Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Rückzug

Doch habe ich nicht aus meinen Fehlern gelernt. Ich unternahm allen Ernstes einen weiteren Anlauf. Ich fand den Infozettel von einer kleinen Gemeinde und ich ging hin. Gleich beim ersten Besuch wurde mir das Aufnahmeformular in die Hand gedrückt. Beim zweiten Mal wurde es mir erneut angeboten. Schließlich fand ich mich mit dem Prediger auf dem Parkplatz wieder, der mir mit feuchter Aussprache erklärte, dass Frauen nicht predigen dürfen, es stände nun mal so in der Bibel. Stattdessen bot er mir mehrmals an, mit seinem Transporter etwas für mich zu transportieren.

Ich fuhr verärgert nach Hause. Ich hatte keinen Bedarf! Keinen Bedarf an Transporten mit dem Transporter und vor allem keinen Bedarf mehr mit Christen zu reden. Das war der Zeitpunkt, an dem ich die Reißleine zog! Ich wollte nie wieder etwas mit Christen zu tun haben. Nie, nie, nie, niemals, nie, neverever, niemals nicht mit ihnen zu tun haben! Ich wollte auch nicht mehr in irgendeinen Gottesdienst gehen! Mir war bewusst, dass „Nie wieder mit Christen zu tun haben!“ nicht umsetzbar wäre. Aber wenn es sich schon nicht der Kontakt zu ihnen vermeiden ließe, würde ich ihnen nicht mehr trauen. Ich würde sie immer skeptisch beäugen und würde ihnen, wenn irgend möglich, unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie mich am Mors kleien können!

Ich bemerkte bei mir, dass ich anfing zu verbittern. Ich schlug oft verbal um mich.

Ich bemerkte diese Verbitterung, konnte aber nichts dagegen tun. Es war mir bewusst, dass es eine gute Idee wäre, sich jemanden z. B. einem Seelsorger anzuvertrauen. Johannes war aber nicht nur mein Pastor, sondern auch mein Seelsorger. Er hatte jedoch in meinen Augen das Seelsorgegeheimnis gebrochen, indem er Dinge, die ich ihm während der Seelsorge erzählt habe, einfach ungefragt an andere weitererzählt hat. Deswegen konnte ich mich lange nicht auf einen Seelsorger o.ä. einlassen.

So machte ich mir Sorgen, wie ich diese Verletzungen ohne Seelsorge überwinden könnte.

 Doch ich hatte meine Rechnung ohne Gott gemacht!

Voice of Germany

Denn es passierte etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Ich guckte mir gern, als einzige Casting-Show, „The Voice of Germany“ an.

Da gab es einen neuen Coach, Michael Patrick Kelly. Alle kannten ihn – ich nicht. Der Hype um die Kelly-Family ist damals an mir vorübergegangen.

Ich beobachtete ihn während der Sendungen. ‚Aha, war 6 Jahre im Kloster.‘ Im Kloster ist heute gefühlt jeder zweite Manager. 

Bekennender Christ. – Bitte nicht! Nicht schon wieder so ein Typ, mit gewinnendem Lächeln, der sich offiziell Christ nennt und sich dann lieblos benimmt.

Aber dieser Mensch war irgendwie anders. Er strahlte irgendwas aus, etwas, was ich auch haben wollte.

 Ich wurde neugierig und fing an, mir Interviews mit ihm anzusehen. Nachdem ich so oft verletzt wurde von Menschen, die sich Christen nennen, suchte ich den Fehler. Denn nette Christen waren zu diesem Zeitpunkt ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, für mich. Menschen waren entweder nett oder Christen!

 Ich suchte den Haken, irgendetwas, was ihn verriet, etwas, das mir mein negatives Bild von Christen bestätigte. Ein Teil von mir fürchtete, dass ich etwas finden würde.

Doch egal welches Interview ich anklickte, er redete nicht schlecht über Menschen. Nicht einmal hat er über andere gelästert. Selbst, wenn der Moderator ihn dazu bringen wollte, hat er es nicht zugelassen. Im Laufe der Staffel gab es eine Situation, in der ich mich für eine Person fremdschämen wollte. Doch er hat dafür gesorgt, dass sie ihr Gesicht wahren konnte.

Ich fand keinen Haken und keinen Fehler. Ich fand nur einen Menschen, dessen Seele am tiefsten Punkt von Gott berührt wurde.

So bestellte ich seine neue CD „ID“. Das tat ich sonst nie. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich nur Klassik.

„So beautyful“ ein Worship-Song berührte mich sehr. Mir wurde klar, dass ich Gott anzubeten habe. Einfach, weil er Gott ist und er trotz allem immer noch gut ist. Ich fing an, ihn zu loben. Während ich betete, spürte ich, wie lange nicht mehr, seine Nähe.

Mir wurden Zusammenhänge klar, die ich lange nicht gesehen habe. Ich verstehe jetzt langsam, warum Gott all dies zugelassen hat. Ich habe mich von diesem Menschen abhängig gemacht bzw. abhängig machen lassen. Aber Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Er möchte an erster Stelle stehen.

