloß ein Mensch und ein Kind seiner Zeit! Ich habe mir jedoch vorgenommen, selbst zu lesen, selbst zu denken und selbst zu glauben. Also mache ich mich auf Spurensuche.

Um die Hure Babylon geht es u. a. in den Kapiteln 17 und 18 in der Offenbarung. Dort wird sie als eine Frau beschrieben, die in kostbaren Gewändern gekleidet ist und sie reitet auf einem Tier. Später wird ihr Untergang beschrieben, über den die Händler trauern werden. Sie sei „die große Stadt, die Herrschaft ausübt über die Könige der Erde.“ (Offb. 17, 18)

Ich möchte hier nicht in die Tiefe gehen. Über die möglichen Interpretationen der Offenbarung könnte man sicher ein ganzes Buch schreiben. Mir ist bereits beim flüchtigen Lesen etwas aufgefallen: Derjenige, der reitet, beherrscht das Reittier. Wenn das Tier bzw. dessen Hörner für verschiedene Reiche stehen, dann hat diese Frau eine große Macht. Das wird auch im eben zitierten Vers bestätigt.

Wenn ich die Offenbarung als etwas lese, was erst eintreffen wird, muss die Hure etwas oder jemand sein, was in der Zeit, in der all dies eintreffen hat, Macht hat und zwar soviel, dass sich ganze Völker dem unterordnen.

Bei vielen Interpretationsansätzen wird gesagt, dass das historische Babylon dafür bekannt war, dass dort viele Götter angebetet wurden. Durch den Polytheismus sei Babylon erblüht, weil die Gläubigen nicht nur zu den Tempeln gereist wären, sondern gleichzeitig dort gehandelt haben.

Ich kenne mich nicht mit dem Alten Babylon aus. Doch ich weiß, dass Polytheismus zu der Zeit gängig war. Im Alten Ägypten gab es je nach Quelle bis zu 1500 Götter. Polytheismus war normal.

Viele Interpreten gehen davon aus, dass die Hure etwas sein muss, was Gott entgegen steht. Die Braut Christi und die Hure Babylon werden gegenüber gestellt. Die Hure als der Inbegriff des Widergöttlichen.

In der katholischen Kirche gibt es Missstände, keine Frage – Aber ist sie deswegen gleich der Inbegriff des Widergöttlichen? Was ist dann mit den anderen Konfessionen? Ich habe Merkwürdigkeiten in Freikirchen erlebt. Geistlicher Missbrauch, Leiter und Pastoren, die sich profilieren – davon wird nicht nur aus katholischen Reihen berichtet.

Ist es also insgesamt die Kirche? Also all jene, die zwar von sich sagen, dass sie Christen sind, aber nicht so handeln, wie Christen handeln sollten?

Es gibt etwas, was für mich dagegen spricht: So gerne sie es hätte, die Kirche hat kaum noch Einfluss auf die Weltpolitik. Sie übt keine Herrschaft aus über die Könige dieser Erde. Die Zeiten sind vorbei.

Auch andere Religionen sehe ich persönlich nicht als das an, was über Könige herrscht. Im Namen von Religionen werden Kriege geführt. Doch oft genug entsteht der Eindruck, dass das nur vorgeschoben ist und es in Wirklichkeit wirtschaftliche Interessen sind.

Vielleicht sind es genau diese wirtschaftlichen Interessen, die gegen Gott sprechen. Ich bin nicht gegen Geld, Geld füllt meinen Kühlschrank. Aber vielleicht hatte Marx doch Recht? Die ungerechte Verteilung des Kapitals bringt die Menschen dazu, ungerecht zu handeln.

Die Pandemie bringt es ans Tageslicht: Bisher fand die Ausbeutung immer nur woanders statt: die Kleiderindustrie in Indien, die buchstäblich über Leichen geht, seltene Erden, die von Kindern abgebaut werden und plötzlich wird bekannt, dass im Deutschland des 21. Jahrhunderts Schlachthofmitarbeiter unter schlechten hygienischen Bedingungen leben müssen.

