Der Herr ist mein Hirte (Ps. 23,1)

Der Herr ist mein Hirte – das ist der Psalm, der am meisten bekannt ist. Viele haben ihn auswendig gelernt oder er hängt, hübsch gestickt, gerahmt im Flur.

Ich möchte diese eine Zeile genauer betrachten. Ein Hirte geht, zumindest in Israel, voraus. „Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10, 4, nach Einheitsübersetzung 2016)

Jesus spricht in diesem Text von sich selbst als guten Hirten. Er geht voraus. Wer voraus geht, zeigt damit den Nachfolgenden, dass der Weg sicher ist.

Es gibt ein paar Verse im Neuen Testament, die gefallen mir nicht sonderlich: „Wer mir nachkommen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ (Markus 8, 34, nach Schlachter 2000) – „Der Herr ist mein Hirte!“ Er ging mir voran. Er, dem alle Ehrungen zugestanden hätten, hat sich selbst verleugnet.

„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11, 29 + 30, ebenda) – „Der Herr ist mein Hirte!“ Er ging mir voran. Er hat es mir vorgelebt, wie es ist, sanftmütig und demütig zu sein. Dazu kommt noch eine Verheißung „…; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“

Ruhe für die Seele, die gehetzt wird, hin und her getrieben zwischen Likes und Shitstorm.

Lange habe ich mich übergangen, übersehen gefühlt. Ich dachte, ich muss für mein Recht kämpfen. „Jetzt bin ich dran!“ dachte ich. Doch bemerkte ich, dass mich das auf mein Recht pochen, viel Kraft kostet. Wenn es mir dagegen gelingt, mich darauf zu verlassen, dass Gott für mein Recht sorgen wird, dann passieren mir merkwürdige Dinge. Die Verkäuferin am Tresen winkt mich ran, weil sie bemerkt hat, dass sich jemand vordrängeln wollte. Der Stuart im Flugzeug schenkt mir eine Extra-Portion Schokolade. Es sind die Kleinigkeiten, die mir nicht passieren, wenn ich mal wieder mit dem Ellenbogen kämpfe.

Jesus geht vor. Er ist nicht nur gekreuzigt worden, er ist auch auferstanden. Auch da geht er mir voran.

All das, was mir zu schaffen macht, was mir schwierig scheint im christlichen Glauben, wiegt nichts mehr, wenn ich mir bewusst mache, dass Jesus mir voran geht.

Meine Zweifel, mein Leid, die Ablehnung, die ich erfahren habe, mein ruinierter Ruf, die Lügen, die hinter meinem Rücken erzählt wurden – er war dabei und er weiß genau, wie es sich angefühlt hat. Aus eigener Erfahrung! Er geht voran! „Der Herr ist mein Hirte!“

Zum Schluss noch die Geschichte vom Lokalreporter, der den Pastor anrief und ihn fragte, was denn das Thema der Predigt sei. „Der Herr ist mein Hirte!“ antwortete dieser. „Ist das alles?“ hakte der Reporter nach. „Das genügt!“ erwiderte der Pastor. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: Thema der Predigt: ‚Der Herr ist mein Hirte – das genügt!‘

Gott möchte geliebt werden

Ich lese regelmäßig in der Bibel. Doch manchmal habe ich das Gefühl, da wurde in der Nacht ein Vers extra für mich reingeschrieben. Da wird mir plötzlich etwas klar, obwohl ich diesen Text schon x – mal gelesen habe.

Vor einigen Tagen hatte ich das Gefühl, dass nicht ein Vers neu geschrieben wurde, sondern ein einziges Wort in einem Vers geändert wurde: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein! Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.“ (5. Mose, 6, 4 und 5)

Mir wurde plötzlich bewusst, dass in dieser Stelle lieben und nicht dienen steht. Mitten in einem Seminar über die Weisheit der Wüstenväter traf mich diese Erkenntnis wie ein Schlag. Bis zu diesem Moment hätte ich schwören können, dass da dienen steht.

