„Da hinten, wo jetzt der Mercedes steht…“

Derry: eines der vielen Murals, das Mädchen war eines der ersten Opfer
Dublin: Auswanderer-Denkmal, halb verhungert aufs Schiff

Ich melde mich zurück nach einem großartigen Sommer. Viele unterschiedliche Eindrücke habe ich gesammelt. Da diese in Geschichten verpackt, erzählt werden wollen, unterbreche ich meine lateinische Messe. Da muss ich mir noch etwas Anderes einfallen lassen. Das ist mir noch zu unpersönlich.

Ich beginne mit einem nachdenklichen Eindruck.

In diesem Jahr war ich in Irland. Was für ein herrliches Land! – Man sollte es jedoch überdachen! Selbst in Hamburg brauche ich nicht so oft den Regenschirm, wie dieses Jahr in Irland! Ganze Toilettenpapierrollen habe ich in meine nassen Turnschuhe gestopft. Aber wie freundlich sind die Menschen! Regen ist kein Grund, schlechte Laune zu haben.

So habe ich dem Reiseleiter gelauscht und unzählige Fotos gemacht. In Derry gab es eine Führung der anderen Art. Ein Einheimischer führte uns durch sein Viertel. Er erzählte uns von seinen Erlebnissen am „bloody Sunday“.

Dem Sonntag im Jahre 1972, dem eine jahrhundertelange Unterdrückung der Katholiken vorausging. Es ging um Bürgerrechte, u. a. um das Recht für Katholiken, Schulen besuchen zu dürfen. Eine friedliche Demonstration sollte es werden. Ein Massaker mit je nach Zählung 13 oder 14 Toten ist es geworden. Unser Reiseführer war damals 14 Jahre alt. Er suchte in einem Vorgarten Schutz. Während jeder anderen Führung hört man Sätze „Da hinten sehen Sie die Kirche St. XY, die Bischof AB erbauen ließ…“ Bei dieser Führung standen wir auf einem Parkplatz und er sagte „Da hinten, wo jetzt der Mercedes steht, lag ein Mann und da an der Hauswand eine Frauenleiche…“ – Wie schwer mag ihm diese Führung gefallen sein! Doch ist sie wichtig! Die „aktuelle Kamera“ und die „Tagesschau“ haben wohl etwas Anderes berichtet. Die „böse IRA“ hieß es lange. Als Kind habe ich diesen Konflikt nicht verstanden. Das Schlimme für mich ist, dass es nicht die „Rotröcke“ aus längst vergangenen Zeiten waren und ein König mit weißer Perücke. Nein, es waren Fallschirmjäger einer modernen Armee, die auf die Demonstranten schoss. Es war die Queen, die vor wenigen Monaten zu Grabe getragen wurde, die den Soldaten Orden verlieh, weil sie „tapfer“ wehrlose Menschen ermordet haben.   

Einige Tage später verbrachten meine Freundin und ich noch ein paar Tage in Dublin, um ohne Gruppe den Urlaub ausklingen zu lassen. Unter anderem waren wir im Auswanderermuseum EPIC und erfuhren dort, dass viele Iren durch die Hungersnot von 1845 bis 1849 quasi gezwungen wurden, auszuwandern. Auch da waren es die anglikanischen Engländer, die den katholischen Iren das Leben schwerer machten, als es ohnehin schon war. Es gab dort im Museum einen Service: Man konnte nach irischen Vorfahren suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendeinen Iren in der Familie gibt, ist groß.

In meiner Familie gibt es keine irischen Vorfahren. Meine Familie stammt väterlichseits aus Frankreich. Von den Hugenotten. Hier war es umgekehrt: die Protestanten wurden von den Katholiken verfolgt. 1572 wurden Tausende von ihnen in der Bartholomäusnacht in Paris ermordet.

Der Große Kurfürst Friedrich-Wilhelm 1685 nahm ca. 20 000 von ihnen in Brandenburg-Preußen auf. Mittellose, aber fleißige Handwerker und Kaufleute waren nach dem 30jährigem Krieg willkommen.

55 Jahre später bestieg Friedrich II (Friedrich der Große genannt) den Thron in Preußen. Dieser war, wie seine Vorgänger tolerant gegenüber unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und Konfessionen. Er notierte das bekannte Zitat

 „die Religionen Müßen
alle Tolleriret werden
und Mus der fiscal nuhr
das auge darauf haben
das keine der anderen
abruch Tuhe, den hier
mus ein jeder nach
Seiner Faßon Selich
werden“.

Ich möchte jetzt nicht die Preußenkönige auf ein Podest heben – sie haben auch einigen Dreck am Stecken, doch bin ich mir sicher, dass, hätte ein einziger englischer König diesen Satz gegenüber den katholischen Iren ausgesprochen und danach gehandelt, hätten die Iren diesem Denkmäler gesetzt!

Es wäre so schön, wenn wir, die wir unterschiedlichen Konfessionen angehören, uns auf unseren Herrn besännen und uns nicht wegen der Unterschiede bekriegen würden! Doch wir sind Meilen entfernt. Die Mauern in Belfast zwischen katholischem und anglikanischem Teil sind noch nicht eingerissen. In den sozialen Medien prangern sich Mitglieder unterschiedlicher Konfessionen gegenseitig an. Die Charismatiker schimpfen auf die Katholiken und diese auf die Protestanten. Was muss passieren, dass das aufhört?

Ich hörte von einer Kirche zu DDR-Zeiten, in der sich Katholiken und Baptisten trafen und unter einem Dach Gottesdienst feierten. Ist das die Lösung? Schafft erst ein gemeinsamer Feind, eine gemeinsame Verfolgung, die Einheit? Ich denke, die Verfolgung der Christen wird auch in den westlichen Ländern immer stärker werden.

Ich kann nur anfangen. Anfangen zu lieben. Versuchen, da zu sein, wenn Christen anderer Konfessionen angegriffen werden. Beten kann ich. Um die Einheit unter uns Christen. Ich muss nicht bei der anderen Konfession das verstehen, was mich befremdet, kann es aber stehen lassen. Denn ich weiß nicht, ob ich nicht diejenige bin, die etwas im Glauben oder dem Wort Gottes falsch verstanden hat.

Also stehe ich mit geöffneten Händen da und warte darauf, dass mein Bruder, meine Schwester aus der anderen Konfession sie ergreifen wird.

Amen.