Ägypten in der Bibel – der verstockte Pharao

Heute mache ich weiter mit einigen ägyptologischen Hintergründen. Letzte Woche war ich bei Mose, heute kommt Pharao dran.

Wie geschrieben, der Name ist nicht bekannt, es muss aber ein Pharao um und bei Ramses II. gewesen sein, also nach 1200 v. Chr.

Mit Pharao machen es sich viele Prediger leicht: er hielt sich für einen Gott und deswegen verstockte Gott sein Herz und schließlich ertrank er im Meer. Pharao, der Inbegriff von Bösartigkeit. Wir, die Christen sind Meilen davon entfernt, hochmütig zu sein wie Pharao! Wirklich?

Wer war Pharao? Warum konnte er nicht einfach so die Hebräer ziehen lassen? Pharao, übersetzt „das große Haus“, war der König von Unter-und Oberägypten und trug, als Zeichen dafür eine Doppelkrone: die rote Krone Unterägyptens und die weiße Krone Oberägyptens.

Durch Klimaänderungen wanderten verschiedene Menschengruppen vom Süden Afrikas in den Norden und besiedelten das Gebiet am Nil. Es gab aber dort bereits andere Stämme und Clans. Diese arbeiteten mit den Neuankömmlingen zusammen. Die unterschiedlichen Ethnien mussten dann irgendwie verwaltet werden. Daraus entstand dann ca. 3000 v.Chr. Ägypten. D. h. auch wenn die Bevölkerung von Unter- und Oberägypten sich auch langsam mischte, es blieben immer zwei Ägypten, die ein König regierte. Wie schon in „Bist du noch zu retten, Josef“ geschrieben, war die Legitimation des Königs sehr wichtig. Es gab nämlich immer wieder Zeiten, in denen Ägypten von mehreren Königen regiert wurde oder ein ausländischer König auf dem Thron saß. Wir Ägyptologen sind sehr kreativ: Die stabilen Zeiten haben wir Reiche genannt: Altes, Mittleres und Neues Reich, die unstabilen Zeiten dazwischen, Zwischenzeiten und diese dann durchnummeriert. Also: Altes Reich (Pyramidenzeit), 1. Zwischenzeit, Mittleres Reich, 2. Zwischenzeit, Neues Reich (Tutanchamun, Ramses II) und 3. Zwischenzeit und dann noch die Spätzeit (Kleopatra VII). D. h. also, dass Pharaos Thron schnell mal wackeln konnte. Deswegen war die Legitimation Pharaos so wichtig.

Deswegen wurde Pharao als Repräsentant des Gottes Horus angesehen. Die Ägyptologen haben übrigens die Annahme, dass der Pharao als Gott angesehen wurde, inzwischen verworfen. Sein Amt war „göttlich“, er selbst wurde als eine Art Vermittler zwischen Göttern und Menschen angesehen.

Deswegen wurde der jeweilige Pharao als der Pharao bezeichnet, der Unter- und Oberägypten vereint hat, obwohl das historisch nicht stimmte.

Es gab aber noch etwas Anderes, was Pharao daran hinderte, die Hebräer ziehen zu lassen: Die Religion der Hebräer war monotheistisch. Hätten sie, wie die Ägypter an mehrere Götter geglaubt, wäre die Bitte, in der Wüste einem dieser Götter opfern zu dürfen, sehr wahrscheinlich erfüllt worden. Sehr wahrscheinlich hätte der Pharao den Hebräern noch Opfergaben mitgegeben, vielleicht auch noch angeboten, dass seine Priester mitkommen, um zu helfen. Aber der Monotheismus war sehr wahrscheinlich Pharao ein Dorn im Auge. Zu Lebzeiten Ramses II war es gerade mal 30/ 40 Jahre her, als Echnaton regierte. Dieser Pharao hat aus politischem Kalkül fast alle Götter „entmachtet“ und nur noch den Sonnengott Aton gelten lassen. Echnaton hat Ägypten in den Niedergang getrieben. Er könnte einem Attentat zum Opfer gefallen sein. Die Ablehnung Echnatons ging so weit, dass aus fast sämtlichen Tempeln, Gräbern, Königslisten usw. sein Name gestrichen wurde. Seine Regierungsjahre wurden unter seinem Vorgänger und Nachfolger aufgeteilt. Echnaton und sein Monotheismus waren ein Staatstrauma!

Ramses II hatte Ägypten wieder zur Blüte gebracht. Das Trauma war gerade überwunden. Der Nachfolger von Ramses II wollte es ihm nachmachen. Aus der Sicht vom Pharao konnte er nur das Anliegen von Mose ablehnen! Hätte er zugestimmt, hätte er indirekt Echnaton mit seinem Monotheismus nachträglich Recht gegeben. Sein Thron wäre in Gefahr gewesen und wahrscheinlich auch sein Leben.

Es war also nicht das allseits gepredigte „sich für Gott halten“, was Pharao dazu brachte sein Herz zu verhärten, sondern Stolz und Menschenfurcht!

Huch! Plötzlich kann ich mir Pharaos Handeln nicht mehr auf Distanz halten. Beim Thema „sich selbst für Gott halten“ kann ich noch sagen „Ich doch nicht!“. Aber bei Menschenfurcht werde ich plötzlich kleinlaut. Warum habe ich neulich nicht erzählt, dass ich Christ bin? Weil ich mir dachte „Was sollen bloß die Leute denken!“ Das ist Menschenfurcht. Menschenfurcht ist das Gegenteil von Gottesfurcht.

Weiter: Warum habe ich heute Morgen Gott nicht gebeten, mir beim schwierigen Gespräch zu helfen? Weil ich dachte, dass ich das alleine hinkriege. Das ist Stolz.

