Geistlicher Mißbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Das System

In vielen Büchern über geistlichen Missbrauch ist der Fokus allein auf den Täter. Es wird ausführlich beschrieben, wie der Machtmensch tickt, seine Spielchen usw. Was mir aber zu oft außer Acht gelassen wird, ist die Gemeinde selbst. Ein Machtmensch kann m. E. nur dann erfolgreich seine Position aufbauen und halten, wenn die Menschen um ihn herum in seinem Sinne funktionieren. Keine Spielchen ohne Mitspieler!

Doch in einer Gemeinde, in der viele Erwachsene erwachsen handeln, nur wenig hinter dem Rücken geredet wird, viele Mitglieder die Bibel gut kennen, kann ein Machtmensch nicht viel erreichen.

Mir geht es nicht darum, mit dem Finger auf einzelne Gemeindemitglieder zu zeigen. Ich schildere nur meine Beobachtungen.

In der Gesellschaft beobachte ich oft, dass Menschen nicht bereit sind, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Es scheint die Überzeugung zu überwiegen, dass der andere dafür zuständig ist, dass ich glücklich bin. Konflikte werden oft gescheut. Der Kontaktabbruch wird hier als Mittel der Wahl empfohlen. Das ist schon so weit verbreitet, dass es inzwischen ein eigenes Wort dafür gibt: „ghosting“ d. h. es verschwindet jemand aus deinem Leben, wie ein Geist.

Es ist natürlich klar, dass sich diese Vorstellungen vom Umgang miteinander auch in einer Gemeinde wiederfinden. Es wäre schön, wenn sich die Einstellung von Mitgliedern nach mehrjähriger Mitgliedschaft ändert.

Dazu kommt, dass viele Menschen, die es nicht gelernt haben, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, Orientierung bei einer Autorität suchen. Das kann je nach Situation der Chef, der Ausbilder, der ältere Freund oder sogar der Ehepartner sein. Wenn diese Autoritäten ein gesundes Selbstbewusstsein haben, werden sie dafür sorgen, dass keine Abhängigkeit entsteht.

Ich selbst bin nicht davor gefeit, abhängig von einem Menschen zu werden. Sonst würde es diesen Bericht nicht geben. Doch dadurch, dass es mir jetzt bewusst ist, kann ich auch besser damit umgehen. 

Nach meiner Beobachtung wird Menschen, zumindest in einigen Freikirchen gepredigt, dass sie sich dem Pastor unterordnen müssen. Ich rede hier von meinen persönlichen Erfahrungen. Es mag durchaus freie Gemeinden geben, in denen das anders ist.

Die so gezüchtete Pastorenhörigkeit ist der fruchtbare Boden für einen Machtmenschen.

Pastorenhörigkeit

Als Beispiel für die Hörigkeit möchte ich einen normalen E-Mail-Verkehr erwähnen, den ich mit einem anderen Mitglied hatte. Es ging um etwas Harmloses: Es fand zu der Zeit ein Glaubensgrundkurs, der von zwei Gemeinden durchgeführt wurde, in den Gemeinderäumen statt. Johannes war gerade im Urlaub. Ich war für das Aufwärmen bzw. Zubereitung des Essens zuständig. Eigentlich wollte ich direkt beim Kurs mitarbeiten, aber ich war mal wieder nicht „würdig“ genug. Ich gehörte eben nicht zu den „Handverlesenen“. Also kümmerte ich mich um das Essen. Die anderen Mitarbeiter planten einfach einen Abschlussgottesdienst, ohne sich vorher zu erkundigen, ob zu dem Termin der Saal überhaupt frei ist. Bei den vielen Mitarbeitern war ich die Einzige, die den Schlüssel für die Gemeinde hatte. Jetzt passierte mir genau das, was ich lange vermisst habe. Plötzlich erkannten die andere Pastorin meine Kompetenz. Sie bat mich, das Problem der entstandenen Terminüberschneidung zu lösen. Ich klärte das mit dem Leiter der Flüchtlingsgruppe via E-Mail. Wir einigten uns. Doch wunderte ich mich, warum ich regelmäßig eine automatische Antwort von Johannes bekam. Bis mir auffiel, dass der Leiter bei jeder E-Mail, die er geschrieben hat, Johannes in den CC gesetzt hatte. Bis heute verstehe ich das nicht. Es war eine harmlose Terminabsprache, trotzdem sah er es für nötig an, dass der Pastor nach seinem Urlaub darüber informiert wurde.

Übrigens geschah im Laufe des Abschlussgottesdienstes etwas Merkwürdiges: Mein Einsatz wurde anerkannt! Nachdem den anderen Mitarbeitern klar geworden ist, dass Aschenputtel nicht nur dafür sorgt, dass das Essen warm ist, sondern die Gemeinde aufgeschlossen, der Saal beheizt und vor allem nicht belegt ist, wurde Aschenputtel aus der Küche geholt und bekam als Dank einen Blumenstrauß.

Ein weiteres Beispiel für die Abhängigkeit etlicher Gemeindemitglieder von dem Pastor, zeigte mir eine Besprechung mit dem Seelsorgeteam. Es ging darum, dass nach dem Gottesdienst zwei Leute hinten bei der Technik stehen und für Leute beten sollten.

