Geistlicher Missbrauch – ein Zeugnis

( Heute geht es mit dem Zeugnis weiter. Eine gute Freundin bat mich, es, sozusagen in ihrem Namen, niederzuschreiben. Sie meint, ich könne besser „mit Worten umgehen„. Der besseren Erzählbarkeit wegen, habe ich den Point of view als Erzählform gewählt. Sie möchte anonym bleiben.)

Isolation

In Literatur über Machtmissbrauch wird oft erwähnt, dass Mitglieder isoliert werden. In extremen Fällen z. B. in Sekten haben sie gar keinen Kontakt mehr zu Außenstehenden. Zwar konnte Johannes mich nicht von meinem Freundeskreis isolieren, doch gelang es ihm, dass ich das Gefühl hatte, in der Gemeinde nicht akzeptiert zu sein. Es gab ja tatsächlich viel Gerede. Wenn er also betonte, dass andere keine gute Meinung über mich haben, dann musste ich ihm das glauben. So erlebte ich es, als ich mehrere Mitglieder zum Geburtstag eingeladen habe. Insgesamt zwölf haben zugesagt. Dementsprechend habe ich eingekauft. Doch während ich in der Küche stand, um das Essen vorzubereiten, klingelte immer wieder das Telefon und einer nach dem anderen sagte ab. Es waren fadenscheinige Gründe. Am Ende saßen zwei auf meiner Couch. Davon ein Gemeindemitglied und eine Freundin, die ich außerhalb der Gemeinde hatte.

Es war trotzdem eine schöne Geburtstagsfeier. Ich merke mir aber, dass ich Gemeindemitglieder nicht so schnell zu meinem Geburtstag einladen werde. Das tue ich mir nicht noch einmal an.

Eine weitere Bestätigung für meinen angeblich schlechten Stand in der Gemeinde waren Auseinandersetzungen, für die folgende als Beispiel dienen soll.

Einmal habe ich der Gemeinde eine Kaffeemaschine geliehen. Für ein Event reichte die, die in der Küche stand nicht aus. Als ich sie nach mehrmaligen Bitten endlich wieder bekam, war sie total verdreckt und die dazugehörige Thermoskanne kaputt. Ich bemängelte dies und wurde sofort angegriffen. Am Ende des „Vortrags“ fiel auch noch Satz „Musst dich nicht wundern, dass du alleine bleibst!“

Wieder gab es ein „klärendes Gespräch“ mit Johannes. Als ich das Mitglied auf besagten Satz ansprach, entschuldigte es sich wortreich. Das täte ihr ja so leid! – Wenn es so wäre, hätte sie sich längst ohne Beisein von Johannes entschuldigt.

Das alles war natürlich Wasser auf die Mühlen von Johannes.

Diese Auseinandersetzungen ließen mich denken, dass ich wirklich ein schwieriger Mensch bin und Johannes der Einzige ist, der zu mir steht.

Doch auch die allgemeine Frustration war nicht von der Hand zu weisen. Es gab kaum noch Eintritte, stattdessen viele Austritte. Oft genug fiel der Satz, dass nur noch die zum Gottesdienst kämen, die ein Amt, einen Dienst dort zu verrichten hätten. Ich war lange an seiner Seite, suchte die Schuld bei mir und anderen Mitgliedern. Hellhörig wurde ich, als ein Mitglied mal mir gegenüber äußerte „Psst! Die Wände haben Ohren!“ Bei mir kam plötzlich das DDR-Gefühl hoch. Mit DDR-Gefühl meine ich das Gefühl, nicht mehr offen sprechen zu können. Ich fing an zu umschreiben und packte den Subtext zwischen die Zeilen. Als mir das bewusst wurde, fragte ich mich, wohin ich geraten bin. Kann es sein, dass ich in einer Gemeinde, die ihren Sitz in einem demokratischen Land hat, nicht offen reden darf? Kann es angehen, dass ich meine Unzufriedenheit über offensichtliche Missstände nicht äußern darf, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen?

