Hoffnung

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Beim Aufräumen habe ich ein Schleifenband von Weihnachten wiedergefunden. Neben „Merry Christmas“ steht da auch ein, für mich sehr wichtiges Wort: Hope – Hoffnung!

„Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn und sich nicht wendet zu den Hoffärtigen und zu denen, die mit Lügen umgehen!“ (Psalm 40, 5) heißt in der Lutherübersetzung. Hoffärtig ist ein veraltetes Wort und kann mit „stolz, hochmütig, hochnäsig“ übersetzt werden.

Mir fällt es nicht leicht, in dieser Zeit ruhig zu bleiben. Zuviele Informationen, zuviele Halbwahrheiten und gefühlt jeder weiß es besser. Ich habe Menschen um Rat gefragt. Doch sie wussten auch nicht so Recht, wie mit der aktuellen Situation umzugehen ist. Da fiel mir auf, dass ich heute noch nicht gebetet habe. Ich setzte mich also hin und nach einiger Zeit verspürte ich Ruhe, einen inneren Frieden. Jetzt geht es mir wieder besser.

Hoffnung! Wenn Einer/ Eine sie haben kann, dann Menschen, die sich Christus anvertraut haben. Hoffnung ist heutzutage das kostbarste Gut. Während meiner Zeit in der „Jungen Gemeinde“ haben wir ein Lied von Ludger Edelkötter gesungen:

„Kleines Senfkorn Hoffnung,
Mir umsonst geschenkt,
Werde ich dich pflanzen,
Dass du weiter wächst,
Dass du wirst zum Baume
Der uns Schatten wirft,
Früchte trägst für alle alle,
Die in Ängsten sind.“  

Ich möchte nicht vergessen, dass ich durch Christus einen Grund zur Hoffnung habe und diese Hoffnung an andere weitergeben. Ich möchte mich an meinen Jesus festhalten und darauf vertrauen, dass Er mich auch dann hält, wenn ich aus Versehen loslasse. So, wie Er auch Petrus sofort ergriffen hat, weil dieser kurz auf die Wellen schaute, anstatt auf Ihn. (Matth. 14, 28 – 31)

Ja, Petrus hat kurzzeitig versagt und Jesus nicht vertraut. Aber er war gleichzeitig der einzige Jünger, der es überhaupt gewagt hat, aus dem Boot zu steigen und auf dem Wasser zu gehen! Ich mag Petrus. Polter-Petrus, wie ich ihn manchmal liebevoll nenne. Petrus der manchmal schneller redet, als er denkt. Petrus, der sich verunsichern lässt und es mal mit den Juden und mal mit den Heiden hält. Petrus, der dem römischen Soldaten ein Ohr abgeschlagen hat, um zu verhindern, dass sein Herr verhaftet wird und auch der Petrus, der genau wusste, wie bitter nötig er die Vergebung dieses geliebten Herrn hatte. Wenn ich darüber nachdenke, dann entdecke ich mich selbst. Wie bin ich doch selbst emotional, mutig und dann wieder unsicher, trotzig und dann wieder kleinlaut. Wenn ich dann darüber nachdenke, wie liebevoll Jesus mit Petrus umging und wie sehr Er ihn gebraucht hat, dann habe ich Hoffnung. Hoffnung, weil ich weiß, dass Jesus mich bedingungslos liebt und Hoffnung, dass Er mich unvollkommenen Menschen gebrauchen kann, um Sein Reich zu brauchen. Er kann meinen kleinen Mut gebrauchen. Ich muss nicht vollkommen sein. Er braucht nur meine Hingabe.

So pflanze ich das Senfkorn Hoffnung, damit es Früchte trägt für alle, die in Ängsten sind.

„Biet ihm ein Heißgetränk an, Shelly!“ – Leid(t)faden für ungeplante Seelsorgegespräche

Wer kennt es nicht? Da steht man nach dem Gottesdienst gemütlich beisammen und fragt ahnungslos sein Gegenüber, wie es ihm geht und der bricht in Tränen aus. Jetzt ist guter Rat teuer. Aus eigener Erfahrung habe ich hier einen kleinen Leid(t)faden für akute Seelsorge zusammengestellt. Ich habe mit Absicht „Leitfaden“ mit d geschrieben. Ich habe selbst schon oft genug an schlechter Seelsorge gelitten. Deswegen fange ich mit den typischen Fehlern an:

  1. Vergib ihm/ihr! – Dieser Satz ist richtig und auch biblisch, doch es ist oft die falsche Situation, in der er fällt! Oft genug habe ich es erlebt, dass wohlmeinende Menschen diesen Satz gesagt haben, kurz nachdem der Andere von seinem Kummer erzählt hat. Menschen, die schon lange Christen sind, wissen in der Regel selbst, dass Vergebung wichtig ist. Es geht also nicht darum auswendig gelernte Ratschläge zu erzählen. Auch ist nicht jeder, der sich schwer damit tut, einem anderen zu vergeben ein trotziger, aufmüpfiger Mensch. Vergebung ist gerade bei schwerwiegendem Kummer ein Prozess! Wenn du jahrelang von einem Verwandten missbraucht wurdest oder andere schlimme Dinge erlebt hast, dann ist der Rat, demjenigen zu vergeben als erste Reaktion eine schallende Ohrfeige!
  1. Och, so schlimm ist das nicht! Auch dieser Satz ist eine schallende Ohrfeige. Wer gibt dir das Recht, Leid in Kategorien einzuteilen? Ein Armbruch ist schlimmer als nervige Kinder? Die Kündigung ist eine neue Chance? Woher willst du wissen, was für den Anderen schlimm ist? Gerade wir Deutsche tun uns oft schwer damit, unseren Kummer preis zu geben. „Was soll der Andere von uns denken!“ ist ein landläufiger Gedanke. Deswegen kann es sein, dass erst ein kleiner Kummer erzählt wird, um rauszufinden, wie der Andere damit umgeht. Wird jetzt bagatellisiert, kommt das eigentliche Problem nicht mehr zur Sprache.
  1.  Mach eine Therapie! Geh‘ zum Seelsorger! – wusch, eine dritte Ohrfeige, innerhalb weniger Minuten! Bist du ausgebildeter Therapeut? Ein geschulter Seelsorger? Nein? Warum maßt du dir dann an, ein Urteil abzugeben, ob jemand eine Therapie braucht? Bei einem nicht geplanten Seelsorgegespräch kennst du in der Regel dein Gegenüber nicht gut genug, um beurteilen zu können, ob er eine Therapie benötigt. Wenn du nur einen Moment ehrlich zu dir selbst bist, wirst du zugeben müssen, dass es deine eigene Hilfslosigkeit ist, die dich zu solchen Rat-Schlägen bringt.