Als Fragen gestellt wurden, wurden ganze Horror-Szenarien entwickelt: Psychisch kranke Menschen bitten um Gebet und begehen anschließend Selbstmord oder rasten noch in der Gemeinde aus. Sämtliche Lösungsvorschläge lauteten: „Fragen wir Johannes!“ Da ich gerade „wach“ wurde, habe ich mich über diese Hilflosigkeit amüsiert. Es war mir da noch nicht klar, dass Johannes es wahrscheinlich genossen hat. Deswegen schlug ich ganz offenherzig vor, den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Außerdem wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass so etwas passieren würde.

(Wird fortgesetzt.)

Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

(Heute beginne ich mit einem Zeugnis. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Warum ich das hier schreibe

„Wenn du nicht eingreifst, dann möchte ich nichts mehr mit dir zu tun haben! Wenn du das nicht ab kannst, dann war’s das jetzt! DENN ICH BRAUCHE EINEN STARKEN GOTT UND KEINEN SCHWACHEN!!!“ Ich sitze in meinem parkenden Auto und brülle meinen Gott an. Es ist mir egal, was zufällige Passanten über mich denken könnten. Mein Ruf ist sowieso ruiniert. Es ist verdammt nochmal mein Auto und mein Leben! Ich bin stinksauer auf Ihn. Stinksauer, weil Er zugelassen hat, dass ich wieder auf lieblose Menschen reingefallen bin. Nicht auf irgendwelche Menschen, sondern Menschen, die sich Christen schimpfen! Nicht nur, dass ich m. E. geistlichen Missbrauch erlebt habe, sondern auch, dass mir anschließend nicht geglaubt wurde, mein Leid nicht ernst genommen wurde, macht mir zu schaffen. Das alles rede ich mir von der Seele, Tränen der Wut rinnen mir über die Wange. Trotzig rede ich mich heiß. Würde ich nicht sitzen, würde ich mit dem Fuß aufstampfen. Ich werde aus dieser Krise wieder rauskommen, ob mit oder ohne Gott. Wenn Er nicht eingreift, dann muss ich es eben alleine schaffen. Aber dann soll Er auch nicht erwarten, dass ich noch an Ihn glaube. Das ist dann Sein Problem! So!!! – und Gott hörte zu… 

Das hier ist meine Geschichte. Ich schreibe das hier, weil ich Mut machen möchte. Mut zum eigenen Denken. Mut zum Mund aufmachen.

Ich schreibe, weil ich nicht schweigen möchte, nicht schweigen kann. Ich greife vor: Als ich nach meinen Erlebnissen in der freien Gemeinde, in der ich den geistlichen Missbrauch erlebt habe, einem anderen Pastor erzählte, riet er mir, dass ich anderen nicht davon erzählen sollte. Das würde ein schlechtes Licht auf mich werfen. – Nein, ich denke eher, es würde ein schlechtes Licht auf die Kirche werfen. Es ist der uralte Versuch, Opfer zum Schweigen zu bringen. Es soll vertuscht werden, dass es in christlichen Gemeinden möglich ist, dass jemand seine Macht missbrauchen kann, sei es als Pastor, Hauskreisleiter oder sonstiger Leiter.

Genau deswegen kann und will ich nicht schweigen! Es gibt inzwischen viele Ratgeber zum Thema geistlichen Missbrauch mit Beispielen aus der Praxis. Aber das hier ist meine Geschichte. Mir geht es nicht darum, Menschen an den Pranger zu stellen und mit dem Finger auf sie zu zeigen.

Doch möchte ich insgesamt vor Missständen in der Kirche warnen. Möchte mahnen „Schaut hin! Passt auf! Sagt nicht ungeprüft nach jeder Predigt ‚Amen‘ und vor allem: Lest selbst in der Bibel! Denkt selbst!“

Last but not least gibt es noch einen Grund, warum ich meine Geschichte aufschreibe. Ich möchte Gottes großartiges Handeln an mir bezeugen. Ich habe Leid erlebt. Aber ich erlebte und erlebe immer noch, wie Gott mich heilt. Ich bezeuge, dass Gott wunderbar in meinem Leben eingegriffen hat und Er großartig ist. Ich möchte Gott nichts wegnehmen. Es mag sein, dass ich in manchen Augen nach meiner Schilderung wie der größte Loser aussehe. Dann bin ich eben ein Loser. Aber ich bin ein von Gott geliebter Loser!  

Definition

Was ist geistlicher Missbrauch? Es gibt keine einheitliche Definition dafür.

Einig sind sich die Definitionen, dass bei geistlichem Missbrauch der Pastor oder ein anderer geistlicher Leiter z. B. Hauskreisleiter seine Autorität missbraucht, indem er Gemeindemitglieder manipuliert und kontrolliert. Er fordert Unterordnung ein und benutzt dafür ihm passende Bibelstellen. Die Folgen sind oft die Hörigkeit der unterdrückten Personen. Wenn diese den Missbrauch nicht bemerken, verlieren sie bzw. lernen sie nicht die Fähigkeit, zu hinterfragen und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Sie sind vom Täter abhängig. Oft genug wurden sie im Laufe der Zeit von anderen Menschen isoliert. So haben sie meist keinen, dem sie sich anvertrauen können. Selbst wenn es außerhalb dieser Beziehung noch jemanden gibt, so wurden sie vom Täter so manipuliert, dass das Hinterfragen des anderen als Angriff verstanden wird. Ihr Selbstbewusstsein ist dann kaum noch vorhanden.