Woher kommt das? Ich denke, es gibt mehrere Gründe dafür. Zunächst ist es das, womit ich nach diesem Vers lieben soll. Mit ganzer Kraft, mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen – das klingt geradezu nach Anstrengung, Leistung und vollem Einsatz. In meinem Verstand ist aber „voller Einsatz“ mit „arbeiten“ bzw. „dienen“ verknüpft. Das passt auch gut zu unserer Gesellschaft. Leistung wird erwartet, voller Einsatz. Wer liefert, wird belohnt – so lautet das Mantra unserer wettbewerbssüchtigen Gesellschaft. Erfolg macht sexy, also streng‘ dich an!

Doch damit nicht genug. Das Dienen wird landesweit konfessionsübergreifend gepredigt. In gefühlt jeder zweiten Predigt geht es ums Dienen. Schon allein die Versammlung sonntags nennt sich „Gottes-Dienst“. In freien Gemeinden wird es gern gesehen, wenn jedes Mitglied mindestens einen Dienst, sprich‘ ein Ehrenamt übernimmt. Die Überbetonung vom Dienen ist m. E. die Krankheit der Kirche in der heutigen Zeit.

Gott aber möchte geliebt werden. Doch wie soll das gehen? Wie liebt man Gott?

Was bringt dich dazu zu lieben? Liebe! Ich wollte über 20 Jahre Gott dienen. Bis ich Seine Liebe kennenlernte. Als ich nicht nur mit meinem Verstand, sondern auch mit meiner Seele begriff, dass Gott mich zärtlich liebt, konnte ich nicht anders, ich begann, Ihn auch zu lieben. Ergriffen von Seiner Liebe bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihn zu lieben. Ich habe es nicht gemacht, nicht produziert. Gott hat es einfach getan.

Als ich aufhörte, Trost bei Menschen zu suchen, hat Gott mich getröstet.

Nicht irgendeine Predigt, ein toller Lobpreis oder ein christliches Seminar brachte mich an diesen Punkt. Es war in der Zeit, in der ich so sehr von Christen verletzt war, dass ich beschlossen habe, in keinen Gottesdienst mehr zu gehen. Ich wollte mit Christen nichts mehr zu tun haben. Genau in dieser Zeit begegnete Er mir neu. Anders. Schwer zu beschreiben.

Deswegen kann ich nur schreiben: Halte dich Gott hin! Wenn Gott dich berührt, dann wirst du Ihn lieben können. Dann wirst du auch deinen Nächsten lieben, wie dich selbst! (3. Mose 19, 18) Dieser Vers und der Vers aus dem 5. Buch Mose bezeichnet Jesus als die beiden höchsten Gebote. (Markus 12, 29 bis 31) Es ist keine Leistung, keine Anstrengung. Du gibst nur Gott zurück, was Er dir selbst gegeben hat!

Halte dich Gott hin!

Amen.

„Wer von euch groß werden will, der sei euer Diener,…“ – Gedanken zu Markus 10,43 +44

Vor kurzem habe ich auf meinem privaten Facebookprofil folgenden Satz gepostet: „Wenn dein Pastor predigt, dass man dienen soll, dann drück‘ ihm nach der Predigt einen Besen in die Hand!“ Es gab ein paar Lachsmileys und Likes. Doch was die wenigsten meiner fb-Freunde ahnen: Dieser Satz war mein bitterer Ernst!

Es gab eine Zeit, da hatte ich Respekt vor Pastoren, Priestern und Predigern, also über den „normalen“ Respekt hinaus. Ich ging davon aus, dass sie es verdient haben, dass ich ihnen vorbehaltlos glaube. Diese Zeit ist vorbei. Ich habe vor ihnen zwar Respekt, aber „nur“ weil sie, wie jeder andere, Menschen sind. Ich gebe ihnen keine Vorschusslorbeeren mehr. Im Gegenteil: Ich beobachte sie genau! Seine Predigt mag sich gut anhören, aber wenn sein Tun eine andere Sprache spricht, dann glaube ich ihm nicht mehr. Ich klatsche keinen Beifall, sage nicht „Ja“ und erst recht nicht „Amen.“ zu ihm und wenn er in sozialen Medien unterwegs ist, dann kriegt er weder Herzchen, noch Herzsmileys von mir.

Ich habe geistlichen Missbrauch erlebt. Ich habe es erlebt, dass ein Prediger mir u. a. den Satz an den Kopf knallte „Es hat der Gemeinde gut getan, dass du nicht da warst!“ (Es war noch das Harmloseste!) – Und nein, ich kann es nicht beweisen, dass es so gewesen ist. Dieser Mensch war leider schlau genug, mir solche Bemerkungen immer nur unter vier Augen anzutun.