Den wirtschaftlichen Interessen wird Vieles geopfert: die Gesundheit, die saubere Umwelt, moralische Maßstäbe…

Ich gönne den Fußballfans ihren Fußball. Aber ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet die Bundesliga so lange verhandelt, bis die Saison fortgesetzt werden darf? Sie geben sich noch nicht einmal Mühe, die Motivation dahinter zu verbergen. Es sind wirtschaftliche Interessen! „Fußball ist unser Leben. König Fußball regiert die Welt!“ sangen vor etlichen Jahren Mitglieder der Nationalmannschaft. König Fußball oder Gott Fußball?

Fußball an sich ist nichts Schlimmes. Aber hier geht es längst nicht mehr um den Sport an sich. Man könnte das Wort „Fußball“ auch durch etwas Anderes ersetzen: z. B. Schönheit:  Mode-, Diät- und Schönheitsindustrie scheffeln Millionen. Oder Entertainment, oder Waffen oder oder oder.

Ich schreibe hier nicht zu Ende. Da müsste ich sehr in die Tiefe gehen. Mir geht es nur darum, bekannte Interpretationen zu hinterfragen und sich auf die Suche nach eigenen zu machen. Nachplappern möchte ich nicht mehr. Selber-Denken ist angesagt!

„… und der Sonne stille halten,…“ (Gerhard Tersteegen)

Orchidee im Schlosspark

Je länger der Shutdown dauert, umso schwieriger wird es für mich. Die Lockerungen helfen mir nicht viel. Gestern hat die letzte Schule abgesagt: dieses Schuljahr gibt es keine Kurse mehr! Auch die Chorproben finden noch nicht statt. Was soll ich also in der Großstadt, in der es nichts zu tun für mich gibt? Dann doch lieber die beschauliche Kleinstadt direkt am See, in deren Umgebung eins im Übermaß gibt: Landschaft! Weite Felder, Kiefernhaine, Seen bis zum Abwinken. Im kleinen Schlosspark wachsen wilde Orchideen. Blühen da einfach vor sich hin. Während ich sie fotografiere, ploppte eine Liedzeile in mir hoch „ Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten…“ (Gerhard Tersteegen)

Der Sonne stille halten… – das klingt ein wenig unbequem, lästig. „Halt doch mal still!“ – Man hört förmlich die Ungeduld in der Stimme einer Mutter, die gerade versucht, dem Kind die Nase zu putzen. Das Kind will aber weiter rumtoben. Die laufende Nase ist ihm egal. Dabei geht es nur um einen kurzen Augenblick.

Doch vielleicht ist es genau die richtige Zeit dafür: Gott still zu halten. In der Zeit, in der es nicht viel Ablenkung gibt, kann man auch inne halten und über ihn und den Glauben nachdenken. Eigene Glaubensbilder hinterfragen und auch mal liebgewonnene Interpretationen von Bibeltexten über Bord werfen und nach neuen suchen. Auch mal sich hinsetzen, sich selbst reflektieren.

Es geht nicht darum, sich selbst ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Im Liedvers ist von Sonne die Rede und nicht von Sturm und Hagel.  

Wenn Gott mich korrigiert, mir aufzeigt, was ich noch nicht kann z. B. in welchen Situationen ich nicht geduldig mit meinem Gegenüber war, dann ist es ein liebevoller Hinweis. Er liebte mich doch schon bevor, mir mein Fehlverhalten bewusst wurde.

Die Mutter, die dem Kind die Nase putzt, liebt ihr Kind auch mit „Schnoddernase“, aber mit geputzter Nase tobt es sich besser.

Ich weiß nicht, wie lange der Shutdown noch geht, aber ich bin mir sicher, dass diese Zeit im Vergleich zur Ewigkeit nur ein kurzer Augenblick ist.

So kann ich dann doch Gott still halten. Mich durch seine liebende Hand in sein Bild formen lassen. Dem Gott, der mich liebt, kann ich singen „ …lass mich so/ still und froh/ deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“ (ebenda)

Gott wirken lassen, es ihm überlassen. Plötzlich ist diese Zeit keine vertane Zeit, sondern aktive Wirkzeit. Denn ohne „Schnoddernase“ tobt es sich besser.

