„Mein Herr und mein Gott!“ – Von der Zärtlichkeit Gottes

Ich möchte mich heute einer weniger bekannten Person in der Bibel zuwenden: Thomas. Thomas, der Ungläubige, Thomas, der – ja, was eigentlich noch? Es gibt in den vier Evangelien vier unterschiedliche Begebenheiten, in denen Thomas namentlich erwähnt wird: bei der Berufung der Jünger (z. B. in Lukas 6,15), kurz bevor Jesus zu Lazarus geht: „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Mitjüngern: Lasst uns auch hingehen, damit wir mit ihm sterben!“ (Johannes 11, 16), während der Pessachfeier, kurz vor Jesu Kreuzigung: „Thomas spricht zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg kennen?“ (Johannes 14,5) und ein letztes Mal, in der bekannten Geschichte, in der er an der Auferstehung Jesu zweifelt (Johannes 20,24 bis 29).

„Lasst uns auch hingehen, damit wir mit ihm sterben!“ ist schwer zu verstehen. Mit „ihm“ kann nicht Lazarus gemeint sein. Jesus hat gerade darauf hingewiesen, dass er bereits gestorben ist. Der Artikel über Thomas von Wikipedia gibt den Hinweis, dass Bethanien, der Wohnort von Lazarus in der Nähe von Jerusalem liegt. Google Maps zeigt mir für den Weg von Al-Eizariya (Bethanien) nach Jerusalem aus bekannten Gründen einen Umweg von 25 km an. Der direkte Weg ist etliche Kilometer kürzer.

Jesus hat den Jüngern gesagt, dass er in Jerusalem getötet werden wird. Wenn Thomas den Weg nach Bethanien als Zwischenstopp auf dem Weg nach Jerusalem versteht, dann bekommt sein Satz eine mutige Bedeutung: „Lasst uns hingehen und mit Jesus sterben!“ Thomas hatte zugehört. Er war nicht nur bereit dazu, mit Jesus zu sterben, sondern ermutigte seine Mitjünger auch noch, mitzukommen. Da ist keine Spur von Zweifel. Fast wie selbstverständlich klingt diese Aussage.

Während des Pessachs stellt Thomas die Frage „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg kennen?“ (Johannes 14,5) Jesus hat gerade gesagt „Wohin ich aber gehe, wisst ihr, und ihr kennt den Weg.“ (Johannes 14,4)

Es ist die Frage von einem mutigen Schüler. Wie oft gibt es in der Klasse die Situation, dass eigentlich kaum einer versteht, wovon der Lehrer redet, aber keiner traut sich zu fragen. Auch die Jünger haben sich öfter nicht getraut zu fragen. Doch Thomas fragt. Weil er darauf vertraut, dass Jesus ihn nicht bloßstellen wird. Er weiß, dass er Fragen stellen darf. Er gibt damit zu, dass er es nicht weiß. Fragen stellen ist auch eine Form von Demut.

Nun zu der bekannten Geschichte, in der er zweifelt. Ein Pastor hat sich während einer Predigt lange daran festgehalten, dass Thomas nicht dabei war, als Jesus seinen Jüngern erschien. (Johannes 20, 24) Thomas hätte sich ausgeschlossen, wollte nicht zur Gruppe gehören usw. – Wo war Thomas? Vielleicht war Thomas rausgegangen, weil er es nicht mehr aushielt. Vielleicht war es ihm zuviel, seine eigene Trauer und die Trauer der anderen zu ertragen. Vielleicht versuchte er, den Logik – Fehler zu finden. Hatte Jesus gesagt, dass er in Jerusalem sterben würde? Ja! Hatte er, Thomas, gesagt, dass er mit Jesus sterben wolle? Ja! Warum war Jesus jetzt tot und er lebte noch?

Jesus selbst verlangte von Thomas keine Rechenschaft darüber, wo er beim ersten Mal war. Er kannte seinen Thomas. Thomas war nicht von vornherein ungläubig. Er hat auch auf dem gemeinsamen Weg zugehört und geglaubt und war bereit gewesen, mit ihm zusammen in Jerusalem zu sterben. Er wusste auch, bevor die anderen es ihm sagten, dass Thomas es brauchte, dass er mit den Händen die Wunden berührte. Er machte ihm keinen Vorwurf, sondern forderte ihn auf, genau das zu tun.

Thomas berührt die Wunden. Die Wunden seines Gottes. Was für eine Offenbarung.

Wäre Thomas wirklich ungläubig, dann hätte er darüber nachdenken müssen, an welche Götter er stattdessen glauben möchte.

Was gab es denn so im spirituellen Angebot zu Thomas‘ Zeit? Die Römer glaubten an viele Götter. Ihr Hauptgott Zeus vergnügte sich mit jedem weiblichen Wesen, was nicht rechtzeitig flüchten konnte und wurde daraufhin von dessen Frau Hera verfolgt und bestraft. In Ägypten wurden auch viele Götter angebetet. Darunter Isis, die von den Römern übernommen wurde. Sie war mit ihrem Bruder Osiris verheiratet, von dem sie post mortem ein Kind, den Horus bekam. Dieser stritt sich 80 Jahre mit seinem Onkel, der ja Osiris getötet hat, um den Königsthron, während Isis mal dem mal jenem half – beide Religionen hatten eins gemeinsam: die Götter hatten ihre Tempel Priester dienten ihnen, indem ihnen geopfert wurde, in Ägypten wurden die Götter-Figuren außerdem täglich gewaschen und angezogen. Keiner dieser Götter sorgte sich um die Menschen, keiner von ihnen hat jemals für einen Sterblichen etwas getan.

Genau in dieses spirituelle Umfeld kommt der auferstandene Christus und sagt zu Thomas „Berühre meine Wunden!“ Thomas scheint genau in diesem Augenblick verstanden zu haben, dass Christus der „Ich bin da!“ ist. Der Gott, der für ihn gestorben ist, damit er leben kann. Der Gott, der die Wundmale trägt, weil er sich nicht ihrer schämt. Seine Heilkraft hätte ausgereicht, dass seine Wunden restlos verheilt wären. Doch sie blieben. Thomas und uns zum Zeichen. – „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ heißt es in Jesaja 53,5.

 „Berühre meine Wunden!“ mutet fast zärtlich an. Es ist die Zärtlichkeit des Vaters, der versteht, dass sein Kind einen Beweis braucht. Einen Beweis dafür, dass Gott wirklich Mensch geworden ist. Ein Mensch, der wie ich Schmerzen, Verletzungen und Verzweiflung kennt. Einen Beweis dafür, dass Gott wirklich Gott ist, weil er auferstanden ist. Nur so lässt sich der Ausruf von Thomas verstehen „Mein Herr und mein Gott!“

Gott weiß, dass wir seine Hilfe brauchen, um glauben zu können. Darum dürfen wir seine Wunden berühren.  

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