Der schreckliche Christus

Während meines Urlaubs war ich auch im ehemaligen Kartäuserkloster von Valldemossa. Hier komponierte Chopin seine Regentropfenprelude. Nachdem wir seine Zelle besichtigt hatten, wurden wir in einen kleinen Saal geführt. Wir warteten darauf, dass das kleine Konzert, das uns versprochen wurde, begann.

Mein Blick blieb an einem Bild hängen: Darauf waren viele Menschen abgebildet. Alle schienen sich vor etwas zu erschrecken. Erst dachte ich, es sind die Reiter in Rüstung vor denen sie Schutz suchten. Doch dann sah ich, dass auch sie versuchten, sich vor etwas in Sicherheit zu bringen. Arme, Reiche, Freie und Gefangene wollten sich vor etwas oder jemanden verstecken, der außerhalb des Bildes war. Plötzlich wusste ich, wer es wohl, nach der Absicht des Malers sein sollte: Christus! Wenn Christus wiederkommt, dann wird es für Viele noch schrecklicher sein, als auf dem Bild dargestellt. Die Erkenntnis, dass es wirklich einen Gott gibt, die Erkenntnis, dass man sein Leben vergeudet hat und zum Schluss die Erkenntnis, dass man ein sündiger Mensch ist und man diesem Gott nicht genügen kann, all das wird für Viele schrecklich sein. Sie werden, wie auf dem Bild, ihre Gesichter abwenden und werden versuchen, sich zu verstecken – und es wird ihnen nichts nützen. Jeder, der nicht zu Lebzeiten, nicht rechtzeitig, bevor Christus wiederkommt, sich Ihm, dem liebenden Gott, zuwendet, wird in einem einzigen Moment erkennen „Ich habe meine Chance vertan. Es ist zu spät!“ Das ist eine schreckliche Erkenntnis!

Das ist mir nicht immer bewusst. Ich verlasse mich gern auf die Gnade. Ich weiß, dass mich Gott unendlich liebt, dass Er sich nichts sehnlicher wünscht, als mit mir Gemeinschaft zu haben. „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.“ heißt es in Jeremia 31,4 nach der Schlachter – Übersetzung. Ja, die Gnade gilt. Doch sollte ich mir bewusst machen, was sie gekostet hat. Gott kann nur gnädig zu uns sein, weil er seinen eigenen Sohn hergegeben hat. „Denn Gott hat der Welt seine Liebe gezeigt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat und nicht verloren geht.“ (Johannes 3, 16, NGÜ) Gott möchte nicht, dass auch nur ein Mensch verloren geht. Verloren gehen heißt, keine Gemeinschaft mit Ihm in der Ewigkeit haben. Bei dem Gedanken allein fühle ich mich unwohl. Aber genau das wird Vielen passieren. Sie werden sich nicht nur unwohl fühlen, sondern zutiefst erschrecken. Derjenige, vor dem sie erschrecken, wird nicht gruselig daherkommen, wie in Horrorszenarien, sondern er wird wunderschön sein. Schrecklich – schön! Schrecklich in den Augen derer, die ihn abgelehnt haben und schön für diejenigen, die ihm nachgefolgt sind. Die Nachfolger Christi werden ihren Herrn an der unbeschreiblichen Schönheit erkennen. Wenn auch noch viel Dunkelheit in ihnen ist, ein winziger Teil, aber immerhin ein Teil, wird Ihn erkennen. Das ist der Teil meiner Persönlichkeit, der bereits christus – ähnlich ist. Ich werde zu Lebzeiten mit dieser Umwandlung zur Christus – Ähnlichkeit nicht fertig werden. Das bisschen aber, dieser winzige Teil an Licht reicht Gott. Es reicht aus, dass Christus für mich schön und nicht schrecklich ist. Ich werde nicht erschrecken müssen, wenn Christus wiederkommt. Das ist Gnade! Diese Gnade genügt! (2. Kor 12, 9)

Radieschen

Als Kind hatte ich ein kleines Stueckchen Garten. Meine Eltern hatten es mir vom grossen Garten zugeteilt. Jedes Fruehjahr bestellte ich es neu. Ich machte mir richtig einen Plan, wie ich das Stueck aufteilen wuerde, wo die Radieschen und wo die Petersilie hin kommt. Dann machte ich mich ans Werk: erst grub ich den Garten um, was mein Vater regelmaessig mit „In unserem Garten war ein Wildschwein!“ kommentierte. Dann zog ich, wie ich es in Schulgarten gelernt habe, die Reihen. Sie waren zwar schief, aber sie waren wenigstens parallel schief. Endlich saete ich aus: Radieschen, Moehren und Petersilie. Ich war sehr gespannt, was daraus werden wuerde.