Wenn du jetzt fragst, was du denn sonst tun sollst, habe ich ein paar Ideen für dich, die sich bewährt haben bei einem akuten Seelsorgegespräch.

  1. „Biet‘ ihm ein Heißgetränk an, Shelly!“ – Der erste Vorschlag stammt von der Mutter des Serienhelden aus „The Big Bang Theorie“ Dr. Sheldon Cooper. Dieser hochbegabte Mann hat im sozialen Leben erhebliche Schwächen. Deswegen gibt ihm seine Mutter den Rat, Menschen, die ihm etwas von ihrem Kummer erzählen, als erstes ein Heißgetränk anzubieten. Dieses Heißgetränk hat mehrere Funktionen: Es verschafft dir eine Atempause. Während du die Becher holst und einfüllst, kannst du selbst deine Gedanken sortieren und dir überlegen, was zu tun ist. Der Andere hat dieselbe Chance. Das Heißgetränk signalisiert zudem, dass der Bekümmerte gehört wird. Er darf erzählen. Der Andere nimmt sich Zeit für ihn. Wenn kein Kaffeeautomat o. ä. in der Nähe ist, dann versuche irgendwie anders eine angenehme Atmosphäre zu schaffen: setzt euch hin oder stellt euch zumindest in eine Ecke, in der euer Gespräch nicht unfreiwillig belauscht werden kann. Der zugige Gang neben einer Toilette ist nicht der Ort, an dem man entspannt über seinen Kummer reden kann.
  1. „Was willst du, was ich dir tun soll?“ (Lukas 18, 41) -Jesus selbst macht es uns vor. Als ein Blinder ihn ruft, fragt er ihn: Was soll ich für dich tun? Er heilt ihn nicht sofort. Der Andere darf selbst entscheiden.

So kannst auch du erst einmal nachfragen. Der Andere weiß wahrscheinlich, dass du kein Profi-Therapeut bist. Er wird nicht erwarten, dass du den perfekten Rat hast. Meist dürfte es der Wunsch sein, dass einfach mal jemand zuhört.

Beim Zuhören solltest du unbedingt beachten, dass du zuhörst! Nein, du daddelst nicht auf deinem Handy rum oder gehst in Gedanken die nächste Woche durch! Du hörst zu!

Vielleicht fragst du noch nach, weil du einen Zusammenhang nicht verstanden hast. Wichtig ist auch, dass du zunächst alles, was der andere dir erzählt, als wahr annimmst. Du hinterfragst nicht dessen Perspektive. Erkenn‘ das Leid des Anderen an! Verurteile ihn nicht oder hinterfrage seine Handlungen! Du weißt nicht, was du getan hättest, weil du nicht in seiner Situation bist oder warst!

  1. Gebet geht immer! – Wenn du nicht weißt, was zu tun ist, kannst du innerlich beten „Herr, schenke mir Weisheit!“ Wenn dein Gegenüber selbst nicht weiß, was er möchte, was ihm helfen könnte, dann frage ihn, ob du für ihn beten kannst. Bitte denke daran, denjenigen vorher zu fragen, ob du ihn dabei anfassen darfst. Manche mögen eine fremde Hand auf der Schulter nicht. Gebet schafft oft eine andere Atmosphäre. Die gefühlte Hilfslosigkeit findet im Gebet ihr Ende. Auch kann es ein guter Abschluss des Gespräches sein.

So in etwa könnte ein ungeplantes Seelsorgegespräch ablaufen. Es braucht oft wenig und kann doch viel bewirken. Bei der beschriebenen Situation wird kaum einer erwarten, dass du die Lösung hast. Also hör zu und bete mit ihm. Kaffee?

Buddhistisches Christentum oder christlicher Buddhismus?

Ich war letztes Jahr in Asien. Unsere Reiseleiterin las uns jeden Morgen einen kurzen Abschnitt aus der Lehre Buddhas vor. Dadurch bin ich längst noch nicht in die Tiefe des Buddhismus eingedrungen. Aber eins ist mir dabei aufgefallen: Das klingt sehr anstrengend!

Doch so unbekannt kamen mir die Sätze nicht vor. Da war doch was? „Du musst an dir arbeiten!“, „Du musst regelmäßig beten!“, „Wenn du noch nicht gesund bist, obwohl du dafür gebetet hast, glaubst du nicht genug!“, „Du musst in Zungen reden!“ – Das alles sind Sätze, die man so oder so ähnlich zumindest vereinzelt in verschiedenen Freikirchen hören kann. Diese Sätze haben alle eins gemeinsam: „Du musst!“ Es scheint, als könne der Mensch gar nicht ohne Druck auskommen. Als bräuchte er es, etwas leisten zu müssen. Ich bin da auch nicht frei von.

Aber Jesus sagt „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matth. 11, 28)  – Was für ein Angebot! Keine Leistung ist zu erbringen! Kein „Du musst!“  – „Ja, aber der christliche Glaube ist ernst zu nehmen! Du kannst doch nicht bleiben, wie du bist!“ werden vielleicht Einige einwenden.

Ja, kannst du auch nicht! Wenn du erst einmal erkannt hast, wie sehr Gott dich liebt, möchtest du auch nicht so bleiben, wie du bist. Es gibt jedoch einen anderen Weg: Überlass dich Gott! Lass Ihn tun! Höre auf damit, dir strenge Bibellesepläne zu schreiben oder dir vorzunehmen, dass du noch vor dem Aufstehen eine Stunde betest! Das hältst du genauso lange durch, wie deine guten Vorsätze zu Silvester.