Ich las eine Definition, der ich auf das Schärfste widerspreche: Da ist davon die Rede, dass die Täter in der Regel die ihnen anvertrauten Menschen ganz unabsichtlich missbrauchen. Es sind halt Machtmenschen und die sind sich der Folgen ihres Handelns nicht bewusst. – Ich widerspreche! Machtmenschen wissen in der Regel ganz genau, dass sie den anderen verletzen. Sie bemerken es, es ist ihnen aber egal!

Wer schon einmal mit einem Machtmenschen zu tun hatte, weiß, wovon ich rede. Solche Anmerkungen tragen nur noch dazu bei, dass die Taten der Täter verschleiert werden. Was wäre, wenn es um sexuellen Missbrauch ginge? Würde man da auch sagen „Der arme Pädophile kann nichts dafür. Er folgt bloß seinem Trieb!“?

Nun zu mir – was war passiert?

Ich bin vorübergehend aus meinem geliebten Bundesland weggezogen. Wegen eines Jobs. Ich dachte, dass dieser Umzug nach Süddeutschland eine gute Entscheidung ist.

Dort ging ich in eine freie Gemeinde. Der Pastor schien nett zu sein. – So dachte ich damals ahnungslos.

Die Gemeinde

Von außen betrachtet war es eine unauffällige, normale freie Gemeinde. Jeden Sonntag Gottesdienst, mit parallel laufendem Kindergottesdienst, ein paar Hauskreise und auch Gruppen, die sich sozial engagierten. So gab es eine Flüchtlingsarbeit, Hausaufgabenhilfe und sogar jemanden, der Jugendliche im Boxen trainierte. Irgendwie war es in der länger zurückliegenden Vergangenheit dazu gekommen, dass eine Gruppe Südamerikaner sich in diese Gemeinde eingegliedert hatte. Die Südamerikaner brachten sich in die Gemeinde ein, indem sie für sie kochte. Jeden Sonntag stellten sie kurzerhand nach dem Gottesdienst selbstgekochtes Mittagessen auf den Tisch. Das war immer sehr lecker.

Oberflächlich gesehen, war es eine Gemeinde, in der man sich hätte wohl fühlen können. Doch hinter den Kulissen sah es anders aus.

Es wurde viel und oft hinter dem Rücken geredet. Ich möchte mich nicht davon ausnehmen. Nun könnte man einwerfen, dass es wohl in jeder Firma, in jedem Verein vorkommt. Ich empfand aber das Ablästern als besonders schlimm. Lästern ist nie richtig, aber was in dieser Gemeinde passierte, ging meiner Ansicht nach über das normale Maß hinaus. Das führte dazu, dass zumindest ich mir nicht mehr sicher war, ob ich überhaupt jemanden an meiner Seite habe.

(Wird fortgesetzt.)

Einen Tag lang Gott sein

Es war einst ein Mann, der hatte einen großen Traum: Er wollte einen Tag lang Gott sein. Er fand, das wäre ein bescheidenes Anliegen. Gott gab bzw. gibt es ewig. Da könne ein Tag, an dem er nicht Gott wäre, nicht schaden. Er wollte auch nicht Gott die Ehre nehmen. Er wollte einfach nur einen Tag lang Gott sein! Er wollte ja nicht nur zu seinem Vorteil handeln. Klar, ein teures Auto würde am Ende des Tages schon in seiner Garage stehen. Aber sonst würde er sich für die Welt einsetzen. Vielleicht könnte er ja verhindern, dass Hitler geboren wird oder er würde den Ausgang einer wichtigen Wahl ändern oder er würde dafür sorgen, dass John Lennon an Altersschwäche stirbt oder Tesla würde mehr Anerkennung für seine Erfindungen bekommen und Edison wäre nur eine Randnotiz der Geschichte. Ach, es würde ihm schon etwas einfallen. Auf jeden Fall würde er die Welt ein bisschen besser machen.

So malte er sich immer mehr Dinge aus, die er täte, wenn er einen Tag lang Gott wäre.

Eines Tages stand er Gott gegenüber. Nachdem der Mann verstanden hatte, dass er mit Gott spricht, erzählte er von seinem Wunsch, einen Tag lang Gott sein zu dürfen. Gott schaute ihn lange an, nickte dann knapp und sagte „Ok. Das bekommst du!“ Der Mann war sehr erstaunt darüber. Er hatte mit allen möglichen Reaktionen gerechnet, aber nicht damit, dass ihm dieser Wunsch erfüllt würde. Er wollte gerade überlegen, wie er sich darauf vorbereiten könne, da merkte er, wie seine Beine weggerissen wurden. Es fühlte sich so an, als würde er durch Raum und Zeit fallen. Nach einer Weile berührten seine Füße wieder den Boden. Er stand barfuß auf Sand. Irgendetwas war auf seinem Kopf und es stach sehr. Seine Hände waren an etwas gefesselt. Raue Männerstimmen lachten über ihn. Jemand spuckte ihm ins Gesicht.  

