Meine lieben katholischen Geschwister,

ich bin bestürzt über den Inhalt des Gutachtens. Es bedrückt mich sehr. Mir geht es gerade nicht darum, darüber zu urteilen, ob die Motivation der Handelnden richtig oder falsch war, was man hätte anders machen können und ob das Zölibat nun endlich abgeschafft werden sollte. Das alles ist nicht meine Aufgabe.

Ihr sollt einfach nur wissen, dass ich auch traurig darüber bin. Ganz einfach deswegen, weil ich Euch als meine Geschwister ansehe. Paulus schreibt „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit;…“ (1. Korinther 12, 26) So geht es mir gerade: Ich leide mit Euch mit! Ich kann mir gut vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man Dinge erfährt, die man vielleicht irgendwie ahnte, aber doch nicht wahrhaben wollte. Ich weiß, wie es ist, wenn gefühlt alles nicht mehr wahr ist und man plötzlich vor einem Scherbenhaufen steht.

Ich selbst habe geistlichen Missbrauch in einer Freikirche erlebt. Ich war deswegen vor wenigen Jahren kurz davor, meinen Glauben an Gott zu verlieren. Einige von Euch, liebe Geschwister, haben dafür gesorgt, dass ich den Glauben NICHT verloren habe. Dafür bin ich sehr sehr dankbar. Nicht alle von denjenigen kenne ich persönlich. Bei manchen war es einfach nur die Ausstrahlung, dieses „Wow- Gefühl“. Noch bis heute bewundere ich so manchen von Euch wegen seiner/ ihrer Innigkeit im Glauben. Manche von Euch kenne ich persönlich und sie begleiten bzw. begleiteten mich auf eine sanfte und mutmachende Weise.

Ich habe es erlebt, dass geistliche Leiter ihre Macht missbrauchen. Das, wie geschrieben, in einer Freikirche. Auch wurde mir anschließend nicht geglaubt. Keine Konfession ist davor gefeit, dass ihre geistlichen Leiter ihre Macht missbrauchen. Deswegen hat keiner das Recht, auf Euch mit dem Finger zu zeigen. Ihr, die Ihr unermüdlich Euch einsetzt für Eure Kirche. Die Ihr ehrenamtlich Kinderkirche, Seniorenkreis und Jugendgruppe leitet, Stühle hin- und wegstellt, Kuchen backt und vorlest ( und all die anderen Dinge tut, die oft als selbstverständlich angesehen werden). Ihr sorgt dafür, dass all das Gute und Erhaltenswerte in der Kirche läuft. Ihr seid  NICHT diejenigen, die missbraucht oder vertuscht haben. Deswegen tut es mir weh, dass Ihr jetzt bei Vielen mit auf der Anklagebank sitzt. „Die Kirche“ heißt es oft, oder „Die Katholiken“! Euch geschieht gerade großes Unrecht! Das tut mir auch weh.

Anfangs habe ich mich auch geärgert, wenn ich vereinzelt Relativierungen gelesen habe, wie „Das waren damals andere Zeiten!“ oder „Die Kirche musste stark sein gegen den Ostblock!“ Doch jetzt habe ich verstanden, dass es wohl eine Form des nicht-Wahr-Haben-Wollens ist. Ähnlich wie, wenn der Arzt, der berichtet, dass der geliebte Angehörige die OP nicht überstanden hat, beschuldigt wird, die Patienten-Akte vertauscht zu haben.

Liebe Geschwister, bitte tretet aus der Kirche nicht aus, und wenn schon geschehen, tretet bitte wieder ein. Die Kirche braucht Euch jetzt. Seht Ihr denn nicht, wieviel Gutes die Kirche trotz allem bietet? Wisst Ihr denn nicht, welche  nicht-materiellen Schätze Eure Kirche birgt? Ich habe die Kontemplation und die christliche Mystik für mich entdeckt. Es hilft mir, zur Ruhe zu kommen und mich neu auf Gott auszurichten. Ich bewundere, dass Ihr regelmäßig Euer Stundengebet betet. Es bringt Euch eine Tagesstruktur, um die ich manchmal sehr ringen muss. Manchmal fällt es mir schwer, Gott in rechter Weise anzubeten. Da nutze ich gern das Stundengebet. Ich mag Therese von Lisieux sehr. Sie inspiriert mich auf meinem Glaubensweg. Hätte die katholische Kirche nicht ihre Schriften und ihr Andenken bewahrt, gäbe es wohl höchstens ein paar Abhandlungen mit psychologischen Fragestellungen über sie.  

Vor allem: Verliert nicht den Glauben an Gott! Menschen können Euch im Stich lassen, Gott tut es nicht! Er weiß, wie es Euch gerade geht! Ihr fühlt Euch vielleicht jetzt hilflos, aber Er hilft! Er geht mit Euch durch diese Krise. Ich bin mir sicher, dass Er Euch wieder aufhelfen und trösten wird. Denn: „Das geknickte Rohr wir d er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen;… (Jesaja 42, 3)

Ich bete für Euch. Ich wünsche Euch, dass Ihr wieder bzw. weiter Trost und Hoffnung in Gott und im Glauben findet, Ihr bald aus dieser Krise rausfindet und hoffe, dass Ihr es schafft, mutig zu sagen „Ich glaube trotzdem an Gottes großartige Liebe!“

Vielleicht lässt sich das Zusammenbrechen von alten Strukturen nicht verhindern und vielleicht stellt sich später raus, dass es notwendig war, auch wenn es schmerzhaft war/ ist. Aber eins ist gewiss: Gott ist immer noch größer als unser Schmerz und unsere Hilflosigkeit.

Zum Schluss noch etwas aus dem kleinen  Schatzkästchen des Evangelischen Gesangbuches: Es ist ein Zitat aus dem Lied „Befiehl du deine Wege“ von Paul Gerhardt: „Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“ Darauf dürfen wir vertrauen.

Gott segne Euch!

                                                             Es grüßt Eure Schwester im Glauben

Ulrike

 

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