Überlass dich Gott! Vertrau Ihm ganz. Gib dich Ihm ganz hin! Nicht peu à peu erst deine Freizeit, dann deine Finanzen und irgendwann den Rest. Gib‘ dich ganz hin.

Er möchte dir ein Vater sein! Wenn du nicht gerade Gutes mit dem Wort „Vater“ verbindest: Er möchte dir eine Mutter sein! (Falls das jetzt komisch klingt – „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;…“ – Jes. 66,13, spricht für einen weiblichen Teil in Gott selbst.)

Ich möchte dir Mut machen, dich auf diesen liebenden Gott einzulassen. Wenn Er wie eine Mutter, wie ein Vater für dich sorgt, dann kannst du auch dich Ihm überlassen. Mir persönlich ist es schon aufgefallen, dass mir Dinge plötzlich leicht fallen, die mir viel Mühe gemacht haben, als ich sie aus eigener Kraft versucht habe. Manchmal frage ich mich erstaunt „Hast du das jetzt wirklich gedacht?“ z. B. wenn es mir gelungen ist, nicht über jemanden zu richten.

Ja, es ist wichtig, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Aber wenn ich meinen Weg mit Gott gehe und Ihm vertraue, dann wird Er auch zu einer passenden Zeit mich die Wahrheit über mich erkennen lassen und mich zu dem Menschen ändern, der ich nach dieser Erkenntnis auch sein möchte. (Phil. 2, 13)

Überlass dich Gott!     

Therese von Lisieux – Das Kreuz auf sich nehmen

Glasfenster, Pfarrkirche St. Johannes Baptist, Höxter

Heute möchte ich über eine Frau schreiben, die mich sehr beeindruckt: Therese von Lisieux.

Ihr äußeres Leben ist schnell erzählt: 1873 wurde sie in eine stark katholische Familie geboren. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Mutter. Schon früh wollte sie ins Kloster eintreten. Das wurde ihr nicht gestattet. Nachdem sie mit ihrem Vater zusammen den Papst um Erlaubnis gefragt hatte, durfte sie mit 15 endlich in den Karmel eintreten. Mit nur 24 Jahren starb sie an Tuberkulose.

Ihr inneres Leben dagegen ist nicht so schnell umrissen. Sie hatte sehr tiefe Gedanken. Ihre Themen waren die Gnade Gottes, die liebevolle Hingabe an eben diesen gnädigen Gott.

Oft genug wird sie als „ihrer Zeit voraus“ angesehen, als jemand, der trotz falscher Kirchenlehre den richtigen Weg gefunden hat.

Sie war ein Kind der Kirche. Sie liebte ihre Kirche. Ich denke, es war nicht ihr Ziel revolutionär zu sein. Sie wollte nichts Neues bringen. Sie wollte „das Alte“, also die Worte Jesu, die zu ihrer Zeit schon über 1800 Jahre alt waren, bestätigen.

Sie hat mir meine Fragen, wie einige Bibelstellen zu verstehen seien, intensiver beantwortet, als Pastoren und Prediger, deren Predigten ich gehört habe.

Manchmal ist es schwierig für mich, dass, zumindest in Freikirchen, nur noch das halbe Evangelium gepredigt wird. Oft ist von Gottes Liebe und seiner Gnade die Rede.

Therese von Lisieux dagegen, schreibt davon, was es heißt täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen. (Markus 8, 34)

Selbstverleugnung ist heute so beliebt wie abgestandenes Bier. Sehr oft ist von „Grenzen setzen“ und „sich selbst behaupten“ die Rede.

Da klingen Episoden in denen Therese beschreibt, dass sie sich nicht verteidigt hat, als ihr etwas unterstellt wurde oder dass sie besonders freundlich zu einer älteren Ordensschwester war, der man es eigentlich nie recht machen konnte, merkwürdig in modernen Ohren.

„Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matth. 4,44-45) steht im Neuen Testament. Das ist kein neues Wort von Therese.

Für mich war „Geschichte einer Seele“ eine Gebrauchsanweisung. Ich habe in meinem bisherigen Leben viel Ablehnung erfahren. Wenn ich Details erzählen würde, würden mir sicher Viele raten, für mich selbst zu sorgen, Menschen nicht mehr so dicht an mich ran zu lassen. Das scheint heute so eine Art Krankheit zu sein: viele fühlen sich zum Psychologen berufen und geben ungefragte Rat-Schläge, obwohl sie kein Semester Psychologie studiert haben. Der Lieblingsratschlag von diesen Pseudo-Psychologen ist übrigens der Kontaktabbruch, am besten ohne Vorwarnung und ohne Chance für den anderen, Dinge, die in der Beziehung schief gegangen sind, zu klären.

Es gibt sicher Situationen, in denen ein dauerhafter Kontaktabbruch angebracht ist. Das ist aber nicht so oft der Fall, wie es heute empfohlen wird.

Ich habe schon länger darüber nachgedacht, wie ich mit meinen alltäglichen Verletzungen umgehe. Die Gedanken von Therese haben mich bestärkt: Demjenigen vergeben, der mich verletzt hat, ist nur der erste Schritt. Der zweite ist, für ihn zu beten. Der dritte wäre, ihm etwas Gutes zu tun. Klar ist es anstrengend, wenn man täglich von der gleichen Patientin angemault wird. Aber das Mitbringen von einem Glas selbstgemachter Marmelade kann manchmal kleine Wunder wirken.

Täglich das Kreuz auf sich nehmen, für die beten, die einen beleidigen und das sanfte Joch Christi tragen – wenn eine weiß, wie es geht, dann Therese von Lisieux.

Sie ist mir Glaubensvorbild. Sie ermutigt mich, meinen Glauben radikal zu leben. Radikal in dem Sinne, dass ich Jesu Worte auch so ernst nehme wie sie.

Kleine Gesten, kleine Liebesdienste, Menschen in ihrem Alltag zu ermutigen, die Übersehenen sehen, für Fremde innerlich beten, weil man gerade deren akute Not spürt, so verstehe ich ihren „kleinen Weg“.