Ich möchte mein Herz nicht verhärten. Ich möchte mir bewusst sein, dass ich Gott brauche. Ich möchte mir bewusst machen, dass es eben nicht darauf ankommt, was andere von mir denken könnten, sondern darauf, was Gott von mir denkt.

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.“ heißt es in Jeremia 29, 11.     

Ägypten in der Bibel – Mose

Ungefähr vor einem Jahr habe ich damit begonnen, Einiges aus meiner Sicht, also aus der Sicht einer Ägyptologin zu posten. Heute möchte ich mit Mose weitermachen.

Über die Herkunft des Namens gibt es verschiedene Thesen. Eine lautet, dass sein Name auf Hebräisch „der Herausziehende“ bedeutet, sozusagen prophetisch, weil er später mit seinem Volk herauszieht. Das denke ich nicht. Wenn die Tochter von Pharao ihn an Mutterstelle angenommen hat, dann hat sie ihm einen ägyptischen und nicht einen hebräischen Namen gegeben. Laut einer Anmerkung in der „Neuen induktiven Studienbibel“ leitet sich der Name von dem ägyptischen Wort „mesi“ – „geboren (werden)“ ab. Hier sei noch angemerkt, dass es im Mittelägyptischen keine Vokale gibt. D. h. „mesi“ kann durchaus auch „mose“ sein. Trotzdem denke ich, dass diese Herleitung falsch sein könnte. Geboren wird jedes Kind. Doch gaben die Ägypter, wie die Hebräer ihren Kindern Namen, die in der Regel einen persönlichen Bezug hatten.

Mein Vorschlag wäre, dass sich Mose aus „mu“- Wasser und „sa“-Sohn zusammensetzt. Damit wäre Mose der „Sohn (aus dem) Wasser“. Es würde zumindest zu dem Aussetzen auf dem Nil passen.

Oft wird behauptet, dass die Hebräer die Sklaven waren, die die Pyramiden gebaut haben. In 2. Mose 1, 11 heißt es „…und sie bauten dem Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramses.“ Laut Wiki könnte es sich bei Pitom um die ägyptische Stadt Per-Atum, von pr-Jtm – „Haus des Atum“ handeln. Bei Ramses-Stadt wiederum handelt es sich wahrscheinlich um Pi-Ramesse – „Haus von Ramses II“. Dieser bekannte Pharao lebte von 1304 bis 1214 v. Chr., zu einer Zeit also, in der die Pyramiden(ca. 2620 bis 2500 v. Chr.) längst standen.

Mir fehlen allerdings die Hebräischkenntnisse. Ich weiß nicht, ob in der hebräischen Fassung das Wort „bauen“ im Sinne von „neu bauen“ oder „restaurieren“ steht. Hätten die Hebräer Pi-Ramesse errichtet, dann wäre logischerweise der Pharao, unter dem der Exodus stattfand, Ramses II. Da gibt es allerdings einen Logikfehler: die Mumie von Ramses II ist erhalten. Laut Bibel ist aber der Pharao ertrunken.

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang noch, dass nach den Jenseitsvorstellungen in Ägypten nur ein balsamierter Körper eine Chance auf ein Weiterleben hatte, mit einer Ausnahme: beim Tod durch Ertrinken ist das Fortleben im Jenseits gesichert.

Wir wissen nicht, was genau der Name „Mose“ bedeutet. Auch kann ich nicht sagen, wie der Pharao hieß, unter dem die Hebräer auszogen. Vielleicht, weil dessen Name einfach nicht wichtig war. Es war halt irgendein Pharao in irgendeiner von ca. 30 Dynastien. Aber Mose wurde von Gott mit Namen gerufen: „Als aber der Herr sah, dass er hinzutrat, um zu schauen, rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: ‚Mose, Mose!…“ Mir fällt auf, dass er das auch bei anderen, die er beruft, tut z.B. „Fürchte dich nicht, Maria!“ (Lukas 1, 30) oder „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apostelgeschichte 9, 4)

Auch wenn ich mir selbst manchmal schlecht Namen merken kann, kennt Gott jeden einzelnen Namen von uns. „…ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ heißt es in Jesaja 43, 1. Denn ich bin Gott wichtig!  

„Mein Herr und mein Gott!“ – Von der Zärtlichkeit Gottes

Ich möchte mich heute einer weniger bekannten Person in der Bibel zuwenden: Thomas. Thomas, der Ungläubige, Thomas, der – ja, was eigentlich noch? Es gibt in den vier Evangelien vier unterschiedliche Begebenheiten, in denen Thomas namentlich erwähnt wird: bei der Berufung der Jünger (z. B. in Lukas 6,15), kurz bevor Jesus zu Lazarus geht: „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Mitjüngern: Lasst uns auch hingehen, damit wir mit ihm sterben!“ (Johannes 11, 16), während der Pessachfeier, kurz vor Jesu Kreuzigung: „Thomas spricht zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg kennen?“ (Johannes 14,5) und ein letztes Mal, in der bekannten Geschichte, in der er an der Auferstehung Jesu zweifelt (Johannes 20,24 bis 29).

„Lasst uns auch hingehen, damit wir mit ihm sterben!“ ist schwer zu verstehen. Mit „ihm“ kann nicht Lazarus gemeint sein. Jesus hat gerade darauf hingewiesen, dass er bereits gestorben ist. Der Artikel über Thomas von Wikipedia gibt den Hinweis, dass Bethanien, der Wohnort von Lazarus in der Nähe von Jerusalem liegt. Google Maps zeigt mir für den Weg von Al-Eizariya (Bethanien) nach Jerusalem aus bekannten Gründen einen Umweg von 25 km an. Der direkte Weg ist etliche Kilometer kürzer.

