Darf man einen Mörder in Schutz nehmen?

Ich habe gerade eine unschöne Diskussion hinter mir. Ich habe auf meinem Facebook – Profil einen Post verfasst, in dem ich schrieb, dass ich es nicht in Ordnung finde, dass Presse und Politiker bereits davon sprechen, dass der Mörder vom jungen Studenten an der Tankstelle zur Querdenkerszene gehört und sich radikalisiert hätte. Die polizeilichen Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Polizei selbst erwägt, dass der Maskenstreit ein vorgeschobener Grund wäre und die Motivation in Wirklichkeit eine andere wäre. Gleichzeitig kritisierte ich das Verhalten der Politiker, die m. E. versuchen sich jetzt noch ein wenig damit zu profilieren. Eine einfache Beileidsbekundung hätte doch gereicht, ohne die reflexartigen Verurteilungen und Forderungen nach harten Strafen.

Zwei meiner fb-Freunde haben sich regelrecht mit Gebrüll darauf gestürzt. Mir wurde erklärt, dass die Sache ja wohl klar auf der Hand läge, das war ein Mord, weil der Attila dazu aufgerufen hat und dieser Querdenker sowieso das Letzte. Je mehr ich argumentierte, umso mehr bekam ich den Eindruck, dass beide erst dann Ruhe geben würden, wenn ich mit ihnen auf den Mörder mit dem Finger zeigen und brüllen würde „Du elender Querdenker!“

Ich habe mich geweigert, das zu tun und die „Diskussion“ beendet.

Ich blieb enttäuscht und erschüttert zurück. Enttäuscht, weil ich beide anders eingeschätzt habe. Vielleicht ein wenig naiv, glaubte ich, dass ich mit ihnen vernünftig diskutieren könnte, dass es möglich ist, einen Standpunkt zu haben, der eben nicht schwarz/weiß ist, sondern irgendwo zwischen den vielen Graustufen zu verorten ist. Erschüttert, weil mir beider Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit bewusst wurde. Kein Argument zählte. Zwischendurch erklärte ich einem, dass ich aufgrund meiner eigenen Geschichte, dass ich mich weigere, vorschnell zu verurteilen. Weil ich eben selbst weiß, wie es sich anfühlt, vorverurteilt zu werden und keine Chance zu haben, etwas richtig zu stellen, möchte ich jemanden nicht vorschnell als „Querdenker“ bezeichnen. Dazu kommt mein christlicher Glaube. Der bringt mich dazu, für beide Parteien, für den Verstorbenen und den Mörder zu beten. Darauf wurde mir erklärt, dass ich die Angehörigen verhöhnen würde. – Weil ich für sie bete? Oder weil ich auch für den Mörder bete? Oder weil ich eben mal abwarten möchte, was die Ermittlungen bringen, bevor ich jemanden ein Label aufdrücke?

Allein darum ging es mir. Mord bleibt Mord. Aber trotzdem steht es mir nicht zu, im Voraus jemanden zu verurteilen. Ich bin weder der Richter, noch Gott!

Darf man einen Mörder in Schutz nehmen? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass neben Jesus ein Verbrecher hing. Ich kenne mich mit alt-römischen Recht nicht aus, vermute aber, dass er nicht wegen „Diebstahl eines Cents“ gekreuzigt wurde. Er sagt „Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lukas 23, 40) Und Jesus? Nachdem er von diesem gebeten wurde „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ antwortete er „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23, 42 und 43)

Eigentlich unerhört! So ein Verbrecher muss doch erst beweisen, dass er es ernst meint mit der Umkehr! Wie denn? Kann er nicht mehr! Wer diesen Absatz verstanden hat, der hat verstanden, was Gnade ist!

Und der Student? Er hatte keine Chance. Auch hier weiß ich nicht, wieso und warum. Es ist die ewig gleiche Frage: Warum lässt Gott Leid zu?

Doch Gott ist souverän. „Was geht es dich an?“ fragt Jesus den Petrus, als dieser ihn fragt, was mit Johannes ist. Dann redet er weiter „Folge du mir nach!“ (Johannes 21, 22)

Ich weiß nicht, wieviele Chancen der Student hatte, zu Gott zu finden und ob er sie genutzt hat. Ich kenne auch nicht das wahre Motiv des Täters. Ich weiß nicht, ob aus diesem Geschehen irgendetwas Gutes entstehen kann. Ich weiß nicht, ob es später mal Sinn machen wird.