Ich werde weiter über sie nachdenken. Denn ich möchte, dass mein „Jesus, ich liebe dich!“ kein Lippenbekenntnis ist. Ich kann Ihm nicht meine Liebe zeigen, aber ich kann liebevoll mit Seinen Geschöpfen umgehen. Auch oder gerade dann, wenn sie es nicht sind.  

Ägypten in der Bibel – Ausländer in Ägypten

Tempel Edfu: Pharao schlägt Feinde

Nachdem ich mich mit Mose und Josef beschäftigt habe, möchte ich noch Einiges zum Thema „Ausländer in Ägypten“ schreiben. Die Alten Ägypter waren ausländerfeindlich. Schon an den Grenzen war auf den Festungen in Übergröße das Motiv „Pharao schlägt seine Feinde“ zu sehen.

Von einer dieser Festungen ist der Bericht überliefert, dass unterernährte Fremde versuchten, das Land zu betreten. Sie wurden aufgegriffen und abgewiesen.

In manchen Gräbern ist zu lesen, dass der Grabherr diese und jene Expedition nach Nubien geleitet hat. Unter „Expedition“ verstand man in Ägypten das, wohl eher gewalttätige Einreisen mit Truppen, die dann wahrscheinlich die Nubier zwangen in den Goldminen Gold abzubauen und es den Ägyptern unentgeltlich zu überlassen.

Ägypten hat viele andere Kulturen beeinflusst. Doch umgekehrt muss man die Spuren, die andere Kulturen in Ägypten hinterlassen haben, mit der Lupe suchen z. B. stammt der Gott Bes aus dem Sudan. Diese Angst vor fremden Kulturen hat vielleicht etwas damit zu tun, dass, wie bereits geschrieben, Ägypten selbst aus mehreren Volksgruppen bestand und nicht jederzeit homogen war. Letztendlich hat all diese Angst nichts genutzt. Ägypten ist untergegangen.

Ägypten hatte also nur Beziehungen zum Ausland zugelassen, von denen es sich persönliche Vorteile versprach.

Jakobs Sippe musste das Getreide kaufen, das sie von Pharao bekamen.

Bevor ihnen Land zugeteilt wurde, fragte Pharao sie nach ihrem Beruf. Sie waren Hirten. Es gab eine ambivalente Einstellung zu Hirten: Geübte Hirten waren gefragt und trotzdem nicht hoch angesehen. Andererseits wurden Götter, Könige und hohe Beamte auch als Hirten bezeichnet. So heißt es in der „Lehre für Merikare“: „Der Mensch ist das Kleinvieh Gottes“ oder es hieß, wenn ein hoher Beamter gestorben war „Der gute Hirt ist fortgegangen!“.

Vielleicht hat genau diese Ambivalenz den Pharao bewogen, Jakob und seiner Familie Weideland zuzusprechen. Sie machten einen Job, der gebraucht wurde, aber keiner machen wollte. Als Hirte in Ägypten musste man nämlich mutig sein. Das Vieh wurde einmal im Jahr auf die Weideplätze getrieben. Dafür musste, je nach Standort der Nil überquert werden. Einige Hirten saßen, zusammen mit Kälbern oder Lämmern, die noch zu klein waren in Booten. Die anderen schwammen mit der Herde zusammen, um diese gegen lauernde Krokodile und Nilpferde zu verteidigen. Das tun gute Hirten: sie setzen ihr Leben aufs Spiel, um die Herde zu beschützen.

Jakob und seine Familie hat also dem Pharao Vorteile gebracht und durfte bleiben.

Eine weitaus kleinere Familie flüchtete Jahrhunderte später nach Ägypten: Maria, Josef und Jesus. Warum wurden sie nicht aufgegriffen und zurückgeschickt? Was hatten sie zu bieten? Gold, Weihrauch und Myrrhe! Ich habe mich schon öfter gefragt, was diese kleine Familie wohl mit den Gaben der Weisen anfangen könnte. Sie gehören nicht unbedingt zur Erstausstattung für ein Baby.

Gold, Weihrauch und Myrrhe sind Dinge, die für die Grabausstattung benötigt wurden. Es würde mich nicht wundern, wenn meine Kollegen eines Tages in einem Grab von einem Beamten, der jahrelang in einer Grenzfestung stationiert war, Reste von Weihrauch und Myrrhe finden würden, die ursprünglich aus dem „Morgenland“ stammen.

Als Archäologe steht es mir nicht zu, zu behaupten, dass es so war. Bereits im ersten Semester wurde mir beigebracht, dass ein „Es könnte so gewesen sein!“ besser zu meinem Beruf passt. Aber wenn ich richtig vermute, dann spricht es ein weiteres Mal dafür, dass Gott vorsorgt. Gott sorgt dafür, dass Maria und Josef sich in Ägypten „einkaufen“ können. Gott sorgt dafür, dass Maria, wie hier Mitte Januar geschrieben, nicht gesteinigt wird.

Sie haben nicht immer vor anderen den besten Ruf, aber er bewahrt sie und sorgt für sie. Auch wenn es manchmal ein harter Weg ist, aber Er, der gute Hirte, lässt uns, seine Herde nicht im Stich. Pharao schlägt seine Feinde. Jesus dagegen sagt „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ (Matthäus 11, 28)  

Ägypten in der Bibel – der verstockte Pharao

Heute mache ich weiter mit einigen ägyptologischen Hintergründen. Letzte Woche war ich bei Mose, heute kommt Pharao dran.

Wie geschrieben, der Name ist nicht bekannt, es muss aber ein Pharao um und bei Ramses II. gewesen sein, also nach 1200 v. Chr.

Mit Pharao machen es sich viele Prediger leicht: er hielt sich für einen Gott und deswegen verstockte Gott sein Herz und schließlich ertrank er im Meer. Pharao, der Inbegriff von Bösartigkeit. Wir, die Christen sind Meilen davon entfernt, hochmütig zu sein wie Pharao! Wirklich?

Wer war Pharao? Warum konnte er nicht einfach so die Hebräer ziehen lassen? Pharao, übersetzt „das große Haus“, war der König von Unter-und Oberägypten und trug, als Zeichen dafür eine Doppelkrone: die rote Krone Unterägyptens und die weiße Krone Oberägyptens.