Jesus hat den Jüngern gesagt, dass er in Jerusalem getötet werden wird. Wenn Thomas den Weg nach Bethanien als Zwischenstopp auf dem Weg nach Jerusalem versteht, dann bekommt sein Satz eine mutige Bedeutung: „Lasst uns hingehen und mit Jesus sterben!“ Thomas hatte zugehört. Er war nicht nur bereit dazu, mit Jesus zu sterben, sondern ermutigte seine Mitjünger auch noch, mitzukommen. Da ist keine Spur von Zweifel. Fast wie selbstverständlich klingt diese Aussage.

Während des Pessachs stellt Thomas die Frage „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg kennen?“ (Johannes 14,5) Jesus hat gerade gesagt „Wohin ich aber gehe, wisst ihr, und ihr kennt den Weg.“ (Johannes 14,4)

Es ist die Frage von einem mutigen Schüler. Wie oft gibt es in der Klasse die Situation, dass eigentlich kaum einer versteht, wovon der Lehrer redet, aber keiner traut sich zu fragen. Auch die Jünger haben sich öfter nicht getraut zu fragen. Doch Thomas fragt. Weil er darauf vertraut, dass Jesus ihn nicht bloßstellen wird. Er weiß, dass er Fragen stellen darf. Er gibt damit zu, dass er es nicht weiß. Fragen stellen ist auch eine Form von Demut.

Nun zu der bekannten Geschichte, in der er zweifelt. Ein Pastor hat sich während einer Predigt lange daran festgehalten, dass Thomas nicht dabei war, als Jesus seinen Jüngern erschien. (Johannes 20, 24) Thomas hätte sich ausgeschlossen, wollte nicht zur Gruppe gehören usw. – Wo war Thomas? Vielleicht war Thomas rausgegangen, weil er es nicht mehr aushielt. Vielleicht war es ihm zuviel, seine eigene Trauer und die Trauer der anderen zu ertragen. Vielleicht versuchte er, den Logik – Fehler zu finden. Hatte Jesus gesagt, dass er in Jerusalem sterben würde? Ja! Hatte er, Thomas, gesagt, dass er mit Jesus sterben wolle? Ja! Warum war Jesus jetzt tot und er lebte noch?

Jesus selbst verlangte von Thomas keine Rechenschaft darüber, wo er beim ersten Mal war. Er kannte seinen Thomas. Thomas war nicht von vornherein ungläubig. Er hat auch auf dem gemeinsamen Weg zugehört und geglaubt und war bereit gewesen, mit ihm zusammen in Jerusalem zu sterben. Er wusste auch, bevor die anderen es ihm sagten, dass Thomas es brauchte, dass er mit den Händen die Wunden berührte. Er machte ihm keinen Vorwurf, sondern forderte ihn auf, genau das zu tun.

Thomas berührt die Wunden. Die Wunden seines Gottes. Was für eine Offenbarung.

Wäre Thomas wirklich ungläubig, dann hätte er darüber nachdenken müssen, an welche Götter er stattdessen glauben möchte.

Was gab es denn so im spirituellen Angebot zu Thomas‘ Zeit? Die Römer glaubten an viele Götter. Ihr Hauptgott Zeus vergnügte sich mit jedem weiblichen Wesen, was nicht rechtzeitig flüchten konnte und wurde daraufhin von dessen Frau Hera verfolgt und bestraft. In Ägypten wurden auch viele Götter angebetet. Darunter Isis, die von den Römern übernommen wurde. Sie war mit ihrem Bruder Osiris verheiratet, von dem sie post mortem ein Kind, den Horus bekam. Dieser stritt sich 80 Jahre mit seinem Onkel, der ja Osiris getötet hat, um den Königsthron, während Isis mal dem mal jenem half – beide Religionen hatten eins gemeinsam: die Götter hatten ihre Tempel Priester dienten ihnen, indem ihnen geopfert wurde, in Ägypten wurden die Götter-Figuren außerdem täglich gewaschen und angezogen. Keiner dieser Götter sorgte sich um die Menschen, keiner von ihnen hat jemals für einen Sterblichen etwas getan.

Genau in dieses spirituelle Umfeld kommt der auferstandene Christus und sagt zu Thomas „Berühre meine Wunden!“ Thomas scheint genau in diesem Augenblick verstanden zu haben, dass Christus der „Ich bin da!“ ist. Der Gott, der für ihn gestorben ist, damit er leben kann. Der Gott, der die Wundmale trägt, weil er sich nicht ihrer schämt. Seine Heilkraft hätte ausgereicht, dass seine Wunden restlos verheilt wären. Doch sie blieben. Thomas und uns zum Zeichen. – „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ heißt es in Jesaja 53,5.

 „Berühre meine Wunden!“ mutet fast zärtlich an. Es ist die Zärtlichkeit des Vaters, der versteht, dass sein Kind einen Beweis braucht. Einen Beweis dafür, dass Gott wirklich Mensch geworden ist. Ein Mensch, der wie ich Schmerzen, Verletzungen und Verzweiflung kennt. Einen Beweis dafür, dass Gott wirklich Gott ist, weil er auferstanden ist. Nur so lässt sich der Ausruf von Thomas verstehen „Mein Herr und mein Gott!“

Gott weiß, dass wir seine Hilfe brauchen, um glauben zu können. Darum dürfen wir seine Wunden berühren.  

Maria 1.0 – Annäherung an eine Unbekannte

Die Reise zu Elisabeth/ Maria unter dem Kreuz

Ich möchte heute meine kleine Serie über Maria beenden. Eine wichtige Begebenheit aus ihrem Leben habe ich bisher ausgelassen: ihre Reise zu Elisabeth.

