Bist du noch zu retten, Josef?

Das war mein erster Gedanke, als ich die Geschichte von Josef vor Pharao las, nachdem ich mein Ägyptologiestudium beendet habe.

Doch schauen wir einmal in den Text rein. In 1. Mose 42 lesen wir, wie Josef vor Pharao steht. Laut Vers 8 war da angeblich „keiner, der ihn [den Traum] dem Pharao deuten konnte.“ (zitiert nach Schlachter)

Träume hatten im Alten Ägypten eine große Bedeutung. Von daher ist es sehr verwunderlich, dass es anscheinend keinen gab, der diese Träume deuten konnte. Ich behaupte dagegen, dass sich einfach keiner getraut hat.

Pharao war dafür zuständig, dass es eine hohe Nilüberschwemmung gab. Jedes Jahr trat der Nil über seine Ufer. Das war, im Gegensatz zu anderen Ländern, etwas Gutes. Denn floss das Wasser wieder ab, blieb der fruchtbare Nilschlamm auf den Äckern liegen. Das war natürlicher Dünger. Je höher die Überschwemmung, umso besser für das Land. Eine der Aufgaben von Pharao war, durch Opfer an die Nilgottheit Hapi, für eine hohe Überschwemmung zu sorgen. Eine Hungersnot betraf immer nur, nach dem damaligen Verständnis, die Nachbarländer. Wurden verhungernde Menschen dargestellt, waren es Bewohner anderer Länder. Dem Pharao mitzuteilen, dass eine Hungersnot kommen wird, heißt nichts anderes, als ihm Unvermögen, wenn nicht Impotenz im übertragenen Sinne zu attestieren.

Die Legitimation des Königtums war im Alten Ägypten sehr wichtig. Dadurch, dass Ägypten von unterschiedlichen Ethnien in Unter- und Oberägypten bevölkert wurde, musste der König ständig überzeugend nachweisen, dass er ein potenter Herrscher war. Das wurde z. B. durch die Heirat mit der Schwester, die auch königlichen Blutes war, erreicht. (Es ist aber nicht klar, ob es eine symbolische Ehe war oder ob diese auch vollzogen wurde.)

Man kann Josef zu Gute halten, dass es Unwissenheit war und dass er nicht tiefer fallen konnte. Er war bereits im Gefängnis.

Vers 38 gibt einen Hinweis, was den Pharao bewogen haben könnte, Josef nicht ins Gefängnis zurück zu bringen oder zum Tode zu verurteilen: „…Können wir einen Mann finden, wie diesen, in dem der Geist Gottes ist?“ Es ist nicht klar, welchen Gott der Pharao im Sinn hatte. Sehr unwahrscheinlich, dass er an den, ihm unbekannten Gott Jahwe dachte, vielleicht doch eher an Amun, der Gott, der über allen Göttern des altägyptischen Pantheons stand.

Wenn dieser hebräische Sklave also von einem Gott benutzt wurde, damit der Pharao durch kluges Handeln seine Legitimation erneut beweisen kann, dann ist das ägyptische Weltbild wieder in Ordnung.

Wie auch immer die Gedankengänge Pharaos waren, Jahwe hat sie so stehen lassen. Es ging ihm nicht darum, sich den Alten Ägyptern als Gott zu erweisen. Er schrieb seine Geschichte mit einem kleinen unbedeutenden Volk. Nicht die Ägypter, nicht die Babylonier und auch nicht die Assyrier, nein, die Hebräer erwählte er sich zu seinem Volk. Auch wenn ich es als Ägyptologin ungern zugebe: Pharao ist in dieser Geschichte nur Staffage!

Zum Schluss noch zwei kleine Anmerkungen: 1. Im Mittelalter ging man davon aus, dass die Pyramiden die Vorratshäuser Josefs waren.

2. Leider habe ich mir nicht gleich das Buch notiert: während meines Studiums las ich in einem Fachbuch, dass es wirklich eine siebenjährige Hungersnot in Ägypten gegeben hat! Nicht acht und nicht fünf Jahre – sieben! Das kann kein Zufall sein!










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