„Meine Last ist leicht.“ (Matth. 11,30)

Zwei Verse davor heißt es „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ (Matth. 11, 28)

Dieser Vers wird sehr oft zitiert, aber der Vers, den ich als Überschrift gewählt habe, wird selten erwähnt. Dabei scheinen sie zusammen zu gehören. Glaube ist kein Stollen, aus dem man sich die Rosinen rauspickt.

Hier mal alle drei Verse im Zusammenhang: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken! Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 28-30)

Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Erst sollen wir zu Jesus kommen, wenn wir beladen sind und dann sollen wir sein Joch, also das Traggeschirr mit dem Ochsen in den Pflug gespannt wurden, aufnehmen.

Beim genauen Lesen merke ich, dass hier auch vom Lernen die Rede ist. Ich soll von Jesus lernen. Er ist sanftmütig und demütig.

Was heißt eigentlich sanftmütig und demütig? Sanftmut wird mit Friedfertigkeit und Herzensgüte übersetzt. Ein unmodernes Wort wird mit zwei weiteren unmodernen übersetzt. Heutzutage ist es anscheinend kaum erstrebenswert gütig zu sein. Bei Demut komme ich auch nicht weiter. Demütig, im Sinne von gehorsam gehört nicht zum üblichen Vokabular. Der Thesaurus schlägt noch „gelassen“ vor. So komme ich diesem Vers langsam auf die Spur.

Wenn ich mich Gott unterordne, in dem Sinne, dass ich ihm zugestehe, dass er größer ist als ich, werde ich ruhig. Wenn ich jemanden gegenüber sanftmütig bin, indem ich auf die kleinen Kämpfe, auf das Recht haben wollen, verzichte, werde ich ruhig. Ich höre auf mich zu sorgen, weil ich weiß, dass Gott für mich sorgt.

Ich rede hier nicht davon, dass man keine Grenzen setzen sollte. Ich muss mich abgrenzen. Aber diese täglichen kleinen Kämpfe wie dafür sorgen, dass der Andere sich nicht vordrängeln kann, bringen doch nichts.

Doch warum ein Joch? Bin ich ein Ochse? Habe ich es nötig, mich einspannen zu lassen?

Im Moment habe ich keine Einnahmen. Mein Job ist nicht systemrelevant. Das klingt, je nach Tageslaune, harmlos oder grausam. Nicht relevant! Werde ich gar nicht gebraucht? Der Mensch möchte was tun. Er möchte gebraucht werden.

Auch als Christ möchte ich etwas tun. Für den Herrn. Nicht, um mir meine Erlösung zu verdienen, sondern aus Dankbarkeit für meine Erlösung. So lasse ich mich in sein Joch spannen.

Gott bietet weitaus mehr als Erlösung an. Ich darf mit meinen Sorgen, mit meinen Lasten zu ihm kommen. Ich kann es lernen, innerlich ruhig zu bleiben und all das, was ich nicht in der Hand habe, Gott zu überlassen. Dadurch kann ich zur Ruhe kommen. Ich darf sogar etwas für ihn tun und erlebe damit, dass ich gebraucht werde.

Was kümmert es mich da, dass die Begriffe „Sanftmut“ und „Demut“ aus der Zeit gefallen sind? Möchte ich wirklich mit der Mode gehen?

Mir fällt dazu passend mein Lieblingsvers, dessen Verfasser, mir nicht bekannt ist, ein: „Am Ende bleibst nur du und alles Sein wird Gnade! Und tausend Kreuzespfade führ’n deinem Kreuze zu. Am Ende bleibst nur du. Bringst unter Vaterhänden, die liebend uns vollenden, das wirre Herz zur Ruh‘!“

Amen.

In die Wüste geführt

Mir ist etwas aufgefallen. Jesu Wirken beginnt mit einem Fest. Aber davor war er in der Wüste. Jesu Versuchung durch Satan wurde schon oft beleuchtet. Aber wie kam es dazu?