Was trieb Maria zu dieser Reise? Der Engel Gabriel verkündet ihr zunächst, dass sie schwanger werden wird. Sozusagen als Bekräftigung dieser Aussage, erzählt er ihr, dass Elisabeth auch schwanger ist. (Lukas 1, 36)

Nachdem sie vom Heiligen Geist überschattet wurde, machte sie sich auf den Weg zu Elisabeth.  – Stopp, Moment! Ich könnte ja verstehen, dass sie, bevor sie schwanger wird, sich auf den Weg macht, um erst einmal zu überprüfen, ob das alles so stimmt, was der Engel gesagt hat. Doch Elisabeth spricht davon, dass „die Frucht deines Leibes“ (Vers 42) gesegnet ist. Also war Maria zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger.

Maria hat etwas Besonderes, etwas Großartiges erlebt. Sie war, wie es umschrieben wird, vom Heiligen Geist überschattet worden. Was auch immer ihr passiert ist, es muss ein prägendes Erlebnis gewesen sein. Vielleicht wird sie versucht haben sich selbst einzureden, dass sie das alles nur geträumt oder sich eingebildet hat. Aber einige Zeit später wird sie gemerkt haben, dass sie schwanger ist. Warum reist sie zu Elisabeth?

Ich kenne mich mit der Kultur des Alten Israel nicht aus, kann mir aber vorstellen, dass es damals nicht üblich war, dass ein junges unverheiratetes Mädchen einfach mal zu einer Verwandten reist. Vielleicht war ein Brief gekommen, in dem Elisabeth darum bat, Maria zu schicken, weil sie als Spätgebärende Hilfe brauche.

Für Maria war das sicher eine willkommene Reise. Denn egal, ob sie das glauben konnte, was ihr geschehen ist oder nicht, sie wird jemanden gebraucht haben, mit dem sie reden kann. Frauen reden miteinander, um über etwas Klarheit zu bekommen.

Als Maria ankommt, ist Elisabeth bereits sechs Monate schwanger. (Vers 36) D. h. Maria sieht sofort, dass der Engel die Wahrheit gesprochen hat. Das muss für sie eine Erleichterung gewesen sein. Als sie dann noch die Worte Elisabeths hört, die bis heute als das „Ave Maria“ bekannt sind, muss ihr klar geworden sein, dass sie die Erlebnisse mit dem Engel und dem Heiligen Geist nicht geträumt hat. In ihrem jubelnden Lobpreis spürt man förmlich die schwere Last von ihrem Herzen fallen.

Für Maria war die Reise wichtig. Es brachte ihr die Erkenntnis, dass Gott treu ist. Sie war nicht einem Tagtraum aufgesessen, sondern hatte wirklich eine Berufung erhalten.

Dann kommt mir noch ein Gedanke: Maria verbrachte drei Monate bei Elisabeth. D. h. ihre Schwangerschaft war zu sehen, als sie zurückkehrte. Nun unterschied die Rechtsprechung, im Fall von Ehebruch und davon mussten die Dorfbewohner bei ihr ausgehen, seitens einer Verlobten zwischen innerhalb oder außerhalb der Stadt . (4. Mose23- 29). Fand der Beischlaf außerhalb der Stadt statt, wird davon ausgegangen, dass das Mädchen um Hilfe gerufen, sie aber keiner gehört hat.

Da Maria aber bei Elisabeth war, gab es in ihrem Dorf keine Zeugen, die gegen sie hätten aussagen können. Sie hätte also durchaus das Opfer einer Vergewaltigung sein können.

Auch hier erkenne ich Gottes Treue. Er bewahrt Maria vor der Steinigung. Nicht nur das, er sorgte auch dafür, dass Josef bei ihr blieb. (Matthäus 1, 19 und 20)

Gott beruft nicht nur, sondern er beschützt auch seine Berufenen. Er sorgt für sie. Noch am Kreuz sorgt er für sie. (Johannes 19, 26 und 27)

Gott stellt sich zu seinen Menschen. Nachdem sich Maria sich Gott hingegeben hat (Lukas 1, 38) steht er treu zu ihr. Er gibt sie nicht dem Tod und später auch nicht dem Hunger preis.

Das lerne ich aus dieser, oft vernachlässigten Reise Marias zu Elisabeth.

Maria – eine Frau, die sich Gott hingegeben und ihre Berufung angenommen hat. Sie war demütig vor Gott, hat aber selbstbewusst vor Menschen den ihr zustehenden Platz eingenommen. Gott hat sich ihr gegenüber als treu erwiesen und sie war selbst treu. Sie war dabei, als Jesus mit seinem ersten Wunder sein Wirken begann und sie stand auch unter dem Kreuz. Eine Mutter in Israel, eine Jüngerin der ersten Stunde und soviel mehr als das!

Oft genug wird sie mit Hanna, Ruth und anderen Frauen in eine Reihe gestellt.

Doch eigentlich gehört sie in die Aufzählung von Menschen mit großen Berufungen: Mose, Elia, Abraham – und Maria!

Sie ist mir nicht mehr ganz so fremd. Ich bewundere sie. Nachfolgen möchte ich meinem Herrn. Glauben möchte ich wie Maria.

Maria 1.0 – Annäherung an eine Unbekannte

War Maria demütig?

Maria wird oft als Wegweiserin, als Führerin zu Jesus gesehen.
Maria wird oft als Wegweiserin, als Führerin zu Jesus gesehen.

(Wieder entschuldige ich mich im Voraus bei meinen kostbaren katholischen Geschwistern. Ich rede hier von Dingen, die ich persönlich mitbekommen habe. Zugegeben als Außenstehende. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit mit einem Katholiken bei einem Kakao zu philosophieren.)