Als Erstes keimten die Radieschen. Jeweils zwei Herzblaetter streckten sich der Sonne entgegen. Doch ich war sehr ungeduldig. Weil ich nachschauen wollte, ob sie schon reif  zum Ernten sind, rupfte ich immer wieder einzelne Pflaenzchen raus. Doch an den kleinen Blaettern hing nur eine duenne weisse Wurzel, noch weit entfernt, ein ausgewachsenenes Radieschen zu sein. Das schmaelerte natuerlich meine Ernte. Mit der Zeit lernte ich, dass erst, wenn die Blaetter nicht mehr herzfoermig waren, sondern ihre radieschen-typische Form hatten, das Radieschen erntereif war.

Ich bin bis heute ungeduldig. Manches kann mir nicht schnell genug gehen. Doch muss ich mir immer wieder eingestehen, dass Ungeduld nichts beschleunigt. Im Gegenteil, wenn ich  nicht abwarte, werde ich nicht das Ergebnis erhalten, dass ich erhoffe. Es wird meine Ernte schmaelern. Gott wird ein „schneller“ nicht zulassen, wenn mir dieses „schneller“ nicht gut tut. Dass, was ich brauche, bekomme ich „zu Seiner Zeit“. Er weiss, was gut fuer mich ist und er hat noch immer den Ueberblick.  „Gott sitzt im Regimente und fuehret alles wohl.“ (Paul Gerhardt)

Der Pfirsich

 

Vor Kurzem habe ich mir Pfirsiche gekauft. Auf den letzten habe ich mich besonders gefreut. Ich wollte ihn genießen. Es war der Letzte für dieses Jahr. Er war groß, roch süß nach Pfirsich und hat sah von außen richtig lecker aus. Ich biss rein – und war enttäuscht. Der Pfirsich war innen verfault. Traurig schmiss ich ihn weg.

Manchmal treffe ich auf Menschen, die sind wie dieser Pfirsich. So hatte ich vor wenigen Wochen eine Beziehung mit einem Mann. Anfangs klang alles gut für mich. Er machte mir Komplimente und erzählte mir, dass er mich bewundere. Er beteuerte, dass es ihm wichtig sei, mir, seiner Freundin jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Als ich ihm kurz darauf schrieb, dass ich eine Gehirnerschütterung habe, reagierte er nicht und einige Tage später beendete er die „Beziehung“.

Ich frage mich, ob ich vielleicht selbst an einigen Stellen innerlich „faule“. Verhalte ich mich vielleicht ähnlich? Versprechen sich vielleicht Menschen etwas von mir, was ich dann nicht halte? Zum Beispiel, wenn sie wissen, dass ich Christ bin und ich habe nicht die Geduld und die Barmherzigkeit ihnen gegenüber, wie ich sie haben sollte. Dann bemerken sie die „faule Stelle“ an mir. Aus mir heraus kann ich nicht so liebevoll und barmherzig sein, wie ich es gerne wäre. Aber Gott kann es mir schenken. Er möchte mich so verändern, dass ich ihm immer ähnlicher werde. Ein Pfirsich kann nicht wieder gut werden, wenn er schon faul geworden ist. Aber mich kann Gott innerlich erneuern, die faulen Stellen kann er heilen. Er tut es gern, ich muss es nur zulassen. „Und ihr wurdet gelehrt, euch in eurem Geist und eurem Denken erneuern zu lassen und den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gottes Bild erschaffen ist und dessen Kennzeichen Gerechtigkeit und Heiligkeit sind, die sich auf die Wahrheit gründen.“ (Epheser 4, 23-24, Neue Genfer Übersetzung)

Strecke ich mich nach diesem neuen Menschen aus, dann werden die faulen Stellen in mir heilen. Ich werde authentisch sein. Ich werde das leben, was ich sage und sagen, was ich lebe. Dann werde ich wie ein Pfirsich sein, der von außen und innen schön ist.

Die Geschichte ist nicht biblisch. Es könnte aber so gewesen sein.