Dieser Mensch hat m. E. nur so getan, als wäre er bescheiden, hat, gewollt beiläufig, verkündet, dass er selbstverständlich mit anderen Gemeindemitgliedern die Gemeinde putzt.

Doch hat er, sobald er den Raum betrat, das Gespräch an sich gerissen. Es war egal, ob sich die Anderen gerade über etwas Anderes unterhielten, er hat das Thema an sich gerissen. In meinen Augen hat er sich nicht wie ein Diener aller verhalten, wollte aber der Größte sein.

Deswegen bin ich dafür, einen Prediger daran zu prüfen, ob er handelt, wie er predigt. Deswegen dieser anfangs erwähnte Post auf Facebook.

Szenenwechsel: Ich war gerade in einem Kloster. Zum Mittagessen konnte man sich am warmen Buffet anstellen. Beim auf dem Teller tun, fiel mir etwas Essen runter. Ich habe nicht weiter darauf geachtet. Etwas später stand ich in der Nähe des Tisches und unterhielt mich. Da kamen ein Bischof und ein Priester mit je einem Papiertaschentuch und fingen an, diesen Essensrest aufzuheben. Mit staunenden Augen sah ich, wie zwei geistliche Leiter vor mir auf dem Boden hockten und meinen Patzer wegräumten. Als ich daraufhin den Priester ansprach, antwortete er „Aber ich bin doch der Diener aller!“ Das in einem selbstverständlichen Ton, dass ich merkte, dass er das ernst meinte. Das war seit Langem die beste Predigt, die ich gehört habe! Sie hat mich gleichzeitig ein Stück geheilt.

Für dieses kleine Stückchen Heilung danke ich Gott!

Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder (Matth. 18,3)

Wie viele Predigten zu dieser Bibelstelle habe ich bereits gehört. Oft genug war nur von dem Vertrauen von Kindern die Rede, untermalt von einem oft kitschigen Bild von einer großen Hand, die eine kleine Patschhand hält. Die einzige Herausforderung bei dieser Art von Predigt ist, rechtzeitig beim abschließendem „Amen“ wieder wach zu sein.

Dabei steckt in diesem Satz viel mehr:

1. Kinder vergeben! – Das erstaunt mich immer wieder! Da habe ich eben mit meinen Nachmittagskindern geschimpft und auch die angesagten Konsequenzen umgesetzt und eine kurze Zeit später kommt eins der Kinder und umarmt mich. Oder es wird mir was geschenkt, eine Kastanie oder ein schöner runder Stein, irgendetwas, was dem Kind selbst lieb ist.

Kinder vergeben! Ganz unkompliziert und ohne „klärendes Gespräch“. Einfach so! – Wie oft habe ich es dagegen erlebt, dass bei Erwachsenen erst einmal „Funkstille“ herrscht oder ich mich mehrmals entschuldigen musste, bevor wieder „alles gut“ ist. (Das mehrmals entschuldigen gewöhne ich mir gerade ab.) – Werdet wie die Kinder!

2. Kinder erwarten Vergebung! – „Das haben wir doch schon besprochen!“ erinnert mich Jonas, weil er denkt, dass er ein zweites Mal angezählt wird. Ich konnte ihn beruhigen, dass ich nicht von seinem Fehlverhalten berichte. Aber er hätte Recht gehabt! Das war besprochen und ich habe seine Entschuldigung angenommen. Da darf er erwarten, dass nicht mehr darüber gesprochen wird. Wie schwer tun wir uns manchmal damit, Vergebung anzunehmen oder uns selbst zu vergeben. Wenn es uns schwer fällt, uns selbst zu vergeben, dann stellen wir uns damit unbewusst über Gott. Er hat uns vergeben, sind wir also größer als Gott, dass wir seinen Freispruch wieder aufheben können? – Werdet wie die Kinder!

