Martin Luther in den Mund gelegt:

Lieber Christenmensch des 21. Jahrhunderts!

Lucas_Cranach_d.Ä._-_Martin_Luther,_1529_(Museen_Böttcherstraße,_Bremen)

Du feierst in diesen Tagen die Reformation, die ich begonnen habe. Ich habe gegen den Ablasshandel gekämpft. Es ist schändlich zu denken, dass durch den Kauf eines Ablassbriefes die Seele aus dem Fegefeuer errettet werden kann. Solus Christus! Nur durch Christus kann der Mensch erlöst werden! Doch möchte ich dich auch an etwas Anderes erinnern. Ich habe nicht nur 95 Thesen an Erzbischof Albrecht geschickt – ich hatte nie einen Hammer in der Hand, ich bin Theologe, kein Zimmermann – ich habe auch die Bibel ins Deutsche übersetzt. Das tat ich, damit du lieber Christenmensch, darin lesen kannst! Damit dir nicht die Bischöfe und Pastoren erzählen, womöglich noch auf Latein, was in der Heiligen Schrift drin steht. Das einfache Volk, einfach jeder sollte selbst lesen können, was in der Bibel steht. Die lieben Christenmenschen, auch die des 21. Jahrhunderts, sollten nicht auf bunte Bildchen in Kirchen und Kapellen angewiesen sein. Ich habe mir die Mühe gemacht, die Schrift zu übersetzen. Lies die Bibel! Weißt du eigentlich, wieviel Mühe mir die Übersetzung gemacht hat? Alt-Griechisch und Hebräisch sind schwierige Sprachen. Ein Wort kann mehrere Bedeutungen haben, die allesamt in den Zusammenhang passen könnten. Ungefähr 200 Jahre nach mir hat ein gewisser Freiherr von Goethe in seinem „Faust“ das Ringen des Herrn Doktor um die rechte Übersetzung beschrieben:  „Geschrieben steht: ‚Im Anfang war das Wort!‘ Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? …Ich muß es anders übersetzen,…Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.“ (Goethe, Faust I) – Auch wenn der Doctore ein Elender war, der seine arme Seele an den Satanas verkaufte, so beschreibt doch dieser Goethe genau das Suchen, das Ringen nach dem richtigen Wort. Du hast es sicher längst erkannt, lieber Christenmensch der modernen Zeit, dass es sich hier um den Anfang des Johannesevangeliums handelt, was Faustos zu übersetzen sucht. Du wusstest das nicht? Lies die Bibel!

Mit den schwierigen alten Sprachen noch nicht genug! Ich musste auch noch eine Sprache finden, die alle Teutschen verstehen. Hätten die märkischen Bauern bairisch verstanden? Oder de Hesse sächsisch? Oder hätten die Thüringer etwas mit der niederdeutschen Sprache anfangen können? Manche sagen, dass ich das Hochdeutsche erfunden hätte. Nun, vielleicht ist das so. Aber in deiner Zeit ist es anders. Die Bibel in Deutsch gibt es in vielen Übersetzungen. Ein anderer Martin hat mit seiner Volxbibel dem jungen Volk aufs Maul geschaut. Das ist recht so und hoch zu loben! Auch die „Hoffnung für alle“ ist eine gute Übertragung. Gut geeignet für Suchende, für frisch zum Glauben gekommene und Wiedereinsteiger. Ziemt es sich für einen Mann, Kinderschuhe zu tragen? „Das sei ferne!“ würde der Apostel Paulus sagen! Ein reifender Christ sollte auch mal zu einer schwereren Übersetzung greifen. Frisch ans Werk lieber Christenmensch. Lies die Bibel! Überhaupt Paulus: Er hat vor Irrlehrern gewarnt. Wie willst du dich gegen Irrlehrer wappnen, wenn du die Schrift nicht kennst? Lies die Bibel! Wie willst du einen zweifelnden Freund zurück auf den rechten Weg bringen, wenn du selbst das Wort nicht kennst? Lies die Bibel! Und hast du keine Zeit zum Lesen, dann lass sie dir vorlesen. Ich habe mich in deiner Zeit ein wenig umgesehen: dir stehen wunderbare Dinge zur Verfügung wie Computer, Smartphone und CD-Player für das Auto, wie du die pferdelosen Kutschen nennst. Damit kannst du dir die Bibel vorlesen lassen. Hör die Bibel! Ich habe nicht Jahre mit der Bibelübersetzung auf der Wartburg verbracht, damit du einzelne Verse auf Blümchenkarten schreibst, sondern, damit du zu deiner eigenen Erbauung und Reife im rechten Glauben in ihr liest!

Bau mir keine Denkmäler, lieber Christenmensch! Du willst mich feiern? Dann ehre, was ich dir geschenkt habe. Lies die Bibel!

Dein Dr. Martin Luther – Soli deo gloria!

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