Ein Glas Saft!

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Kennt ihr das? Manchmal verteidigen andere das Handeln schwieriger Menschen. Da beleidigt dich jemand und jemand springt ein: „Ja, war nicht nett, aber nimm‘ mal Rücksicht, ihm geht es gerade nicht gut!“ Dann werden noch irgendwelche Umstände angeführt wie z. B. eine Migräne o. ä.– Alle  mal die Hand hoch bitte, denen es gerade richtig gut geht. Wer ist der Meinung, dass er den Sommer seines Lebens erlebt? Meine Hand bleibt unten.

Das erinnert mich an einen denk-würdigen Dienst, während meiner Zeit als Krankenschwester:

Zuerst fuhr ich zu einer Patientin. Sie beklagte sich bitter bei mir. Sie war zu Fuß in die Stadt gelaufen und auf dem Rückweg habe sie so schlimme Knieprobleme bekommen, dass sie jetzt am liebsten sterben wolle. Ich erfüllte bei ihr meine Arbeit und fuhr weiter.

Meine nächste Patientin war schwer krank und bettlägerig. Als ich ihre Wohnungstür aufschloss bekam ich einen Schreck. Ich dachte bei mir, dass ich mich eine halbe Stunde an ihr Bett setzen würde und dann würde ich den Arzt anrufen, damit er den Totenschein ausfüllt. Doch sie lächelte mich an. „Im Kühlschrank!“ sagte sie mit heiserer Stimme. Ich fragte nach, was denn im Kühlschrank sei. „Saft!“ antwortete sie. „Sie wollen Saft trinken? Gern, hole ich Ihnen!“ meinte ich. „Nein! Für Sie!“ – Ich war sprachlos! Diese Frau hätte allen Grund gehabt, zu jammern und zu klagen. Sie war schwerkrank und wusste, dass sie bald sterben würde. Doch ihre erste Sorge galt mir, der Krankenschwester. Ich könnte an einem heißen Sommertag zu wenig trinken!

Das war gelebte Demut für mich. Sie hat mich höher geschätzt als sich selbst. Mir ist bewusst, dass diese Demut nicht von ungefähr kam. Sie hat sie jahrelang eingeübt.

Für mich ist diese Dame ein Vorbild.

Seitdem weiß ich, dass es nicht an den äußeren Umständen liegt, sondern an der inneren Entscheidung, wie jemand reagiert.

Keiner von uns kommt ohne Narben durchs Leben. Ich denke, wenn wir die seelischen Wunden von jemanden sehen könnten, wie die körperlichen, wir würden miteinander behutsamer umgehen.

Ich aber möchte mir wieder und wieder bewusst machen, dass der andere nichts für meine Vergangenheit kann. Der Pastor in meiner neuen Gemeinde kann nichts für das, was der andere in der ehemaligen Gemeinde mir angetan hat.

Der andere kann auch nichts dafür, dass es mir gerade körperlich schlecht geht oder mir Sorgen um meine Zukunft mache.

Ich möchte nicht zu einem lebenden Minenfeld mutieren.

Ich möchte mich darin üben, den anderen höher zu schätzen, als mich selbst.

Wenn ich es täglich übe, werde ich es auch dann können, wenn ich eigentlich allen Grund hätte, zu jammern und zu klagen.

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