3. Kinder fordern Hilfe ein! – „Ulrike, kannst du mir die Zacken schneiden?“ „Meine auch!“ „Ich brauche auch Hilfe!“ – so tönt es von allen Seiten, wenn ich eine schwierige Bastelarbeit mitgebracht habe. Je mehr Zeit vergeht, um so dringlicher werden die Anfragen. Schnell wird das „bitte“ vergessen. Kinder wissen, dass sie nicht alles können und fordern ganz selbstverständlich Hilfe ein. Wie oft habe ich mich selbst erwischt, wie ich versucht habe, ein Problem selbst zu lösen, statt meinen himmlischen Vater um Hilfe zu bitten. Wie oft brechen Menschen erst zusammen, bevor sie zugeben, dass sie Hilfe brauchen. – Werdet wie die Kinder!

4. Kinder sind ehrlich! – Irgendwann, als ich mal wieder schwer enttäuscht war von den Menschen, ihren Intrigen und Lügen, postete ich auf meinem Facebook- Profil „Ich liebe Kinder und Demenzkranke! Sie sind wenigstens ehrlich!“ Wenn Kinder etwas nicht toll finden, dann sagen sie es mir direkt ins Gesicht! Das ist zwar nicht nett, aber ich kann mit dieser Aussage umgehen. Besser, als mit der falschen Freundlichkeit, bei der ich genau spüre, dass sie nicht echt ist. Wenn Kinder mir ehrlich sagen, dass ihnen mein Nachmittagsprogramm nicht gefällt, dann kann ich etwas ändern oder zumindest erklären, dass ich mir etwas ausdenken werde. Die Unehrlichkeit von „höflichen“ Erwachsenen dagegen verunsichert mich. – Werdet wie die Kinder!

Die Liste ließe sich noch fortführen. Wer eigene Kinder hat, wird noch viel mehr beobachten, als ich, die ich in der Kinder- und Jugendarbeit tätig bin. Der Satz „Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder..,“ wird plötzlich vielschichtiger, als gedacht. Auf einmal liegt die Messlatte sehr hoch. Doch sind wir auch hier nicht allein mit unseren Bemühungen. Denn:

5. Jesus selbst wurde ein Kind! – Er hat unser Mensch-Sein erlebt, von Anfang an. Jede Hilflosigkeit, jede Ungerechtigkeit, die Kinder als unfair erleben und auch jedes Staunen und jedes kleine Glück hat er empfunden. Er weiß, wie es ist, klein zu sein. Er weiß, wie es sich anfühlt, in einer Welt, in der oft nur die Erwachsenen gesehen und respektiert werden, selbst erwachsen zu werden.

Wir können und dürfen uns Ihm anvertrauen. Wir dürfen Ihn bitten, uns zu lehren, wie wir vergeben und Vergebung annehmen können, wie wir wieder ehrlich vor uns und anderen werden und um Hilfe zu bitten, wenn wir sie brauchen. Aus dem Kind in der Krippe wurde der Mann, der am Kreuz für uns starb. Er ist derjenige, der uns helfen kann, wieder wie ein Kind zu werden. Zwar in der Verantwortung den anderen gegenüber, aber mit dem Wissen, dass wir ohne Ihn nichts sind, aber mit Ihm alles. Wie ein Kind!

Ein Liebesbrief

Geliebte,
wie liebe ich dich, liebe alles an dir,
dein Lächeln, deine Fältchen,
wie du gehst, wie du lachst.
Ich sehne mich nach dir und verzehre mich nach dir.
Die Sehnsucht nach dir treibt mich -
bringt mich dazu,mich selbst aufzugeben.
Die Sehnsucht nach dir, nach deiner Nähe,
bringt mich dazu, dir nachzulaufen.
Doch du schaust mich nicht an,
läßt mich stehen,
würdigst mich keines Blicks. Du gehst an mir vorbei,
ich schaue dir sehnsuchtsvoll nach.
So bleibt mir nur, dich zu betrachten,
kummervoll zu sehen,
wie du dich mit einem Anderen triffst.
Heimlich gehe ich dir nach,
nur, um zu schauen, ob es dir gut geht.
Ich wollte dir alles sein,
alles tun für dich.
Ich habe dich heute gesehen,
du saßest auf der Bank und weintest.
Am liebsten hätte ich dir jede einzelne Träne
von der Wange geküsst,
deinen Kopf gestreichelt und dir versichert,
dass alles gut wird.
Doch als ich mich zu dir setzte,
hast du mich böse angeguckt
und bist gegangen.
Im Weggehen tipptest du die Nummer deiner Freundin.
Geliebte, ich warte auf dich,
denn ich gebe nicht auf.
Vielleicht siehst du mich eines Tages.
Eines Tages wirst du zu mir kommen.
Dann werde ich dich in den Arm nehmen
und zärtlich küssen.
Vergessen wird dann der Kummer sein,
den ich wegen dir hatte.
Vergessen all' die mitleidigen Blicke,
die mir galten.
Vergessen die vielen Male,
die du auf hohen Absätzen
mit erhobenem Haupt an mir vorbeirauschtest.
Vergessen alles, was du mir angetan hast.
Geliebte, dann werde ich dir meine Liebe zeigen.
Sie wird fließen,
wie lang angestautes Wasser.
Ich werde dich halten,
dein weiches Haar streicheln,
dir Kosenamen ins Ohr flüstern
und deine Tränen trocknen.
Ich liebe dich
und werde dich immer lieben.
Dein Jesus

