Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Theres von Lisieux

Ich beschäftigte mich weiterhin mit christlicher Mystik. Auf der Suche nach neuem „Futter“ kaufte ich eine CD – Reihe von Dr. Johannes Hartl zu diesem Thema. Auf einer Rückfahrt mit dem Auto hörte ich sie mir an. Er sprach auch von Mystikerinnen. Unter anderem auch von Therese von Lisieux. Ich war und bin von dieser Frau zutiefst beeindruckt. Wow! Diese Hingabe an Gott! Mit ihrer kindlichen Weisheit brachte sie mich zum Nachdenken. Mir war, als würde jemand in meiner Seele eine Saite zum Klingen bringen. Eine Saite, die längst verstummt war.

Ich erinnere mich noch an die Karfreitage in meiner Kindheit. Obwohl in unserer Familie der christliche Glaube kaum eine Rolle spielte, sahen meine Mutter und ich regelmäßig im Westfernsehen den Jesus-Film an. Anschließend tagträumte ich davon, dass ich Maria oder eine andere Frau bin und Jesus nachfolge. Als Kind spürte ich eine Sehnsucht in mir, die bis heute nicht richtig greifbar für mich ist.

Ich war so berührt, dass ich nicht weiterfahren konnte. So hielt ich auf dem nächsten Rastplatz. Es war einer mit einer Autobahnkirche. Ich musste erst einmal über die Brücke auf den gegenüberliegenden Rastplatz. Doch das war mir egal. Endlich stand in der kleinen Kapelle, die liebevoll von einer katholischen Gemeinde betreut wurde. Es lag ein Gästebuch aus. Ich schrieb meinen Dank an Gott nieder, meine Gefühle für Ihn, mein Staunen darüber, dass Er mich liebevoll führt. Ich schrieb eine ganze A4-Seite voll. Erst dann konnte ich weiterfahren.

Fast zeitgleich bestellte ich die CD „In exile“ von Michael Patrick Kelly. Da sprach mich „rain of roses“ an. Es ist manchmal so, dass ich von mehreren Seiten angestoßen werde, mich mit einem Thema zu beschäftigen. So auch hier. Also bestellte ich die Autobiographie von und ein weiteres Buch über Therese von Lisieux.

Nachdem ich mich an die oft kitschig wirkende Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts gewöhnt habe, zogen mich ihre Weisheiten in den Bann. Das Buch hat in mir diese Sehnsucht meiner Kindheit nicht nur geweckt, sondern vergrößert. Manchmal ist diese Sehnsucht, mich Christus vorbehaltlos hinzugeben, so groß, dass ich es kaum aushalte.

Ich schrieb oben davon, dass Michael Patrick etwas ausstrahlt, was ich auch haben möchte. Jetzt ahne ich zumindest, was dieses „etwas“ ist: Es ist die Hingabe an den barmherzigen liebenden Gott, an einen Gott, der die Liebe selbst ist.

Die Oxymora im christlichen Glauben

Während meines Studiums suchte ich mir die Germanistik als zweites Hauptfach aus. U. a. schrieb ich eine Hausarbeit über ein Oxymoron, das im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg vorkommt. Ein Oxymoron ist ein Widerspruch in sich wie z. B. in „ein alter Knabe“ oder „der arme Reiche“. Ich weiß nicht mehr, zu welcher Schlussfolgerung ich gekommen bin, aber seitdem ist „Oxymoron“ mein Lieblingswort.

Gleich mehrere Widersprüche entdecke ich in der Art und Weise, wie Gott mit mir umgeht, um meine seelischen Wunden zu heilen.

Ich wurde von Johannes, so mein Empfinden, oft beschämt, beleidigt und gedemütigt. Auch wurde mir ständig gesagt, dass ich nicht würdig sei und mir wurde der Zutritt zu den „Handverlesenen“, den Besonderen verwehrt.

Jeder Mensch würde nach einer derartigen Unterdrückung sich scheuen, sich irgendjemanden unterzuordnen. Jede Forderung nach Anpassung und Anerkennung von Autorität würde sofort zurückgewiesen werden. Nicht selten erlebe ich Menschen, die aufgrund von erlebten Verletzungen selbst sich anderen gegenüber verletzend verhalten. Oft begleitet von dem Satz „Jetzt bin ich dran!“

Gott hat in Seiner Gnade mich zu Ihm hingezogen. Ich spüre die Sehnsucht in mir, mich Ihm hinzugeben! Ich spüre das Verlangen, all das zu tun, was Ihm Freude macht. Ich möchte mich Ihm unterordnen.

