Wie du geistlichen Missbrauch überlebst

(Vor einiger Zeit schrieb ich hier etwas über geistlichen Missbrauch. Jetzt möchte ich noch einige Tipps dazu geben. )

Manchmal bringen Verletzungen ein Herz zum Frieren. Auch das kann Gott auftauen.

Ich möchte, dass du die folgenden Tipps als Vorschläge verstehst. Sie sind kein Therapie-Ersatz. Solltest du ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Selbstmord zu begehen, dann bitte ich dich dringend, dir Hilfe zu suchen. Unter der 0800/ 111 0 111 bzw. 0800/ 111 0 222 erreichst du bundesweit die Telefonseelsorge. Unter http://www.telefonseelsorge.de kannst du dich auch online per Mail oder Chat beraten lassen. Bitte lass dir helfen!

Ich verwende hier das Wort „Täter“ im allgemeinen Sinn, also um eine Person zu bezeichnen, die etwas tut, also ein „Tuender“ bzw. ein „Getan Habender“. Der juristische Sinn ist hier nicht gemeint.

Nachdem du festgestellt hast, dass du geistlich missbraucht wirst, versuche zunächst in der Gemeinde, dem Hauskreis, Verbündete zu finden. Versuche herauszufinden, ob es Gemeindemitglieder gibt, denen es ähnlich geht. Narzissten versuchen Menschen zu isolieren. Das tun sie, indem sie Menschen als unmöglich, als sozial andersartig darstellen. Auf der Suche nach Verbündeten solltest du genau die Menschen ansprechen, die vom Machtmenschen tabuisiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Menschen, die vom Leiter abgestempelt werden, ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht haben, wie du. Solltest du keinen finden, der genauso isoliert wurde wie du, versuche Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern aufzunehmen.
Es dürfte allerdings schwer sein, jemanden zu finden, der bereit ist, über das Erlebte mit dir zu reden. Die Scham ist oft zu groß. Oft genug wird der Fehler bei sich selbst gesucht. Auch ich kämpfe zuweilen noch mit den Gedanken, dass ich diese Erfahrungen mir selbst zuzuschreiben habe. Ich habe nicht aufgepasst! Ich habe diesem Menschen geglaubt und seine destruktive Art in mein Leben gelassen! Ich hätte es besser wissen müssen. Er war nicht der erste Narzisst in meinem Leben!
Solltest du keinen aus der Gemeinde finden, dann suche außerhalb der Gemeinde. Such dir erwachsene Christen, die weit genug Abstand zu deiner Gemeinde haben! Es ist nicht hilfreich, einem Pastor oder Leiter deine Geschichte zu erzählen, der den Narzissten persönlich kennt! Ich kann nur ausdrücklich davor warnen! Das Sprichwort stimmt: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!“ Das habe ich selbst erlebt. Suche dir also Christen, die am besten weder die Gemeinde noch den Leiter kennen. Vielleicht findest du im Urlaub eine Gemeinde, die weit genug weg ist. Manchmal ist es einfacher, einem Seelsorger, Coach der einen nicht persönlich kennt etwas von sich selbst zu erzählen, als jemanden, der dich gut kennt und dadurch nicht mehr objektiv zuhören kann.
Ein Außenstehender schaut noch einmal ganz anders drauf. Ich selbst habe jemanden getroffen, der Coach für genau diese Problematik war. Leider habe ich keine Kontaktdaten mehr. Aber er hat mir sehr geholfen.
Wenn du keinen findest, mit dem du offen reden kannst, dann recherchiere im Internet und in Bibliotheken. Es gibt viele Abhandlungen über Narzissten und geistlichen Missbrauch. Versuche anhand der dort aufgezählten Merkmale rauszufinden, ob der betreffende Leiter/ Pastor ein Narzisst ist oder nicht. Bedenke dabei, dass es auch verdeckte Narzissten gibt. Das führe ich hier nicht weiter aus, aber das solltest du recherchieren.
Ich möchte bei den Merkmalen eines Narzissten drei herausgreifen: 1. „Das habe ich so nicht gesagt! / Das hast du falsch verstanden!“ – Das sind die am meisten gebrauchten Sätze eines Narzissten. Narzissten lassen sich nicht festhalten. Es gibt keine Absprachen. Es gibt keine Regeln, an die sie sich halten. Wenn du dich auf etwas berufen möchtest, was abgesprochen war, dann kommt einer dieser beiden Sätze oder eine Abwandlung davon. Wenn ich mit meinem Täter mal wieder ein „klärendes Gespräch“ hatte ich immer danach das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Es kam mir vor, als hätte ich versucht, einen Aal mit bloßen Händen zu fangen.
Damit zusammen hängt das zweite wesentliche Merkmal: Stagnation durch lange, verwirrende und erfolglose Gespräche. Wie beschrieben, gab es in der Gemeinde viele Gespräche. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, war ich nicht die Einzige, mit der „klärende Gespräche“ geführt wurden. Ich setze deshalb die Anführungszeichen, weil sie nicht klärend waren. Narzissten sind Meister darin, vom Thema abzulenken, jemanden das Wort im Mund umzudrehen und stundenlang zu tagen, ohne anschließend irgendwelche nennenswerten Ergebnisse vorweisen zu können. Ein Narzisst hält andere beschäftigt.
Das dritte wesentliche Merkmal eines Narzissten, ist seine Reaktion auf Kritik. Nun gibt es heutzutage wenige Menschen, die in der Lage sind, erwachsen mit Kritik umzugehen, aber ein Narzisst nimmt jede Kritik als persönlichen Angriff. In seinen Augen ist alles Kritik, was nicht bedingungslose Zustimmung ist. Er kennt nur Zujubeln oder Kritik. Kritik ist in seinen Augen immer unberechtigt. Dabei wird auch ein lieb gemeinter Hinweis alá „Hast du daran gedacht, dass…?“ als Kritik verstanden. Ein Narzisst sieht sich berechtigt, dich öffentlich bloß zu stellen, deinen Ruf zu zerstören und dir seine vernichtende Kritik wie Ohrfeigen entgegen zu schleudern. Aber wehe du kommst auf die Idee, seine Meinung zu hinterfragen bzw. eine andere Meinung als seine zu haben. Damit sprichst du dir selbst das „Todesurteil“. Daraufhin wird er versuchen, dich mundtot zu machen.
Daran wirst du auch einen Narzissten unweigerlich erkennen: Wenn du jemanden einem harmlosen Hinweis gibst und derjenige es als Ehrverletzung ansieht und er daraufhin anfängt, schwere Geschütze gegen dich aufzufahren. Spätestens dann sollte deine innere Narzissten-Frühwarn-Anlage klingeln.