Der Schmerz Gottes

Heute beschäftigt mich ein Thema, über das selten bis nie gepredigt wird: Der Schmerz Gottes.

Eine der schwierigsten Lektionen während meiner aktiven Zeit als Krankenschwester war: nicht zu helfen! Ich habe das Wissen, den Willen und die praktische Erfahrung, um Menschen bei den täglichen Dingen helfen zu können. Allein, wenn sie es nicht wollen, sind mir die Hände gebunden.

Während meiner Einsätze in der ambulanten Pflege betreute ich u. a. eine alkoholkranke Frau. Täglich fuhr ich hin und bot ihr an, ihr bei der Körperpflege zu helfen. Sie lehnte regelmäßig ab und mir blieb nichts anderes übrig, als zu dokumentieren: „Pat. lehnt Körperpflege ab.“ Das war schwer für mich zu ertragen. Es ging mir nicht nur um den unangenehmen Körpergeruch, sondern vor allem um die abgelehnte Hilfe. Eines Tages stand sie in der Badewanne und schaute aus dem Fenster. Da gingen die Pferde mit mir durch. Ich ließ kurzerhand Wasser ein, zog sie vorher unter Protest aus und badete sie. Ich redete auf sie ein, dass es gut wäre. Wie sehr ich sie auch wusch, der Dreck ging nicht ab. Ich hätte sie regelrecht einweichen müssen, um den vernachlässigten Körper sauber zu bekommen. Sie war nicht sauber und ich habe Grenzen überschritten. Ich kann von Glück sagen, dass sie mich nicht angezeigt hat.

Wenn ich mich heute mit Menschen unterhalte und wir kommen auf den Glauben zu sprechen, sagen mir diese oft „Missionier mich nicht!“. Sie erzählen mir ihren Kummer und oft genug bemerke ich hinter ihrer Fassade ihr Leid, aber von Jesus darf ich ihnen nicht erzählen.

Das tut weh. Aber wie sehr, mag es Gott weh tun? Er könnte für die Menschen viel tun. Er könnte sie an Leib und Seele heilen, ihrem Leben einen Sinn geben, ihnen einen Wert geben. Aber sie lehnen ihn ab. Sie möchten nicht, dass ihre vernachlässigte Seele gewaschen wird. Sie möchten sich ihm nicht anvertrauen, aus Angst vor Kontrollverlust oder weil in der Kindheit falsche Gottesbilder geprägt wurden. Es gibt viele Gründe, warum Gott abgelehnt wird. Nicht selten sind es Menschen, die den Blick auf den liebenden Vater verstellen.

Bitten wir Gott, uns zu verändern, dass wir nicht den Blick verstellen, bitten wir ihn, uns Liebe für die Verlorenen zu schenken. Lasst uns beten für die, die keine Hilfe wollen und sie doch dringend bräuchten und lasst uns den Heiligen Geist bitten, uns zu zeigen, wie wir die Menschen erreichen können.

Das brennende Haus

Mir fällt in unterschiedlichen Konfessionen/ Dominationen eine traurige Gemeinsamkeit auf: Jeder bezichtigt den jeweils anderen der Irrlehre. Das macht mich sehr sehr traurig. Deswegen habe ich eine Parabel geschrieben.

