Die Predigt des kleinen Tisches

Ich stelle meinen Kaffeebecher auf den Tisch. Endlich Pause. In Gedanken schaue ich mir den Tisch an. Die einzelnen Fugen und die unterschiedlichen Fliesen: blau, braun, terrakotta, weiß mit grünen Strichen, aber auch schwarz. Der Tisch hat Geschichte. Mein Großvater hat ihn getischlert. Die Beine sind ein wenig zu dünn für die dicke Platte. Mein Großvater war Bootsbauer, nicht Tischler.
Auch beim Bootsbau musste er lernen. Mit dem ersten selbstgebauten Boot ist er, ausgerechnet während eines Ausflugs mit der Freundin, gekentert. Das hinderte meine Großmutter, sie war die Freundin, nicht daran, ihn später zu heiraten. Das zweite Boot hielt. Die „Godewind“ stach, zusammen mit „Windjammer“, dem Boot meines Onkels und „Rasmus“, dem Jollenkreuzer meiner Eltern viele Jahre in See und bescherte mir unvergessliche Sommerurlaube.

Nun sitze ich also an diesem Tisch, wie früher, wenn ich als Kind meine Großeltern besuchte. Damals waren noch kleine rosafarbene Fliesen eingelegt. Irgendwann sind sie, weil eben der Tisch nicht ganz stabil ist, rausgesprungen. Ein Tischler hat ihn aufgearbeitet und eine Keramikerin neue Fliesen reingelegt.
Die Fliesen passen zu mir: sie sind krumm und schief und bunt. Die Keramikerin hat einfach welche genommen, die von einem anderen Projekt übrig geblieben sind. Übrig gebliebene Reste, ein Scherbenhaufen! Als Ägyptologin bin ich es gewohnt, mit kaputten Dingen umzugehen.
Vor einigen Jahren musste ich auf einer Tagung über eine Kollegin schmunzeln. Sie erzählte uns mit wachsender Begeisterung von „ihrem“ Tempel, den sie gerade ausgräbt. Sie schwärmte von gefundenen Säulensockeln und Farbpigmenten auf dem Relief. Aus wenigen Reliefresten wie einem Zeh, einer Hand und einem Kuhhorn rekonstruierte sie eine komplette Wanddekoration.
Für einen ahnungslosen Laien wäre auf jeder Folie das Gleiche zu sehen gewesen: ein großer Sandhaufen mit ein paar kaputten Steinen obendrauf. Doch meine Kollegin weigerte sich, das so zu sehen. Sie hatte die Fantasie und die Liebe den Steinhaufen als wunderschönen Tempel zu sehen.

Oft sehen wir uns selbst als einen Scherbenhaufen. Wir sehen nur das Kaputte, nur das, was fehlt. Doch Gott hat den liebevollen Blick eines Archäologen. Er freut sich über jeden Stein, der erhalten geblieben ist. Er sieht nicht die wenigen Bruchstücke vom Relief, sondern das komplette Relief, so, wie er es gemeint hat. Wenn wir es zulassen und uns ihm hinhalten, dann baut er wieder auf. Er fügt wieder zusammen und stellt uns wieder her. Er hat die Fantasie und die Liebe uns als das zu sehen, was wir auch wirklich sind: ein wunderschöner Tempel, in dem er wohnen kann.
Doch ist es an uns, darauf zu vertrauen, dass er es tun wird. Der Tempel kann sich nicht selbst ausgraben. Er kann sich nur hinhalten.

Archäologen arbeiten nicht mit dem Bagger. Mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel tasten sie sich vorsichtig voran, um das Wenige, was noch ganz ist, nicht aus Versehen kaputt zu machen.
So arbeitet auch Gott langsam und vorsichtig mit uns, um das Wenige, was heil geblieben ist, zu erhalten. Es fällt mir schwer, das so zu schreiben. Es wäre mir lieber, wenn es anders wäre. Selbst, wenn ich dagegen ankämpfe, bleibt es dabei: Gott arbeitet nicht mit einem Bagger, sondern mit einer kleinen Schaufel und einem Pinsel. Er kommt langsam, aber stetig voran.
Der Kaffee ist kalt geworden. Ich sitze immer noch an diesem Tisch. Gebaut von einem Mann, der nach dem ersten Kentern nicht aufgab, mit Restscherben belegt, die sich zusammenfügen.
Als meine Nachbarin mich besuchte, meinte sie augenzwinkernd „Den Tisch brauchst du doch nicht mehr?“ Doch, ich brauche ihn. Den gebe ich nicht her. Er ist ein Unikat. Wie ich!

Tisch

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