Memento mori – „auf dass wir klug werden“

Vor einer Woche wurden mir zwei Weisheitszähne gezogen. Da ich bei Zahnbehandlungen nicht besonders mutig bin, habe ich mich mit dem Chirurgen auf eine Dämmerschlafnarkose geeinigt. Kurz vor der OP bekam ich Angst vor dieser Narkose. Ich hatte Angst davor, dass ich nicht wieder aufwachen könnte. Als Krankenschwester weiß ich nur zu gut, wie schnell Komplikationen auftreten können. Ich wäre nicht die Erste gewesen, die bei einem Routineeingriff „auf dem Tisch geblieben“ wäre. Plötzlich wurde mir bewusst, was ich eigentlich immer unterschwellig wusste: Mein Leben ist begrenzt! Es kann jederzeit vorbei sein!

Meine Freundin versuchte mich zu trösten und sagte „Wenn du stirbst, dann bist du bei Gott.“ Es klingt im ersten Moment makaber, aber im Grunde genommen ist es genau das, worauf ich als Christ meine Hoffnung gründen sollte: Wenn ich sterbe, bin ich bei Gott. Habe ich diese Gewissheit? Bin ich mir wirklich sicher, dass Jesus mich erlöst hat und ich die Ewigkeit mit ihm verbringe? Hält mein Glaube auch dann, wenn „Todesschatten mich umgeben“ (Psalm 23, NGÜ)?

Im Mittelalter war in Klöstern „Memento mori – Gedenke des Todes“ ein oft wiederholter Satz. So wurde an Kirchenwände häufig der Totentanz gemalt: Der Tod als Skelett dargestellt, bittet alle zum Tanz. Alle, ohne Ausnahme müssen mit ihm tanzen: der König, der Bauer, der Papst, die Jungfrau, ja selbst das Kind in der Wiege, das noch nicht laufen, geschweige denn tanzen kann. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (nach Luther) heißt es im Psalm 90, 12. Mir fällt auf, dass der Psalmist dichtet „auf dass wir klug werden.“ und nicht „auf dass wir Angst bekommen.“ Es geht nicht darum, Angst zu haben, sondern klug zu werden. Mein Leben ist begrenzt. Ich bin ein Mensch und nicht Gott. Ich habe mein Leben nicht in der Hand. Selbst die moderne Medizin kann mich nicht davor bewahren Schmerzen zu haben, schwach, krank und sterblich zu sein. Das macht mich demütig. Demütig vor meinem Gott. Ich spüre meine Abhängigkeit von Gott. Es beruhigt mich sehr, dass dieser Gott mein Vater ist, der mich unendlich liebt.

Wenn ich meine Grenzen bejahe, wenn ich meine Schwachheit sehe und dabei Gottes Stärke anerkenne und seine Liebe für mich annehme, dann kann ich ruhig werden, trotz meiner eigenen Begrenztheit.

„Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5, 20) ist der Ruf hinter dem mittelalterlichen „Memento mori“. Aber nicht nur mit Gott, sondern auch mit den Menschen sollte ich im Reinen sein. Im Hinblick auf meine eigene Sterblichkeit ist Vergebung wichtig. Es fällt nicht immer leicht, dem Anderen zu vergeben. Manchmal kann ich es nur mit meinem Verstand und muss Gott bitten, es mir zu schenken, dass ich es auch mit dem Herzen kann. Aber grundsätzlich sollte ich Vergebung nicht auf die lange Bank schieben. Vergib heute – morgen könnte es zu spät sein!

Ausschnitt aus dem Baseler Totentanz – Der Tod bittet jeden zum Tanz.

So verstehe ich „Gedenke des Todes – auf dass wir klug werden.“

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