Petrus lernt schreiben

Petrus saß am Tisch und mühte sich mit der vor ihm liegenden Wachstafel ab. Er sollte seinen Namen schreiben. Der erste Buchstabe, das Pi, gelang ihm schon gut: zwei Striche, darüber ein dritter. Epsilon, Tau, Rho und Omikron waren auch gut erkennbar. Aber das Sigma wollte ihm einfach nicht glücken. Das Sigma, das Paulus ihm vorgemalt hatte, war eindeutig ein Halbkreis mit Haken dran. Seine dagegen gerieten immer zu Kringeln, die zur Seite kippten.

„Das geht nicht! Das kann ich nicht!“ Petrus schmiss den Stift hin und stand abrupt auf. Paulus versuchte noch, ihn zu beruhigen, doch Petrus polterte los „Wieso muss ich schreiben? Ich möchte erzählen, was ich erlebt habe!“ Er zeigte seine Hände. „Das sind Hände eines Fischers, nicht die eines Schreiberlings.“ „Aber der Herr hat doch selbst gesagt, dass du ein Menschenfischer sein sollst. Da wäre es gut, dass du -“ „Das ich was?“ unterbrach ihn Petrus „Woher willst du wissen, was der Herr gesagt hat. Du warst nicht dabei! Stattdessen hat der feine Herr Gesetze studiert. Gejagt hast du uns. Die Hände hast du dir nicht schmutzig gemacht, das durften Andere. Du hast nur die Mäntel gehalten. War doch sicher ein schönes Gefühl, als Stephanus starb!“ Paulus war während Petrus redete immer mehr in sich zusammengesunken. Als Petrus jetzt die Tränen in Paulus‘ Augen sah, hielt er inne. „Oh Paulus, das tut mir Leid.“ Er setzte sich wieder zu seinem Lehrer. „Wie war das eigentlich, als dir der Herr erschien?“ Paulus holte tief Luft und fing an „Ich war auf dem Weg nach Damaskus. Ich dachte, ich tue das Richtige. Das Richtige für Gott. Als ich das gleißende Licht sah und die Stimme hörte, war ich starr vor Schreck.“ Als Paulus den erstaunten Blick von Petrus sah, sagte er „Ja Petrus, der feine Herr hatte Angst. Schreckliche Angst sogar. Ich war blind und mir wurde klar, dass ich mich gegen Gott gestellt habe. Gegen Gott! Alles worauf ich mein Leben aufgebaut habe war falsch. Gott würde mich verstoßen. Ich würde nie wieder den Tempel betreten dürfen. Ich dachte, dass ich blind bleibe. Aber das war mir egal. Mein Leben war vorbei! Ich hoffte nur noch auf ein schnelles Ende. Als dann Hananias kam und mir die Hände auflegte, konnte ich es erst gar nicht fassen. Ich darf leben! Ich konnte wieder sehen. Nicht nur das: Ich darf etwas für meinen Herrn tun. Ein größeres Geschenk hätte mir keiner machen können!“ Petrus hatte die ganze Zeit nur stumm genickt. Jetzt hielt er es nicht mehr aus “Genau so! Genau so ging es mir auch! Ich wollte für Jesus sterben. Als er sagte, dass man ihn töten würde, wollte ich nichts davon wissen. Das wollte ich verhindern! Ich habe mir extra ein Schwert besorgt. Meinem Herrn sollte keiner was antun! Doch dann ging alles so schnell. Sie kamen und nahmen ihn fest. Jesus befahl mir, das Schwert fallen zu lassen. Ich folgte ihnen aus der Ferne. Ich dachte, ich könne ihm noch irgendwie helfen. Irgendetwas müsste doch möglich sein. Doch dann -“ Petrus schluckte schwer „fragten sie mich kurz hintereinander, ob ich ihn kenne. Ich, ich“ stammelte er „sagte nein. Kurze Zeit später krähte der Hahn.“ Paulus sah ihn abwartend an. Jetzt kämpfte Petrus mit den Tränen. „Ich hab’s getan. Ich hab ihn verleugnet. So, wie er es vorausgesagt hat. Als ich ihn dann am Ufer sitzen sah, wollte ich nur zu ihm hin. Ich wollte es ihm erklären, mich bei ihm entschuldigen. Doch er schaute mich nur an, mit diesem Blick. Johannes sagte immer, Jesus habe sanfte Augen. Ich habe ihn damit aufgezogen. Aber jetzt wusste ich, was er damit meinte. Mit diesen sanften Augen schaute er mich an und fragte, ob ich ihn liebe. Paulus, er fragte mich, ob ich ihn liebe. Nach allem, was gewesen ist, fragte er mich! Es ging mir genauso wie dir, Paulus. Es ging mir durch und durch.“ Sie sahen sich eine ganze Weile schweigend an. Zwei Männer, die beide in den Abgrund ihrer Seelen geblickt hatten. Zwei Männer, die genau wussten, wie kostbar Vergebung ist.