In Matthäus 3, 16+17 heißt es: „Und als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser; und siehe, da öffnete sich ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen und auf ihn kommen. Und eine Stimme kam vom Himmel, die sprach: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“

Wow, das ist doch mal eine Ansage! Damit ist Jesu Autorität geklärt, jetzt kann er loslegen. Doch der nächste Vers klingt wie ein Stoppschild: „Darauf wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde.“ (Matth. 4, 1)

Es klingt ein wenig absurd. Da bekommt jemand eine Zusage vor den Augen aller Anwesenden und anstatt mit dem Wirken zu beginnen, geht es erst einmal in die Wüste. „… damit er vom Teufel versucht würde…“ Das ist schon schräg. Der Gedanke, dass Jesus vom Teufel versucht wurde, geht ja noch. Aber dass er geradewegs in die Wüste geführt wurde, damit genau das passieren kann, ist schon merkwürdig.

Was ist in der Wüste passiert? „Und als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, war er zuletzt hungrig.“ (Matth. 4,2) Ging es wirklich darum, dass er nur durch den Hunger versucht werden sollte? Jesus sagte später, dass wir uns nicht darum sorgen sollen, was wir essen und trinken werden. „Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden!“ (Matth. 6, 33) Ich denke, es ging nicht vordergründig darum, ihn durch Hunger zu schwächen.

Was war es dann? Einsamkeit? Ich weiß nicht, ob Jesus wirklich allein war. Laut Matth. 3, 16 war der Heilige Geist auf ihm. Nun kann man sich streiten, ob der Heilige Geist eine Person ist. Also eine Person, die in der Wüste als Gegenüber zählt.

Immerhin hat der Heilige Geist Jesus in die Wüste geführt. Auch da kommt eine Frage in mir hoch. Es ist die alte Theodizee-Frage: „Warum lässt Gott Leid zu?“ Bei dieser Frage ist aber immer von „zulassen“ die Rede, nicht von „bewusst in die Wüste führen“. Das tut Gott doch nicht! In meinem Leben gibt es Wüstenzeiten, die Gott zulässt und aus die er wieder rausführt. Aber er führt doch nicht absichtlich in eine Wüste rein!? Doch! Wenn ich ehrlich bin, tut er genau das: mit den Hebräern. Er führt sie erst aus Ägypten raus und dann direkt in die Wüste rein. Wohin auch sonst? Geografisch gesehen gibt es keine andere Möglichkeit!

Vielleicht ist das genau der Punkt: Jesus musste durch die Wüste, um aus seinem „inneren Ägypten“ raus zu kommen. Vielleicht musste er sein eigenes Mensch-Sein kennenlernen. Seiner Göttlichkeit war er sich bereits bewusst. So erklärte er im Alter von 12 Jahren, als er schließlich im Tempel gefunden wurde „…Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (Lukas 2, 49)

Wer sich seiner eigenen Abgründe bewusst ist, wird barmherzig. Wer merkt, dass seine eigene Kraft nicht ausreicht, ist bereit, sich Gottes Führung zu überlassen. „Gott wurde Mensch!“ wird oft zu Weihnachten gepredigt. Aber vielleicht ist das Kind in der Krippe nur der Anfang. Vielleicht findet die Menschwerdung in den 40 Tagen und 40 Nächten in der Wüste ihren Abschluss. Das würde auch erklären, warum er erst am Ende dieser Zeit auf Satan traf. Denn jetzt war er bereit, sich ganz auf Gott, seinen Vater zu verlassen.

Wenn Jesus vom Heiligen Geist in die Wüste geführt wurde, kann es durchaus sein, dass er meine Wüstenzeiten nicht nur zulässt, sondern mich auch bewusst in diese hineinführt. Es gehört zu seinem Plan. Er führt mich rein, durch und wieder raus. Die Wüste ist nur die Wegstrecke zu (m)einem gelobten Land. Wie auch immer das aussehen mag!

Das macht mir Mut. Denn es gibt nicht nur dieser besonderen Zeit einen Sinn, sondern zeigt mir auch, dass Gott führt. Er lässt nicht zu, weil es nun mal passiert ist, er führt! „Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl!“ heißt es in meinem momentanen Lieblingslied „Befiehl du deine Wege“ von Paul Gerhard.

Amen.   

Die Liebe ist langmütig und gütig (1.Kor. 13,4 ff)

Liebe. Pastell auf Acryl

Nein, ich bin nicht unter dieHochzeitsprediger gegangen. Zu oft wurde der zitierte Bibeltext schon Brautpaaren vorgelesen. Die Predigt wird schnell zusammengestrickt: So habt ihr euch zu verhalten, dann wird es auch was mit der Goldenen Hochzeit! Na denn „Prost!“, ähm „Amen!“

Doch der Text geht viel tiefer. Wer ehrlich ist, merkt schnell, dass diese Messlatte sehr hoch gehängt ist. Nicht zu schaffen.