Eines Morgens stand ich in der Küche und machte mir Frühstück. Da traf mich eine Erkenntnis wie ein Schlag „Er nimmt dich auf den Arm!“ Plötzlich wusste ich, dass seine Beleidigungen, Beschuldigungen kein Versehen waren. Er meinte es auch nicht gut mit mir! Er hatte gar nicht vor, mir jemals die Anerkennung zu geben, die ich gebraucht hätte. Er wollte, so sagte mir mein Gefühl, mich mundtot machen, mich aus der Gemeinde haben.

Nachdem mir das klar war, überlegte ich den nächsten Schritt: Es war klar, dass ich diese Gemeinde verlassen musste. Ich hatte aber Skrupel. Ich konnte doch meine Leute nicht im Stich lassen! Doch schließlich siegte mein Überlebenswille und ich beschloss, auszutreten. Doch wollte ich nicht sang- und klanglos gehen. Ich überlegte, dass das, was gerade in der Gemeinde lief, bekannt werden müsse. Ich wollte den übergeordneten Pastor informieren. Dieser Gemeindeverbund ist so organisiert, dass jede einzelne Gemeinde zu einem übergeordneten Gremium mit einer Art „Bischof“ gehört. Ich ging davon aus, dass der „Bischof“ keine Ahnung hatte, was in der Ortsgemeinde genau ablief. So schrieb ich einen sechsseitigen Brief an ihn. Lange überlegte ich, änderte Formulierungen, ließ weg und beschrieb dafür andere Situationen. Immer wieder fragte ich mich, ob ich diesen Brief wirklich abschicken sollte. Schließlich bat ich Gott darum, mich daran zu hindern, wenn ich es nicht tun solle. Wenn ich eine lange Schlange vor der Post antreffen würde, würde ich ihn zerreißen. Es war kurz vor Weihnachten! Ich rechnete nicht damit, dass ich nur kurz warten müsse. Gott könne nicht wollen, dass ich meinen Pastor verriet! Ich betrat den Supermarkt mit der Poststelle und stockte: An der Post standen gerade einmal drei Leute an! Ich wiederhole: Es war kurz vor Weihnachten! Ich atmete tief durch und gab den Brief als Einschreiben ab. Sofort drehte ich mich um und ging die wenigen Schritte zum Blumenladen. Während ich noch die Blumen betrachtete, sagte die Verkäuferin zu mir – es waren gerade mal 2 Minuten vergangen – „Heute ist bei der Post wieder viel los!“ Ich drehte mich wieder um und sah eine Schlange, die gerade dabei war, sich aus dem Gebäude raus zu schlängeln! Ich wundere mich noch heute, woher plötzlich so viele Menschen herkamen!

Einige Zeit später erhielt ich die Antwort vom „Bischof“. Er habe meinen Brief erhalten. Da er mein Anliegen als gemeindeintern einschätze, habe er diesen direkt an den Ältestenkreis geschickt. Ich solle die Antwort von diesem abwarten. Ich war enttäuscht! Dieser Mann hat mich nicht einmal angesprochen, mit mir geredet, sondern gleich den Pastor über mich ausgefragt.

Ich musste nicht lange auf die Antwort von Johannes warten. Er rief mich an und sagte: „Es tut mir Leid – bedeutungsvolle Pause – es tut mir Leid, dass du mich so falsch verstanden hast!“ Mir blieb fast die Luft weg. Anschließend schlug er mir vor, dass wir uns an einem neutralen Ort treffen könnten. Er  möchte nicht über den Brief reden, aber wir könnten ja Smalltalk machen und versuchen, uns neu kennenzulernen.

Kein Kommentar!

Ich setzte also einen Brief auf, in dem ich meinen Austritt aus der Gemeinde erklärte. Kurze Zeit später bekam ich einen neuen Job in Norddeutschland und ich zog in mein geliebtes Bundesland zurück.

( Wird fortgesetzt.)

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