Nüchtern glauben!

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Ich bin gerade nachdenklich! Nach langer Zeit habe ich mit einer Bekannten telefoniert. Ich habe sie als übersprudelnde Frau kennengelernt, der es schwer fällt, andere zu Wort kommen zu lassen. Diesmal war sie fast einsilbig.

Nachdem wir ein wenig geredet haben, erzählte sie mir, dass sie das Buch, das ich ihr geliehen habe, geschockt hat. Sie redete von „Gott, Gier und Geld“ von Costi W. Hinn. Der Neffe vom bekannten Prediger Benny Hinn ist aus dem Dienst des Familienclans ausgestiegen und beschreibt in diesem Buch die Hintergründe der Evangelisationen und Fernsehgottesdienste. Er entlarvt Prediger des Wohlstandsevangeliums. Klar benennt er die Missstände. Nicht nur, dass daran zu zweifeln ist, dass Gott für jeden Christen ein bequemes Leben in Wohlstand haben möchte, sondern er schreibt auch, wie Spenden eingesammelt und diese nicht für den Dienst, sondern für das private Vergnügen genutzt werden. Das kann erschreckend sein!

Als ich dieses Buch gelesen habe, war es für mich nur eine Bestätigung. Nachdem ich geistlichen Missbrauch in einer Freikirche erlebt habe, war das nur eine weitere Offenbarung von üblen Dingen in der Kirche. Ich wunderte mich nicht darüber.

Als ich meiner Bekannten das Buch lieh, haben wir vorher darüber geredet. Ich dachte, die Fakten sind ihr bekannt. Es gab immer mal wieder Kritik am Wohlstandsevangelium. Doch meine Bekannte war erschrocken darüber. Das war wohl der Hauptgrund, warum sie sich nicht mehr gemeldet hat. Sie ginge jetzt nicht mehr in eine Kirche, glaubt aber noch an Gott. „Ich glaube nur noch nüchtern!“ Ich bekam einen Schreck! „Aber nüchtern glauben ist doch gut!“ sagte ich.

Ich mache mir ein wenig Vorwürfe: War es richtig, ihr das Buch zu leihen? „… und die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Johannes 8,32) Was aber, wenn jemand die Wahrheit nicht verträgt?  Während meiner Ausbildung zur Krankenschwester diskutierten wir in Ethik über die Frage, ob man einen Angehörigen über die Krebsdiagnose des Patienten informieren dürfe/solle. Die Meinungen gingen sehr auseinander. Was bringt es, einen Menschen zu schonen, wenn der geliebte Angehörige vor dessen Augen stirbt? – Was bringt es, einen Gläubigen nicht über Missstände in der Kirche zu informieren, wenn das komplette System zusammenkracht wie ein Kartenhaus? Wir sind doch keine Kinder mehr! Ich bin selbst in diese Falle getappt. Ich war selbst kurz davor meinen Glauben zu verlieren, weil Christen sehr verletzend mit mir umgegangen sind. Aber Glaube hat nichts mit Menschen zu tun. Glaube bekommt man nicht, indem man über Menschen nachdenkt, sondern über Gott. Glaube fängt da an, wo Menschen verstehen, dass sie Gott brauchen. Ich musste wohl durch diese bittere Enttäuschung gehen, weil ich mich zu sehr an Menschen und zu wenig an Gott orientiert habe.

Nüchtern glauben heißt für mich, dass ich mich auf das gründe, was Gott in seinem Wort sagt. Als Charismatikerin habe ich immer wieder gehofft, im Gottesdienst „vom Heiligen Geist überschattet“ zu werden. Klar ist es schön, von Gott berührt zu werden. Ob nun charismatische Erlebnisse oder mystische Erfahrungen – es ist gut, dass es sie gibt. Aber letztendlich kommt es darauf an, dass man selbst dann im Glauben steht, wenn man mitten in der Krise steckt.

Von Gott berührt zu werden, kann den Glauben stärken, aber er muss sich bewähren. Dazu braucht es nicht nur schöne Erlebnisse, sondern auch mutiges Handeln auf Gottes Zusagen hin.

Wenn dein Glaube sich auf Lügen gründet, dann kann er nicht halten. Nur die Wahrheit kann frei machen. Auch, wenn sie manchmal bitter ist!

Ja, es gibt Leiter, Pastoren, Prediger, die nicht so handeln, wie laut Bibel ein Christ handeln sollte. Es gibt Irrlehrer und Sektenführer. Es gibt Menschen, die in Gottes Namen Waffen segnen und zum Krieg aufrufen. Das ändert aber nichts an Gottes großartiger Liebe. Es ändert nichts daran, dass Gott dich unendlich liebt! So sehr, dass Er selbst als menschgewordener Sohn für deine und meine Schuld gestorben ist.

Das ist das Kernstück des christlichen Glaubens! Es geht nicht um Wohlstand, nicht um ein Leben ohne Leid, sondern um eine gute Beziehung zu deinem Gott!

Es gibt Leid auf dieser Welt und wir Christen sind nicht immun dagegen. Aber eins hat Gott uns versprochen: „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.(Offenbarung 21,4).

Es gibt Armut und Unterdrückung und auch das kann uns Christen treffen. Doch es gilt „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus11, 28)

Das sind Zusagen, die gelten.

Egal, welchen Lügen ich aufgesessen bin, Gott ist an meiner Seite. Er ist der „Ich bin!“, er ist der Gott, der mich sieht! (wie es in der diesjährigen Jahreslosung heißt) Lasst uns also nüchtern glauben und auch seine Berührungen willkommen heißen!

Gesegnetes Neues Jahr!

Eine Antwort zu „Nüchtern glauben!”.

  1. Kirche – im Sinn der christlichen Gemeinde in der menschengemachten Struktur – ist anfällig für Mißbrauch. Wir haben oft einen blinden Fleck, gerade was Macht angeht. Die presbyterial-synodale Grundordnung der evangelischen Landeskirchen grenzt die institutionellen Machtmöglichkeiten zwar ein, nicht aber die „partisanischen“, die ohne strukturelle oder institutionelle Grundlage aus dem Machtstreben einzelner entstehen.
    Prosperity gospel und die sehr predigerzentrierte Funktionsweise vieler Megachurches dagegen öffnen dem Teufel alle Türen.

    Sehr empfehlenswert in dieser Hinsicht ist der Film „The Apostle“ deutsch „Apostel!“, von und mit Robert Duvall.

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