Nicht nur Paulus schrieb Briefe. Auch Johannes griff zum Pergament. Im 1. Johannesbrief 4, 16 heißt es „…Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“  

Wenn Gott die Liebe ist, kann ich den Korinthertext nicht nur als Handlungsanweisung, sondern auch als Beschreibung Gottes verstehen: Gott ist langmütig und gütig, Gott beneidet nicht, Gott prahlt nicht, er bläht sich nicht auf.

Weiter mit Vers 6 und 7: Er freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, er freut sich aber an der Wahrheit. Er erträgt alles, er glaubt alles, er hofft alles, er erduldet alles.

So gelesen, bekommt der Text plötzlich einen neuen Sinn. Er lässt mich staunen.

Ich habe angefangen zu malen. So malte ich das Triptychon „Liebe – Glaube – Hoffnung“. „Hoffnung“ und „Glaube“ fielen mir relativ leicht. Der Anker der Hoffnung, der zur Knospe wird und das Kreuz des Glaubens, der Wein zum Wachsen bringt. Doch für die Liebe hatte ich keine Idee. Das Symbol der Liebe, das Herz, war mir zu kindisch. Eine Woche ließ ich mir Zeit. Dann aber dachte ich, dass ich mich nur ausprobiere. Keine Galerie wartet auf meine Bilder.

So malte ich das Herz, das von zwei Händen gehalten wird. Als ich fertig war, merkte ich, das nicht das Herz das eigentliche Symbol für die Liebe ist, sondern die Wunden an den Handgelenken.

Jesus hat für uns alles ertragen und erduldet! Wenn mir bewusst wird, was er für mich aus Liebe getan hat, dann kann ich nur zurücklieben. Doch die Messlatte ist immer noch hoch. Aber ich muss es nicht allein schaffen.

„…, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“ (Römer 5,5) Wenn das so ist, dann muss ich nicht die Menschen mit meiner kleinen menschlichen Liebe lieben. Ich kann ich aus der unermesslichen Liebe Gottes schöpfen.

Lasst uns lieben!

Ein leerer Altar in einer leeren Kapelle

Unabhängig davon, dass diese Kapelle sowieso selten für Andacht und Gottesdienst genutzt wird, ist dieser Altar ein Symbol für diese Zeit. Immerhin, das Altartuch, vom Pastor liebevoll gebügelt, liegt darauf und auch die Bibel ist aufgeschlagen. Bereit, gelesen zu werden.
Doch gleichzeitig durchweht diese Kapelle ein Hauch von Museumsluft. Im Hintergrund die Kopie der Zeitung, die in der Zeitkapsel von der Turmspitze sich befand.
Die Kapelle war mal außerhalb der Stadt. Sie gehörte zum Spittel für Lepra – Kranke. Damals als die Seuche wütete…

Da waren die Kranken. Sie waren verpflichtet jeden Abend zur Andacht zu kommen.
Heute gehört die Kapelle zum Pflegeheim. Bis vor kurzem fand hier alle zwei Monate eine Andacht statt, für die Bewohner des Pflegeheims.


Doch jetzt sind wir verpflichtet zu Hause zu bleiben. Weil die Seuche wütet…
Viele redeten bereits vor der Pandemie davon, dass sie die Kirchen und Kapellen nicht brauchen, weil Gott überall ist. Ja, das ist er. Aber suchst du ihn auch überall? Was wird Gott in deinem Herzen finden? Eine Leere? Oder ein paar Ausstellungsstücke, die von deinem ehemaligen Glauben zeugen? Oder brennende Liebe für ihn und die Menschen? Ist Gott in deinem Herzen zuhause?