Eines Nachmittags brannte ein Hochhaus. Das Feuer breitete sich rasant aus und viele Menschen waren eingeschlossen. Da rückten die Feuerwehren an. Sie kamen aus verschiedenen Richtungen aus den umliegenden Dörfern und Städten. Doch statt einen gemeinsamen Plan zu entwickeln, wie man das Feuer löschen könne, fingen sie an, miteinander zu streiten. Ihre Helme und Schläuche hatten nämlich unterschiedliche Farben. Sie stritten also darüber, ob ein Helm grün, blau oder rot zu sein hätte. Nach kurzer Zeit wurden sie handgreiflich. Während sich die ersten Feuerwehrmänner gegenseitig verprügelten, kam noch eine kleine, alte Feuerwehr angefahren. Der Löschzug war noch aus Holz und das Wasser wurde mit der Hand aus dem Schlauch gepumpt. Diese Feuerwehrleute wollten wirklich löschen, doch das passte den anderen nicht. Sie steckten die Holzfeuerwehr einfach an. Es brach ein großes Chaos aus. Die Feuerwehrleute prügelten sich gegenseitig krankenhausreif. Einer brach sogar in einen Laden für Malerbedarf ein, um einen grünen Schlauch rot zu streichen. Drei Feuerwehrmänner breiteten ein Sprungtuch aus, um die Menschen aus dem brennenden Haus zu retten. Doch andere schnitten Löcher rein. Jeder Rettungs- oder Löschversuch wurde sofort von den Anderen vereitelt.

Am Ende waren fast alle Feuerwehrmänner im Krankenhaus, das ganze Viertel ist abgebrannt und keiner überlebte. Das nur, weil die Helme und Schläuche in den Augen des jeweils anderen die falsche Farbe hatten.   

Bist du noch zu retten, Josef?

Das war mein erster Gedanke, als ich die Geschichte von Josef vor Pharao las, nachdem ich mein Ägyptologiestudium beendet habe.

Doch schauen wir einmal in den Text rein. In 1. Mose 42 lesen wir, wie Josef vor Pharao steht. Laut Vers 8 war da angeblich „keiner, der ihn [den Traum] dem Pharao deuten konnte.“ (zitiert nach Schlachter)

Träume hatten im Alten Ägypten eine große Bedeutung. Von daher ist es sehr verwunderlich, dass es anscheinend keinen gab, der diese Träume deuten konnte. Ich behaupte dagegen, dass sich einfach keiner getraut hat.

Pharao war dafür zuständig, dass es eine hohe Nilüberschwemmung gab. Jedes Jahr trat der Nil über seine Ufer. Das war, im Gegensatz zu anderen Ländern, etwas Gutes. Denn floss das Wasser wieder ab, blieb der fruchtbare Nilschlamm auf den Äckern liegen. Das war natürlicher Dünger. Je höher die Überschwemmung, umso besser für das Land. Eine der Aufgaben von Pharao war, durch Opfer an die Nilgottheit Hapi, für eine hohe Überschwemmung zu sorgen. Eine Hungersnot betraf immer nur, nach dem damaligen Verständnis, die Nachbarländer. Wurden verhungernde Menschen dargestellt, waren es Bewohner anderer Länder. Dem Pharao mitzuteilen, dass eine Hungersnot kommen wird, heißt nichts anderes, als ihm Unvermögen, wenn nicht Impotenz im übertragenen Sinne zu attestieren.

Die Legitimation des Königtums war im Alten Ägypten sehr wichtig. Dadurch, dass Ägypten von unterschiedlichen Ethnien in Unter- und Oberägypten bevölkert wurde, musste der König ständig überzeugend nachweisen, dass er ein potenter Herrscher war. Das wurde z. B. durch die Heirat mit der Schwester, die auch königlichen Blutes war, erreicht. (Es ist aber nicht klar, ob es eine symbolische Ehe war oder ob diese auch vollzogen wurde.)

Man kann Josef zu Gute halten, dass es Unwissenheit war und dass er nicht tiefer fallen konnte. Er war bereits im Gefängnis.

Vers 38 gibt einen Hinweis, was den Pharao bewogen haben könnte, Josef nicht ins Gefängnis zurück zu bringen oder zum Tode zu verurteilen: „…Können wir einen Mann finden, wie diesen, in dem der Geist Gottes ist?“ Es ist nicht klar, welchen Gott der Pharao im Sinn hatte. Sehr unwahrscheinlich, dass er an den, ihm unbekannten Gott Jahwe dachte, vielleicht doch eher an Amun, der Gott, der über allen Göttern des altägyptischen Pantheons stand.

