
Eigentlich wollte ich längst einen flauschigen Text über Gnade geschrieben haben. Aber ich habe vor Kurzem ein Reel auf Insta gesehen, seitdem bin ich auf Krawall gebürstet. Nix mehr mit flauschig!
Ein Mönch erzählte dort, wann jemand im Zusammenhang mit Abtreibung exkommuniziert wird aus der katholischen Kirche. (Es lehne sich keiner aus anderen Denomination zurück! Das nächste Mal wettere ich über eure Dogmen! Versprochen!) Er erzählte, dass Ärzte, die Abtreibungen vornehmen sozusagen sich selbst exkommunizieren würden! Ich weiß nicht mehr, wer noch in seine Aufzählung gehörte, aber ich weiß, welche ich vermisst habe: Männer, die ihre Partnerinnen erpressen, ihnen drohen, sie zu verlassen, wenn sie das Kind austragen – und die nach erfolgter Abtreibung die Frau trotzdem verlassen! Und ich vermisse pädophile Priester in der Aufzählung und unbarmherzige Mönche! Es gab noch ein paar Kommentare in der Richtung, dass das jetzt nicht heißt, dass diejenigen für immer von der Kirche ausgeschlossen sind, aber für mich klingt das nach einem schmierigen Anwalt, der den Mörder verteidigt mit „Es waren nur drei Messerstiche, nicht fünf!“ Mein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn mutiert gerade zum Hulk! Jemand, der mithilfe einer Mönchskutte sich vor der Lebensrealität versteckt, sollte sich zu solch einem sensiblen Thema nicht äußern dürfen! Er hat schlicht und ergreifend keine Ahnung davon!
Szenenwechsel: In meinem Lehrkrankenhaus arbeite ich auf der Gyn. Meine Heimatstadt war Garnisonsstadt und in den Kasernen wohnten die sowjetischen Soldaten. Die Offiziere durften ihre Frauen mitbringen. Im besagten Krankenhaus waren auffällig viele Offiziersfrauen zur Abtreibung. Eigentlich gab es ein eigenes Krankenhaus nur für die Angehörigen der Armee. Eine Pflegekraft erzählte mir, dass die Frauen, die dort abtrieben, wie Schlachtvieh behandelt würden, deswegen gingen sie lieber zu den Deutschen. Drei Jahrzehnte später erfuhr ich selbst, wie es sich anfühlt, wie Schlachtvieh behandelt zu werden, in der Bundesrepublik Deutschland bei der Mammographie. Doch damals war ich für die Frauen nach der Abtreibung zuständig. So schob ich eine junge Frau nach der OP zurück in ihr Zimmer. Weinend erzählte sie mir, warum sie sich dafür entschieden hatte, ihr Kind abzutreiben: Sie hat ihr Studium der Zahnmedizin begonnen und musste es abbrechen, weil sie ihre Eltern pflegen musste. Danach hat sie eine Ausbildung zur Zahntechnikerin angefangen. Als sie krank wurde, hat die Pille nicht mehr gewirkt und sie ist schwanger geworden. Ohne Abtreibung hätte sie diese Ausbildung auch abbrechen müssen! (Ich könnte jetzt noch lang und breit argumentieren, dass diese Geschichte gleich mehrfach die Diskriminierung von Frauen im 20. Jahrhundert belegt, aber da würde ich zu sehr vom Thema abkommen.) Ich tröstete sie, so gut ich konnte. Kurze Zeit später schnekte sie mir einen Plüschhasen mit einem Herz in den Pfoten, auf dem „Mein Herzl“ stand, weil ich so ein Herzl wäre.
Doch der unbarmherzige Mönch würde mit seinem unbarmherzigen Zeigefinger auf mich tippen und sagen „Du bist exkommuniziert!“ – Frau, was bin ich froh, dass ich nicht katholisch bin!
Szenenwechsel: Kurze Zeit später arbeitete ich, inzwischen examinierte Krankenschwester, auf der Chirurgie, in einem Krankenhaus in einer Großstadt. Es ist Dienstbesprechung. Doch ein Kollege fehlt: Er lässt ausrichten, dass er nicht kommt, weil es wichtiger wäre, eine Patientin zu trösten, die durch einen Verkehrsunfall ihr Kind verloren hat. (Muss ich erwähnen, dass dieser Kollege wegen solcher „Mätzchen“ später entlassen wurde?) Ich weiß nicht mehr, ob das Kind bereits beim Unfall starb oder ob der Chirurg während der lebensrettenden OP die Gebärmutter samt Kind entfernt hat und es damit abgetrieben hat. Vielleicht hat das Team noch versucht, das Kind zu retten, aber dann diese schmerzhafte Entscheidung treffen müssen, damit wenigstens die Mutter überlebt.
Doch der unbarmherzige Mönch würde mit seinem unbarmherzigen Zeigefinger auf ihn tippen und sagen „Du bist exkommuniziert!“
Szenenwechsel: Ich stehe in meiner freikirchlichen Gemeinde und rede mit dem Pastor. Ich habe im Gemeindebrief eine Gruppe entdeckt, die mich interessieren würde. Doch der Pastor macht mir klar, dass die Teilnehmer „handverlesen“ sind ( von ihm selbstverständlich). Ich gehöre nicht dazu! Ich bin ausgeschlossen!
Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut! Es tut weh!
Deswegen bin ich sehr froh, dass der unbarmherzige Mönch mir nix zu sagen hat! Es gibt katholische Gläubige, die sehr innig an Gott glauben. Ich bewundere sie dafür! Aber die unbarmherzigen Dogmen ihrer Kirche schrecken mich ab!
Jemand der nur mit seinem Zeigefinger unbarmherzig andere niedermacht, sollte dringend seinen Zeigefinger dazu benutzen, die Bibel Zeile für Zeile genau zu lesen. Nicht nur die Zeilen, die ihm Argumente liefern, mit anderen erbarmungslos umzugehen, sondern auch die Zeilen, die ihm nicht passen, also die mit der Nächstenliebe, dem ersten Stein und dem Balken im eigenen Auge usw.
Falls jetzt noch jemand fragt, wo das steht, mit der Barmherzigkeit, dann hier ein Beispiel: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9, 13)
Nur dazu sage ich Amen!