Durch Klimaänderungen wanderten verschiedene Menschengruppen vom Süden Afrikas in den Norden und besiedelten das Gebiet am Nil. Es gab aber dort bereits andere Stämme und Clans. Diese arbeiteten mit den Neuankömmlingen zusammen. Die unterschiedlichen Ethnien mussten dann irgendwie verwaltet werden. Daraus entstand dann ca. 3000 v.Chr. Ägypten. D. h. auch wenn die Bevölkerung von Unter- und Oberägypten sich auch langsam mischte, es blieben immer zwei Ägypten, die ein König regierte. Wie schon in „Bist du noch zu retten, Josef“ geschrieben, war die Legitimation des Königs sehr wichtig. Es gab nämlich immer wieder Zeiten, in denen Ägypten von mehreren Königen regiert wurde oder ein ausländischer König auf dem Thron saß. Wir Ägyptologen sind sehr kreativ: Die stabilen Zeiten haben wir Reiche genannt: Altes, Mittleres und Neues Reich, die unstabilen Zeiten dazwischen, Zwischenzeiten und diese dann durchnummeriert. Also: Altes Reich (Pyramidenzeit), 1. Zwischenzeit, Mittleres Reich, 2. Zwischenzeit, Neues Reich (Tutanchamun, Ramses II) und 3. Zwischenzeit und dann noch die Spätzeit (Kleopatra VII). D. h. also, dass Pharaos Thron schnell mal wackeln konnte. Deswegen war die Legitimation Pharaos so wichtig.

Deswegen wurde Pharao als Repräsentant des Gottes Horus angesehen. Die Ägyptologen haben übrigens die Annahme, dass der Pharao als Gott angesehen wurde, inzwischen verworfen. Sein Amt war „göttlich“, er selbst wurde als eine Art Vermittler zwischen Göttern und Menschen angesehen.

Deswegen wurde der jeweilige Pharao als der Pharao bezeichnet, der Unter- und Oberägypten vereint hat, obwohl das historisch nicht stimmte.

Es gab aber noch etwas Anderes, was Pharao daran hinderte, die Hebräer ziehen zu lassen: Die Religion der Hebräer war monotheistisch. Hätten sie, wie die Ägypter an mehrere Götter geglaubt, wäre die Bitte, in der Wüste einem dieser Götter opfern zu dürfen, sehr wahrscheinlich erfüllt worden. Sehr wahrscheinlich hätte der Pharao den Hebräern noch Opfergaben mitgegeben, vielleicht auch noch angeboten, dass seine Priester mitkommen, um zu helfen. Aber der Monotheismus war sehr wahrscheinlich Pharao ein Dorn im Auge. Zu Lebzeiten Ramses II war es gerade mal 30/ 40 Jahre her, als Echnaton regierte. Dieser Pharao hat aus politischem Kalkül fast alle Götter „entmachtet“ und nur noch den Sonnengott Aton gelten lassen. Echnaton hat Ägypten in den Niedergang getrieben. Er könnte einem Attentat zum Opfer gefallen sein. Die Ablehnung Echnatons ging so weit, dass aus fast sämtlichen Tempeln, Gräbern, Königslisten usw. sein Name gestrichen wurde. Seine Regierungsjahre wurden unter seinem Vorgänger und Nachfolger aufgeteilt. Echnaton und sein Monotheismus waren ein Staatstrauma!

Ramses II hatte Ägypten wieder zur Blüte gebracht. Das Trauma war gerade überwunden. Der Nachfolger von Ramses II wollte es ihm nachmachen. Aus der Sicht vom Pharao konnte er nur das Anliegen von Mose ablehnen! Hätte er zugestimmt, hätte er indirekt Echnaton mit seinem Monotheismus nachträglich Recht gegeben. Sein Thron wäre in Gefahr gewesen und wahrscheinlich auch sein Leben.

Es war also nicht das allseits gepredigte „sich für Gott halten“, was Pharao dazu brachte sein Herz zu verhärten, sondern Stolz und Menschenfurcht!

Huch! Plötzlich kann ich mir Pharaos Handeln nicht mehr auf Distanz halten. Beim Thema „sich selbst für Gott halten“ kann ich noch sagen „Ich doch nicht!“. Aber bei Menschenfurcht werde ich plötzlich kleinlaut. Warum habe ich neulich nicht erzählt, dass ich Christ bin? Weil ich mir dachte „Was sollen bloß die Leute denken!“ Das ist Menschenfurcht. Menschenfurcht ist das Gegenteil von Gottesfurcht.

Weiter: Warum habe ich heute Morgen Gott nicht gebeten, mir beim schwierigen Gespräch zu helfen? Weil ich dachte, dass ich das alleine hinkriege. Das ist Stolz.

Ich möchte mein Herz nicht verhärten. Ich möchte mir bewusst sein, dass ich Gott brauche. Ich möchte mir bewusst machen, dass es eben nicht darauf ankommt, was andere von mir denken könnten, sondern darauf, was Gott von mir denkt.

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.“ heißt es in Jeremia 29, 11.     

Ägypten in der Bibel – Mose

Ungefähr vor einem Jahr habe ich damit begonnen, Einiges aus meiner Sicht, also aus der Sicht einer Ägyptologin zu posten. Heute möchte ich mit Mose weitermachen.

Über die Herkunft des Namens gibt es verschiedene Thesen. Eine lautet, dass sein Name auf Hebräisch „der Herausziehende“ bedeutet, sozusagen prophetisch, weil er später mit seinem Volk herauszieht. Das denke ich nicht. Wenn die Tochter von Pharao ihn an Mutterstelle angenommen hat, dann hat sie ihm einen ägyptischen und nicht einen hebräischen Namen gegeben. Laut einer Anmerkung in der „Neuen induktiven Studienbibel“ leitet sich der Name von dem ägyptischen Wort „mesi“ – „geboren (werden)“ ab. Hier sei noch angemerkt, dass es im Mittelägyptischen keine Vokale gibt. D. h. „mesi“ kann durchaus auch „mose“ sein. Trotzdem denke ich, dass diese Herleitung falsch sein könnte. Geboren wird jedes Kind. Doch gaben die Ägypter, wie die Hebräer ihren Kindern Namen, die in der Regel einen persönlichen Bezug hatten.