Irgendwann drückte Paulus dem Petrus den Stift wieder in die Hand „Na komm du Menschenfischer. Versuch es noch einmal. Tu’s für den Herrn.“ „Für den Herrn tu ich alles!“ Damit begann Petrus zu schreiben. Diesmal klappte es besser: ein Halbkreis mit einem Haken dran. Nun stand auf der Tafel Πετρος.

Temporarily not available

Bis einschließlich gestern war ich auf dem Land. Ach, war das herrlich. Die Kühe muhten, die Schafe blökten und ringsum das weite, hügelige Land. Die Eier von den Hühnern des Nachbarn entsprachen nicht der EU – Norm, waren aber dafür um so leckerer. Fast perfekt. Wäre da nicht das Funkloch. Mein Handy konnte ich nur als Uhr benutzen. Ansonsten: keine E-Mails, kein WhatsApp, kein Hochladen vom “Montagsinput”, noch nicht einmal ein Telefonat war möglich.

Derjenige, der versucht hat, mich anzurufen, hat dann sicher folgenden Text gehört „The person you have called, is temporarily not available!“ – „Die angerufene Person ist vorübergehend nicht erreichbar!“ Wie oft sind wir „temporarily not available“? Zum Beispiel die klassische Frühstücksszene: der Mann liest Zeitung und seine Frau redet mit ihm – temporarily not available. Das Kind, das versucht, seiner Mutter von dem Kummer in der Schule zu erzählen. Doch die Mutter schickt es ins Zimmer zum Spielen – temporarily not available. Wie oft hören wir nicht zu, bemühen wir uns noch nicht einmal, den Anderen zu verstehen. Körperlich sind wir anwesend, aber mit den Gedanken sind wir ganz woanders. Ist das noch vorübergehend oder ist das schon dauerhaft? Sind wir überhaupt noch erreichbar?

Wie ist das mit Gott? Wie oft sind wir für ihn „temporarily not available“? Was, wenn er mit uns reden möchte? Sind wir bereit ihm zuzuhören? Derjenige, der uns bei unseren Beziehungen helfen kann, möchte mit uns in Beziehung leben. Vielleicht wäre es ein guter Anfang, diese Beziehung in Ordnung zu bringen. Wenn ich es lerne, Gott zuzuhören, dann kann ich auch wieder den Menschen zuhören, die Zeitung zusammenfalten und bei meinem Kind an die Tür klopfen.

Vielleicht findet sich demnächst ein nicht verplantes Wochenende. Dann fahre ich wieder aufs Land, ins Funkloch. Dann spaziere ich über die Hügel und übe mich darin, Gott zuzuhören. Wenn ich wiederkomme, dann bin ich wieder für die Anderen „available“.

Letzte Woche fiel der Montagsinput aus gesundheitlichen Gründen aus. Diesmal nur einige kurze Gedanken. Wenn es mir wieder richtig gut geht, wird es wieder ausführlicher.

Der gedeckte Tisch

Letzte Woche war ich in meiner Gemeinde. Es gab etwas zu besprechen. Eine liebe Schwester begrüßte mich. Sie verrichtete gerade mit Anderen die angefallenen Hausmeisterarbeiten. Nach dem Gespräch fuhr ich wieder nach Hause. Als ich einige Tage später bei dieser Schwester anrief, fragte sie mich, warum ich so schnell gegangen wäre, sie habe für mich den Tisch mitgedeckt. Ich war überrascht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe nicht mitgeholfen, also gibt es für mich kein Mittagessen. So dachte ich.