Wenn du feststellst, dass du es wirklich mit einem Narzissten zu tun hast, dann geh aus der Gemeinde raus! So schnell wie möglich! – Du hörst jetzt bitte sofort damit auf, zu argumentieren, dass du helfen möchtest und der Typ dir ja Leid tut. – Ja, er tut dir Leid an! Hilf dir selbst und geh! Glaube mir, ich kann diese Gedanken gut nachvollziehen. Sie waren auch in meinem Kopf. Die schwierigste Lektion, die ich als Krankenschwester zu lernen hatte, war: nicht zu helfen!
Du bist nicht dafür verantwortlich, dass der andere glücklich ist. So wie du selbst für dich verantwortlich bist, ist auch der Narzisst für sich verantwortlich. Du bist nicht Gott! Du bist nicht der Retter der Welt! Diese Aufgabe hat, Gott sei Dank, Christus am Kreuz übernommen!

Hör‘ auf zu kämpfen!
In Freikirchen wird oft von Kämpfen geredet. Dabei werden die entsprechenden Bibelstellen zu Hilfe genommen. Du musst nicht für Gott kämpfen. Wenn überhaupt, kämpfe mit ihm! Wenn du das Gefühl hast, dass etwas mit deiner Gemeinde nicht stimmt, dann kannst du sicher dafür beten, dass Gott eingreift. Du kannst auch Gott fragen, ob du etwas dagegen unternehmen sollst. Aber wenn du deine Möglichkeiten ausgeschöpft hast und du eher daran kaputt gehst, dann solltest du daran denken, dass du nicht Gott bist. Nochmal: Du bist nicht Gott! Als einfaches Gemeindemitglied ist es nicht deine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass deine Gemeinde sich auf dem richtigen Weg befindet. Du kannst auf Missstände aufmerksam machen, für deine Gemeinde beten, aber nicht für deine Gemeinde kämpfen. Besonders dann nicht, wenn Gott andere Pläne mit dieser Gemeinde hat! Er lässt manchmal Dinge zu, die wir nicht begreifen. Ja, er lässt auch zu, dass Gemeinden kaputt gehen. Wenn du jetzt aufgeregt fragst „Wie kann das sein? Das ist doch kein gutes Zeugnis für Außenstehende!?“ Mach dir bewusst, dass Gott sich auch um die Außenstehenden kümmert. Er geht jedem geduldig nach. Er erreicht sein Ziel. Nicht immer auf dem Weg, den wir gerne hätten. Aber manchmal ist ein Bruch, eine Krise genau richtig, um etwas Positives in Gang zu setzen.
Ich möchte durch die Zeit des Missbrauchs nicht noch einmal durchgehen. Aber ich bin Gott unendlich dankbar, dass er mich da durchgeführt hat. Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich das nicht erlebt hätte. Ich habe heute eine lebendigere Beziehung zu ihm, als vorher. So denke ich über Dinge nach, über die ich nie nachgedacht hätte. Zwar wollte ich bereits während meiner Mitgliedschaft in dieser Freikirche anfangen, mich mit christlicher Mystik zu beschäftigen, doch spüre ich jetzt erst eine innere Freiheit dazu.
Ich war ständig damit beschäftigt, irgendwelche Bücher zu lesen und mir Notizen dazu zu machen. Dadurch kam ich nicht dazu, die Bücher zu lesen, die mich interessierten. Das ist aber vom Narzissten gewollt. Er hält die anderen beschäftigt. Wer beschäftigt ist, denkt nicht nach.
Jetzt aber habe ich Zeit, in Ruhe über meine Themen nachzudenken.