Mein Vorschlag wäre, dass sich Mose aus „mu“- Wasser und „sa“-Sohn zusammensetzt. Damit wäre Mose der „Sohn (aus dem) Wasser“. Es würde zumindest zu dem Aussetzen auf dem Nil passen.

Oft wird behauptet, dass die Hebräer die Sklaven waren, die die Pyramiden gebaut haben. In 2. Mose 1, 11 heißt es „…und sie bauten dem Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramses.“ Laut Wiki könnte es sich bei Pitom um die ägyptische Stadt Per-Atum, von pr-Jtm – „Haus des Atum“ handeln. Bei Ramses-Stadt wiederum handelt es sich wahrscheinlich um Pi-Ramesse – „Haus von Ramses II“. Dieser bekannte Pharao lebte von 1304 bis 1214 v. Chr., zu einer Zeit also, in der die Pyramiden(ca. 2620 bis 2500 v. Chr.) längst standen.

Mir fehlen allerdings die Hebräischkenntnisse. Ich weiß nicht, ob in der hebräischen Fassung das Wort „bauen“ im Sinne von „neu bauen“ oder „restaurieren“ steht. Hätten die Hebräer Pi-Ramesse errichtet, dann wäre logischerweise der Pharao, unter dem der Exodus stattfand, Ramses II. Da gibt es allerdings einen Logikfehler: die Mumie von Ramses II ist erhalten. Laut Bibel ist aber der Pharao ertrunken.

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang noch, dass nach den Jenseitsvorstellungen in Ägypten nur ein balsamierter Körper eine Chance auf ein Weiterleben hatte, mit einer Ausnahme: beim Tod durch Ertrinken ist das Fortleben im Jenseits gesichert.

Wir wissen nicht, was genau der Name „Mose“ bedeutet. Auch kann ich nicht sagen, wie der Pharao hieß, unter dem die Hebräer auszogen. Vielleicht, weil dessen Name einfach nicht wichtig war. Es war halt irgendein Pharao in irgendeiner von ca. 30 Dynastien. Aber Mose wurde von Gott mit Namen gerufen: „Als aber der Herr sah, dass er hinzutrat, um zu schauen, rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: ‚Mose, Mose!…“ Mir fällt auf, dass er das auch bei anderen, die er beruft, tut z.B. „Fürchte dich nicht, Maria!“ (Lukas 1, 30) oder „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apostelgeschichte 9, 4)

Auch wenn ich mir selbst manchmal schlecht Namen merken kann, kennt Gott jeden einzelnen Namen von uns. „…ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ heißt es in Jesaja 43, 1. Denn ich bin Gott wichtig!  

„Mein Herr und mein Gott!“ – Von der Zärtlichkeit Gottes

Ich möchte mich heute einer weniger bekannten Person in der Bibel zuwenden: Thomas. Thomas, der Ungläubige, Thomas, der – ja, was eigentlich noch? Es gibt in den vier Evangelien vier unterschiedliche Begebenheiten, in denen Thomas namentlich erwähnt wird: bei der Berufung der Jünger (z. B. in Lukas 6,15), kurz bevor Jesus zu Lazarus geht: „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Mitjüngern: Lasst uns auch hingehen, damit wir mit ihm sterben!“ (Johannes 11, 16), während der Pessachfeier, kurz vor Jesu Kreuzigung: „Thomas spricht zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg kennen?“ (Johannes 14,5) und ein letztes Mal, in der bekannten Geschichte, in der er an der Auferstehung Jesu zweifelt (Johannes 20,24 bis 29).

„Lasst uns auch hingehen, damit wir mit ihm sterben!“ ist schwer zu verstehen. Mit „ihm“ kann nicht Lazarus gemeint sein. Jesus hat gerade darauf hingewiesen, dass er bereits gestorben ist. Der Artikel über Thomas von Wikipedia gibt den Hinweis, dass Bethanien, der Wohnort von Lazarus in der Nähe von Jerusalem liegt. Google Maps zeigt mir für den Weg von Al-Eizariya (Bethanien) nach Jerusalem aus bekannten Gründen einen Umweg von 25 km an. Der direkte Weg ist etliche Kilometer kürzer.

Jesus hat den Jüngern gesagt, dass er in Jerusalem getötet werden wird. Wenn Thomas den Weg nach Bethanien als Zwischenstopp auf dem Weg nach Jerusalem versteht, dann bekommt sein Satz eine mutige Bedeutung: „Lasst uns hingehen und mit Jesus sterben!“ Thomas hatte zugehört. Er war nicht nur bereit dazu, mit Jesus zu sterben, sondern ermutigte seine Mitjünger auch noch, mitzukommen. Da ist keine Spur von Zweifel. Fast wie selbstverständlich klingt diese Aussage.

Während des Pessachs stellt Thomas die Frage „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg kennen?“ (Johannes 14,5) Jesus hat gerade gesagt „Wohin ich aber gehe, wisst ihr, und ihr kennt den Weg.“ (Johannes 14,4)

Es ist die Frage von einem mutigen Schüler. Wie oft gibt es in der Klasse die Situation, dass eigentlich kaum einer versteht, wovon der Lehrer redet, aber keiner traut sich zu fragen. Auch die Jünger haben sich öfter nicht getraut zu fragen. Doch Thomas fragt. Weil er darauf vertraut, dass Jesus ihn nicht bloßstellen wird. Er weiß, dass er Fragen stellen darf. Er gibt damit zu, dass er es nicht weiß. Fragen stellen ist auch eine Form von Demut.

Nun zu der bekannten Geschichte, in der er zweifelt. Ein Pastor hat sich während einer Predigt lange daran festgehalten, dass Thomas nicht dabei war, als Jesus seinen Jüngern erschien. (Johannes 20, 24) Thomas hätte sich ausgeschlossen, wollte nicht zur Gruppe gehören usw. – Wo war Thomas? Vielleicht war Thomas rausgegangen, weil er es nicht mehr aushielt. Vielleicht war es ihm zuviel, seine eigene Trauer und die Trauer der anderen zu ertragen. Vielleicht versuchte er, den Logik – Fehler zu finden. Hatte Jesus gesagt, dass er in Jerusalem sterben würde? Ja! Hatte er, Thomas, gesagt, dass er mit Jesus sterben wolle? Ja! Warum war Jesus jetzt tot und er lebte noch?