Ja, die Kirchen sind geschlossen und der gemeinsame Gottesdienst fehlt. Doch Gott steht direkt vor deiner Herzenstür und klopft an. Bitte ihn herein. Lass ihn rein und dann wird dein Herz nicht nur zur Kapelle, sondern du wirst in dir selbst zuhause sein. Das neue Leben in dir beginnt und du wirst Ostern die Auferstehung feiern können.
Eines Tages werden die Kirchen wieder offen sein und du wirst anderen erzählen können, von deinem ganz besonderen Ostern. Von dem Ostern, an dem dein Herz zur Kapelle wurde!
Gottes Frieden sei mit dir!

Ist das Glaube oder kann das weg?

Glaube: Pastell auf Acryl

Im Moment sind gerade ganz andere Dinge wichtig als sonst. Während uns geraten wird, Masken zu tragen, zerbröseln die unsichtbaren Masken, die wir sonst aufsetzen. Plötzlich sind wir nicht mehr cool. Plötzlich lassen wir Einblicke zu, zu denen wir sonst nicht bereit waren. Das fängt bei den Promis an: Musiker streamen kleine Live-Konzerte aus dem Wohnzimmer. Selbst diejenigen, die bisher „Home-stories“ abgelehnt haben, geben jetzt mit der Handykamera Einsichten in das Privatleben preis. Facebook-Freunde, die sonst nur Witze teilten, posten auf einmal Bibelverse. So lerne ich Menschen jetzt von einer anderen Seite kennen.

Auch ich lerne mich noch einmal anders kennen. Seit über 20 Jahren bin ich Christ. Es ist etwas Anderes, im Gottesdienst mit anderen zusammen zu singen „Jesus, ich liebe dich!“, als jetzt, nur noch online mit den Geschwistern im Glauben verbunden, zu Hause zu sitzen. „Jesus, ich liebe dich!“? Wirklich? Immer noch? Es scheint eine innere Inventur stattzufinden. Beim Entrümpeln der Seele kommt öfter der Satz hoch „Ist das Glaube oder kann das weg?“ Was hält denn, wenn nichts mehr hält? All die mutigen Glaubenssätze, in guten Zeiten ausgesprochen: Jesus, ich vertraue dir und folge dir nach!- Gelten sie doch? „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern. Des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand. Dann nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ – Der bekannte Text von Dietrich Bonhoeffer singt sich zum Jahreswechsel mit einem Glas Sekt in der Hand irgendwie leichter als jetzt.

Woran glaube ich wirklich? Glaube ich noch an einen großen Gott? Oder höre ich den düsteren Prognosen zu?

Eine leise Stimme erreicht mich, ein Liedvers, ein vertonter Psalm „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Psalm 139, 9 und 10) Da ist jemand, der auch da ist, wenn ich denke, dass ich allein bin. Da ist jemand bei mir, selbst in der größten Dunkelheit. „Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.“ (Psalm 139, 12) – Darauf antwortet mein, verloren geglaubter, Glaube „Ja, Amen!“ Vielleicht glaube ich nicht so mutig und so stark, wie ich bisher dachte. Aber ich muss nicht stark sein!

Das hat schon Paulus erkannt. Er schrieb „Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne.“ (2. Kor. 12,9)

Ich erkenne immer mehr: Glaube ist Gnade! Ich kann und darf mir Glauben schenken lassen. Also nein, das kann nicht weg. Das ist Glaube!    

„…Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ (Römer 5, 5)

Hoffnung. Pastell auf Acryl
Hoffnung. Pastell auf Acryl

Es gibt viele Bibelstellen, in denen „Hoffnung“ vorkommt. Das ist nicht erstaunlich, denn der christliche Glaube ist eine Religion der Hoffnung. Das wird leider oft übersehen. Bei all dem Dienen, Buße tun, Umkehr, Gott gehorsam sein, vergessen wir manchmal das Eine: Gott liebt uns!

„Denn ich weiß, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Unheils, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben.“ heißt es in Jeremia 29,11.

Gott selbst hat dafür gesorgt, dass wir wieder eine Beziehung zu ihm haben können. Er hat seinen eigenen Sohn dafür hergegeben. (Joh. 3, 16) Jesus sagt „…;weil ich lebe, sollt auch ihr leben!“ (Joh. 14, 19) Christus ist auferstanden und wir, die wir an ihn glauben, werden auch auferstehen. Jesus sprach davon, dass er hier auf der Erde für uns sorgen wird. “Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ (Matth.6,26)

Es gibt noch viele Zusagen, die Hoffnung geben. Ein Christ wird nicht vor schweren Zeiten bewahrt. Paulus von dem die Stelle aus der Überschrift stammt, konnte ein Lied davon singen. In 2. Korinther 11,24 bis 28 stellt er eine Liste über seine Notlagen auf: ausgepeitscht, Schiffbruch erlitten, im Gefängnis gewesen usw.