Maria wird gerne als demütig, im Sinne von unterwürfig, dargestellt. Sie sei das Urbild der Frau, die sich ihrem Mann unterordnet und auch sonst habe sie brav das gemacht, was man ihr gesagt habe.

Ich schaue mir mal die Texte in der Bibel an: In Lukas 2, 41 bis 52. Es ist die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. In Vers 48 lese ich „…und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“

Maria macht sich Sorgen und ja, sie schimpft mit ihm. In der Volxbibel 4.0 ist zu lesen „Seine Eltern waren davon aber nicht so begeistert. ‚Junge, wie konntest du deiner Mutter so was antun? Wir haben dich überall gesucht!‘, sagte Maria vorwurfsvoll.“ Ich finde, das Team um Martin Dreyer hat den richtigen Ton getroffen. Maria redet hier nicht unterwürfig, sondern fordert das ein, was ihr nach 5. Mose 5, 16 („Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,…“) zusteht. Jesus soll sie ehren, indem er ihr gehorcht und nicht einfach weglaufen.

Die nächste Stelle finde ich in Johannes 2, 1 bis 11. Hier ist von der Hochzeit in Kana die Rede.

Als Maria mitbekommt, dass der Wein ausgegangen ist, erzählt sie es Jesus. Seine Antwort in Vers 4 klingt ziemlich schroff:“ „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“  – Diese Aussage wird als Beweis dafür gedeutet, dass der erwachsene Jesus sich in Öffentlichkeit von seiner Mutter abgrenzt, sich abgrenzen muss. Sie reagiert nicht verletzt. Sie fordert nur die Diener auf „Was er euch sagt, das tut.“ (Vers 5) Deswegen wird sie oft als Wegweiserin, als die, die zu Jesus führt, verstanden.

Auch hier lese ich keine Unterwürfigkeit ihrerseits heraus.

Demütig war sie Gott gegenüber. In Lukas 1, 38 sagt sie zum Engel Gabriel „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort!…“

Doch vor Menschen beugt sie sich nicht. Sie nimmt den Platz einer Mutter im Alten Israel ein.

Sie sorgt dafür, dass Jesus seinen Platz einnimmt. Wäre Jesus ein König gewesen, wie die Menschen es sich vorgestellt haben, dann hätte sie bei der Krönung Jesus die Krone aufgesetzt.

Das scheint auch so ein Geheimnis beim christlichen Glauben zu sein: Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen gerade stehen.

Ich denke, das ist genau das, wodurch ich all die „harten“ Forderungen erfüllen kann, wie z. B. den anderen höher achten, als mich selbst oder für meine Feinde zu beten: Wenn mir bewusst ist, welchen Platz Gott für mich hat und diesen auch einnehme, dann kann ich mich vor Menschen auch zurücknehmen. Die Zacken aus meiner Krone als Königskind, als Gotteskind können nicht rausbrechen. Diese Würde nimmt mir keiner, selbst dann nicht, wenn ich den anderen höher achte, als mich selbst.

Was bleibt?

Maria wird mich weiter beschäftigen. Doch am Ende des Jahres möchte auch ich innehalten.

Was bleibt von all den großen und kleinen Aufregern? Den kleinen und großen Glücken? Bei den ganzen Jahresrückblicken fällt mir wieder auf, dass Nachrichten, die mich aufgeregt oder berührt haben, schon wieder vergessen waren. Es bleibt nur ein „Ach ja, das war ja dieses Jahr!“

Ich bin dieses Jahr Gott näher gekommen. Nein, anders: Gott ist mir näher gekommen. Irgendwie ist es für mich immer noch erstaunlich. Nachdem ich nichts mehr zu tun haben wollte mit Christen – und bis heute sind mir Christen suspekt (Obwohl ich selbst einer bin.) – hat Gott sich um mich gekümmert. Altmodisch ausgedrückt: Er hat sich meiner erbarmt.

Dafür bin ich Ihm sehr dankbar. In dieser lauten und oberflächlichen Welt fühle ich mich oft unwohl. Ich brauche meinen Glauben.

Was bleibt vom Jahr?

Vor Weihnachten habe ich mit meinen Kids in der Gruppe über den Glauben philosophiert. Was heißt Glauben? Wie oft muss ein Mensch lügen, bis ich ihm nicht mehr glaube? Was ist der Unterschied zwischen „an den Weihnachtsmann glauben“ und „an Gott glauben“? Zum Schluss erzählte ich, dass die Neurotheologen, also die Wissenschaftler, die den Glauben im Gehirn verorten wollen, herausgefunden haben, dass das Glaubensareal so tief im Gehirn versteckt ist, dass keine Demenz, kein Tumor, kein Unfall dieses Areal beschädigen kann. Darauf fragte ein Junge, ob denn wirklich der Glaube nur in einem Areal stattfindet. Zum Glauben gehöre doch auch das Sehen und Hören usw. Als nächstes fragte er, ob man dann theoretisch das Glaubensareal aus dem Gehirn rausschneiden könne.

Ich überlegte. Zögernd antwortete ich „Ich denke schon. Aber möchte man ohne Glauben leben?“ Er erwiderte „Das wäre wie eine glatte Wand, an der man sich nicht festhalten kann!“

Er hat es erfasst! Dieser Junge hat begriffen, worum es geht beim Glauben: Etwas zu haben, woran man sich festhalten kann! Eine Hoffnung zu haben, jenseits von dem, was Menschen einem antun können, jenseits von all dem Leid.

Hoffnung auf einen Neuanfang, Hoffnung auf ein Leben in Ewigkeit, Hoffnung, darauf, dass alle Tränen getrocknet werden – von Gott selbst. (Offenbarung 21, 4)

Möge euch diese Hoffnung im neuen Jahr begleiten und möge euch der nahe sein, der diese Hoffnung schenkt: Christus!