Ehe er überhaupt verstand, wo er ist, spürte er einen brennenden Schmerz auf dem Rücken. Er schrie auf. Er hörte ein zischendes Geräusch, dann knallte der nächste Peitschenhieb auf seinem Rücken. Er öffnete vorsichtig die Augen. Er war an einen Pfahl gefesselt und links und rechts davon standen Soldaten. Auch hinter ihm schienen noch einige zu sein. Jetzt kam einer auf ihn zu und schlug ihn ins Gesicht. Hohnlachend sagte er etwas zu ihm. Ein erneuter Peitschenschlag traf ihn. Wieder schrie er auf. Er schnappte nach Luft. Da kam wieder das Geräusch, das einen weiteren Hieb ankündigte. Er hörte es wieder und wieder. Er schien nur noch aus Schmerz zu bestehen.

Schreiend wachte er auf. Sein Herz raste. Lange dachte er über seinen Traum nach.

Gott wollte er sein. Doch Gott wurde Mensch. Er erlebte Schmerz, Hohn und Folter. Er starb, unschuldig zum Tode verurteilt. Er, dem alle Ehre zusteht, hat darauf verzichtet. Hat nicht die Reiche dieser Welt beansprucht, hat sich nicht von Engeln tragen lassen. Stattdessen ritt er auf einem Esel.

Ein Gott, der sich selbst erniedrigte, sich verwunden ließ. Ein Gott, der schwieg, als er sich hätte verteidigen können.

Er ist der Gott der Abgelehnten, ein Gott, derer, die nicht dazugehören, ein Gott, der Unverstandenen, derjenigen, denen etwas unterstellt wird.

Er ist der Gott, der tröstet, der tiefe seelische Wunden heilt, der die annimmt, die sonst nicht „mitspielen“ dürfen.

Er ist mein Gott!

Amen.  

„Weil unsre Augen sie nicht seh’n.“

Er ist nur halb zu sehen...
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Manche Lieder sind geradezu prädestiniert, in bestimmten Stimmungen gesungen zu werden. Ein lauschiger Sommerabend, man sitzt noch gemütlich beisammen und einer fängt an zu singen – richtig: „Der Mond ist aufgegangen“.

Schon als Kind mochte ich das Lied. Besonders die dritte Strophe:

„Seht ihr den Mond dort stehen,

Er ist nur halb zu sehen

Und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht seh’n.“ (Matthias Claudius)

Die Strophe war ein kleiner Trost für mich. Denn irgendwie fühlte ich mich nicht richtig gesehen.

Heute denke ich manchmal auch, dass Viele nicht richtig gesehen werden. Meine Straßen-Kumpels zum Beispiel. Wenn ich mich mit ihnen unterhalte, dann frage ich sie manchmal um Rat. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Weisheit aus ihnen spricht. Oder Kinder. Wenn ich genauer hinschaue, kann ich oft die Einschätzungen von anderen Kursleitern nicht bestätigen. Das Kind, das kritisiert wird, wird häufig missverstanden. Oder Künstler. Sie werden gefeiert, aber dass sie sensibel und auch nur Menschen sind, wird selten gesehen.

Im (a)sozialen Netzwerk wird abgelästert, was das Zeug hält. Einer macht einen Fehler und viele urteilen darüber. Der Post wird auch ganz schnell geteilt. Ein Lob dagegen bekommt kaum Likes.

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7) heißt es in der Bibel. Gott sieht ins Herz. Gott übersieht nicht. Als Jesus unter dem Baum stand, in dem Zachäus saß, „blickte er auf und sah ihn…“ (Lukas 19,5).

Zachäus wollte eigentlich nur selbst sehen, aber nicht unbedingt gesehen werden.

Maria preist Gott dafür, „dass er angesehen hat die Niedrigkeit seiner Magd;“ (Lukas 1, 46)

Hagar, die von ihrem Herrn Abram weggelaufen ist, nennt Gott „Gott, der (mich) sieht“ (1. Mose 16, 13)

Es ist tröstlich zu wissen, dass mein Gott mich ganz sieht. Nicht nur halb, wie andere Menschen. Er sieht mich mit meinen Schönheiten, Träumen, Talenten, auch mit meinen Verletzungen, Ecken und negativen Gedanken. Während Menschen mir oft genug eine falsche Motivation unterstellen, sieht Gott, warum ich etwas wirklich tue.

Auch ich möchte sehen, wie der Mensch wirklich ist. Ich möchte mich daran erinnern, wie schmerzhaft es ist, nicht gesehen zu werden oder falsch gesehen zu werden.

Ich möchte jemanden nicht belachen, weil meine Augen die verborgene Seite nicht seh’n. Denn Gott sieht die Ungesehenen und liebt sie. So bin ich aufgerufen, das Ungesehene und Ungeliebte zu sehen und zu lieben.

Wenn ich nicht mit liebenden Augen sehen kann, dann möchte ich mit den Worten des Blinden bitten „Herr, dass ich sehend werde!“ (Lukas 18, 41)

Amen.

Die Angst als Waffe

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In der heutigen Zeit scheint die Angst allgegenwärtig zu sein. Menschen reagieren über, machen sich über andere lustig, nicht wenige werden aggressiv.

