Osiris im roten Mantel

Heute habe ich im Ägypten-Kurs mit den Kindern das Totengericht durchgespielt. Ich habe ihnen erklärt, welche Vorstellung damit verbunden ist und die Rollen verteilt. Dazu gab es noch ein paar Requisiten und los ging’s. Doch irgendwann musste ein Kind los und so übernahm ich die Rolle des obersten Totengottes Osiris. Ich schritt langsam auf die Treppenstufen zu und setzte mich in würdevoller Haltung hin.

Das Kind, das den Verstorbenen spielte, war zwischendurch abgelenkt. In meiner Rolle bleibend rief ich „Verstorbener, schau mich an! Es ist dein Gericht!“ Der Junge schaute mich erschrocken an. So streng kannte er mich nicht. Wir spielten weiter und am Ende entschied Osiris, dass der Verstorbene gerecht sei und im Jenseits weiterleben darf.

Für mich war das irgendwie komisch, einen Gott zu spielen. Während ich mit meinem roten Mantel zu meinem Platz schritt, überlegte ich kurz, ob ich das wirklich tun dürfe. Einen Gott spielen – geht das? Über jemanden zu Gericht sitzen – darf ich das als Kursleiter?

Für die Kinder war es ein Spaß. Sollte es auch sein. Ich wollte ihnen einen kleinen Teil der Jenseitsvorstelllungen im Alten Ägypten vermitteln. Einen Teil der Religion einer untergegangenen Kultur. (Obwohl ich vor Jahren staunend hörte, dass es wieder Gläubige gibt, die an Osiris glauben und auch einen Kult befolgen!)

Doch im Nachhinein wird mir etwas bewusst. Spiegelt nicht das Verhalten der Kinder das Verhalten der Welt Gott gegenüber wider? Wir lassen uns ablenken, nehmen das Leben und Gott als Spaß. 

Nur, eines Tages wird es kein Spaß mehr sein. Dann werden wir vor Gott stehen und es wird unser Gericht sein. Ein Gericht, bei dem es nicht genügt, dass auf einem Amulett, das auf unser Herz gelegt wurde, ein Vers steht, der eben dieses Herz bittet, uns sozusagen nicht vor Gott zu „verpetzen“. Weil wir eben genau wissen, dass all das Beschwören „Ich habe nicht gelogen! Ich habe keinen zum Weinen gebracht!“ nicht stimmt! Unser Herz muss nicht gegen uns aussagen, Gott sieht in unser Herz!   

Was wird er da sehen? Ein „Ich möchte mit dir Gott nichts zu tun haben!“ oder ein „Ja, Gott!“ ? Das wird die entscheidende Frage sein.

Nicht unsere Werke, unser Wollen (und doch nicht können), unsere Karriere, gesellschaftliche Anerkennung und all das andere Gedöns, was wir wichtig nennen, wird entscheidend sein, sondern unsere Entscheidung für oder gegen Gott.

Warum tun wir uns oft so schwer, uns für Gott zu entscheiden? – Weil wir immer noch nicht verstanden haben, dass Gott uns nicht nur liebt, sondern auch die Liebe selbst ist! Oft ist es unsere falsche Gottesvorstellung, die uns hindert. Wir stellen uns oft den christlichen Gott Jahwe mindestens genauso streng vor, wie den altägyptischen Osiris. Einen, den man irgendwie milde stimmen muss, ein knallharter Richter. Dabei beten wir doch im „Vater unser“ genau das, was Gott uns sein möchte: ein Vater! Ein Vater, der für seine Kinder sorgt. Ein Vater, der genau weiß, dass kein Mensch dieses Gericht bestehen würde, könnten wir nur durch Werke vor Ihm bestehen. Deswegen hat Er Seinen Sohn auf diese Welt gesandt und deswegen ist er am Kreuz für all unser „Ich habe jemanden zum Weinen gebracht!“ und „Ich habe gelogen!“ gestorben. Seinen Sohn hergeben, damit die geschaffenen Menschen mit Ihm hier und später in der Ewigkeit leben können, das ist Liebe!

2 Antworten zu „Osiris im roten Mantel”.

  1. Nach dem 1. Johannesbrief verteidigt uns Gott sogar, wenn unser Herz petzt…

    1. Das war mir gar nicht bewusst! Wow! Gott steht also so sehr auf unserer Seite, dass Er sogar uns vor uns selbst verteidigt!

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