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir Einiges auf. Da ist zunächst mein Leistungsdenken: Ich bekomme, was ich verdiene! Viele denken so. Aber bei Gott ist das anders. Bekäme ich, was ich verdiente, dann hätte ich nichts zu lachen. Aber, Gott sei es gedankt, ist Jesus für mich am Kreuz gestorben. Er hat das, was ich verdient hätte, nämlich den Tod, auf sich genommen. Dadurch kann ich wieder zu ihm kommen, meine Schuld ist mir vergeben. Ich bin mit Gott versöhnt.

Ein weiterer Gedanke zu diesem Erlebnis: Warum habe ich eigentlich nicht damit gerechnet, dass für mich mitgedeckt ist? Rechne ich wirklich nicht mehr damit, dass jemand, dass Gott mir etwas Gutes gönnt? Ich bitte regelmäßig um seinen Segen, aber rechne ich auch damit, dass er mir diesen schenkt? Es heißt doch „Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.“ (Matth. 7,7, Elberfelder Übersetzung)

Gnade ist Gnade und kann nicht verdient werden. Wenn ich das nächste Mal um die Mittagszeit in der Gemeinde bin und die Hausmeistergruppe ist auch da, dann werde ich kurz in der Küche vorbeischauen. Vielleicht ist ja wieder für mich mitgedeckt…

Heute mal ein Gleichnis.

Der Hauptgewinn

Einmal ging ein Mädchen auf den Rummel. An einer Losbude blieb sie stehen. Der Losverkäufer pries gerade ein Fahrrad als Hauptgewinn an. Genau so ein Fahrrad wollte das Mädchen schon immer haben. Wenn sie das richtige Los zöge, so versicherte ihr der Losverkäufer, gehöre das Fahrrad ihr. Das Mädchen kratzte ihr Geld zusammen und kaufte einige Lose. Als sie gerade anfing die Lose zu öffnen, kam ein Junge hinzu. Er beobachtete, wie sie ein Los nach dem anderen öffnete. Mit jedem gewann sie einen kleinen Trostpreis: ein Spielzeugauto, eine kleine Puppe und ein Häuschen für die Eisenbahn. Als sie gerade das letzte Los öffnen wollte, schrie der Junge aufgeregt „Halt!“. Er fragte, was sie dafür haben wolle, er würde mit ihr tauschen. Als sie nicht wollte, erklärte er ihr, dass das letzte Los garantiert eine Niete sei, bisher habe sie immer etwas gewonnen, das müsse einfach eine Niete sein. Wenn sie ihm das letzte Los gäbe, bekäme sie wenigstens seine Fahrradhupe dafür. Dann könnte sie so tun, als ob sie ein Fahrrad hätte.

Nachdem das Mädchen eine Weile nachgedacht hatte, erkannte sie, dass der Junge Recht hätte, nach so vielen Trostpreisen kann es nur eine Niete sein. So hätte sie wenigstens eine Fahrradhupe. Sie willigte in den Tausch ein und gab ihm das Los. Grinsend drückte der Junge ihr die Hupe in die Hand. Der Junge öffnete das Los und lachte schallend. Er hatte den Hauptgewinn, das Fahrrad gewonnen. Vor Enttäuschung ließ das Mädchen ihre Trostpreise fallen. Der Junge fuhr einfach mit dem Fahrrad drüber und dann böse lachend davon. Das Mädchen drückte traurig auf die Hupe. Doch es kam kein Ton raus – sie war kaputt.

So geht es Menschen, die sich um das Beste bringen lassen.

 

Persönliche Frömmigkeit

Im Alten Ägypten wurden bekanntlich viele Götter angebetet. Riesige Tempel, Totentempel und die Grabdekorationen zeugen davon. Dabei wird oft eins außer Acht gelassen: all die Zeugnisse von einer reichhaltigen Religiosität war für eine kleine Schicht der ägyptischen Bevölkerung gedacht. Pharao, seine Familie und die hohen Beamten bekamen die großen Gräber gebaut, in denen auf den Wänden dargestellt war, was sie alles für das Jenseits mitbekamen. Der Pharao oder stellvertretend seine Priester durfte das Heiligste bzw. das Allerheiligste im Tempel betreten und die kultischen Handlungen ausüben, die dazu dienten, die Welt in Gang zu halten. Das einfache Volk durfte höchstens den Vorhof betreten und zuschauen. Es durfte bei den großen Prozessionen zusehen, wenn die schwere Götterfigur erst getragen und dann in die eigens dafür gebaute Barke gesetzt und auf dem Nil zu einem anderen Tempel gebracht wurde, weil er dort angeblich den dort anwesenden Gott besuchte.