Coram deo

Allerdings war ich zu der Zeit immer noch nicht bereit, in einen Gottesdienst zu gehen. Stattdessen fing ich an, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen. Das war mein zweiter Anlauf. Ich habe schon mal begonnen Meister Eckhardt zu lesen. Doch irgendwie scheint es auch auf dem spirituellen Weg einen richtigen Zeitpunkt zu geben. Wenn die Zeit noch nicht für etwas reif ist, dann bleibt man im Anfang hängen. Diesmal las ich weiter und begann fast automatisch mich mit Kontemplation zu beschäftigen. Das war eine neue Gebetsform für mich.

Kontemplation ist eine Art Meditation. Es gibt verschiedene Varianten. Es geht dabei darum, ruhig zu werden und auf Gott zu hören.

Intuitiv begann ich damit, mich jeden Tag auf den Boden zu legen und die Augen zu schließen. Ich versuchte, ruhig zu werden und mich auf Gott zu konzentrieren. Als ich das Gefühl hatte, dass es für heute reichte, machte ich die Augen wieder auf. Meist war eine halbe Stunde vergangen. Das tat mir unglaublich gut! Erst später kaufte ich mir Bücher über verschiedene Techniken.

So las ich nicht nur Meister Eckhardt, sondern auch Johannes vom Kreuz und Thomas Merton. Allerdings muss ich zugeben, dass ich oft die Bücher nicht zu Ende lese. Ich finde sie nur irgendwann ein wenig langweilig. Das geht mir öfter so. Wenn ich das Grundprinzip verstanden habe, dann bin ich schnell auf der Suche nach etwas Neuem. Hinzu kommt, dass ich evangelisch bin. Mir fehlt die „katholische Denkweise“. Das lässt sich nicht ohne weiteres aufholen.

Nichtdestotrotz fasziniert mich die christliche Mystik sehr. Hier fand ich etwas, was meinen Geist herausforderte! Nachdem mir jahrelang in Predigten um die Ohren gehauen wurde, dass die „geistig Armen selig sind!“, hatte ich nun endlich was, an dem ich mich abarbeiten konnte! Neue Zusammenhänge erschlossen sich mir. Für mich ging damit der Vorhang komplett auf und die ganze Welt war für mich!

Es passierte noch etwas Anderes. Ich kann es schlecht beschreiben. Die passenden Worte müssten noch erfunden werden. Ich hangele mich mal an meinen spärlichen Aufzeichnungen meines Stille-Zeit-Buches lang. Anfang 19 steht nur eine kurze Notiz: „Coram deo!“ (Unter dem Angesicht Gottes) Das ist die prägnante Zusammenfassung, was mir 19 passiert ist. Kürzer geht es nicht! Während meiner Gebetsübungen war mir oft so, als würde Gott mich betrachten. Gott mit seiner bedingungslosen Liebe betrachtet mich. Einfach so! Es kam mir so vor, als wäre ich das kleine schlafende Kind im Kinderbettchen und Gott ist der Vater, der in der Tür steht und liebend seinem Kind beim Schlafen zusieht.

Gott zog mich unwiderstehlich zu ihm hin. In Sci-Fi-Filmen wird oft ein Raumschiff mit einem Traktorstrahl zum Mutterschiff gezogen, damit es sicher dort andocken kann. Der Käpt’n ist nicht seiner Würde enthoben, aber er kann nichts machen. Die Steuerung ist ausgeschaltet. So fühlte ich mich von Gott gezogen. Ich konnte mich nicht wehren und wollte es auch nicht.

In dieser Zeit passierte es öfter, dass ich nach meiner Arbeit in mein Auto stieg und mir dann der Gedanke durch den Kopf schoss „Du bist geliebt!“. Jahrelang habe ich Predigten zu diesem Thema gehört. Ich hätte selbst eine dazu halten können. Mit dem Verstand habe ich es längst verstanden, doch in der Zeit verstand ich es zum ersten Mal mit meiner Seele, dass Gott mich liebt! Er liebt mich bedingungslos und leidenschaftlich!

In dem Jahr passierte es immer wieder, dass mein Verstand an seine Grenzen geführt wurde.

Plötzlich weiteten sich meine Denk- Grenzen. Ich wagte, neu und anders zu denken. Ich hinterfragte die gepredigten Wahrheiten. Nicht nur das, was Johannes gepredigt hat, sondern auch andere allgemeine Glaubensgrundsätze. Ich merkte, dass ich viel zu oft „Amen!“ gesagt habe. Fing an zu fragen, wo denn genau dieses oder jenes Dogma in der Bibel steht.

Irgendwie hat mich das ganze Jahr über eine Strophe aus meinem Lieblingsweihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ begleitet: „In Seine Lieb‘ versenken, möcht‘ ich mich ganz hinab. Mein Herz will ich Ihm schenken und alles, was ich hab‘!“

Gott hat mich auf wundersame Weise in Seine Liebe versenkt. Deswegen fällt es mir leicht, Ihm alles, nicht nur mein Herz zu schenken! Seine liebende Gegenwart bringt mich dazu! Coram deo. 

(Wird fortgesetzt.)

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