Also erkläre deinen Austritt aus der Gemeinde und brich‘ komplett den Kontakt zu dem Narzissten ab! Solltest du nicht geistlich, sondern psychisch missbraucht werden und mit dem Narzissten verwandt sein, dann suche dir Rat beim Therapeuten. Das meine ich ernst! Wenn allerdings der Täter ähnlich wie bei mir, dir unterstellt, dass du psychisch krank bist und du merkst, dass du dich dagegen sträubst, dann versuche einen Kompromiss zu finden. Vielleicht nur eine Kurzzeittherapie oder du suchst dir eine ausgebildete Seelsorgerin außerhalb der Gemeinde oder einen Coach. Wenn es gar nicht geht, dann versuche an gute Literatur zu kommen. Therapeuten schreiben gerne Ratgeber. Lese verschiedene, lese auch mal mehrere quer. Sie mögen nicht immer eine Therapie ersetzen, aber oft gibt es im Anhang eine Liste mit Adressen von Organisationen, Therapeuten oder Einrichtungen, die dir weiterhelfen können.


Nach dem Missbrauch
Wenn du ausgetreten bist und den Kontakt abgebrochen hast, dann lass dich erst einmal von mir virtuell umarmen. Du hast es geschafft! Du hast überlebt!
Versuche zur Ruhe zu kommen! Wahrscheinlich tobt sich in dir ein Gefühlschaos aus: eine Mischung aus Wut, Trauer, Verwirrtheit. Das darf sein. Manchmal werden in christlichen Kreisen Gefühle tabuisiert. Lass dir das nicht einreden! Paulus schreibt „…, lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4, 26) und nicht „Seid nicht zornig!“ Du darfst zornig sein! Du darfst trauern!
Vielleicht fühlst du auch Scham darüber, dass du auf solch einen Menschen reingefallen bist. Dann solltest du spätestens jetzt recherchieren, welche Bücher es zum Thema geistlichen Missbrauch gibt. Entweder du gehst in einen christlichen Buchladen oder du klickst dich online unter „andere Kunden kauften auch“ durch. Es sind Regalmeter zu diesem Thema im Angebot. Du bist nicht der Einzige!
Narzissten missbrauchen und manipulieren. Das sind Persönlichkeiten, denen kaum einer widerstehen kann. Vielleicht schafft es nur ein anderer Narzisst einem Narzissten Paroli zu bieten.
In einem Englisch-Kalender fand ich den Spruch von Elena Roosevelt „No one can make you feel inferior without your consent.“ (Niemand kann dich dazu bringen, dich unterlegen zu fühlen, ohne deine Zustimmung.) Ich widerspreche Frau Roosevelt auf Schärfste: Das ist gerade das Problem bei Narzissten. Sie manipulieren so geschickt, dass du es gar nicht merkst. Deswegen verweise ich solche Aussagen dahin, wohin sie gehören: nette Kalendersprüche, die mit dem Rezept von Omis Apfelkuchen in guter Gesellschaft sind.
Mein Spruch dagegen lautet: Niemand hat das Recht, dich dazu zu bringen, dass du dich unterlegen fühlst!
Deine Gefühle dürfen sein! Du darfst sein! Der Krieg ist vorbei! Noch einmal: Der Krieg ist vorbei! Damit du es auch wirklich verstehst: Der Krieg ist vorbei!

(Wird fortgesetzt.)

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