In den Museen finden wir viele Zeugnisse von diesen Glaubensvorstellungen. Am Ende der Ausstellung gibt es manchmal noch eine kleine unscheinbarere Vitrine. In ihr sind vielleicht eine kleine Stele, auf der viele Ohren abgebildet sind, kleine Götterfiguren, Tiermumien und Amulette zu sehen. Diese Exponate zeugen von der persönlichen Frömmigkeit, von den Glaubenspraktiken des einfachen Volkes. Diesen Begriff haben die Ägyptologen geprägt, um den Glauben des Volkes von der Staatsreligion abgrenzen zu können.

Der christliche Glaube ist in dem Sinne keine Staatsreligion. Frau Merkel und ihre Vertreter müssen nicht jeden Morgen dafür sorgen, dass die Sonne wieder aufgeht. Der christliche Glaube ist ein persönlicher Glaube. Gott meint dich! Er möchte mit dir zu tun haben. Er liebt dich und er möchte dein persönlicher Gott sein. Keiner kann für dich mitglauben. Gott wartet auf deine eigene Antwort, auf die Frage „Möchtest du mein Kind sein? Möchtest du mir vertrauen?“ Was wird deine Antwort sein?

Meine Antwort habe ich bereits gegeben. Ich glaube meinem Gott. Ich vertraue Jesus Christus und folge ihm nach. Denn er ist für mich gestorben, damit der Weg frei ist zu ihm. Das ist mein persönlicher Glaube, meine persönliche Frömmigkeit.

 

Heute mal wieder ein Stück aus meinem Archiv. Meine Lieblingsgeschichte.

Die Sehnsucht im Herzen

Als Gott der Herr die Welt schuf, schuf er auch die Sehnsucht. Er sagte ihr, sie dürfe drei Tage lang durch die Welt streifen, und nach dieser Zeit, würde Er ihr, ihren festen Platz zeigen. So machte sich die Sehnsucht auf den Weg.

Sie durchquerte den Regenwald, fror ein wenig in der Arktis, machte es sich nachts in der Wüste gemütlich, und saß am Ozean und sah zu, wie die Wellen entstanden.

Nach drei Tagen stand sie vor dem Thron des Herrn. Der Herr fragte sie: „Liebe Sehnsucht, hast du die Welt gesehen?“ „Ja Herr, sie ist wunderschön. Ich erkenne drin deine Handschrift. Du hast sie sehr gut gemacht!“ antwortete die Sehnsucht.

In diesem Augenblick trat ein Engel, der mit vielen anderen vor dem Thron stand, ein wenig zur Seite. Einen kurzen Moment konnte die Sehnsucht einen winzigen Teil von der Herrlichkeit Gottes sehen. Die arme Sehnsucht – denn das Licht war so hell und schön, dass sie beinahe erblindet wäre. Schützend legte der Engel einen Flügel über ihre Augen, und schloss schnell die entstandene Lücke.

Der Herr nahm die Sehnsucht bei der Hand und führte sie. Sie kamen zu einem, für die Sehnsucht unbekannten Gebilde. Der Herr nahm die Sehnsucht und stellte sie hinein. Da begann die Sehnsucht zu fragen: „Herr, in was für ein Gebilde hast du mich hineingestellt?“ „Das, liebe Sehnsucht, ist das menschliche Herz.“ antwortete der Herr. „Herr, was hast du mit meinen Füßen gemacht? Du hast sie so tief hineingesteckt, dass ich nicht mehr gehen kann!“ klagte die Sehnsucht. „Liebe Sehnsucht,“ sagte der Herr „ich möchte, dass du ganz fest im Herzen verwurzelt bist!“

Wieder fing die Sehnsucht an: „Herr, hier ist es so dunkel! Warum sollte ich vorher die Welt sehen?“ Der Herr erklärte ihr:

„Liebe Sehnsucht, die Menschen werden sich von mir abwenden. Doch du bringst sie zu mir zurück. Der Mensch kann sich nur nach etwas sehnen, was er gesehen hat, oder zu kennen meint!“

 

                                                                                                                    