Maria 1.0 – Annäherung an eine Unbekannte

Maria Verkündigung II

Ich wünsche Euch noch gesegnete Weihnachten.

Ich bin gedanklich immer noch bei Maria. Diese Frau fasziniert mich gerade sehr.

Nachdem ich festgestellt habe, dass ihre Verkündigung eher eine Berufung ist, möchte ich ihre Berufungsgeschichte, mit der von Mose vergleichen.

Ihre Geschichte (Lukas 1,26 bis38) ist wesentlich kürzer als die von Mose. (2. Mose Kapitel 3, Vers1 bis Kapitel 4, Vers 17) Das liegt vor allem daran, dass Mose regelrecht mit Gott verhandelt. Er möchte den Namen Gottes wissen, bittet um Zeichen, die Seine Aussage bestätigen und in 2. Mose 4, 10 schließlich, sagt er, dass er nicht vor Pharao sprechen kann. Er habe eine „schwere Zunge“. (Als Ägyptologin merke ich an, dass wohl damit gemeint ist, dass er gestottert hat oder einen anderen Sprachfehler hatte. Wenn Mose am Hof des Pharao aufgewachsen ist, dann konnte er Mittelägyptisch, also die Sprache der Hieroglyphen und „die Kunst der schönen Rede“ (Rhetorik), die die Ägypter so sehr schätzten.)

Immer wieder hat Mose Einwände, warum er nicht der Richtige für die Berufung ist. Laut 2. Mose 4, 14 wird Gott „sehr zornig“ auf ihn.

Und Maria? Beim Lesen fiel mir ein Satz auf. Sie „dachte darüber nach, was das für ein Gruß sei.“ (Lukas 1, 29) Noch bevor sie von ihrer Berufung erfährt, denkt sie nach. Das ist übrigens ein Satz, den ich öfter über sie lese: Nachdem die Hirten gegangen waren, heißt es von ihr „Maria behielt aber alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2, 19). Nachdem sie den zwölfjährigen Jesus glücklich im Tempel wiedergefunden hat und er ihr sagte, dass er im Haus seines Vaters sein müsse, lese ich „Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ (Lukas 3, 51) Besonnenheit scheint eine Eigenschaft Marias zu sein.

Das zeigt sich auch darin, dass es nur eine einzige Nachfrage gibt: „Wie kann das sein, da ich von keinem Mann weiß?“ (Lukas 1, 34) – Das scheint eine natürliche Reaktion zu sein. Für uns Menschen sind Wunder schwierig zu glauben. Nach der Erklärung, dass für Gott nichts unmöglich ist, hören ihre Fragen auf.

Vielleicht spürte sie durch die Gegenwart des Engels etwas, was Mose neben dem Dornbusch nicht spürte. Wenn Gott in das Leben von jemanden persönlich tritt, hören die Fragen auf. Vielleicht war es nicht ihre oft gelobte Demut, sondern diese eine persönliche Begegnung mit Gott. Wenn dir Gott begegnet, du dir Seiner Liebe bewusst wirst, dann bleibt dir nichts Anderes übrig, als dich dieser Liebe zu ergeben.

Mir fehlt gerade die Ruhe, diese Gedanken zu Ende zu bringen. Ich werde dran bleiben an  Maria.

Euch wünsche ich genau diese Erfahrung: dass ihr von Gott berührt werdet.

Maria 1.0 – Annäherung an eine Unbekannte

Maria Verkündigung

Selbstgemachte Krippe

(Meine kostbaren katholischen Geschwister bitte ich schon vorab um Entschuldigung. Mir als evangelische Christin sind nur die Bibelstellen in denen Maria erwähnt wird, bekannt. Weitere Schriften über sie kenne ich nicht.)

Jetzt in der Adventszeit rückt wieder eine Person in den Mittelpunkt, die im evangelischen Kosmos schnell vergessen wird: Maria. Pastoren stricken mal eben schnell eine Predigt über sie zusammen: junge Frau aus einfachen Verhältnissen bekommt gesagt, dass sie den Retter der Welt gebären wird, sie reagiert darauf sehr demütig und ordnet sich schicksalsergeben später ihrem eigenen Sohn unter. Darauf ein kräftiges „Amen!“ und der Punsch kann beim anschließenden Kirchenkaffee fließen.

Doch halt! Seitdem ich merkwürdige Erfahrungen mit Predigern gemacht habe, lautet mein Credo „Selber lesen! Selber denken! Selber glauben!“

Deswegen mache ich mich auf die Suche. Was erfahre ich, jenseits von Predigten, über Maria?

Ich beginne mit Maria Verkündigung. Auf der Suche nach Parallelstellen fällt mir sofort die Erzählung von Abram und Sarai ein. Der Engel des Herrn sagte Abram zu, dass er eigene Nachkommen haben wird. (1. Mose 15,4)

Im Lukasevangelium wiederum wird erzählt, dass Zacharias im Tempel der Engel Gabriel erscheint. Dieser verkündet ihm, dass seine Frau Elisabeth schwanger werden wird. (Lukas 1,5 – 20)

 Es gibt bei beiden Geschichten mehrere Gemeinsamkeiten: Beide Paare, Abram und Sarai und Elisabeth und Zacharias, sind bereits alt und sie haben keine Kinder. In beiden Erzählungen erscheint der Engel dem Ehemann und nicht der Frau, die eigentlich direkt betroffen ist. Sarai und Zacharias reagieren jeweils mit Unglauben.

So weit, so gut. Nun zu Maria Verkündigung (Lukas 1, 26 – 38). Es gibt einen Unterschied: Gabriel erscheint Maria persönlich! Nicht ihrem Verlobten Josef, nicht ihrem Vater.

