Heute ist mir nach einem Märchen zumute. Deswegen habe ich eins geschrieben:

Die letzte Tochter

Es war einmal ein Graf, der hatte drei Töchter, nein, er hatte vier Töchter. Doch die letzte Tochter wurde immer übersehen. Während die anderen drei ihre eigenen Gemächer hatten, ihre eigenen Kleider, schönen Schmuck und alles, was Töchter von Grafen so haben, hatte die letzte Tochter nichts davon. Sie bekam die abgelegten Kleider und Schuhe ihrer Schwestern und wohnte in der letzten Kammer in der Burg mit der Magd zusammen.

Die Leute waren es so gewohnt, sie die letzte Tochter oder gar nur die Letzte zu nennen, dass sie nach einiger Zeit ihren richtigen Namen vergaßen. Die Letzte war nicht besonders hübsch, ein wenig tollpatschig und sticken konnte sie auch nicht gut.

Eines Tages veranstaltete der Graf ein großes Turnier. Er lud die Ritter aus aller Herren Länder ein. Sie sollten beim Lanzenstechen gegeneinander antreten und der Beste sollte eine der Töchter bekommen.

Die Menschen kamen auf dem Burghof zusammen. Sie wollten den Rittern, die von überall herkamen, beim Tjosten zusehen. Ein Ritter kam von sehr weit her. Keiner kannte sein Land, noch seinen Namen. Er war geschickt beim Reiten und sehr kampferprobt. Die Menschen jubelten ihm zu. Bisher hatte er jedes Lanzenstechen gewonnen. Jetzt gab es nur noch einen Gegner, den er besiegen musste. Es war der rote Ritter, der Fürst aus dem Nachbarland.

Da bat der Graf beide Ritter vor seine Tribüne zu kommen. Er fragte sie, welche der Töchter sie wählen würden, wenn sie gewönnen. Der rote Ritter wählte die älteste Tochter. Eine gute Wahl, wie alle fanden. Der fremde Ritter jedoch bat um Katharinas Hand. Der Graf lachte „Trine die Magd wollt Ihr haben?“ „Nein, Katharina, Eure jüngste Tochter begehre ich.“ antwortete der Fremde. Alle wunderten sich. Erst eine Weile später begriffen sie, dass der fremde Ritter die Letzte zur Frau haben wollte. „Warum wollt Ihr sie haben? Sie ist es nicht wert, dass man um sie kämpft!“ sagte der Graf. Doch der fremde Ritter bestand darauf, um sie kämpfen zu dürfen. Er bat darum, dass man sie hole. Sie solle beim Kampf zusehen dürfen. Jetzt erst merkten die Leute, dass die Letzte gar nicht auf der Tribüne saß. Man hatte sie im Trubel der Vorbereitungen einfach in ihrer Kammer vergessen. Schließlich holte die Magd sie in den Burghof. Als sie den Hof betrat, fiel der fremde Ritter vor ihr auf die Knie und flüsterte ihr zu „Komtess Katharina, Ihr seid es wert, dass ich für Euch kämpfe. Für Euch reite ich diese Tjost.“ Katharina war erst erschrocken, sie war es nicht gewohnt, bei ihrem Namen gerufen zu werden. Doch dann lächelte sie. „Dame, Euer Lächeln macht mir den Abschied leicht.“ sagte der Fremde. Damit klappte er das Visier runter und stieg auf sein Pferd. Beide Ritter nahmen ihre Position ein und das Volk hielt den Atem an. Dann ritten sie los. Der fremde Ritter stach mit der Lanze gegen die Brust des Gegners, so dass er vom Pferd fiel. Die Menge jubelte, der fremde Ritter hatte gewonnen. Keiner merkte, dass der rote Ritter wieder aufstand. Er griff zu seinem Schwert und blitzschnell durchbohrte er den fremden Ritter von hinten. Erschrocken eilte sein Knappe zu ihm. Der fremde Ritter bat ihn sterbend „Bring Katharina nach Hause!“

Die Menschen auf dem Burghof waren über diese hinterlistige Tat so bestürzt, dass sie nicht bemerkten, wie die Letzte vom Knappen des Fremden zur Kutsche geführt wurde und sie des Grafen Hof für immer verließ.

Lange waren sie unterwegs. Als sie ausstieg, staunte sie. Ein roter Teppich war für sie ausgebreitet worden. Links und rechts davon stand das Volk. Es winkte und jubelte ihr zu „Lang lebe Prinzessin Katharina. Hoch lebe die Königstochter.“ Auf der Palasttreppe stand der König, der Vater vom fremden Ritter und kam ihr entgegen. „Willkommen Zuhause, Katharina meine geliebte Tochter.“ lachte er. „Warum seid Ihr so fröhlich? Euer Sohn ist doch tot.“ wunderte sie sich. „Ja, ich weiß. Der Preis war hoch.“ sagte er traurig. Doch dann strahlte er wieder „Aber du bist es wert. Ein kostbareres Geschenk hätte mir mein Sohn nicht geben können.“

Der König erzählte ihr, dass sein Sohn sie schon lange aus der Ferne geliebt hätte. Immer wieder habe er Boten zu ihr geschickt, die mit ihr sprachen. Sie berichteten ihm, wie schön sie sei, wie anmutig und wie herzlich ihr Lachen. Lange hatten der Vater und sein Sohn über sie gesprochen und überlegt, wie sie sie in ihr Land bringen könnten. Beide begannen sich, jeder nach seiner Weise, nach ihr zu sehnen: Der Sohn nach seiner zukünftigen Braut, der Vater nach seiner neuen Tochter. Sie konnten es kaum noch erwarten, sie hier im Palast zu haben. Der Sohn hatte mit eigenen Händen, einen ganzen Flügel des Palastes als ihre Wohnung eingerichtet. Ein neues Kleid wurde für sie geschneidert. Die Maße, ihre Lieblingsfarbe, alles, was ihr wichtig war, hatten die Boten für den Sohn rausgefunden. So passte das Kleid perfekt und das Haarband unterstrich das Blau ihrer Augen.

Als dann bekannt wurde, dass ein Turnier in Katharinas Land ausgerufen wurde, konnte der Sohn es kaum noch aushalten vor lauter Vorfreude. Am Tag, als er sich auf den Weg machte, sagte er zum Vater „Wenn ich für sie sterben muss, so tue ich es gern. Denn sie ist so kostbar, dass sie mir jeden Preis wert ist!“

Katharina konnte es nicht fassen. Es fiel ihr schwer, das alles zu glauben. Doch nach und nach merkte sie, dass es nur die nicht passenden Kleider ihrer Schwestern waren, die sie nicht besonders hübsch aussehen ließen. In Wahrheit war sie wunderschön. Auch war sie nicht tollpatschig. Nur durch die abgetragenen Schuhe ihrer Schwestern konnte sie nicht elegant laufen. Doch eigentlich war sie anmutig. Hier war es nicht wichtig, dass sie nicht gut sticken konnte. Vielmehr wurde ihre Weisheit geschätzt.

So lernte Katharina jeden Tag mehr über den Vater und den Sohn. Sie übte immer mehr, sich so zu benehmen, wie es sich gehörte für eine königliche Tochter.

Wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute. Denn es ist nur ein Märchen – oder etwa doch nicht?

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