Für jemanden, der noch nicht verstanden hat, wie großartig Gottes Liebe für jeden Einzelnen ist, klingt das sicher absurd. Aber für mich macht das Sinn!

Für mich hat die Vorstellung, komplett abhängig von Gott zu sein, etwas Tröstendes. Mich Ihm zu überlassen, scheint mich genau vor dem zu bewahren, was meine zweitgrößte Angst ist: wieder an einen Menschen zu geraten, der mich abhängig von ihm macht.

Beim Reflektieren darüber, dass mein Bedürfnis nicht erfüllt wurde, zu einem besonderen Kreis zu gehören, komme ich zu dem Schluss, dass es besser ist, Gott zu bitten, mir dieses Verlangen zu nehmen. Lieber möchte ich nicht zu einem internen Kreis gehören, als mich Menschen anzupassen und dadurch von Christus weg zu kommen.

Es gibt noch andere Widersprüche, die ich erlebe. In letzter Zeit erlebe ich es öfter, dass mir meine eigenen Schwächen und Fehler bewusst werden. Manchmal erschrecke ich über meine eigenen Gedanken. Ich möchte sie loswerden, mich ändern. Ausgerechnet dann wird mir bewusst, dass ich schon ein bisschen geheilt bin. Als ich noch mitten im Missbrauch steckte, war ich ständig im Verteidigungsmodus. Ich konnte es nicht ertragen, dass ich kritisiert wurde. Unabhängig davon, ob gerechtfertigt oder nicht. Zum Schluss war ich so wund, dass ich nur noch in Deckung gegangen bin.

Jetzt, da ich mich von Gott geliebt weiß, kann ich es ertragen, die Wahrheit über mich zu erkennen. Ich schaue in meinen Abgrund und halte mich dabei an Gottes Hand fest. Er zeigt mir, dass er all das längst gewusst hat und mich trotz all dem liebt. Sein bedingungsloses ‚Ja!‘ zu mir, hilft mir, auch zu den unschönen Seiten von mir ‚Ja‘ zu sagen. ‚Ja, das bin ich auch!‘

Ich kann und mag an dieser Stelle nicht erklären, was mir passiert ist. Manchmal fühle ich mich auch überfordert. Doch seitdem Gott an mir handelt, spüre ich, dass mein Leben in eine richtige Richtung geht.

Folgen

Manchmal denke ich, dass ich diesen Missbrauch erfolgreich überwunden habe. Dann wieder gibt es Situationen, in denen ich genau merke, dass die eine oder andere Wunde noch Heilung braucht. Wenn ich z. B. mich für Dinge entschuldige, für die objektiv betrachtet, keine Entschuldigung notwendig wäre oder ich versuche mich zu rechtfertigen oder ich versuche jemanden zu besänftigen mit einem „Alles ist gut!“, weil ich nicht möchte, dass man mich für zickig hält oder ich erwische mich, dass ich eine halbe Stunde vor einer einfachen E-Mail sitze, weil ich Bedenken habe, dass man diese oder jene Formulierung falsch verstehen könnte, in solchen Situationen wird mir bewusst, dass ich noch Alt-Lasten mit mir rumschleppe.

Pastoren, Prediger und Gemeindeleiter bekommen von mir keine Vorschusslorbeeren mehr. Ich habe Respekt vor ihnen, weil sie Menschen sind. Aber ich räume ihnen keine besondere Achtung mehr ein. Freikirchler sind mir immer noch suspekt.

Ich bin auch wieder in einer Gemeinde unterwegs und komme gut mit den dort angestellten Pastoren und dem Prädikanten (Laienprediger in der evangelischen Landeskirche) klar.

Nachdem ich so viele Konflikte erlebt habe und es wegen mir so viele „klärende Gespräche“ gab, war ich überzeugt davon, ein schlechter Mensch zu sein.

Doch war ich sehr verwundert, als ich bemerkte, wie Menschen außerhalb freier Gemeinden auf mich reagieren. Sie hören mir zu, fragen mich um Rat. Ich werde eingeladen. Freunde und Bekannte wollen sich mit mir treffen.

Wenn ich Menschen treffe, die nicht gut mit mir umgehen, dann merke ich nach kurzer Zeit, dass sie generell mit anderen so umgehen.

Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass ich nicht nur geistlichen Missbrauch, sondern auch Mobbing erlebt habe. Solch eine schlimme Behandlung ist mir, nachdem ich den Kontakt zu freien Gemeinden weitestgehend eingeschränkt habe, nicht mehr passiert. Es lehnen mich Menschen auch außerhalb von Gemeinden ab. Aber nur vereinzelt, nicht so extrem und vor allem nur vorübergehend.

Ich bin sicher nicht diejenige, die alles richtig macht. Auch ich habe meine Fehler und Macken. Doch lasse ich mir einfach nicht mehr einreden, dass mich keiner mag und ich ständig jemanden brauche, der mich an die Hand nimmt. Ich kann gut für mich selber sorgen. Es fällt mir zwar noch schwer, doch übe ich mich darin, mich nicht darum zu kümmern, was andere denken könnten.

Meine Erlebnisse mit dem Pastor haben noch andere Folgen: Weil ich genau weiß, wie sich Ablehnung anfühlt, möchte ich liebevoller mit Menschen umgehen. Es hat jeder verdient, (auch Pastoren) gut behandelt zu werden. Ich möchte meinen Schmerz nicht weiter reichen, sondern die Liebe, die ich von Gott erfahren habe.

Wer kennt sie nicht, all die Facebook-Sprüche alá „Höre auf, für Menschen über Ozeane zu schwimmen, die noch nicht einmal für dich über Pfützen springen!“ In der ersten Zeit nach meinem Gemeindeaustritt habe ich sie gelikt und sogar geteilt. Heute sehe ich das anders. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu befinden, ob ein Mensch es wert ist, dass ich etwas für ihn tue oder nicht. Die Rechnung „Wie du mir, so ich dir!“ möchte ich nicht aufmachen. Sicher, es ist wichtig Grenzen zu setzen. Ich muss für mich sorgen. – Und doch möchte ich mein Handeln an Menschen nicht davon abhängig machen, wie sie mich behandeln. Ich möchte freundlich sein, weil Christus zu mir freundlich ist, mich an andere verschenken, weil Christus sich an mich verschenkt hat. Ich möchte nicht gegenrechnen, ob der andere mir etwas zurückgeben kann. Ich selbst stehe Gott gegenüber mit leeren Händen da.

Ich fühle mich Gott gegenüber wie ein reich beschenktes Kind. Ein Weihnachtszimmer voller Geschenke – und während ich noch grüble, welche anderen Kinder denn noch kommen, wird mir plötzlich bewusst, dass alle Geschenke für mich sind! Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein Bild zu malen und selbst Buntstifte und Papier lagen eingepackt unterm Tannenbaum. – Wie kann ich da noch danach fragen, ob jemand für mich über Pfützen springt? „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken; so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt und der Herr wird es dir vergelten.“ heißt es in Sprüche 25, 21 – 22. Mag sein, dass derjenige die Kohlen nicht einmal spürt, aber Gott sieht es. 

Ich habe Ideen für Projekte, die ich umsetzen werde. Das werden aber meine privaten Projekte sein. Ich werde keinen Pastor fragen, ob ich meinen Glauben praktizieren darf, indem ich mich um andere Menschen kümmere.

Ich habe zwanzig Wochen allein in einer Gemeinde gebetet und damit einem Machtmenschen einen Gebetskreis abgetrotzt. Er hat ihn mir kurze Zeit später wieder weggenommen, aber dieser kleine Sieg war meiner! So lasse ich mir auch nicht mehr meine Projekte aus der Hand nehmen!  

Lehren

Wie bereits am Anfang erwähnt, ist mir inzwischen bewusst, dass ich in der Gefahr stehe, mich von Menschen abhängig zu machen bzw. es von ihnen zu werden. Mir hilft hier Selbstreflexion. Zum einen, indem ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich durchaus in der Lage meine eigenen Probleme und Herausforderungen zu lösen. Ich brauche keinen Seelsorger oder jemanden, der mich coacht. Ich rede hier von ständiger Hilfe in normalen Herausforderungen. In Krisenzeiten ist es sicher eine gute Idee, sich helfen zu lassen. Doch Krisen sind nicht immer.

