
Da sitze ich nun im Chaos aus Geschenkpapier, Bastelkram und unverpackten Geschenken. Es soll Leute geben, die haben seit Ende November eine perfekt geschmückte Wohnung, nicht nur geschmückt, sondern aufgeräumt. Deren Steuerunterlagen sind auch im Oktober fertig. Ich dagegen habe damit wieder zähneknirschend und vor mich hin schimpfend den zweiten Advent verbracht. Mein Buch ist noch nicht zu d.h. ich muss noch Rechnungen schreiben und überweisen, meine Pyramide steht noch nicht und die Wohnung sieht aus – schweigen wir über ein anderes Thema. Ich bin mal wieder sauer auf mich. Was anderen leichtfertig gelingt, ist für mich eine Herausforderung. Pünktlichkeit und Ordnung sind meine Knackpunkte. Pünktlichkeit ist so selbstverständlich, dass im Zeugnis „Sie war pünktlich.“ bedeutet, dass sie nichts geleistet hat. Wenn die Leute wüßten, wie schwer mir dieses „nichts leisten“ fällt.
Erst vor Kurzem hat wieder ein christlicher Leiter wohlmeinende Rat-Schläge gepostet, wie man Disziplin erwirbt: indem man diszipliniert ist! Andere wiederum meinen, ich solle in der Vorweihnachtszeit besinnlich sein bzw. gucken, kurz nach Nikolaus fangen Online-Kaufhäuser an zu drängeln: man solle bitte JETZT bestellen, damit die Sachen noch pünktlich ankommen, eine Bekannte bittet darum, dass ich mich melde und Eltern von Kurskindern bitten um die Rezepte von den Naturkosmetika, die ich mit ihren Kids zusammengekippt habe, in der Küche warten Plätzchenzutaten darauf, verbacken zu werden und damit es nicht langweilig wird, kündigt jemand bereits eine Jahres-Challenge fürs nächste Jahr an. Während ich das hier schreibe, wird auch schon die Aufforderung an mich ran getragen, dass ich einen Jahresrückblick zu machen hätte, am liebsten mehrere Stunden lang. Mehrere Stunden lang handschriftlich, traurige Momente aufschreiben (also noch einmal genießerisch mich im Leid suhlen), Momente, für dich dankbar bin und auf jeden Fall noch in mich gehen: meine Schuld, meine Fehler usw. – und nicht zu vergessen: dabei besinnlich gucken, es ist schließlich immer noch offiziell Weihnachten
Ich bin überfordert.
Genau diese Überforderung bringt mich zum persönlichen Jahresrückblick, ganz ohne eigenhändig schreiben:
Mitten im Jahr wurde mir bewusst, dass ich neurodivers ticke. Neurodivers ticken diejenigen, die ADHS haben oder Autisten oder Scanner-Persönlichkeiten sind. Diese Erkenntnis macht was mit mir. Ich habe endlich eine Erklärung für viele Interessen. Dinge, die ich am liebsten alle gleichzeitig machen würde, sprunghafte Themenwechsel, dass ich oft jemanden ins Wort falle, weil ich längst verstanden habe, was der andere mir sagen möchte. Angefangene Sätze, die ich nicht
Gleichzeitig hohe Kreativität, das Gefühl, nicht verstanden zu werden, falsche Prioritäten setzen. Ich staune: Es ist wirklich nicht normal, dass dein Gehirn pausenlos sabbelt? Keine Musik im Hintergrund, während im Vordergrund nachgedacht wird? Keine abgebrochenen Handlungen, weil mir dringend etwas eingefallen ist und dann weitermachen bis zum nächsten Einfall? Keine nicht leicht zu beantwortenden Fragen, kurz vorm Einschlafen? Ok, und wie leben die Normalen? Ist das nicht langweilig auf die Dauer?
Mein Chaos im Gehirn ist manchmal lästig, oft genug normal für mich und manchmal amüsant.
Plötzlich ploppt ein Gedanke bei mir auf: „Gott mag mich nicht, weil ich unordentlich bin!“ Ich spüre diesem Gedanken nach. Da fallen sie mir ein, die vielen Male, in dem Pastoren, Leiter und die, die sich für welche hielten, predigten „Gott ist ein Gott der Ordnung!“ Ich stutze: Wo genau steht dieser Vers in der Bibel? Pastor Google hilft: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ ist in 1. Korinther 14,33 zu lesen. Moment mal, soo steht das gar nicht drin. Ich lese mich in das Thema ein, erfahre, dass mit „Unordnung“ im griechischen Text „Unfrieden, Aufruhr“ gemeint ist. Womit der zweite Teilsatz „… sondern des Friedens.“ auch viel mehr Sinn macht. Ich habe meinen eigenen Rat „Lese selbst, denke selbst, glaube selbst!“ nicht befolgt. Ich habe einmal mehr unbarmherzigen Menschen geglaubt. Wieder ein falsches Gottesbild entlarvt.
Plötzlich wird mir etwas bewusst: Gott hat mich neurodivers tickend geschaffen und Er hat sich etwas dabei gedacht. Ich darf so sein, wie ich bin. Ich muss nicht besinnlich gucken und all die tollen Rat-Schläge befolgen, die von normal-tickenden Menschen stammen. Ich darf mein eigenes Tempo anschlagen, rausfinden, wie ich es schaffe, etwas Ähnliches wie Disziplin zu erreichen. Der frühe Wurm kann mich mal! Meine Ordnung ist die Ordnung, mit der ich klarkomme. Gott liebt mich, wie ich bin. Meine Kläglichkeit, mein angebliches Nicht-Hineinpassen, meine Selbstvorwürfe, all das ist bei Gott gut aufgehoben.
Ich darf sein!
Vielleicht geht es zu Weihnachten nicht nur darum, Frieden mit Gott zu schließen, sondern vor allem Frieden mit sich selbst zu schließen.
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Das wird nächstes Jahr meine Aufgabe sein: es zu lernen, mit mir selbst barmherzig umzugehen. All den Stimmen mit ihren wohlwollenden Tipps keine Aufmerksamkeit zu schenken und viel mehr auf Gott zu hören. Gleichzeitig werde ich meine Talente fördern bzw. erst einmal ausgraben.
In diesem Sinne wünsche ich Euch noch friedliche Weihnachten und ein barmherziges Neues Jahr!