Wenn dieser hebräische Sklave also von einem Gott benutzt wurde, damit der Pharao durch kluges Handeln seine Legitimation erneut beweisen kann, dann ist das ägyptische Weltbild wieder in Ordnung.

Wie auch immer die Gedankengänge Pharaos waren, Jahwe hat sie so stehen lassen. Es ging ihm nicht darum, sich den Alten Ägyptern als Gott zu erweisen. Er schrieb seine Geschichte mit einem kleinen unbedeutenden Volk. Nicht die Ägypter, nicht die Babylonier und auch nicht die Assyrier, nein, die Hebräer erwählte er sich zu seinem Volk. Auch wenn ich es als Ägyptologin ungern zugebe: Pharao ist in dieser Geschichte nur Staffage!

Zum Schluss noch zwei kleine Anmerkungen: 1. Im Mittelalter ging man davon aus, dass die Pyramiden die Vorratshäuser Josefs waren.

2. Leider habe ich mir nicht gleich das Buch notiert: während meines Studiums las ich in einem Fachbuch, dass es wirklich eine siebenjährige Hungersnot in Ägypten gegeben hat! Nicht acht und nicht fünf Jahre – sieben! Das kann kein Zufall sein!










Warum „geistig arm“ nicht allein selig macht – Ein Aufruf zur Aufmüpfigkeit

Mir fällt immer wieder auf, dass in Predigten / Andachten betont wird, dass der christliche Glaube für Menschen jeder Couleur ist. Jeder Bildungsstand, Status, jedes Geschlecht … jeder darf und kann an Christus glauben. Oft wird über die „geistig Armen“ gepredigt. ‚Du musst kein Philosoph sein, um an Gott glauben zu können!‘ lautet die Aussage und dann folgt ein Amen, ein paar (lieblos gesungene) Lobpreislieder und zum Schluss der Segen. Echt jetzt? Darf ich als Christ nicht meinen Verstand benutzen? Darf ich nicht über Gottes Wesen nachdenken? Was ist denn mit den Altvorderen, den Mystikern? Meister Eckhart, Jacob Böhme? Paulus, der Ex-Pharisäer? Manchen Satz in seinen Briefen muss man mehrmals lesen, um ihn zu verstehen! Hat Gott mir nicht den Verstand gegeben, um ihn zu benutzen? Darf ich nicht in die Tiefe denken und den Heiligen Geist um Erkenntnis bitten? Ich möchte in die Glaubens-Materie tief eindringen, selbst verstehen, wovon die Rede ist und ja, Dogmen in Frage stellen.
Aber enttäuscht stelle ich fest, dass christliche Mystik selten rein angeboten wird. Hatte gerade die „Gottesgeburt“ von Meister Eckhart angefangen zu lesen. Der katholische Theologe Günter Stachel hatte nichts Besseres zu tun, dessen Predigten mit Hilfe der hinduistischen Seelenlehre zu „interpretieren“. Soweit ist es also schon: wir überlassen das Feld der Meditation und Kontemplation den fernöstlichen Religionen. Obwohl diese auch im christlichen Glauben verankert waren /sind. Die Kirche (nicht nur die katholische!) hat ihren Gläubigen aus Angst vor Machtverlust das Selbst-Denken ausgetrieben! Dann wurde die Kuschel-Decke „Selig sind die geistig Armen!“ drüber gebreitet. Liebe Geschwister, lasst euch das nicht bieten! Hinterfragt wieder! Benutzt euren Verstand, den Gott euch gegeben hat!
Wenn wir nicht selbst fragen und nur noch aus zweiter Hand konsumieren – nämlich die Interpretationen der Pastoren – werden wir nicht geistig arm, sondern verdummen! Selber die Bibel lesen! Selber denken! Nicht nur Andachten lesen, sondern auch mal selbst ein vergleichendes Bibelstudium durchführen! Auch mal kritische Kommentare lesen! Was heißt den „täglich sein Kreuz auf sich nehmen“? Wie kann ich denn „Christus in mir und ich in Christus „verstehen? Kein vorgekochtes Fast-Food vom Pastor, sondern mal selbst theologische Abhandlungen lesen und dann abwägen! Seid doch mündige Kinder Gottes! In manchen Gemeinden wird gepredigt, man solle Bibelverse auswendig lernen. Sicherlich eine gute Idee. Aber mir nützt ein Bibelvers nichts, wenn ich ihn vor dem Lernen nicht ordentlich „durchgekaut“ habe!
Wenn Glaube nur noch aus den ewig-selben Worthülsen besteht, dann sage ich nicht mehr „Amen!“, sondern nur noch „Prost Mahlzeit!“

Wer oder was sind die Kopten?

