Tempelreinigung 2.0

Ich bin wütend! Richtig wütend! Würde jetzt jemand vorschlagen, die Kirche zu entmachten und zu enteignen, wäre ich sofort dafür! Ja, entmachtet die Kirche! Alle Kirchen, alle Denominationen! Sofort!

(Bild KI-generiert.)

Eigentlich bin ich gerade dabei, fröhlich meinen Glauben zu dekonstruieren, aber dann ist mir in letzter Zeit immer wieder etwas aufgefallen: Die Kirche ist vor etlichen Jahrhunderten falsch abgebogen und bis heute laufen viele Christen diesem falschen Navi hinterher! Das Navi sagt „Geradeaus!“, also fahren wir geradeaus. – Platsch! Das Auto landet im Wasser.

Es war u. a. Augustinus von Hippo, der das Navi programmiert hat. Keine Sorge, den Typen knöpfe ich mir noch einmal extra vor! Für viele mag er der tolle Kirchenlehrer sein, für mich ist er ein Steigbügelhalter des Patriachats, eine Geißel der westlichen Welt. Wegen ihm musste die Scham erst die Seite wechseln, weil sie nicht da geblieben ist, wo sie hingehört: auf der Seite der Täter! Später dazu mehr! Versprochen!

Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich in den christlichen Glauben griechische Philosophie eingeschlichen bzw. wurde diese willentlich hinzugefügt! Wir erinnern uns: Das Alte Testament wurde in Hebräisch geschrieben. (sicherlich keine einfache Sprache, aber hat immerhin im Gegensatz zum Mittelägyptischen Vokale!) Es wird die Geschichte zwischen Gott und Seinem Volk die Hebräer/ Israeliten/Juden erzählt. (Die Feinheiten überlasse ich Theologen, Bibelarchäologen und Historikern.) Das Neue Testament wurde in Alt-Griechisch geschrieben und erzählt die Geschichte vom Gott der Juden, Seinem Volk und wie Er zum Gott der Christen wurde. Man könnte doch also meinen, dass Theologen zwar Alt-Griechisch lernen, sich aber trotzdem mit der Kultur und dem Denken der Hebräer auseinandersetzen! Falsch! Durch die Ausbreitung des Christentums wurden altgriechische Denkweisen übernommen bzw. nicht rigoros abgelehnt.

Erst neulich hat ein katholischer Priester auf Insta die Frage beantwortet, ob Tiere in den Himmel kommen. Hätte er es gelassen! Er hat nämlich behauptet, dass bereits Aristoteles gelehrt hätte, dass Tiere keine Seele haben. (Ist ein wenig komplizierter. Aristoteles hat zwei Bestandteile der Seele unterschieden, wobei der Teil, der in den Himmel kommt, bei Tieren fehlt.) Davon ab, dass diese Aussage vom Priester absolut unempathisch ist, frage ich mich, welche Bibelübersetzung dieser Priester hat. In meiner Bibel kommt Aristoteles weder im Alten, noch im Neuen Testament vor. Weder als König, als Prophet noch als Mitarbeiter des Paulus. Aristoteles war griechischer Philosoph, der 384 bis 322 v. Christus gelebt hat!

Ich habe schon mal drüber geschrieben, das Menschenbild der Hebräer war grundverschieden von dem der Alten Griechen! Kurzfassung: Es ist eine Einheit zwischen Körper und Seele, die untrennbar gedacht wurden – u. a. könnten genau deswegen die Katholiken mit ihrer Auffassung von der Eucharistie Recht haben. Nicht: „Du hast eine Seele!“, sondern: „Du bist eine Seele!“.

Weiter: Besagter Augustinus, 354 n. Christus geboren. Er war vor seiner Bekehrung zum christlichen Glauben in der Sekte der Manichäer. Diese wurde aus der christlichen Religion, der Gnosis, dem Zarathustrismus (Ja, genau der Zarathustra, der da sprach, keiner weiß was, aber alle haben die Melodie von Strauß im Ohr.) und dem Buddhismus.

Auch, wenn er nach dem Glaubenswechsel den Manichämismus stark bekämpft hat, so hat er doch (un)bewusst die Lehren dieser Sekte in das Christentum eingeschleust. Mitsamt der Körper-/ Frauen- und Lustfeindlichkeit. Das wurde von der Kirche (Es gab damals nur Eine!) freudestrahlend aufgenommen. Meine These lautet: Mit Unterdrückung und Schuldgefühlen herrscht es sich gut. Luther und Zwingli haben diesen Schei äh diese Lehre auch noch befürwortet.