Noch ein Unterschied, ein wesentlicher: Sarai und Elisabeth hatten eine Not. Sie waren kinderlos geblieben und das wurde im Alten Israel als Makel angesehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie Gott des Öfteren um Nachwuchs angefleht haben.

 Für Maria war die Welt in Ordnung. Sie war jung und sicher auch attraktiv, denn sie war verlobt. (Nirgendwo in der Bibel steht, dass Josef alt war.) Die Zukunft sah für sie rosig aus – und dann kam der Engel. Er sagte ihr nicht, dass ihr Flehen endlich erhört wurde und sie nach langen Jahren endlich schwanger werden würde. Es war nicht eine persönliche Not, der Gott begegnete, sondern die Zusage, dass eine Verheißung für das Volk Israel endlich erfüllt werden würde.

So sind die erwähnten Erzählungen von Abram und Zacharias eben keine Parallelstellen! Parallelstellen zu diesem Text wären z. B. 2. Mose 3, 1bis 4,17 und Jesaja 6, 1 – 13. Ähnlich wie Mose und Jesaja wird Maria berufen! Die Berufung bestand nicht in der angekündigten Schwangerschaft. Ihre Berufung war nichts Geringeres, als dass sie den ersehnten Messias auf die Welt bringen würde.

Mose führte die Hebräer ins gelobte Land. Jesaja sollte das Volk dazu bringen, dass es zu Gott umkehrt.

Durch Maria wurde der Retter der Welt sichtbar. Durch sie wurde der Sohn Gottes erzogen. Durch sie wurde Er in seine Berufung eingeführt. (Das wird jetzt schwierig. Ich möchte deswegen in einem weiteren Input darauf eingehen.)

Es gibt viele Berufungsgeschichten in der Bibel. Propheten werden berufen, Könige gesalbt und Apostel zu Völkern gesandt. Aber die größte Berufung und damit die schwerste Last, bekommt eine Frau! Ausgerechnet eine Frau! Ausgerechnet ein Mensch, der zu einer Gruppe gehört, die bis heute unterdrückt wird.

Einen spannenden Gedanken – Pfad habe ich da betreten. Ich möchte weiter über das Thema Berufung nachdenken. Auch finde ich es interessant, wie Maria auf diese Berufung reagiert. Ist sie wirklich so demütig, wie es gerne von der Kanzel herunter gepredigt wird? Damit werde ich mich im nächsten Input auseinandersetzen. Jenseits der Verkrustungen durch Predigten und Dogmen werde ich mich weiter dieser Frau annähern, die mir noch sehr unbekannt ist.

Bin gespannt, was dabei herauskommt. Ihr auch?

Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht

Im Moment bin ich ein wenig unruhig, traurig. Mir wird immer wieder schmerzlich bewusst, wie nötig diese Welt Gott braucht. Ich höre von Kinderprostitution im Urlaubsparadies. Bekomme mit, wie Menschen während ihrer Krankschreibung entlassen werden und erfahre, dass das neuerdings rechtens ist. Weil ich mich gewundert habe, warum die Bettler nur uns Europäer angesprochen haben, fragte ich während meines Urlaubs in Asien meine Reiseleiterin deswegen. Sie antwortete, dass die Buddhisten der Meinung seien, dass die Bettler ihre Lage selbst verschuldet hätten. Irgendwann in einem ihrer Vorleben hätten sie schlechtes Karma angesammelt. Deswegen bekämen sie von den Einheimischen keine Hilfe.

Nach wie vor ertrinken im Mittelmeer Flüchtlinge und Obdachlosen wird das Wenige, was sie haben, in der Nacht gestohlen.

Wie oft habe ich es selbst schon erlebt, dass jemand meine Schwächen ausgenutzt hat, um selbst stark zu erscheinen. In sozialen Netzwerken wird diskutiert, dass es nicht sein kann, dass wieder im sozialen Bereich gekürzt wird. Gleichzeitig wird mit dem Finger auf andere gezeigt. „Idiot“ ist noch die netteste Titulierung. Gier, Hass und Neid ist in diesen Netzwerken in Reinform zu sehen. Wieso diese noch „sozial“ genannt werden, ist mir schleierhaft. Innerlich muss ich meiner Staatsbürgerkundelehrerin Recht geben: Kapitalismus bedeutet Leid für Viele für den Profit von Wenigen! Ob es dir passt oder nicht, du musst da mitziehen.

Ich stöhne innerlich auf. Ich wache nachts auf und schaue aus dem Fenster. Irgendwie erwarte ich, dass eine Trompete erschallt. Die, die verkündet, dass jetzt die Welt untergeht. Herr, wie lange noch? Wann kommst du endlich? Wie hältst du das überhaupt noch aus?

Wenn bei einer Bastelarbeit von meinen Kids im Kurs etwas schief läuft, dann streuen sie Glitzer drüber, viel Glitzer! Diese Welt ist keine schief gelaufene Bastelarbeit. Glitzer hilft nicht!

Was hilft?

Ich habe Rückenschmerzen, weil ich mich verhoben habe. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich die Last der Welt tragen. Dieser kaputten Welt, die ich nicht in Ordnung bringen kann. Da fällt mir eine Liedzeile ein: „Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht – Er hört dein Gebet!“

Gebet hilft. Ich kann diese Welt nicht tragen, aber ich kann für sie beten. Leise schiebt sich diese Zeile vom Kopf ins Herz. Gebet hilft! So bete ich. Bete und hoffe gleichzeitig auf den Adventus Domini – die Ankunft des Herrn.

Denn dann wird Gott „abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21,4)

Amen.

„Safe hands“ (Michael Patrick Kelly) vs. “Plan B” (Udo Lindenberg)

Ich habe mir vor Kurzem 2 CDs gekauft. Im Auto höre ich beide dann hintereinander. Mir fällt dabei auf, dass 2 Lieder genau meinen inneren Kampf, den ich gerade durchkämpfe, beschreiben.