Aber ich weiß, dass Gott nichts entgeht. Er kennt jeden Menschen so gut, dass er jedes einzelne Haar gezählt hat. Er liebt jeden Menschen bedingungslos. Er gibt selbst einen Mörder nicht auf. Er kann die Trauer der Hinterbliebenen in Freude  verwandeln. Er kann Hoffnung geben, wo keine Hoffnung zu sein scheint. Er bringt Wüsten zum Blühen. Er, der die Liebe in Person ist, wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. (nach Jesaja 42, 3)

Vielleicht ist es an der Zeit, auf die Souveränität Gottes zu vertrauen. Vielleicht kann ich es lernen, es zu ertragen, dass es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. Auch das heißt es, Gott als Gott anzuerkennen und das Kind-Sein anzunehmen. „Was geht es dich an? Folge du mir nach!“ – Dann kann ich auch einen Mörder in Schutz nehmen und für ihn beten. Denn nachfolgen heißt lieben, bedingungslos lieben, weil ich zuerst geliebt wurde.

Amen.

2 Kommentare zu „Darf man einen Mörder in Schutz nehmen?

  1. Glücklicherweise habe ich kein Facebook-Profil und werde auch nie eins haben. Es kollidieren unterschiedliche Meinungen, was ja eigentlich gut ist. Nicht gut ist, dass sich die Mehrheit auf einen stürzt und recht haben will. Die Urteile derjenigen sind nicht schön.

    Ein Gebet setzt viele Energien frei. Ich habe mir abgewöhnt für andere Menschen zu beten. Gott ist allmächtig und weiß was uns fehlt. Niemals möchte ich das infrage stellen. Auch die Frage: Warum lässt Gott das zu?, verbiete ich mir. Es sind immer Menschen, die eine gewisse Tat ausführen, unsere Umwelt verschmutzen oder einen Mord begehen. Nicht Gott tut das!

    Warum betest Du für andere? Weil Dich ihr Schicksal mitreißt? Weil Du glaubst, etwas tun zu müssen? Sollte der Mörder nicht selbst zu Gott beten?! Beten heißt doch bitten. Wie lautet die Bitte? Vielleicht war das beider Schicksal. Der Tod kommt in unterschiedlicher Gestalt. Der Student ist jetzt ‚zu Hause‘. Sein Geist wird zur Ruhe kommen. Dann ist er in Frieden bei Gott.
    Und der Mörder? Er hat sein Leben verwirkt. Warum? Das sind Spekulationen, an denen man sich nicht beteiligen sollte. Auf jeden Fall war sein Geist ‚außer sich‘, als er die Tat begangen hat. Auch er wird zur Ruhe kommen, wenn auch auf andere Weise. Vielleicht wird er dann selber beten.

    Liebe Grüße, Gisela

    1. Ich komme erst jetzt dazu, dir zu antworten: Du fragst, warum ich für andere bete. Ich möchte, weil es meine eigenen Gedanken gut zusammenfasst Siegfried Kettling zitieren:
      „Wir beten nicht um Gott zu informieren –
      denn das würde heißen, er weiß nichts.
      Wir beten nicht um Gott zu motivieren –
      denn das würde bedeuten, er will nicht.
      Wir beten nicht um Gott zu aktivieren –
      denn das würde heißen, er kann nicht.
      Sondern wir beten, weil wir des Gesprächs
      mit dem Vater bedürfen, um unseren Willen
      in seinen zu legen.“
      Für mich bedeutet christlicher Glaube, dass ich eine Beziehung zu Ihm habe. Das klingt vielleicht abgedroschen, erlebe ich aber so im Alltag. Meine Bitte für den Mörder ist, dass Gott sein Herz weich macht und er sich auf Gott einlassen kann. Ja, Gott weiß,was ich möchte. Aber trotzdem ist es Ihm wichtig, dass ich mit Ihm rede. Schließlich lebt eine Beziehung davon, dass man miteinander redet. Eine Mutter weiß auch, was ihr Kind braucht. Trotzdem schätzt sie es, wenn das Kind mit ihr redet.
      Ich weiß nicht, ob der Student jetzt wirklich „zu Hause“ ist. Ich weiß ja nicht, ob er an Gott glaubte. Jesus selbst sagte „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14, 6)
      Herzliche Grüße, Ulrike

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