Der Schaden ist groß! Ich selbst wurde noch in den 90ern allen Ernstes von Freikirchlern wegen Selbstbefriedigung beseelsorgt. Wegen des Dogmas „Kein Sex vor der Ehe“ ist das Heiratsalter in Freikirchen signifikant niedriger, als ausserhalb dieser Gemeinden. Hinzu kommt, dass die Ehe in diesen Kreisen als lebenslanger Bund angesehen wird. Ich vermute deswegen, dass die Anzahl der unglücklichen Ehen sehr hoch ist.

Der dritte Punkt, den ich noch ansprechen möchte, ist ein ungeschriebenes Dogma oder eher eine subkulturelle Verhaltensnorm: die stoische Gelassenheit oder „der innere Frieden“. Egal, welchen Klassiker-Seelsorgevers ich nachschlage, ob nun Johannes 14, 27 („Frieden hinterlasse ich euch.; meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch; euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!“ – über die pax romana, die wahrscheinlich mit „nicht wie die Welt gibt“, gemeint war, können wir uns gern ein anderes Mal unterhalten.) oder Kolosser 3,15 („Und der Friede Gottes regiere in euren Herzen; zu diesem seid ihr ja auch berufen in einem Leib; und seid dankbar!“), ich finde keine Aufforderung, für inneren Frieden zu sorgen! Im Gegenteil: laut der Kolosserstelle bin ich zu Frieden in meinem Herzen berufen. Eine Berufung ist keine Handlungsanweisung! Mose wurde berufen, Jesaja, Maria und Johannes der Täufer wurde bereits vor seiner Geburt (vielleicht sogar vor seiner Zeugung?) berufen! Er hatte keine Chance irgendetwas Sinnvolles zu tun!

Die Forderung nach einem unerschütterlichen inneren Frieden geht maßgeblich auf die Philosophie der Stoa zurück. Die kühle Beherrschung der eigenen Emotionen wurde hier zum obersten Ideal erhoben.

Die Gefahr, die ich hier sehe, ist, dass mit dieser angeblich christlichen Verhaltensnorm Frauen und neurodivergente Menschen diskriminiert werden: Frauen, weil während der Menstruation und während der Perimenopause das „Nettigkeitshormon“ Östrogen abgebaut wird und ADHSler im Besonderen und Neurodiverse im Allgemeinen eine geringere Frustationstoleranz haben, als Neurotypische.

Ich bin Frau in Perimenopause und habe ADHS! Ich bin nicht mehr nett! Insbesondere Pastoren, Prediger und Priester sollen sich in Acht nehmen! Eine hochgezogene Augenbraue, ein Versuch mich sanft und ungefragt zu beseelsorgen und es knallt verbale Ohrfeigen!

Paulus selbst schrieb: „Zürnt ihr, so sündigt nicht; die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn!“ (Epheser 4, 26). Er schrieb NICHT: Zürnt nicht!

Es wird Zeit für eine zweite Tempelreinigung! Diesmal müssen nicht die Wechsler, sondern all die alt-griechischen Lehren, die großzügig reingewunken wurden, ausgetrieben werden! Hinweg mit Aristoteles, hinweg mit den augustinischen Lehren und hinweg mit der stoischen Philosophie! Mit eisernem Besen kehre ich mein Glaubensgebäude aus! Und sollte ein Mittglied irgendeiner Gemeinde oder, schlimmer noch, eine leitende Person, das verhindern wollen, wird sie gleich mit ausgekehrt!

Wie Goethes Prometheus‘ werde ich mir nicht ausreden lassen „Zu leiden, weinen, Genießen und zu freuen sich…“

Hätte Gott gewollt, dass ich nicht weine, hätte Er auch die lästigen Tränensäcke weglassen können!

Ich ent-greek-isiere meinen Glauben! Und jeder, der halbwegs bei Verstand ist, sollte das auch tun!

Denn mit kontrollierten Emotionen kann ich meinen Gott nicht lieben!

Geliebt sei Jesus Christus! In Ewigkeit. Amen.

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