Hier ein Input aus meinem Archiv. D. h. schon älter, aber immer noch aktuell.

Der weiße Faden

 In einem Nähkästchen lag einst ein weißer Faden. Dieser Faden dachte darüber nach, wofür wohl die Frau, die ihn gekauft hatte, verwenden würde. Vielleicht für ein Abendkleid? O, wie würden die Leute den Faden bewundern! „Einen schönen Faden hast du dir zum Nähen ausgesucht!“ würden sie sagen. So dachte der Faden.

Eines Tages wurde der Faden aus dem Nähkästchen herausgeholt. Der Faden wurde in eine Nadel eingefädelt. „Was machst du mit mir?“ fragte er die Frau. „Ich nähe einen Knopf an.“ sagte sie „Ich brauche die Jacke dringend, ich habe einen wichtigen Termin, da darf ich nicht unordentlich aussehen.“ Mit diesen Worten legte sie den Faden in das Nähkästchen zurück.

Lange musste der Faden darüber nachdenken. Zugegeben, er war ganz schön enttäuscht, hatte er sich das ganz anders vorgestellt. Doch langsam begriff er, dass es für die Frau wichtig war, dass sie mit ihm den Knopf annähen konnte. Das Abendkleid hätte ihr in diesem Moment gar nichts genutzt. Wie die Frau den Faden am besten gebrauchen kann, weiß sie am besten. Es geht nicht darum, wie er, der Faden, am besten zur Geltung käme, sondern, wie er der Frau am besten von Nutzen sein könnte.

Nach langer Zeit nahm die Frau wieder den Faden heraus. Erstaunt stellte er fest, dass er in eine Nähmaschine gespannt wurde. Unter ihm lag ein schöner weißer Stoff. „Was ist das?“ staunte der Faden. „Das wird mein Brautkleid.“ sagte die Frau „Und dich brauche ich zum Nähen.“ Der Faden wusste, dass keiner ihn, sondern jeder die Frau loben würde. Doch das reichte ihm vollkommen.

 

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