Ich bin seit über 20 Jahren Christin, bin glaubensmäßig durch Höhen und Tiefen gegangen. Mal fühlte ich mich Gott nahe, mal war ich gefühlt „an der langen Leine“.

Vor einem guten Jahr war ich kurz davor, meinen Glauben zu verlieren. Heute blicke ich zurück und bin dankbar, dass Gott mich so berührt hat und ich mich nun von Ihm geliebt fühle. Ich spüre, dass es dran ist, mich Gott ganz hinzugeben, in dem Sinne, dass ich Ihm ganz vertraue. Nicht nur, wenn ich mal keinen Parkplatz kriege oder es mir nicht gut geht, sondern immer. Bereit zu sein, mich von Ihm im Tagesablauf unterbrechen zu lassen. Ich rede hier von konsequenter Nachfolge. Davon, mich im Zweifelsfall für den schwereren Weg zu entscheiden und z. B. den anstrengenden Auftraggeber in Liebe anzunehmen, anstatt, wie allgegenwärtig gefordert, Grenzen zu setzen. Ich rede davon, dass ich täglich mein Kreuz trage, indem ich den Anderen höher achte, als mich selbst, mich auch dann nicht zu verteidigen, wenn die Vorwürfe nicht gerecht sind. Das klingt radikal – aber wenn man mal im Neuen Testament genauer liest, dann waren Jesu Forderungen radikal!

Nicht meinem Willen, sondern Gottes Willen folgen, das klingt sehr unmodern. Dann doch lieber wie Udo Lindenberg singt in „Plan B“: „Navigator eingestellt/ Werd‘ mein eigener Chef in dieser Welt/ Dass das mal klar ist!“. Das ist doch genau das, was ich will. Im Leben möchte ich mein eigener Chef sein! Ich singe hier gerne mit! Dabei habe ich regelmäßig all die Leute vor meinen Augen, die sich einmischen wollten und leider auch eingemischt haben. Wie oft wurde mir von Leuten erzählt, wie ich zu sein hätte oder dass ich, so wie ich bin, nicht richtig bin. Denen singe ich mit Udo „Ich werde mich nicht ändern/ Werd‘ kein anderer mehr sein/ Weil’s eh schon schwer genug ist/ Einfach nur ich zu sein!“

Doch dann bei längeren Autofahrten, kommt ein Lied von Michael Patrick Kelly „Safe hands“. “…cos with you is my witness/ you make me wanna be a better man” (“Du als mein Fürsprecher/ du machst, dass ich ein besserer Mann sein will“ – Übersetzung nach www. songtexte.com)

Plötzlich klingt das „Ich werde mich nicht ändern!“ nicht mehr trotzig, sondern nur noch kleinlaut. Denn ich habe das auch erlebt:  “i can be fearless/ you make me believe in a bigger plan/ cos when i am with you/ i know that i am in safe hands” („Ich kann furchtlos sein/ Du machst, dass ich an einen größeren Plan glaube/ Weil wenn ich mit dir bin/ Weiß ich, dass ich in sicheren Händen bin.“ – Seit ich erfahren habe, wie sehr mich Gott liebt, fühle ich mich wirklich geborgen. Egal, was andere mir sagen, Gott liebt mich. Bei Ihm bin ich richtig!

„Will kein anderer mehr sein!“ – Andererseits, kann ich Gott wirklich vertrauen? Ich kann doch mein Ding machen. Es reicht doch sicher, wenn ich bloß ein Fan von Jesus bin, oder?

„You make me wanna be a better woman“ – Jesus verteilt keine Autogrammkarten! Von Fan sein, war nie die Rede! „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ (Lukas 9, 23 +24) Ich möchte dieses Leben!

„Hey Baby, ich sag goodbye/ Mit der Lebensänderungsschneiderei/ Ich bin doch kein Schnarcho!“ – Nein, ich bin kein Schnarcho! Ich habe die Nase voll von den Leuten, die es besser wissen, es aber selbst nicht besser machen! Ich möchte leben! Ich möchte MEIN Leben leben!

„you make me believe in a bigger plan/ cos when i am with you/ i know that i am in safe hands” – Habe ich wirklich mein Leben in der Hand? Habe ich es nicht oft genug erlebt, dass mein guter Plan nicht funktionierte und Gottes Plan stattdessen viel besser war? Du möchtest also leben. Jesus sagt „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6) Wenn du also leben willst, dann vertraue dem, der das Leben ist!

„Konsequenz hat einen Namen/ Und der fängt mit U an!“ – Jo, mein Reden! Ganz konsequent werde ich nur noch auf mich hören! Mit erhobenem Haupt stehe ich vor den Menschen. Ich lasse mir nicht mehr reinreden! Wer es trotzdem versucht, kann mich mal – am Mors kleien!

                                               „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“ – Wo kommt diese sanfte Stimme plötzlich her? Wer mischt sich ein, in mein inneres Selbstgespräch? Bist du das, Herr? Wieso bin ich dir so wichtig? Wieso ist es dir nicht egal, wie ich lebe und was ich aus meinem Leben mache? Du schaust mich ruhig an und breitest deine Arme aus. Deine Hände sind durchbohrt. Ich verstumme. Mein Selbstgespräch verstummt. Ich werde ruhig. Ich gehe vor dir auf die Knie. Doch du hebst mich auf und nimmst mich in den Arm. Bei dir bin ich geborgen. Mir ist, als hätte ich ein Schwert fallen gelassen. Ich höre noch, wie das Metall zu Boden fällt. Die Kämpfe haben aufgehört.

Gott sei Dank!