Jesus selbst verlangte von Thomas keine Rechenschaft darüber, wo er beim ersten Mal war. Er kannte seinen Thomas. Thomas war nicht von vornherein ungläubig. Er hat auch auf dem gemeinsamen Weg zugehört und geglaubt und war bereit gewesen, mit ihm zusammen in Jerusalem zu sterben. Er wusste auch, bevor die anderen es ihm sagten, dass Thomas es brauchte, dass er mit den Händen die Wunden berührte. Er machte ihm keinen Vorwurf, sondern forderte ihn auf, genau das zu tun.

Thomas berührt die Wunden. Die Wunden seines Gottes. Was für eine Offenbarung.

Wäre Thomas wirklich ungläubig, dann hätte er darüber nachdenken müssen, an welche Götter er stattdessen glauben möchte.

Was gab es denn so im spirituellen Angebot zu Thomas‘ Zeit? Die Römer glaubten an viele Götter. Ihr Hauptgott Zeus vergnügte sich mit jedem weiblichen Wesen, was nicht rechtzeitig flüchten konnte und wurde daraufhin von dessen Frau Hera verfolgt und bestraft. In Ägypten wurden auch viele Götter angebetet. Darunter Isis, die von den Römern übernommen wurde. Sie war mit ihrem Bruder Osiris verheiratet, von dem sie post mortem ein Kind, den Horus bekam. Dieser stritt sich 80 Jahre mit seinem Onkel, der ja Osiris getötet hat, um den Königsthron, während Isis mal dem mal jenem half – beide Religionen hatten eins gemeinsam: die Götter hatten ihre Tempel Priester dienten ihnen, indem ihnen geopfert wurde, in Ägypten wurden die Götter-Figuren außerdem täglich gewaschen und angezogen. Keiner dieser Götter sorgte sich um die Menschen, keiner von ihnen hat jemals für einen Sterblichen etwas getan.

Genau in dieses spirituelle Umfeld kommt der auferstandene Christus und sagt zu Thomas „Berühre meine Wunden!“ Thomas scheint genau in diesem Augenblick verstanden zu haben, dass Christus der „Ich bin da!“ ist. Der Gott, der für ihn gestorben ist, damit er leben kann. Der Gott, der die Wundmale trägt, weil er sich nicht ihrer schämt. Seine Heilkraft hätte ausgereicht, dass seine Wunden restlos verheilt wären. Doch sie blieben. Thomas und uns zum Zeichen. – „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ heißt es in Jesaja 53,5.

 „Berühre meine Wunden!“ mutet fast zärtlich an. Es ist die Zärtlichkeit des Vaters, der versteht, dass sein Kind einen Beweis braucht. Einen Beweis dafür, dass Gott wirklich Mensch geworden ist. Ein Mensch, der wie ich Schmerzen, Verletzungen und Verzweiflung kennt. Einen Beweis dafür, dass Gott wirklich Gott ist, weil er auferstanden ist. Nur so lässt sich der Ausruf von Thomas verstehen „Mein Herr und mein Gott!“

Gott weiß, dass wir seine Hilfe brauchen, um glauben zu können. Darum dürfen wir seine Wunden berühren.  

Maria 1.0 – Annäherung an eine Unbekannte

Die Reise zu Elisabeth/ Maria unter dem Kreuz

Ich möchte heute meine kleine Serie über Maria beenden. Eine wichtige Begebenheit aus ihrem Leben habe ich bisher ausgelassen: ihre Reise zu Elisabeth.

Was trieb Maria zu dieser Reise? Der Engel Gabriel verkündet ihr zunächst, dass sie schwanger werden wird. Sozusagen als Bekräftigung dieser Aussage, erzählt er ihr, dass Elisabeth auch schwanger ist. (Lukas 1, 36)

Nachdem sie vom Heiligen Geist überschattet wurde, machte sie sich auf den Weg zu Elisabeth.  – Stopp, Moment! Ich könnte ja verstehen, dass sie, bevor sie schwanger wird, sich auf den Weg macht, um erst einmal zu überprüfen, ob das alles so stimmt, was der Engel gesagt hat. Doch Elisabeth spricht davon, dass „die Frucht deines Leibes“ (Vers 42) gesegnet ist. Also war Maria zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger.

Maria hat etwas Besonderes, etwas Großartiges erlebt. Sie war, wie es umschrieben wird, vom Heiligen Geist überschattet worden. Was auch immer ihr passiert ist, es muss ein prägendes Erlebnis gewesen sein. Vielleicht wird sie versucht haben sich selbst einzureden, dass sie das alles nur geträumt oder sich eingebildet hat. Aber einige Zeit später wird sie gemerkt haben, dass sie schwanger ist. Warum reist sie zu Elisabeth?

Ich kenne mich mit der Kultur des Alten Israel nicht aus, kann mir aber vorstellen, dass es damals nicht üblich war, dass ein junges unverheiratetes Mädchen einfach mal zu einer Verwandten reist. Vielleicht war ein Brief gekommen, in dem Elisabeth darum bat, Maria zu schicken, weil sie als Spätgebärende Hilfe brauche.

Für Maria war das sicher eine willkommene Reise. Denn egal, ob sie das glauben konnte, was ihr geschehen ist oder nicht, sie wird jemanden gebraucht haben, mit dem sie reden kann. Frauen reden miteinander, um über etwas Klarheit zu bekommen.

Als Maria ankommt, ist Elisabeth bereits sechs Monate schwanger. (Vers 36) D. h. Maria sieht sofort, dass der Engel die Wahrheit gesprochen hat. Das muss für sie eine Erleichterung gewesen sein. Als sie dann noch die Worte Elisabeths hört, die bis heute als das „Ave Maria“ bekannt sind, muss ihr klar geworden sein, dass sie die Erlebnisse mit dem Engel und dem Heiligen Geist nicht geträumt hat. In ihrem jubelnden Lobpreis spürt man förmlich die schwere Last von ihrem Herzen fallen.