Zum anderen indem ich nicht auf innere Zweifel höre. Damit meine ich jenes Hinterfragen bei Kleinigkeiten. Das passiert mir öfter: Ich hinterfrage normale Dinge, wie z. B. jemanden etwas über mich preisgeben oder mutig eine Entscheidung bekannt geben. Dann drehen sich meine Gedanken im Kreis „Er/ sie wird mich auslachen! Damit habe ich ihn/ sie verletzt und sie/ er wird nicht mehr mit mir reden!“ Dann sage ich „Stopp!“ und erinnere mich daran, dass es die Pflicht es anderen ist, Grenzen zu setzen bzw. mir zu sagen, wenn ich ihn verletzt habe. Oft genug erlebe ich, dass diese Sorgen unbegründet waren.

Eine weitere Lehre für mich ist, dass ich bewusst und unbewusst Menschen überprüfe. Ich beobachte sie genau. Dabei achte ich darauf, wie sie mit anderen Menschen und mit mir umgehen. Wenn ich bemerke, dass sie andere bloßstellen oder sich über sie lustig machen, sind sie bei mir unten durch. Sie können noch so schöne Worte reden, von noch so vielen angehimmelt werden, ich höre ihnen nicht zu.

So steht es schon in der Bibel „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind!… So bringt jeder Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte.“ (Matth. 7, 15+17).

Wenn jemand bescheiden ist, dann ist er es in jeder Situation. Ich kann vorübergehend so tun, als wäre ich bescheiden, aber auf die Dauer wird mir diese Maske zu anstrengend. Es nützt nichts, wenn ein Leiter fast beiläufig erwähnt, dass er ja selbstverständlich die Gemeinde auch putzt und er kurze Zeit später einen Raum betritt und dann sofort das Gespräch an sich reißt.

Jetzt, da ich mich durch und durch von Gott geliebt fühle, kann ich mich mit meinen Ecken und Kanten annehmen. Ich wollte mein Leben lang zu irgendwem oder irgendwas dazugehören, wollte „normal“ sein. Jetzt weiß ich, dass „normal“ nicht mein Ding ist. Normal ist langweilig.

Ich bin laut, nicht leise. Ich bin bunt, nicht farblos. Wenn ich mich freue, klopfe ich mir auch mal auf die Schenkel. Ich kann mutig und schüchtern sein. Ich werde zur Löwin, wenn du meine Leute angreifst. Wer zu meinen Leuten gehört, entscheide ich! Wenn ich spüre, dass es dir schlecht geht, dann bin ich da. Ich biete dir meine Schulter. Dann kann ich auch leise sein. Leise, weil Phrasen dreschen nicht meins ist. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, alleine im Dunkel zu steh‘n.

Angekommen

Ich parke mein Auto und steige aus. Während ich mein Gepäck aus dem Kofferraum hole und Richtung Burg stapfe, male ich mir die Erlebnisse der kommenden Tage aus. Ich habe das Monsterpaket gebucht: Vier Tage bis einschließlich 2. Januar, plus T-Shirt! Auf dem Programm stehen spannende Workshops und Seminare: Die olympischen Götter und Sprechtraining, Schrumpfköpfe basteln und Steak- und Whiskeyverkostung, um nur einige zu nennen, dazu ein großer Tisch, der bis zum Bersten mit Brettspielen beladen ist. In der „Hall of games“ finden sich immer Leute, die zu einer Spielrunde bereit sind. Silvester selbst wird „dinner for one“ live aufgeführt werden. Ich verbringe den Jahreswechsel mit meinen Leuten, mit Menschen also, die wissen, dass HdR für „Herr der Ringe“ steht, den Unterschied zwischen Star Trek und Star Wars kennen und sonst auch ähnlich verrückt ticken, wie ich. Das hier ist meine zweite Familie. Denn hier darf ich sein, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen. Oder, um es mit Goethe zu sagen „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“

Ich folge der Ausschilderung zum Check in und öffne die Tür. Ca. 12 Leute, die gerade Met verkosten, begrüßen mich mit lautem „Hallo!“. Sie freuen sich, mich zu sehen. Ich gehe durch den Raum zum Check in. Die Leute vom Orga-Team begrüßen mich genauso freudestrahlend. Der Teamchef hat mich bereits eingecheckt. Ich bekomme meine Zimmernummer und eine dicke Umarmung. Ich schließe die Augen, genieße den Moment. – Ja, ich bin angekommen!

Soli deo gloria! – Gott allein die Ehre!

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