Doch war sie schon vor der Pandemie weit verbreitet. Wie oft höre ich den Satz „Ich habe Angst!“ Oft genug kommen dann gut gemeinte Ratschläge: Man solle in sich hineinhorchen, wovor man genau Angst habe und man solle seine Angst doch überwinden, sich ihr stellen… Schnell gesagt und schwer umgesetzt!

Als jemand zu mir sagte „Ich habe Angst vor dir!“ war ich verletzt. Ich ging in mich. Womit habe ich diese Angst ausgelöst? Was habe ich denn Angsteinflößendes getan? Als ich die Person darauf ansprach, stellte sich heraus, dass sie generell Angst vor Menschen hat. Dazu kam ein begeistertes auf die Schenkel-Klopfen, das sie zusammenzucken ließ. Hätte sie mir das nicht gleich sagen können? Sollte ich jetzt anfangen, auf Zehenspitzen zu schleichen? Mich zurücknehmen, damit sie keine Angst mehr hat?

Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht habe, beschloss ich, mich in diesem Punkt nicht zu ändern. Ich werde nicht leise werden, meine Psychomotorik reduzieren. Mir ist nämlich etwas aufgefallen: Sie benutzte ihre Angst als Waffe.

Sie erwartete, dass ich auf ihre Angst Rücksicht nehme, dass sie aber mich verletzen könnte, wenn sie mir sagt, dass sie Angst vor mir hat, kam ihr nicht in den Sinn.

Ich weiß sehr gut, was Angst ist. Ich versuche, mir Strategien auszudenken, damit meine Ängste mich nicht beherrschen. Doch manchmal helfen diese nicht. Vor kurzem merkte ich, dass ich an einem Punkt nicht weiterkam. Da fiel mir auf, dass ich mich an die Angst gewöhnt hatte. Sie war so fest in meinem Leben verankert, dass ich sie nicht mehr hinterfragte.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich selbst die Angst als Schutzschild benutzt habe. Sie war mein Schutzschild gegenüber Gott. Dieses Schild hinderte mich daran, einen weiteren Schritt im Vertrauen zu gehen. Was wäre, wenn ich die Angst losließe? Was hätte ich denn noch in der Hand? Erstaunt stellte ich fest: Nichts!

Wenn ich Gott jetzt vertraue, passiert vielleicht etwas Neues, etwas, was mich überrascht. Halte ich an meiner Angst fest, bleibt alles beim Alten.

Kaum war mir das bewusst, fiel es mir plötzlich leicht, die Angst an Gott zu abzugeben und Ihm mehr zu vertrauen.

Manchmal ist es nicht nur nötig, das Schwert fallen zu lassen, sondern auch das Schild. Denn dann kann Gott mich schützen. Ich werde mit dem Psalmisten beten können: „Du bist mein Schutz und mein Schild.“ (Psalm 119,114)

Amen.

„Ich krieg‘ das hin!“

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Vor ein paar Tagen habe ich einer Freundin beim Umzug geholfen. Um es kurz zu machen: Es war der chaotischste Umzug, bei dem ich dabei war. Keine ordentliche Sackkarre, keine Spanngurte, Transporter zuerst mit Kartons und Kleinkram beladen, die schweren Sachen standen noch draußen, halboffene Bananenkisten…

Die Freundin hatte keine Erfahrung beim Umziehen. Sie hat aber auch keinen um Tipps gebeten. Als sie mit mir über den Umzug sprach, kam nur der Satz „Ich krieg‘ das hin!“

Ein Verwandter hat ein Haus gekauft. Später stellte sich heraus, dass er zuviel bezahlt hat. Er hat keinen vorher um Rat gefragt.

Eine Bekannte erzählt mir so nebenbei, dass sie sich hat scheiden lassen. Jetzt fühlt sie sich überfordert und die Kinder leiden unter der Scheidung. Als ich sie frage, warum sie das nicht früher erzählt hat, ich hätte ihr zumindest zuhören können, erwiderte sie „Ich wollte mir nicht reinreden lassen!

Auch ich musste mich schon manches Mal fragen lassen „Warum hast du nicht gefragt?“  

Es scheint in uns Menschen tief verwurzelt zu sein, dieses „Ich will es alleine machen!“ Kleine Kinder wollen all‘ das, was sie schon können, alleine machen. „Ich kann das schon!“ heißt es dann stolz. Alte Menschen, die pflegebedürftig sind, möchten auch, so viel wie möglich, noch alleine machen. „Ich kann das noch!“ heißt es, wenn man helfen möchte.

Woher kommt es, dass wir denken, wir müssen etwas alleine schaffen? Wieso fällt es uns so schwer um Hilfe zu bitten bzw. diese anzunehmen?

Es ist der Stolz. In unserer Gesellschaft ist das Leistungsprinzip verankert:  „Spare, lerne, leiste was, dann haste, kannste, biste was!“ Danach ist jemand nur etwas wert, wenn er selbstständig agiert. Keiner möchte von der Hilfe anderer abhängig sein.