Trotzdem redet er von Hoffnung. In all diesen Notlagen hat er seinen Glauben bewahrt. Er hat daran festgehalten. Er schreibt, dass genau diese Bewährung, Hoffnung bewirkt. (Römer 5, 4) und dann weiter „die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“ Genau das ist der Grund für die Hoffnung: Gott liebt uns! Weil er uns liebt, hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, weil er uns liebt, werden wir leben, weil er uns liebt, versorgt er uns.

Daran halte ich fest. Bei allen düsteren Prognosen und bei all dem, was um uns rum passiert. Gott liebt mich! Gott liebt dich! Das ist eine Hoffnung, die hält!

Lasst uns hoffen!

Amen.

„Der Herr ist mein Teil!, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.“ (Klagelieder 3, 24)

Diese Traubenhyazinthe hat sich auf meinem Balkon selbst ausgesät. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für mich.

Ich werde nicht aufhören, über Hoffnung zu schreiben. Wie viele von uns spüre ich, wie zerbrechlich unser Leben ist. Vieles von dem, was vor kurzem noch selbstverständlich schien, geht nicht mehr. Arbeit, soziale Kontakte, Hobbys pflegen – all das ist nicht oder nur eingeschränkt möglich. Die Informationen sind spärlich und nicht immer zuverlässig.

Und doch! Ich gebe nicht auf! In mir ist noch immer Hoffnung. Ich habe meinen Gott als großartigen Gott erlebt. Er hat schwierige Zeiten in meinem Leben zugelassen. Aber im Rückblick waren es die Zeiten, die mich reifer gemacht haben. Ich habe in diesen Zeiten wichtige Lektionen gelernt.

Als ich von verschiedenen Christen in diversen Gemeinden schmerzhaft enttäuscht wurde, habe ich fast meinen Glauben verloren. Ich habe mich von christlichen Gemeinden zurückgezogen. In dieser Zeit hat Gott mich an die Hand genommen. Mir wurde bewusst, dass ich meinen Glauben von Menschen abhängig gemacht habe. Ich habe die Predigten der Pastoren ungeprüft hingenommen. Bis ich dann erlebt habe, dass Pastoren durchaus Charakterschwächen haben können.

Während meines Rückzugs habe ich begonnen, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen. Ich habe plötzlich einen neuen und für mich spannenden Zugang zu Gott gefunden. Auch entdeckte und entdecke ich die Bibel neu. Ich habe sie vorher auch gelesen, aber seitdem ich mir selbst erlaubt habe, die von Predigern vorgegebenen Denkbahnen zu verlassen, habe ich plötzlich neue Ideen. Manchmal staune ich, welche Interpretationen jenseits der üblichen Pfade möglich sind.

All das hätte ich nicht, wäre ich nicht in diese Glaubenskrise geraten.

Im Moment erlebe ich persönlich eine Hilfslosigkeit. Es macht mich demütig. Die äußeren Sicherheiten sind weg. Ich weiß nicht, wie es nach der Krise mit meiner Selbstständigkeit weiter geht. Aber ich weiß, dass Gott da ist und mich liebt. Er wird für mich sorgen, denn ich bin sein geliebtes Kind.

„Denn der Herr ist mein Teil!, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen!“ (Klagelieder 3,24) Daran halte ich mich. Mein Verstand hilft mir gerade nicht weiter. All die logischen Aussagen der Wissenschaftler bringen mich nur dazu, den Mut zu verlieren. Deswegen höre ich lieber meiner Seele zu. Sie redet mir davon, dass jenseits aller pessimistischen Prognosen, es Hoffnung gibt. Gott ist immer noch größer als ein Virus. Sein Friede ist „höher als alle Vernunft“! (Philipper 4,7)

Daran glaube ich. Daran halte ich mich fest. Deswegen hoffe ich!

Amen!