20170412_013851Aus aktuellem Anlass poste ich hier mal ein paar Hintergrundinfos zu meinen koptischen Geschwistern: Die Kopten oder präziser, die koptisch-orthodoxen Gläubigen haben ihre Wurzeln in Ägypten. Die frisch, laut ihrer Legende von Markus gegründete Gemeinde, lehnte die Hieroglyphen als heidnische Schrift ab und entwickelte eine eigene Schrift aus griechischen Buchstaben und fünf weiteren Schriftzeichen. (Ich habe mal meine Prüfungsaufgabe angehängt.)Die gesprochene Sprache dagegen ist die jüngste Sprachstufe des Ägyptischen. Diese Sprache wird gerade wiederbelebt. So wird z. B. durch das Team des Ägyptologen Prof. Rainer Hannig die Bibel neu ins Koptische übersetzt. Die Kopten sind eigenständig d. h. sie ordnen sich nicht der katholischen Kirche unter, sondern haben einen eigenes Oberhaupt. Z. Zt. ist das Bischof Tawadros II.

Was sicher nur wenige wissen: Es gibt auch eine kleine koptische Gemeinde in Deutschland. Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, Bischof Damian, deren Oberhaupt im Kloster Brenkhausen kennen zu lernen. Ich habe bisher selten so einen freundlichen und demütigen Menschen erlebt. Mit Hingabe buk er die Oblaten für das Abendmahl. Er erlaubte einem Studenten einen Psalm auf koptisch während des Gottesdienstes vorzulesen, obwohl das nur ausgewählten Gemeinde-Mitgliedern vorbehalten ist. Er schenkte jedem Tagungsbesucher ein koptisches Kreuz am Lederband. Ich erlebte einen schönen liturgischen Gottesdienst. Obwohl ich nicht viel verstand, fühlte ich mich willkommen. Meine koptischen Geschwister nehmen ihren Glauben sehr ernst und lassen sich das Kreuz auf das Handgelenk tätowieren. Sie können und wollen sich nicht verstecken.

Am vergangenen Sonntag sind sie erneut angegriffen worden. Man spricht von 40 Toten! Was mich verwundert: zwar schreibt eine Kollegin, also Ägyptologin auf ihrem Profil und antwortet auf einen Kommentar, dass sie für die Kopten und Ägypten beten wird, aber bei christlichen Geschwistern habe ich kaum etwas von Betroffenheit gelesen. Vielleicht zeigt mir fb nicht alles an und vielleicht habe ich nicht genug runter gescrollt, aber ich vermisse die Gebetsaufrufe. Ich vermisse die Profilbilder in ägyptischen Farben, das vorübergehende Profilbild in Form eines koptischen Kreuzes. Woran liegt das? Zuviele Anschläge in letzter Zeit? Zu wenig Zeit fürs Gebet? Oder fehlt uns Christen das Bewusstsein, dass es unsere Geschwister sind? Oder ist die Kultur einfach zu fremd?

Ich bin jetzt mal ein wenig, nun ja, böse.Ich habe mir die Freiheit genommen, ein Gedicht von Martin Niemöller umzudichten: „Als der IS die Kopten tötete, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kopte. Als sie die Katholiken erhängten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Katholik. Als sie die Protestanten enthaupteten, habe ich nicht protestiert, ich war ja kein Protestant. Als sie mich bedrohten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Das Wenigste, was wir tun können, ist beten. Vielleicht ist aber auch dran, sich mal mit den Kopten zu beschäftigen, das Kloster zu besuchen ( z. B.am „Tag der Ägyptologie“), Solidarität zeigen via fb usw. Ich wünsche eine nachdenkliche Nacht.0001