Menschen, die ständig auf Hilfe angewiesen sind, werden bis heute nicht als ebenbürtig, als nicht wertvoll angesehen. (Menschen, die professionell helfen, werden zwar als systemrelevant beklatscht, aber schlecht bezahlt. „Helfen“ ist keine messbare Leistung und nur Leistung zählt!)

Wir sind dermaßen von unserer Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen in die eigene Kompetenz, selbst in schwierigen Situationen, überzeugt, dass wir Nachteile, wie z. B. einen zu hohen Kaufpreis hinnehmen.

Es ist kein Wunder, dass unsere Gesellschaft immer gottloser wird. Denn wer alles alleine kann, braucht keinen Gott.

Ich brauche Gott! Mir ist bewusst, dass er einen hohen Anspruch an mich stellt. Er sagt: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lukas 9, 23) Das schaffe ich nicht! Mich selbst verleugnen, den anderen höher schätzen, als mich selbst, meine Feinde lieben – nein, das kriege ich nicht hin! Da brauche ich Gottes Hilfe für. Diese Hilfe ist mir gewiss. Ich muss „nur“ meinen Stolz überwinden. Aber wenn ich das geschafft habe, dann kann ich mit dem Psalmdichter sagen „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121, 2)

Amen.

Ein Glas Saft!

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Kennt ihr das? Manchmal verteidigen andere das Handeln schwieriger Menschen. Da beleidigt dich jemand und jemand springt ein: „Ja, war nicht nett, aber nimm‘ mal Rücksicht, ihm geht es gerade nicht gut!“ Dann werden noch irgendwelche Umstände angeführt wie z. B. eine Migräne o. ä.– Alle  mal die Hand hoch bitte, denen es gerade richtig gut geht. Wer ist der Meinung, dass er den Sommer seines Lebens erlebt? Meine Hand bleibt unten.

Das erinnert mich an einen denk-würdigen Dienst, während meiner Zeit als Krankenschwester:

Zuerst fuhr ich zu einer Patientin. Sie beklagte sich bitter bei mir. Sie war zu Fuß in die Stadt gelaufen und auf dem Rückweg habe sie so schlimme Knieprobleme bekommen, dass sie jetzt am liebsten sterben wolle. Ich erfüllte bei ihr meine Arbeit und fuhr weiter.

Meine nächste Patientin war schwer krank und bettlägerig. Als ich ihre Wohnungstür aufschloss bekam ich einen Schreck. Ich dachte bei mir, dass ich mich eine halbe Stunde an ihr Bett setzen würde und dann würde ich den Arzt anrufen, damit er den Totenschein ausfüllt. Doch sie lächelte mich an. „Im Kühlschrank!“ sagte sie mit heiserer Stimme. Ich fragte nach, was denn im Kühlschrank sei. „Saft!“ antwortete sie. „Sie wollen Saft trinken? Gern, hole ich Ihnen!“ meinte ich. „Nein! Für Sie!“ – Ich war sprachlos! Diese Frau hätte allen Grund gehabt, zu jammern und zu klagen. Sie war schwerkrank und wusste, dass sie bald sterben würde. Doch ihre erste Sorge galt mir, der Krankenschwester. Ich könnte an einem heißen Sommertag zu wenig trinken!

Das war gelebte Demut für mich. Sie hat mich höher geschätzt als sich selbst. Mir ist bewusst, dass diese Demut nicht von ungefähr kam. Sie hat sie jahrelang eingeübt.

Für mich ist diese Dame ein Vorbild.

Seitdem weiß ich, dass es nicht an den äußeren Umständen liegt, sondern an der inneren Entscheidung, wie jemand reagiert.

Keiner von uns kommt ohne Narben durchs Leben. Ich denke, wenn wir die seelischen Wunden von jemanden sehen könnten, wie die körperlichen, wir würden miteinander behutsamer umgehen.

Ich aber möchte mir wieder und wieder bewusst machen, dass der andere nichts für meine Vergangenheit kann. Der Pastor in meiner neuen Gemeinde kann nichts für das, was der andere in der ehemaligen Gemeinde mir angetan hat.

Der andere kann auch nichts dafür, dass es mir gerade körperlich schlecht geht oder mir Sorgen um meine Zukunft mache.

Ich möchte nicht zu einem lebenden Minenfeld mutieren.

Ich möchte mich darin üben, den anderen höher zu schätzen, als mich selbst.

Wenn ich es täglich übe, werde ich es auch dann können, wenn ich eigentlich allen Grund hätte, zu jammern und zu klagen.

Jesus war Single!

Als ich mich zu Weihnachten mit Maria beschäftigte, bin ich über etwas gestolpert, dessen Tragweite mir heute erst bewusst wird.

Weil es mich interessierte, wie es denn nun genau war mit Maria und warum sie nicht wegen vermeintlichen Ehebruchs gesteinigt wurde, fand ich mich plötzlich in Rechtskunde im Alten Israel wieder. Ein Nebensatz machte mich neugierig. Da wurde darauf hingewiesen, dass ein Bastard ein Kind ist, dessen Vater unbekannt ist. Deswegen durfte solch ein Kind im Alten Israel nicht heiraten. Laut einer Webseite über jüdisches Recht (http://juedisches-recht.org/mc-famil-r-mamser.htm) bezieht sich 5. Mose 23, 3 „In die Versammlung des Herrn darf kein Bastard aufgenommen werden, auch in der zehnten Generation dürfen seine Nachkommen nicht in die Versammlung des Herrn aufgenommen werden.“ darauf, dass kein Bastard einen Juden heiraten darf. Laut dieser Webseite darf er auch nicht einen anderen Bastard heiraten.