Die Predigt des kleinen Tisches

Ich stelle meinen Kaffeebecher auf den Tisch. Endlich Pause. In Gedanken schaue ich mir den Tisch an. Die einzelnen Fugen und die unterschiedlichen Fliesen: blau, braun, terrakotta, weiß mit grünen Strichen, aber auch schwarz. Der Tisch hat Geschichte. Mein Großvater hat ihn getischlert. Die Beine sind ein wenig zu dünn für die dicke Platte. Mein Großvater war Bootsbauer, nicht Tischler.
Auch beim Bootsbau musste er lernen. Mit dem ersten selbstgebauten Boot ist er, ausgerechnet während eines Ausflugs mit der Freundin, gekentert. Das hinderte meine Großmutter, sie war die Freundin, nicht daran, ihn später zu heiraten. Das zweite Boot hielt. Die „Godewind“ stach, zusammen mit „Windjammer“, dem Boot meines Onkels und „Rasmus“, dem Jollenkreuzer meiner Eltern viele Jahre in See und bescherte mir unvergessliche Sommerurlaube.

Nun sitze ich also an diesem Tisch, wie früher, wenn ich als Kind meine Großeltern besuchte. Damals waren noch kleine rosafarbene Fliesen eingelegt. Irgendwann sind sie, weil eben der Tisch nicht ganz stabil ist, rausgesprungen. Ein Tischler hat ihn aufgearbeitet und eine Keramikerin neue Fliesen reingelegt.
Die Fliesen passen zu mir: sie sind krumm und schief und bunt. Die Keramikerin hat einfach welche genommen, die von einem anderen Projekt übrig geblieben sind. Übrig gebliebene Reste, ein Scherbenhaufen! Als Ägyptologin bin ich es gewohnt, mit kaputten Dingen umzugehen.
Vor einigen Jahren musste ich auf einer Tagung über eine Kollegin schmunzeln. Sie erzählte uns mit wachsender Begeisterung von „ihrem“ Tempel, den sie gerade ausgräbt. Sie schwärmte von gefundenen Säulensockeln und Farbpigmenten auf dem Relief. Aus wenigen Reliefresten wie einem Zeh, einer Hand und einem Kuhhorn rekonstruierte sie eine komplette Wanddekoration.
Für einen ahnungslosen Laien wäre auf jeder Folie das Gleiche zu sehen gewesen: ein großer Sandhaufen mit ein paar kaputten Steinen obendrauf. Doch meine Kollegin weigerte sich, das so zu sehen. Sie hatte die Fantasie und die Liebe den Steinhaufen als wunderschönen Tempel zu sehen.

Oft sehen wir uns selbst als einen Scherbenhaufen. Wir sehen nur das Kaputte, nur das, was fehlt. Doch Gott hat den liebevollen Blick eines Archäologen. Er freut sich über jeden Stein, der erhalten geblieben ist. Er sieht nicht die wenigen Bruchstücke vom Relief, sondern das komplette Relief, so, wie er es gemeint hat. Wenn wir es zulassen und uns ihm hinhalten, dann baut er wieder auf. Er fügt wieder zusammen und stellt uns wieder her. Er hat die Fantasie und die Liebe uns als das zu sehen, was wir auch wirklich sind: ein wunderschöner Tempel, in dem er wohnen kann.
Doch ist es an uns, darauf zu vertrauen, dass er es tun wird. Der Tempel kann sich nicht selbst ausgraben. Er kann sich nur hinhalten.

Archäologen arbeiten nicht mit dem Bagger. Mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel tasten sie sich vorsichtig voran, um das Wenige, was noch ganz ist, nicht aus Versehen kaputt zu machen.
So arbeitet auch Gott langsam und vorsichtig mit uns, um das Wenige, was heil geblieben ist, zu erhalten. Es fällt mir schwer, das so zu schreiben. Es wäre mir lieber, wenn es anders wäre. Selbst, wenn ich dagegen ankämpfe, bleibt es dabei: Gott arbeitet nicht mit einem Bagger, sondern mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel. Er kommt langsam, aber stetig voran.
Der Kaffee ist kalt geworden. Ich sitze immer noch an diesem Tisch. Gebaut von einem Mann, der nach dem ersten Kentern nicht aufgab, mit Restscherben belegt, die sich zusammenfügen.
Als meine Nachbarin mich besuchte, meinte sie augenzwinkernd „Den Tisch brauchst du doch nicht mehr?“ Doch, ich brauche ihn. Den gebe ich nicht her. Er ist ein Unikat. Wie ich!

Tisch