„Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten.“ (Lukas 1, 50)

Foto: privat, Rjikmuseum Amsterdam

In den sozialen Medien wurde ein Artikel über Klimaschutzaktivisten gepostet, die sich auf eine Autobahn geklebt haben. Darunter etliche Kommentare. Einhellige Meinung: statt diese in mühevoller Kleinarbeit von der Straße zu lösen, hätte man doch den Verkehr an ihnen vorbei leiten können und sie erst einmal mehrere Stunden in der prallen Sonne „braten“ lassen können.

Barmherzigkeit ist ein inzwischen so veralteter Begriff, dass es fast schon leichter ist, sich ihm zu nähern, indem man klärt, was Barmherzigkeit nicht ist. Unbarmherzigkeit ist die Einstellung „Selbst schuld!“ oder, auch oft gepostet: „Kein Mitleid!“ Kein Mitleid mit den Aktivisten, die durch ihr Handeln für verpasste Termine oder verdorbene Events sorgen. Sollen sie doch die Konsequenzen ihrer Aggressivität tragen.

Laut Studienbibel wird Barmherzigkeit als „Linderung der Folgen unserer Sündigkeit“ definiert. Wen jemand z. B. durch krampfhaftes Festhalten an der Schuld eines Anderen, also durch Unvergebenheit ein Magengeschwür bekommen hat (der Zusammenhang zwischen psychischen und körperlichen Beschwerden ist ja erwiesen.), dann wird zwar demjenigen diese Unvergebenheit vergeben, wenn er sie als Sünde bekennt, das Magengeschwür ist aber noch nicht weg. Wenn Gott dieses Geschwür heilt oder auch nur die Symptome lindert, dann ist das Barmherzigkeit.

Die Linderung von Konsequenzen, das nicht mehr damit leben müssen, was ich mir selbst (oder anderen) „eingebrockt“ habe, das ist Barmherzigkeit. Wenn ich das von Gott erfahren habe, dann kann ich selbst auch barmherzig sein. Dann kann ich auch etwas „gut sein lassen“ bzw. „darüber hinwegsehen“ und es „ mit Liebe zudecken“. Es sind Sätze wie „Ja ok, das kann doch mal jedem passieren!“ oder „Nicht so schlimm!“ Barmherzig sein heißt für mich auch, dafür zu sorgen, dass der Andere nicht sein Gesicht verliert. Eben nicht eine Rechtfertigung von ihm erwarten, sondern einfach nur die Entschuldigung akzeptieren.

Barmherzigkeit, weil ich selbst ein Mensch bin. Wie oft verletze ich oder mache etwas falsch, obwohl ich es gut meine. Wenn ich mein eigenes Mensch-Sein erkannt habe und annehme, kann ich barmherzig sein. Die Worte und die Taten eines Menschen nicht interpretieren, sondern einfach mal stehen lassen. –Weil ich nicht wirklich weiß, wie derjenige es gemeint hat, vielleicht weil ich ihn und dessen Umstände nicht kenne.

Wieder ein Beispiel aus den sozialen Medien: Eine Frau hat während eines Rock-Konzerts im Sanitätszelt ein Kind zur Welt gebracht. Nach diesen wenigen Zeilen schlugen die Wellen der Empörung hoch: Wie kann sie nur? Also ich hätte auf das Konzert verzichtet! Hätte sie sich vorher denken können! Ist für das Baby viel zuviel Stress! – Eine Kommentatorin ergänzte: Es war ein Konzert, das wegen Corona zwei Jahre lang mehrfach verschoben wurde. Die Frau wollte einfach nicht darauf verzichten. Mutter und Kind geht es übrigens gut! – Barmherzigkeit heißt, keine Vorwürfe machen und nicht gleich falsche Motive unterstellen!   

Barmherzigkeit macht nicht die Rechnung auf „Wie du mir, so ich dir!“, sondern „Wie Gott mir, so ich dir!“ Ich denke, dass ist der springende Punkt: Wenn ich erlebt habe, dass Gott zu mir barmherzig ist, dann kann ich auch barmherzig mit Anderen und mir umgehen.

Gottes Barmherzigkeit geht noch weiter. Er ist barmherzig, obwohl Er unsere wahre Motivation und Umstände kennt.

Er ist barmherzig, weil Er immer das Beste in uns sieht. Er sieht in uns Christus. Er weiß, dass Christus in uns, uns nicht so bleiben lässt, wie wir sind. Er weiß um unsere Schwäche. Er weiß, dass wir oft genug die Konsequenzen unseres Handelns nicht abschätzen und manchmal auch nicht tragen können.

Seine Barmherzigkeit ist auch nicht irgendwann erschöpft. Er wird wieder und wieder die Folgen unserer Sünden lindern.

Deswegen können wir einstimmen in Maria Lobgesang. Denn dieser Vers gilt nicht nur ihr. Nein, sie nimmt „Die, die ihn fürchten“  „von Geschlecht zu Geschlecht“ (nach der Elberfelder Übersetzung) mit hinein. Es ist nicht ihr Magnificat, es ist unseres! Es ist das Wunder, das jedes einzelne Leben sich zum Besseren ändern kann, es ist das Geheimnis, das für unseren Stolz schwer zu ertragen ist und nur die Demut bejahen kann: die Menschwerdung Gottes!  

Gott ist barmherzig!

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