Für Maria war die Reise wichtig. Es brachte ihr die Erkenntnis, dass Gott treu ist. Sie war nicht einem Tagtraum aufgesessen, sondern hatte wirklich eine Berufung erhalten.

Dann kommt mir noch ein Gedanke: Maria verbrachte drei Monate bei Elisabeth. D. h. ihre Schwangerschaft war zu sehen, als sie zurückkehrte. Nun unterschied die Rechtsprechung, im Fall von Ehebruch und davon mussten die Dorfbewohner bei ihr ausgehen, seitens einer Verlobten zwischen innerhalb oder außerhalb der Stadt . (4. Mose23- 29). Fand der Beischlaf außerhalb der Stadt statt, wird davon ausgegangen, dass das Mädchen um Hilfe gerufen, sie aber keiner gehört hat.

Da Maria aber bei Elisabeth war, gab es in ihrem Dorf keine Zeugen, die gegen sie hätten aussagen können. Sie hätte also durchaus das Opfer einer Vergewaltigung sein können.

Auch hier erkenne ich Gottes Treue. Er bewahrt Maria vor der Steinigung. Nicht nur das, er sorgte auch dafür, dass Josef bei ihr blieb. (Matthäus 1, 19 und 20)

Gott beruft nicht nur, sondern er beschützt auch seine Berufenen. Er sorgt für sie. Noch am Kreuz sorgt er für sie. (Johannes 19, 26 und 27)

Gott stellt sich zu seinen Menschen. Nachdem sich Maria sich Gott hingegeben hat (Lukas 1, 38) steht er treu zu ihr. Er gibt sie nicht dem Tod und später auch nicht dem Hunger preis.

Das lerne ich aus dieser, oft vernachlässigten Reise Marias zu Elisabeth.

Maria – eine Frau, die sich Gott hingegeben und ihre Berufung angenommen hat. Sie war demütig vor Gott, hat aber selbstbewusst vor Menschen den ihr zustehenden Platz eingenommen. Gott hat sich ihr gegenüber als treu erwiesen und sie war selbst treu. Sie war dabei, als Jesus mit seinem ersten Wunder sein Wirken begann und sie stand auch unter dem Kreuz. Eine Mutter in Israel, eine Jüngerin der ersten Stunde und soviel mehr als das!

Oft genug wird sie mit Hanna, Ruth und anderen Frauen in eine Reihe gestellt.

Doch eigentlich gehört sie in die Aufzählung von Menschen mit großen Berufungen: Mose, Elia, Abraham – und Maria!

Sie ist mir nicht mehr ganz so fremd. Ich bewundere sie. Nachfolgen möchte ich meinem Herrn. Glauben möchte ich wie Maria.

Maria 1.0 – Annäherung an eine Unbekannte

War Maria demütig?

Maria wird oft als Wegweiserin, als Führerin zu Jesus gesehen.
Maria wird oft als Wegweiserin, als Führerin zu Jesus gesehen.

(Wieder entschuldige ich mich im Voraus bei meinen kostbaren katholischen Geschwistern. Ich rede hier von Dingen, die ich persönlich mitbekommen habe. Zugegeben als Außenstehende. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit mit einem Katholiken bei einem Kakao zu philosophieren.)

Maria wird gerne als demütig, im Sinne von unterwürfig, dargestellt. Sie sei das Urbild der Frau, die sich ihrem Mann unterordnet und auch sonst habe sie brav das gemacht, was man ihr gesagt habe.

Ich schaue mir mal die Texte in der Bibel an: In Lukas 2, 41 bis 52. Es ist die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. In Vers 48 lese ich „…und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“

Maria macht sich Sorgen und ja, sie schimpft mit ihm. In der Volxbibel 4.0 ist zu lesen „Seine Eltern waren davon aber nicht so begeistert. ‚Junge, wie konntest du deiner Mutter so was antun? Wir haben dich überall gesucht!‘, sagte Maria vorwurfsvoll.“ Ich finde, das Team um Martin Dreyer hat den richtigen Ton getroffen. Maria redet hier nicht unterwürfig, sondern fordert das ein, was ihr nach 5. Mose 5, 16 („Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,…“) zusteht. Jesus soll sie ehren, indem er ihr gehorcht und nicht einfach weglaufen.

Die nächste Stelle finde ich in Johannes 2, 1 bis 11. Hier ist von der Hochzeit in Kana die Rede.

Als Maria mitbekommt, dass der Wein ausgegangen ist, erzählt sie es Jesus. Seine Antwort in Vers 4 klingt ziemlich schroff:“ „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“  – Diese Aussage wird als Beweis dafür gedeutet, dass der erwachsene Jesus sich in Öffentlichkeit von seiner Mutter abgrenzt, sich abgrenzen muss. Sie reagiert nicht verletzt. Sie fordert nur die Diener auf „Was er euch sagt, das tut.“ (Vers 5) Deswegen wird sie oft als Wegweiserin, als die, die zu Jesus führt, verstanden.

Auch hier lese ich keine Unterwürfigkeit ihrerseits heraus.

Demütig war sie Gott gegenüber. In Lukas 1, 38 sagt sie zum Engel Gabriel „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort!…“

Doch vor Menschen beugt sie sich nicht. Sie nimmt den Platz einer Mutter im Alten Israel ein.

Sie sorgt dafür, dass Jesus seinen Platz einnimmt. Wäre Jesus ein König gewesen, wie die Menschen es sich vorgestellt haben, dann hätte sie bei der Krönung Jesus die Krone aufgesetzt.

Das scheint auch so ein Geheimnis beim christlichen Glauben zu sein: Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen gerade stehen.

Ich denke, das ist genau das, wodurch ich all die „harten“ Forderungen erfüllen kann, wie z. B. den anderen höher achten, als mich selbst oder für meine Feinde zu beten: Wenn mir bewusst ist, welchen Platz Gott für mich hat und diesen auch einnehme, dann kann ich mich vor Menschen auch zurücknehmen. Die Zacken aus meiner Krone als Königskind, als Gotteskind können nicht rausbrechen. Diese Würde nimmt mir keiner, selbst dann nicht, wenn ich den anderen höher achte, als mich selbst.