Selbstfürsorge vs. Egoismus

Mir fällt etwas auf: Seit einiger Zeit lese ich regelmäßig Tipps zum Thema Selbstfürsorge bzw. Selbstliebe. Coaches, Pastoren mahnen gleichermaßen an, dass man für sich selbst sorgen solle. Das stößt mir ein wenig auf. Es erscheint mir zu einseitig. Wie so oft, scheint der Mensch von einem Extrem ins andere zu fallen. Wurde lange in Kirchen gepredigt, dass der Mensch dem anderen dienen und sich selbst nicht so wichtig nehmen solle, scheint nun die Sorge für sich selbst im Fokus zu sein. Was mich stutzig macht, ist, dass sowohl weltliche, als auch christliche Leiter das zum Thema machen. Ja, Life-Work-Balance ist wichtig. Doch irgendwie scheint das Sorgen für andere unmodern geworden zu sein. sobald jemand sich um andere kümmert, sagt irgendjemand „Sorg auch für dich selbst!“ oder „Du kannst nicht alle retten!“ Auch ich habe schon öfter den Satz gehört. Ich bin verwundert: Ich will gar nicht alle retten. Außerdem stellt sich die Frage, ob ich überhaupt retten kann. Wenn es um das ewige Leben geht, kann nur Jesus retten

Seien wir mal ehrlich: Ein Blick in die öffentliche Diskussion und in die sozialen Netzwerke vermittelt eher den Eindruck, dass die Menschen egoistischer werden. Da wird unbarmherzig aufeinander eingehackt, beleidigt und bloßgestellt. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich die meisten Kommentartoren ermahnen muss „Sorg auch für dich selbst und nicht nur für andere!“.

Ja, trotzdem nimmt die Zahl derjenigen, die an Burnout erkranken, zu. Ich habe eine Zeitlang selbst Seminare zu dem Thema „Burnoutprophylaxe“ gegeben. In der Vorbereitung fand ich heraus, dass es in der Regel Menschen, mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen sind, die prädestiniert sind, einen Burnout zu bekommen. Es sind Menschen, die sich selbst für unabkömmlich halten, diejenigen, die sich über ihren Job definieren, gebraucht werden wollen. Auch ich muss aufpassen, dass ich nicht in diese „Ich möchte gebraucht werden!“-Fall hineintappe.

Jesus selbst war viel für andere da. Er hat auch Grenzen gesetzt und sich zurückgezogen. Seine Predigten lauteten jedoch „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“(Matthäus 11, 29) und „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ (Matthäus 16, 24) – Da klingt kein bisschen „Sorge für dich selbst!“ an!

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ist meiner Meinung nach eineFehlinterpretation. Ich denke, es wurde von Jesus einfach vorausgesetzt, dass wir uns bereits selbst lieben. Das war als Maßstab für die Nächstenliebe gemeint. Sicher gibt es Einige, die es erst einmal lernen müssen, sich selbst zu lieben. Aber hier antwortet Jesus einem Gesetzeslehrer, also jemand, der geradezu vor Selbstbewusstsein strotzte. Jesus konnte voraussetzen, dass er sich selbst liebte. Wenn wir die Bibelstelle im Zusammenhang lesen, merken wir, dass hier der Fokus ganz woanders liegt: Es geht nicht vordergründig um Selbstliebe, sondern darum, welches das wichtigste Gebot ist! – Wie so oft hilft es, Zitate im Zusammenhang zu lesen:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. “ (Matthäus 22,37-39.)

Aber wenn ich das, mit dem Kreuz auf mich nehmen, ernst nehme, stolpere ich nicht unweigerlich in den Burnout? Ich denke, das ist eins der vielen Oxymora im christlichen Glauben: Wenn ich etwas für andere tue, weil ich Christus nachfolgen möchte, werde ich selbst nicht zu kurz kommen. Ich habe es schon erlebt, dass ich mich für andere eingesetzt habe und Gott dann für die nötigen Ruhepausen gesorgt hat. Ich musste sie nicht verteidigen oder „frei schaufeln“, sie ergaben sich.

Ich denke, das ist der Knackpunkt bei dieser Frage. Wenn ich etwas tue, weil ich unentbehrlich sein möchte, dann ist die Gefahr groß, dass ich mich selbst vergesse. Wenn aber meine Motivation ist, dass ich es mit und für Gott tue, dann sorgt Gott selbst für Erholung. „…die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40, 31)

Ich muss nicht für mich sorgen, wenn Gott für mich sorgt. Da darf ich wie ein Kind darauf vertrauen, dass er mir nur soviel an Arbeit zumutet, wie ich ertragen kann. Wenn ich das bedenke und auch nicht mehr meine Anerkennung darin suche, dass ich unentbehrlich bin, dann kann ich auch mein Kreuz auf mich nehmen!

Amen.

2 Kommentare zu „Selbstfürsorge vs. Egoismus

  1. Selbstfürsorge ist Egoismus
    und gleichwohl und darüber hinaus fehlendes Vertrauen in …

    Selbsthingabe vs. Egoismus wäre …
    und da brauche ich auch keine Angst und Sorgen mir machen.
    Steht es nicht geschrieben, „fürchtet euch nicht“ und „sorget euch nicht“ (an alle derzeitigen „Martha´s“)?
    Irgendein theologe hat ja mal gezählt, wie oft diese Worte in der Bibel vorkommen und das resultat seiner Recherche war: 365

    Na dann,
    fürchten (!) wir lieber den Herrn.

    Alles Liebe,
    Raphael.

    1. Danke! Martha habe ich noch gar nict im Zusammenhang mit Selbstfürsorge gesehen. Aber stimmt schon: Sie wollte nicht nur den Herrn bedienen, sondern auch selbst gut dastehn. Die andern sollten sie als gute Gastgeberin anerkennen. Sie wollte gelobt werden. Als das Lob ausblieb, wollte sie ihre Schwester in Misskredit bringen. Es ist eine falsche Art zu dienen. diese Geschichte zeigt aber noch etwas: Jesus war nicht nachtragend! In Johannes 11, 5 heißt es „Jesus aber hatte Marta lieb…“ -Das war kurz bevor Er Lazarus erweckte, also nach der „Marta- was-sorgst-du dich“-Geschichte. Er hat sie einmal zurechtgewiesen, aber sie trotzdem weiterhin lieb. Wow!

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