Ist Gott ein schlechter Personaler?


Ist Gott etwa ein schlechter Personaler?
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Es gibt in freikirchlichen Kreisen einen Satz, der insgeheim zum Dogma erhoben wurde: „Gott beruft nicht die Begabten, sondern er begabt die Berufenen!“- Dieser Satz macht mich sauer. Ich habe erlebt, wie er von einem Leiter manipulativ missbraucht wurde. Dieser Pastor hatte nichts anderes zu tun, als m. E. ungeeignete Mitglieder, die aber ihm nach dem Mund redeten, in Leitungspositionen einzusetzen. Dagegen wurde z. B. ein IT-Fachmann nicht in die Gruppe eingeladen, die für die Erstellung der Webseite zuständig war. Ab davon, dass dieser Satz schnell manipulativ eingesetzt wird, er ist schlicht und ergreifend falsch!

Wir bekommen alles von Gott! Auch unsere Begabungen. Wenn also unsere Begabungen von Gott kommen, warum sollte er uns dann nicht auch berufen? Warum sollte er uns Begabungen geben, wenn es nichts gibt, wofür wir sie einsetzen können? Sind denn nicht nur unsere Fähigkeiten, sondern unser ganzes Sein dafür da, dass wir das für Ihn zur Ehre einsetzen? Nehmen wir Mose. Wäre er nicht an Pharaos Hof aufgewachsen und hätte er nicht dort die damals übliche Bildung genossen, hätte er niemals das Volk leiten können. Genauso Josef: kein Ägypter wäre auf die Idee gekommen, ihn, den Ausländer, als Vorstand des Haushalts einzusetzen, wenn er nicht eine gewisse Cleverness an den Tag gelegt hätte. Außerdem muss er eine hohe Sprachkompetenz gehabt haben, denn normalerweise lernten Schreiber die Schrift von Kindesbeinen an. Weiter: Paulus war Pharisäer d. h. er war gebildet, war es gewohnt in der Öffentlichkeit zu reden und kannte die jüdischen Gesetze in- und auswendig. Auch hier gab es zunächst die Begabung, dann die Berufung. Was allen erwähnten Personen fehlte, war die Demut, die Gott sie auf sehr unterschiedliche Weise lehrte. Sie waren entweder von sich selbst oder von ihrer bereits ausgesprochenen Berufung sehr eingenommen.

Hinzu kommt, dass dieser Satz Gott in einem falschen Licht darstellt. Es klingt, als wäre er ein schlechter Personaler. Ein Personaler also, der nicht die vorhandenen Potentiale der Mitarbeiter nutzt, sondern allein auf Schulung bzw. Fortbildung setzt. Das gäbe ein großes Chaos!

Außerdem steckt ein gefährliches Gottesbild dahinter! Es ist das Gottesbild, dass unbewusst in vielen Köpfen steckt: „Weil Gott Gott ist, kann er mich jederzeit als Missionar nach Timbuktu berufen und dort werde ich einen qualvollen Märtyrertod sterben! Das alles nur, weil Gott mich liebt!“ – Nein! Warum sollte er das tun?

Ich habe es vor einiger Zeit mitbekommen, wie jemand die Berufung von Gott verspürte, nach Griechenland zu gehen. Derjenige hatte schon als Jugendlicher Gruppen mit Griechen geleitet. Er liebte da schon ihre Art zu denken und hatte einen guten Draht zu ihnen. Von einer Missionarin, die wirklich nach Afrika gegangen ist, las ich, dass sie, seitdem sie Christ geworden ist, den Wunsch hegte, nach Afrika zu gehen. Ich habe noch andere Berufungsgeschichten gehört, aber immer brachte die Berufung eine Saite im Menschen zum Klingen. Auch bei meiner persönlichen Berufung habe ich das Gefühl, dass Gott mir vor der Geburt schon Begabungen gegeben hat, die ich jetzt für seine Berufung nutzen kann. Auch bei mir sind von dem ersten Gefühl „Ich bin für etwas berufen!“ bis hin zur konkreten Aufgabe etliche Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hat Gott an meinem Charakter gearbeitet. Vielleicht irgendwann mehr davon.

Ich habe vor einiger Zeit einen ähnlichen Satz von Karl Barth gelesen: „Gott begabt nicht, ohne zu berufen – und er beruft nicht, ohne zu begaben.“

Diesen Satz unterschreibe ich gern! So macht es Sinn mit der Begabung und der Berufung!

Amen.

Ein Kommentar zu “Ist Gott ein schlechter Personaler?

  1. Ein wahrlich spannendes, aufschlußreiches, wie herausforderndes Thema.
    Und natürlich gibt es hier etliche Bibelverse,
    ein Ansammlung von „Handlungsempfehlungen des Herrn,
    wie eben auch Impulse, zu hinterfragen, in den Spiegel zu schauen
    und einen „konkreten“ Blick auf menschliche Weisheit zu werfen.

    Mal spontan die Bibel durchforstet findet sich:

    – „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
    und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR.“ (Jesaja 55, 8)

    und 1. Korinther ist eine wahre Fundgrube:

    – „Niemand betrüge sich selbst.
    Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt,
    der werde ein Narr, dass er weise werde.“ (1. Korinther 3,18)

    – „Sondern was töricht ist vor der Welt,
    das hat Gott erwählt, daß er die Weisen zu Schanden mache;
    und was schwach ist vor der Welt,
    das hat Gott erwählt, daß er zu Schanden mache, was stark ist;“

    – „Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen?
    Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?“

    – „Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte,
    gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.“

    … und das sind die Worte eines „ehemaligen“ Top-Professors und Pharisäers, der zu den Kandidaten zählte, den Posten eines Gamaliel zu erben …

    Doch ein Satz darf hier definitiv nicht fehlen, ein Satz aus der „anstößigen“ Bergpredikt,
    wo so viele die Nachfolge quittierten, so daß unser Herr Jesus Christus selbst die engsten Jünger fragen mußte,
    ob sie nicht auch das Weite suchen wollen. Zumindest hatte Simon Petrus eine klare, wie erkenntnisreiche Antwort:

    „Da antwortete ihm Simon Petrus:
    HERR, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh. 6,68)

    Zurück zu dem, was der Herr hier sprach und zu obigen Thema:

    -„Selig sind, die da geistlich arm sind;
    denn das Himmelreich ist ihr.“ (Matthäus 5,3)

    Der andere Punkt ist halt der, bestens bekannt aus dem passenden Gleichnis:
    Warum verbuddeln etliche ihr(e) Talent(e) im Acker.

    Danke für den genialen Impuls, wieder unter diesem Aspekt in der Bibel zu forschen
    und die eigene geistliche Armut zu erkennen, auch, um den eigenen Hochmut zu entsorgen;
    so Stück für Stück, auch wenn es mir „etwas schwer fällt“.

    Besten Dank,
    Raphael.

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