Im Alten Israel wurden zudem unverheiratete Männer skeptisch angesehen. In Sirach 26, 31 heißt es „ Wie man einem bewaffneten Räuber nicht traut, der von einer Stadt in die andre schleicht, so traut man auch nicht einem Mann, der kein Heim hat und dort bleiben muss, wo er am Abend hinkommt.“

D. h. wenn ich richtig schlussfolgere, war die Ehelosigkeit Jesu nicht von ihm freiwillig gewählt, sondern entsprach jüdischem Recht. Denn aus der Sicht der damaligen Rabbiner war der Vater von Jesus nicht bekannt. Er wurde dazu noch skeptisch angesehen. Dann wirkt plötzlich der Satz „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Lukas 9, 58) als Hinweis auf seinen Makel, also die Ehelosigkeit, weil er ein Bastard ist. Es ist, als wolle er damit sagen, dass er nicht hoch angesehen ist und deshalb solle sich der andere gut überlegen, ob er ihm folgen möchte.

Dann bekommt seine Aussage „Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“ noch eine andere Brisanz. Jesus wurde von Menschen unfähig zur Ehe erklärt. Er hat sich bestehenden Gesetzen untergeordnet. Das ist auch eine Form von Demut.

Oft wird gepredigt, dass Jesus sich dem Menschen gleich machte. Er hat allen Schmerz und Kummer gekannt und hat ziemlich alle Facetten des menschlichen Lebens mitgemacht, bis auf eine: Er hatte keine Partnerin und keine Nachkommen. Er weiß nicht aus persönlicher Erfahrung wie es ist, abends nach Hause zu kommen, von einer lieben Frau empfangen zu werden, mit ihr und den Kids gemeinsam Abendbrot zu essen, sich anzuhören, dass eins von ihnen Nachbars Fenster eingeschmissen hat und das andere für aufmerksames Zuhören in der Thoraschule gelobt wurde.

Auch wenn es sinnvoll klingt und es sicher auch theologisch schwierig geworden wäre, wenn Jesus Nachkommen gehabt hätte, es ist ein Mangel, etwas, was er entbehrt hat. Vielleicht hat er in der Wüste u. a. darüber getrauert und sich dazu durchgerungen, auch an diesem Punkt sich seinem Vater und den Menschen unterzuordnen.

Es ist ein Mangel, den man nicht mal eben rational annehmen kann. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Auch das skeptisch angeschaut werden, weil man unverheiratet ist, kenne ich nur zu gut. In freien Gemeinden schlug mir als Single oft eine merkwürdige Mischung aus Ablehnung und Mitleid entgegen. Single-Sein gehört nicht zum Konzept von vielen Freikirchen. Single ist man bloß vorübergehend, es ist eine „Unpässlichkeit“. Die Großstadt, in der ich wohne, ist Single-Hochburg. Trotzdem reden viele freikirchliche Pastoren davon, dass „Kinder, die Zukunft der Gemeinde“ sind. In den Gemeinden gibt es häufig alle möglichen Gruppen: Pfadfinder, Hausaufgabenbetreuung, Mutter-Kind-Gruppen, Seniorenarbeit, aber oft genug keine Single-Gruppe. Unglaublich, wie ich da ausgegrenzt werde!

In der Gesellschaft ist es nicht besser. Im Restaurant bekomme ich den Katzentisch, weil die guten Tische den Paaren und Familien vorbehalten sind. Es gibt Paar-Rabatt und Familien- Arrangements, aber Singles dürfen den Einzelzimmerzuschlag zahlen.

Wie tröstlich ist es da zu wissen, dass Jesus auch Single war. Er weiß, wie es sich anfühlt, mit einem Makel behaftet zu sein. Zum Schluss wurde er nicht nur deswegen ausgegrenzt. Er ist diesen Weg bis zum Ende am Kreuz demütig gegangen. Nicht einmal hat er auf eine Sonderregelung bestanden. Gott hätte eine Lösung gefunden, um den Makel, dass er ein Bastard war, aufzulösen. Doch Jesus fügte sich darein.

Trotz dieses Makels folgten ihm die Menschen nach. Zumindest bis kurz vor dem Pessach war er ein vielgefragter Mann. Er muss eine positive Ausstrahlung gehabt haben.

Für mich lerne ich daraus, meine äußeren Umstände demütig anzunehmen und dass mein Makel, unverheiratet zu sein, bei Gott nicht zählt. Ich gehöre dazu, darf dabei sein. Alle meine Makel werden von Ihm in Makellosigkeit verwandelt.

Amen.

Ehre

Ich denke gerade über Ehre nach. Das ist ein schwer zu fassender Begriff. Wir halten etwas in Ehren, wir verehren jemanden, bei der Hochzeit verspricht das Brautpaar sich gegenseitig zu achten und zu ehren, mancher, der sich engagiert, arbeitet ehrenamtlich und auf der Beerdigung wird dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen.

