
Kurz nachdem ich am Sonntag wählen war, schrieb ich auf Facebook „Ich war wählen! Man reiche mir eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch!“
Einige Zeit später fiel mir auf, dass ich ein falsches Bild verwendet habe: Denn Pontius Pilatus war ein Feigling. Im Gegensatz zu mir, hätte er allein etwas verhindern können. Ich dagegen konnte die Wahl nur minimal beeinflussen.
Wenn einer eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch hätte brauchen können, wär das Friedrich Merz gewesen, als er die Brandmauer einriss. Er hätte es verhindern können!
Noch etwas fiel mir auf: es gab noch eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch, nur wenige Stunden vorher. Das Handtuch war sicher aus groberem Leinen, als das Handtuch des Pilatus‘. Es wurde von einem Mann benutzt, der weitaus mutiger war als Pilatus – und auch mächtiger. Er wusch nicht sich die Hände, sondern anderen die Füße. Er war sich nicht zu schade, sich hinzuhocken und seinen Schülern die Füße zu waschen.
Bevor ich jetzt weiterschreibe, in den üblichen Pfaden „… auch ich möchte dienen…“ verweile ich noch bei „Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.“ (Johannes 13,5) Da steht etwas, was Pastoren bei Predigten gern übersehen, weil sie schnell zum „Dienet einander!“ kommen wollen. – Eine Unart von Pastoren. Man sollte denjenigen, die gerne andere zum Dienen auffordern, nach der Predigt einen Besen in die Hand drücken!
Ich verweile noch bei der Fußwaschung. Der Gott gewordene Mensch wäscht Seinen Menschen die Füße! Weil sie es bitter nötig haben. Es ist der oft übersehene Gottesdienst. Wir können nichts für Gott tun. Wir können Ihm nicht dienen. Alles, was wir brauchen, um Ihm dienen zu können, bekommen wir von Ihm. Wir stehen vor Gott mit leeren Händen und mit schmutzigen Füßen. Selbst, wenn wir bereits die Entscheidung für Gott getroffen haben, werden wir täglich kläglich scheitern. Unsere Füße werden schmutzig. Wir brauchen Gottes Gnade. Wir brauchen Gottes Fußwaschung.
Diese Fußwaschung ist ein Inbegriff von Gottes Gnade. Es ist pure Barmherzigkeit. Es ist etwas, was wir nicht fassen können. – Es werden Gottesdienste durchgestylt. Die Lobpreisband spielt den Refrain zum 15. Mal, das Licht ist auf die Stimmung, die erreicht werden soll, abgestimmt, der Lobpreisleiter erzählt, dass Gott jetzt da ist – alles unwichtig!
Gott sucht Menschen, die bereit sind, sich von Ihm die Füße waschen zu lassen. Menschen, die ihre Verlorenheit ohne Gott anerkenen.
Wir brauchen die Fußwaschung, Seine Vergebung. Wir brauchen Sein Kreuz.
Ich wollte Gott dienen, erreichen, dass Menschen nach Ihm fragen. Aber eine Lektion habe ich immer noch nicht gelernt: mir von Gott die Füße waschen zu lassen. Doch ist es wohl die wichtigste Lektion.
Es ist das Begreifen von Gnade.
