Geistlicher Mißbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Das System

In vielen Büchern über geistlichen Missbrauch ist der Fokus allein auf den Täter. Es wird ausführlich beschrieben, wie der Machtmensch tickt, seine Spielchen usw. Was mir aber zu oft außer Acht gelassen wird, ist die Gemeinde selbst. Ein Machtmensch kann m. E. nur dann erfolgreich seine Position aufbauen und halten, wenn die Menschen um ihn herum in seinem Sinne funktionieren. Keine Spielchen ohne Mitspieler!

Doch in einer Gemeinde, in der viele Erwachsene erwachsen handeln, nur wenig hinter dem Rücken geredet wird, viele Mitglieder die Bibel gut kennen, kann ein Machtmensch nicht viel erreichen.

Mir geht es nicht darum, mit dem Finger auf einzelne Gemeindemitglieder zu zeigen. Ich schildere nur meine Beobachtungen.

In der Gesellschaft beobachte ich oft, dass Menschen nicht bereit sind, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Es scheint die Überzeugung zu überwiegen, dass der andere dafür zuständig ist, dass ich glücklich bin. Konflikte werden oft gescheut. Der Kontaktabbruch wird hier als Mittel der Wahl empfohlen. Das ist schon so weit verbreitet, dass es inzwischen ein eigenes Wort dafür gibt: „ghosting“ d. h. es verschwindet jemand aus deinem Leben, wie ein Geist.

Es ist natürlich klar, dass sich diese Vorstellungen vom Umgang miteinander auch in einer Gemeinde wiederfinden. Es wäre schön, wenn sich die Einstellung von Mitgliedern nach mehrjähriger Mitgliedschaft ändert.

Dazu kommt, dass viele Menschen, die es nicht gelernt haben, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, Orientierung bei einer Autorität suchen. Das kann je nach Situation der Chef, der Ausbilder, der ältere Freund oder sogar der Ehepartner sein. Wenn diese Autoritäten ein gesundes Selbstbewusstsein haben, werden sie dafür sorgen, dass keine Abhängigkeit entsteht.

Ich selbst bin nicht davor gefeit, abhängig von einem Menschen zu werden. Sonst würde es diesen Bericht nicht geben. Doch dadurch, dass es mir jetzt bewusst ist, kann ich auch besser damit umgehen. 

Nach meiner Beobachtung wird Menschen, zumindest in einigen Freikirchen gepredigt, dass sie sich dem Pastor unterordnen müssen. Ich rede hier von meinen persönlichen Erfahrungen. Es mag durchaus freie Gemeinden geben, in denen das anders ist.

Die so gezüchtete Pastorenhörigkeit ist der fruchtbare Boden für einen Machtmenschen.

Pastorenhörigkeit

Als Beispiel für die Hörigkeit möchte ich einen normalen E-Mail-Verkehr erwähnen, den ich mit einem anderen Mitglied hatte. Es ging um etwas Harmloses: Es fand zu der Zeit ein Glaubensgrundkurs, der von zwei Gemeinden durchgeführt wurde, in den Gemeinderäumen statt. Johannes war gerade im Urlaub. Ich war für das Aufwärmen bzw. Zubereitung des Essens zuständig. Eigentlich wollte ich direkt beim Kurs mitarbeiten, aber ich war mal wieder nicht „würdig“ genug. Ich gehörte eben nicht zu den „Handverlesenen“. Also kümmerte ich mich um das Essen. Die anderen Mitarbeiter planten einfach einen Abschlussgottesdienst, ohne sich vorher zu erkundigen, ob zu dem Termin der Saal überhaupt frei ist. Bei den vielen Mitarbeitern war ich die Einzige, die den Schlüssel für die Gemeinde hatte. Jetzt passierte mir genau das, was ich lange vermisst habe. Plötzlich erkannten die andere Pastorin meine Kompetenz. Sie bat mich, das Problem der entstandenen Terminüberschneidung zu lösen. Ich klärte das mit dem Leiter der Flüchtlingsgruppe via E-Mail. Wir einigten uns. Doch wunderte ich mich, warum ich regelmäßig eine automatische Antwort von Johannes bekam. Bis mir auffiel, dass der Leiter bei jeder E-Mail, die er geschrieben hat, Johannes in den CC gesetzt hatte. Bis heute verstehe ich das nicht. Es war eine harmlose Terminabsprache, trotzdem sah er es für nötig an, dass der Pastor nach seinem Urlaub darüber informiert wurde.

Übrigens geschah im Laufe des Abschlussgottesdienstes etwas Merkwürdiges: Mein Einsatz wurde anerkannt! Nachdem den anderen Mitarbeitern klar geworden ist, dass Aschenputtel nicht nur dafür sorgt, dass das Essen warm ist, sondern die Gemeinde aufgeschlossen, der Saal beheizt und vor allem nicht belegt ist, wurde Aschenputtel aus der Küche geholt und bekam als Dank einen Blumenstrauß.

Ein weiteres Beispiel für die Abhängigkeit etlicher Gemeindemitglieder von dem Pastor, zeigte mir eine Besprechung mit dem Seelsorgeteam. Es ging darum, dass nach dem Gottesdienst zwei Leute hinten bei der Technik stehen und für Leute beten sollten.

Als Fragen gestellt wurden, wurden ganze Horror-Szenarien entwickelt: Psychisch kranke Menschen bitten um Gebet und begehen anschließend Selbstmord oder rasten noch in der Gemeinde aus. Sämtliche Lösungsvorschläge lauteten: „Fragen wir Johannes!“ Da ich gerade „wach“ wurde, habe ich mich über diese Hilflosigkeit amüsiert. Es war mir da noch nicht klar, dass Johannes es wahrscheinlich genossen hat. Deswegen schlug ich ganz offenherzig vor, den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Außerdem wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass so etwas passieren würde.

(Wird fortgesetzt.)

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