Wikipedia definiert Ehre mit „Achtungswürdigkeit“ bzw. „verdienter Achtungsanspruch“. Doch worauf begründet sich diese Achtungswürdigkeit? Womit habe ich denn den Anspruch auf Achtung verdient? Kann ich mir überhaupt Achtung bzw. Respekt verdienen? Hat jemand, der nichts leistet, Respekt verdient? Ein Wachkomapatient zum Beispiel, er leistet nichts – muss ich ihn ehren?

Klar, er ist ein Mensch! – Aber Moment mal, hieße das, dass all das Gehabe um Ehre umsonst ist? Viele junge Männer sind in leidvollen Kriegen „Für Ehre und Vaterland“ gestorben, so manche Kneipenprügelei entstand, weil jemand die Ehre seiner Frau wiederherstellen wollte und ganze Bandenkriege sind wegen verletzten Familienehren entstanden.

Was würde passieren, wenn plötzlich ein Philosoph unwiderlegbar feststellen würde, dass Ehre ein Konstrukt ist, das in Wirklichkeit nicht existiert?

Es würde den erwähnten Kriegen und Prügeleien den Grund wegnehmen. Viele Statussymbole, die wir meinen zu brauchen, wie z. B. Markenklamotten würden plötzlich den Wert verlieren. Aber, in letzter Konsequenz würden sicher viele auch depressiv werden.

Der Mensch braucht Bestätigung. Er braucht es, gesehen zu werden. Doch Gott sieht uns. Hagar, die geflohene Magd Abrams, bezeichnet Gott als den „Gott der mich sieht“ (1. Mose 16, 13) Gott sieht mich!

Nicht nur das: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8, 5)

Ein wenig niedriger als Gott selbst – wow! Das ist kein verdienter Achtungsanspruch. Es ist nicht meine persönliche Leistung. Diese Ehre kann ich nicht erarbeiten.

Ich brauche keine Marken-Handtaschen, kein großes Auto und selbst, wenn ich arbeitslos oder krank bin, muss ich mich nicht verstecken.

Diese Ehre kann mir keiner nehmen. Gott hat mir Ehre, im Sinne von Würde gegeben! Ich bin ein Geschöpf Gottes, das ein wenig niedriger als Gott selbst ist!

Wow! und Amen!

Verschenkte Gnade

Vor kurzem war ich im Stadtzentrum und habe Sandwiches an die Straßenkumpels verteilt. Nachdem ich alles verteilt hatte, ging ich zum Parkhaus zurück. Da bemerkte ich einen, der das Brot, das ich ihm gegeben habe, an die Tauben verfütterte. Das gab mir ein Stich ins Herz. Ich habe das Brot extra eingekauft, mir wirklich Mühe gemacht. Ich überlegte, ob ihn deswegen anspreche.

Da fiel mir ein: Benehmen wir Menschen uns nicht Gott gegenüber genauso? Gott möchte uns nahe kommen, uns seine Liebe zeigen. Er hat sich wirklich Mühe gemacht und seinen Sohn auf diese Erde gesandt. Es ist Gnade. Gnade wird oft leichtfertig als „Geschenk“ übersetzt. Doch Gnade ist weit mehr als ein Geschenk. Wer kennt sie nicht die Geschenke, die man bekommt und sich nicht gewünscht hat? Die potthässliche Kristallvase, die partout nicht kaputt gehen will? Höchstens beim Schrottwichteln wird man sie noch los.

Die Kristallvase sichert nicht unser Überleben. Aber wenn es um unser Weiterleben nach dem Tod geht, sind wir Bettler. Wir brauchen Gottes Gnade. Wir können nicht Gott begegnen, ohne seine Gnade anzunehmen.

Der moderne Mensch denkt, dass er Gott nicht braucht. Ja, er ist überzeugt davon, dass Gott nicht existiert. Wir betteln nach Liebe und suchen sie in sexuellen Abenteuern. Eine Seitensprung-Agentur wirbt im Moment auf großen Plakaten mit Sprüchen wie „Ich ziehe auch nicht jeden Tag das Gleiche an!“ – Was für eine Maßlosigkeit! Der Partner wird nur noch als Objekt betrachtet. Der höchste Genuss mit Nervenkitzel wird gesucht. Doch die Seele geht dabei leer aus.

Dabei steht Gott direkt daneben. Er macht ein großartiges Angebot: „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Johannes 4,14) Die Seele könnte satt werden, wenn der Mensch sich nicht verführen ließe von den tollen Versprechungen dieser Welt.

Wir sind Bettler, die noch nicht einmal merken, dass sie betteln. Wir sind dabei zu verdursten, unsere Seelen verkümmern, doch wir halten nur Ausschau, nach dem nächsten großen Kick – das neueste Handy, das größte Auto, der Mega-Trend vom bekanntesten Influencer.

Wie sehr muss es Gott schmerzen, wenn er uns sieht, wie wir das dargebotene Brot an die Tauben verfüttern. Das gebrochene Brot, die Liebe in Person – Christus.

Ich möchte das Brot annehmen. Mir ist bewusst, dass ich bloß ein hungriges Kind bin. Doch mehr muss ich nicht sein. Ich habe einen Vater, der mich versorgt.